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Ein Freund schreibt über einen Freund. Egon Fein für Max Grundig zum 75. Geburtstag.

Ein Blick in Max Grundigs Privatleben

Wann also soll dieser Mann, zum Beispiel, sein Haus an der Cote d'Azur genießen, wenn er auch am Wochenende von Post, Akten, Telefonaten und Fernschreiben nicht verschont bleibt? Einmal im Jahr, im Sommer, wenn's hochkommt vielleicht noch an Weihnachten.

Aber selbst dort holt der Betrieb ihn ein und der Femschreiber tickt den halben Tag. Ein beneidenswerter Millionär? Seine Freunde, seine Bekannten, die engsten Mitarbeiter würden nicht tauschen mit ihm.

Und wo bleibt das Familienleben? »Wenn ich nicht so eine vernünftige Frau hätte, könnte ich dieses Leben gar nicht führen, würde ich es auch gar nicht durchhalten«, sagt Max Grundig und meint seine Frau Chantal, gebürtige Französin, ebenso einfühlsam wie charmant. »Sie hat Verständnis für meinen Beruf, plagt mich nicht mit gesellschaftlichen Zwängen. Dazu hätte ich weder Zeit noch Lust«.

Vielleicht war dies auch der Grund für die Trennung von seiner Frau Annelie nach langjähriger Ehe. »Ich bin ein etwas schwerfälliger Franke und sie eine lebenslustige Theaterfrau. Eigentlich hätten wir gar nicht zusammengepaßt.«

Die dritte Frau - Chantal Grundig

Nach der Trennung brauchte Max Grundig lange Zeit, um darüber hinwegzukommen. Erst am 8. Dezember 1980 heiratete er in aller Stille auf dem Standesamt im Fürther Rathaus Chantal Girard, und heute gehört auch seine zweieinhalbjährige Tochter Maria zur Familie Grundig, ebenso die 15jährige Valerie aus Frau Chantals erster Ehe.

Seine Frau war es, die ihm nach den komplizierten Operationen alle Beschwernisse leichter machte. Unauffällig, aber immer dann zur Stelle, wenn er sie brauchte. Klaglos, auch wenn der Patient ungeduldig wurde. Hilfreich, als er im Rollstuhl wieder zu arbeiten begann. Ohne sie hätte die Genesung Max Grundigs wohl viel länger gedauert.

Keine Minute behelligte sie ihren Mann mit dem nicht ganz problemlosen Umbau von Les Zoraides, dies nahm sie ganz allein in die Hand, und sie schuf ihrem Mann ein zweites Zuhause, als der Rekonvaleszent mit der Strukturumwandlung seines Konzerns Tag und Nacht beschäftigt war.

In einem einzigen Leben drei Leben zu haben

Kennt man nun seinen Lebenslauf, weiß man, wie er zum Großindustriellen geworden ist, was er aufgebaut hat, dann bleibt noch immer die Frage: Was ist dies eigentlich für ein Mann, der in einem einzigen Leben drei Leben erfüllt zu haben scheint?

Nun, Max Grundig ist Nürnberger. Dies sagt zwar noch nicht viel, aber schon etwas. Der Nürnberger ist Franke, und doch nicht so ganz. Er kommt den Mittelfranken, zu denen er geographisch gehört, noch am nächsten, mit den Unterfranken, zum Beispiel, hat er nicht viel gemein. Sie sind lebenslustig, barock, ein bißchen leichtfüßig.

Der Nürnberger, eine Mischung aus Franken und Bayern, letztere in großer Anzahl aus der Oberpfalz zugewandert, eher spröd, puritanisch, vielleicht sogar kleinlich, aber ordentlich, fleißig und einfallsreich. Ein Arbeitstier, das alles sehr genau nimmt und perfekt sein will Jahrhundertelang galt das Wort vom Nürnberger »Witz«, womit seine Erfindungsgabe gemeint war.

Der Nürnberger neigt zum Nörgeln, weil er es besser machen will. Es muß alles klappen. Er liebt die Untertreibung, weil er bescheiden sein möchte. Hört man ihn reden, verkleinert er gern, alles hat ein »le« oder »la« hintendran, und eines seiner Lieblingswörter ist »a weng«, was »ein wenig« heißt.

Sieht man sich diese »Nürnbergisch Art« genau an, erkennt man Max Grundig.
Er ist aber auch ein Stier, am 7 Mai geboren. Und von den Stieren sagt man, sie seien zäh, fleißig, ausdauernd, treu, aber auch eigensinnig und cholerisch, wenn sie gereizt werden.

Stimmt.

Kann man den Menschen Max Grundig erklären ?

Freilich, wie ließe sich der Mensch Max Grundig erklären. Dazu ist er zu vielseitig, und man muß das ganze Erscheinungsbild sehen.

Er ist wie ein menschlicher Dynamo, von dem man glauben möchte, er würde nie abgestellt. Immer »unter Dampf«, dauernd neugierig darauf, wie's wohl weitergeht. Er faßt sich kurz, mag keine langen Reden, auch keine langen Briefe, die Diktion ist knapp, Stilübungen werden nicht erwartet. Er fällt Entscheidungen meist in Minuten, und dann wirkt er ungeduldig.

Er kann aber auch viel Geduld aufbringen, zum Beispiel beim Angeln. Stundenlang saß er an der Pegnitz, ehe ein Fisch anbiß. Kindern opfert er Zeit, die er sonst selten hat. Seine kleine Tochter Maria darf ihm ruhig ausdauernd widersprechen, und als seine Enkelin Gabriele noch klein war, nahm er sich eine halbe Stunde länger Mittagspause.

Sein Gesicht, kräftig, kantig, signalisiert den harten, entschlossenen Unternehmer; seine Hände aber, klein, sensibel, verraten den feinfühligen, formenden Schöpfer.

Er verbringt täglich zwölf, oft vierzehn, manchmal sechzehn Stunden am Schreibtisch. Trotzdem ist er ein Familienmensch, der sich zu Hause im Pulli am wohlsten fühlt und nur widerwillig ausgeht.

Meist hat er recht, und daran auch seine Freude, aber er ist kein Rechthaber. Er hört sich ruhig die Meinungen anderer an, wird jedoch sehr unruhig, wenn es Pannen gibt oder jemand versucht, ihm ein X für ein U vorzumachen. Wohl akzeptiert er Einwände, muß er aber entscheiden, tut er's allein und läßt sich nicht dreinreden.

Er würde gerne mal das Geschäft vergessen

Gern spricht er von Urlaub und davon, das Geschäft mal zu vergessen. Aber kaum ein paar Tage weg, ruft er an, was denn um Himmelswillen los sei, er höre ja gar nichts. Und meist kehrt er vor der verabredeten Zeit zurück. Er braucht nur ein paar Tage, um sich zu erholen.

Er ist ein Mann, der schöne Dinge liebt, sich daran erfreut. An den Wänden in seinen Büros hängen Stahlgravuren der französischen Künstlerin Mick Micheyl, oder mächtige Gobelins, oder ein bißchen schwerblütige Landschaftsgemälde. In den Ecken stehen Madonnen. Er mag Antiquitäten, erlesene Murano-Spiegel, schwere silberne Leuchter und englisches Porzellan.

Aber er braucht keinen Oberflächenluxus, keine Jacht, keine Rennpferde, und er trägt auch keinen Schmuck. Seinen Sechs-Millionen-Jet »Mystere« mit dem Kennzeichen D-CMAX hat der Konzern nötiger als er, um die Verbindung zu den Werken im Ausland aufrechtzuerhalten.

Einen Spaß macht er sich daraus, in Delikatessen-Geschäften das Beste auszusuchen - um es dann seinen Gästen zu überlassen. Denn er ist relativ bedürfnislos, verlangt keine »Extrawurst«. Statt Kaviar bevorzugt er Nürnberger Wurst, fränkischen Brathering (auf dem Holzkohlengrill »gewedelt«), Gulasch oder Rouladen, und statt Champagner ein helles Bier aus Franken. Er liebt es rustikal, bodenständig, und das nicht nur bei Tisch. »Jet-Set«, »High Life« - nichts für ihn.

Max Grundig liebt Tiere

Er liebt Tiere, und das meint er ernst. Als, in den fünfziger Jahren, sein Holsteiner Wallach »Herold« krank wurde und auf Hohenburg das Gnadenbrot bekam, gab er das Reiten auf, und als sein alter Dackel Hexi starb, hatte er Tränen in den Augen. »Herold« und Reiten waren für ihn ein und dieselbe Sache, und Hexi gehörte einfach zur Familie. Heute ist es Micky, ein kleiner Yorkshire Terrier. Aber er mag auch Tiere, die den Mund halten, die man einfach nur anschaut, Fische zum Beispiel. Deshalb stand in seinem früheren Büro ein riesiges Aquarium.

und er liebt Ordnung und Verläslichkeit

Betritt man sein Büro, hat man den Eindruck, der Chef habe nichts zu tun, denn der Schreibtisch ist stets leergeräumt. Max Grundig hat nichts weiter vor sich als seinen täglichen Terminplan. Der Grund für diesen Kahlschlag: Ordnung ist ihm heilig, und nichts verhaßter als Schluderei.

Ein Beispiel: In seinen Anfangsjahren erwies sich eines der ersten Grundig-Radiogeräte, der Typ 268, als ein Flop, und es hagelte Reklamationen. Also schloß er kurzerhand seine Techniker aus der Entwicklung drei Tage lang in ihr Labor ein, ließ sie üppig verpflegen, aber erst wieder aus dem Bau, als sie den selbstverschuldeten Fehler behoben und das Unglücksgerät pannensicher umkonstruiert hatten.
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  • Anmerkung : Von dieser Geschichte, die sich ganz sicher so abgespielt hatte, gibt es jede Menge an Storys, Legenden und Variationen, die immer aufgehübscht, ergänzt und verändert weiter getragen werden.

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Er hat das Gefühl in den Händen und im Bauch

Seine Hände sind wie Sensoren. Er ertastet buchstäblich jedes neue Modell, um zu fühlen, was noch besser gemacht werden kann. Er bestimmt bis ins Detail hinein, wie ein Produkt auszusehen hat, das den Namen Grundig trägt. Das läßt er erst auf den Markt, wenn er die letzte Schraube persönlich abgesegnet hat. Ein Perfektionist, der wenig hält von langen Zahlenreihen und theoretischem Geschwafel. Ein Praktiker, der sich in eine Sache verbeißt, aber ebenso sprunghaft einen neuen Gedanken aufgreifen kann, wenn der ihn begeistert.

Die Früchte dieser neuen Ideen, die Entwicklungen von morgen, stehen in drei großen Räumen hinter seinem Arbeitszimmer. In diese heilgen Hallen zieht Max Grundig sich zurück, wann immer ein paar Minuten übrigbleiben. Hier meditiert er vor neuen Geräten, wie er ihnen noch mehr Brillanz einhauchen kann; hier grübelt er darüber nach, ob das Design nicht nur schön, sondern auch wohlfeil ist; hier mißt er nach, welche Chancen die immer winziger und effektiver werdenden Bauteile der Mikroelektronik ihm lassen, die Geräte noch kleiner und handlicher zu machen. Hier setzt Max Grundig Ideen in die kommerzielle Tat um.

Und er spricht nicht drum rum, er spricht Klartext

Im eigenen Haus gibt er sich robust, ein Mann mit dem Herzen eines hungrigen Boxers, unbequem (»Ich kann doch zu meinen Leuten nicht sagen: Hätten Sie vielleicht die Güte und Liebenswürdigkeit... Ich sag' halt: Schaun S' zu, daß die Sache funktioniert. Aus, fertig!«), nach außen hin aber scheu und zurückhaltend, was Fotos beweisen, auf denen er mit bekannten Zeitgenossen abgebildet ist: Meist steht er abseits, ein wenig im Hintergrund, selten mitten unter der Prominenz. Er reist gern, hält Augen und Sinne wach und verwertet das Erlebte umgehend.
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Seine Feinde nennen ihn rücksichtslos, sie kreiden ihm an, er habe das Herz versteckt. Seine Freunde aber wissen, wie sehr es ihn ins Herz schneidet, wenn er auch nur einen Mann entlassen muß. Hat er es nötig, seiner eigenen Frau Gefühle vorzuheucheln, wenn er zu Hause von Entlassungen erzählt, die er nicht verhindern kann? »Es tut mir weh, diese Leute rauszusetzen, aber was soll ich denn machen, sonst geht mir ja der ganze Laden kaputt und alle verlieren ihren Job!« So kennt ihn seine Familie.
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Die alte Geschichte von der Irene Haselbauer aus 1947

Und ganz alte Mitarbeiter wissen noch von einer Geschichte, die den Menschen Max Grundig so zeigt, wie er wirklich ist:

Im September 1947 fragte ein junges Mädchen Namens Irene Haselbauer in der Fürther Jakobinenstraße nach Arbeit. Die Firma sei gerade umgezogen, bedeutete man ihr, sie soll in die Kurgartenstraße gehen. Nun war Irene Haselbauer ein Flüchtlingsmädchen aus Teplitz-Schönau und kannte sich in Fürth nicht aus. Sie fragte den nächstbesten Herrn, wo denn diese Kurgartenstraße sei. »Da fahren Sie gleich mit mir, ich muß auch dorthin«, sagte der und nahm sie einfach mit. Sie bekam dort Arbeit in der Spulenwickelei, und ein paar Tage später sah sie dort den freundlichen Herrn aus der Jakobinen-Straße wieder. Wer denn das sei, fragte sie arglos ihre Kollegin, »Na, der Chef, der Herr Grundig,«

Nachsatz von Egon Fein :
Ein Freund schreibt über einen Freund zum 75. Geburtstag

Wer diesen Chef genau kennt, der weiß, daß er sich seitdem nicht verändert hat. Er ist ein Mann geblieben, der Zweiflern ebenso mißtraut wie Schmeichlern. Ein abwägender Pragmatiker mit feinem Gespür für das Machbare, aber auch mit heißem Herzen entflammbar für das Neue.

Ein Mann, der im Femsehen am liebsten Western mit John Wayne und Fußball sieht, sich genauso gern aber mit einem Buch in eine stille Ecke verzieht -wenn er Zeit dazu hat.

Ein Mann, der großen Aufwand mit einer kleinen Handbewegung vom Tisch wischt, als wollte er sagen: »So wichtig ist das alles nicht, und ich auch nicht,«

Trotzdem setzte er sich selbstbewußt vor die Kamera einer amerikanischen Fernsehgesellschaft, um in der Sendung »Ein Land, genannt Europa« als ausgewählter europäischer Wirtschaftsrepräsentant vor Millionen Zuschauern ruhig und sachlich alle Fragen zu beantworten, »Irgend jemand aus Europa mußte es doch machen«, meinte er, und damit war die Sache abgetan.

Ein Mann, in den viel zuviel hinein-geheimnist wurde, mit penetranter Vorliebe die Frage nach dem Geheimnis seines Erfolgs. Da gibt es kein Geheimnis. Die Antwort auf diese Frage ist einzig in seiner Person zu finden.

Max Grundig, selbst lang genug hinter dem Ladentisch, um den Geschmack des Publikums zu kennen, begabt mit dem untrüglichen Sinn für das Richtige und Notwendige, ausgestattet mit dem Mut, der Kraft, den Ideen, der Ausdauer und dem Optimismus, mit allen Attributen, die es braucht, ein großer Unternehmer zu sein - dieser Max Grundig war nie von Geheimnissen umgeben.

Es hat angefangen in der Wohnküche, Max bastelte Radios, er experimentierte, seine Leidenschaft war das neue Medium. Aus diesem kleinen Max ist der große Konsul Dr. hc. Max Grundig geworden, weil er diese Leidenschaft nie verloren, weil er nie aufgehört hat, zu experimentieren. Ein wagemutiger Pionier, sich und seiner Idee treu geblieben bis auf den heutigen Tag.

Das alles wurde 1983 geschrieben.

Nachtrag von Gert Redlich : Max Grundig ist trotz seiner schweren Krankheit 81 Jahre alt geworden und am 8. Dezember 1989 in Baden-Baden vestorben.
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