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7 Tage im Leben des Max Grundig.

Ein Freund schreibt über einen Freund. Egon Fein für Max Grundig zum 75. Geburtstag.

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Kapitel III - 10. Nov 1930 - "Ein Millionär wird 30"

übearbeitet von Gert Redlich im Winter 2018.

Ein leerer Laden mitten in der Stadt Fürth

Die Sternstraße verläuft an der Rückseite des Fürther Rathauses, vom Kohlenmarkt zum Obstmarkt, die Hausnummer 4 findet sich ziemlich am Anfang, auf der rechten Seite, wenn man von der Schwabacher Straße einbiegt. Eine gute Geschäftslage, mitten in der Stadt. Die Straße hieß früher Sternbrucker Gasse, und sie gehörte zum 9. Stadtdistrikt.

Der leere Laden auf Nummer 4 hatte links und rechts ein Schaufenster, in der Mitte den Eingang. Drinnen war genügend Platz für ein Radio-Fachgeschäft, mit Werkstatt und Büro natürlich. Dafür eigneten sich die Räume, die hinter dem Laden zum Hof führten.

Daß es nur Radios sein konnten und nichts anderes, womit Max Grundig seinen Lebensunterhalt zu bestreiten gedachte, das war für ihn beschlossene Sache. Seit mehr als sechs Jahren beschäftigte er sich nun schon mit der Radiobastelei, das machte ihm Spaß und davon verstand er eine Menge. Warum also nicht das Hobby zum Beruf machen?
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Nov. 1930 - »den Laden mal genauer ansehen«

Mit der Firma Hilpert in Nürnberg hatte der Jungkaufmann Max Grundig abgeschlossen, die Übergabe des Geschäfts Blumenstraße 2, das jetzt einem Gustav Locker gehörte, restlich abgewickelt. Das war am Montag, 3. November 1930. Max aß wieder mal einen Pfannkuchen im »Dukla«, ging dann ins Cafe Fürst in der Sternstraße 2. Danach sah er sich - zum wievielten Mal eigentlich schon? - die Nummer 4 daneben an. An der Tür hing noch immer das Schild: »Laden zu vermieten«.

Dieser Laden gehörte dem Balthasar Reichel, der hier lange Jahre mit Hüten und Stöcken gehandelt hatte. Jetzt fühlte er sich wohl zu alt dafür und nannte sich fortan Privatier. Seinem Sohn Matthias konnte er die Firma nicht übergeben, der war Fotograf geworden. Auch das Schuhhaus Hagler aus der Schwabacher Straße 26, das hier kurze Zeit eine Filiale betrieben hatte, war im Oktober wieder ausgezogen.

Balthasar Reichel, der Hut- und Stockverkäufer

Am nächsten Tag, 4. November, warf Max Grundig sich in seinen besten Anzug, zog den guten Mantel an, weil's ein kalter, trüber und dazu noch regnerischer Novembertag war, und stieg in den ersten Stock des Hauses Sternstraße 4 hinauf. Er läutete.

Ein bärtiger, alter Mann in Hemd und Hosenträgern öffnete : Es war Balthasar Reichel. Er blickte recht mürrisch drein, aber das tat er immer.
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  • »Ja, was wollen S'?« fragte er. Mehr nicht.
  • Der Jungunternehmer in spe nahm seinen ganzen Mut zusammen und sagte: »Ich möchte Ihren Laden mieten.«
  • »So.« Nur das eine Wort, und das steckte voller Zweifel. Der Bärtige sah den ein bißchen schmächtigen Max auch äußerst skeptisch an, so, als wollte er sagen:
  • »Was, du junger Bursch, woher willst denn Du das Geld nehmen?«
  • »Was kostet der Laden im Monat?«
  • »Einhundertfünfundsiebzig Mark.«
  • »Darf ich den Laden mal sehen?«

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"Bursch - zahlst drei Monatsmieten im voraus"

Max durfte, wenn auch der alte Reichel nur sehr widerwillig mit nach unten ging. Ihm schien der Mieter nicht solvent genug. Und darum stellte er auch gleich ein paar Forderungen:

»Wenn S' den Laden haben wollen, müssen S' drei Monatsmieten im voraus bezahlen, und den Kaufvertrag muß Ihr Vater auch unterschreiben, damit ich eine Sicherheit habe.« (Anmerkung : es hätte da wohl "Mietvertrag" heißen sollen)

»Mein Vater ist tot.«

Mutter Marie muß mitunterschreiben

»Dann soll eben Ihre Mutter unterschreiben.«

Daran wäre das Geschäft beinahe gescheitert. Mutter Marie schlug nämlich die Hände über dem Kopf zusammen: »Mein Gott, Bub, warum gibst du denn
deine gute Stellung auf? Was du vorhast, ist ein viel zu großes Risiko. Du weißt doch nicht, was die Zukunft bringt.«

Da hatte sie allerdings recht, und fast eine Woche lang blieb sie auch standfest. Die Mutter wollte verhindern, daß ihr Sohn sich ins Unglück stürzte. Denn was er da vorhatte, war das nicht ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang? Erst zum folgenden Wochenende, 9. November, ließ sie sich erweichen. Sie unterschrieb den Mietvertrag, wenn auch schweren Herzens, ihre Bedenken waren noch nicht ausgeräumt.

Endlich selbständig, direkt gegenüber von den "Erhards"

Am Montag, 10. November 1930, suchte Max Grundig, nun schon um eine Portion selbstsicherer geworden, den mürrischen Balthasar Reichel wieder auf und hielt ihm den unterzeichneten Mietvertrag samt der Vorauszahlung für drei Monate unter den Bart. Der akzeptierte, das Geschäft war perfekt, Max Grundig ein selbständiger Kaufmann mit eigenem Laden.

Schräg gegenüber fristete übrigens ein Weißwaren-Geschäft namens "Erhard" so recht und schlecht sein Dasein, das Elternhaus des späteren Bundeswirtschaftsministers und Kanzlers "Ludwig Erhard".

Eigentlich war die Zeit ausgesprochen unglücklich,
aber mit Mut und jugendlichen Optimismus ....

Daß Max Grundig dieses Wagnis ausgerechnet in einer Zeit einging, die von Wirtschaftskrisen nur so geschüttelt wurde, zeugt von seinem Mut - und von einem gesunden jugendlichen Optimismus. »Ich habe damals zu keiner Sekunde daran gedacht, daß die Sache hätte schiefgehen können. Das wäre ja eine Katastrophe gewesen, und sowas habe ich gar nicht einkalkuliert.«

So taxiert Max Grundig 50 Jahre danach seine ersten Unternehmerschritte.
Dabei standen die Chancen wirklich nicht gut. Die Wirtschaftskrise in Deutschland wurde von Reichsarbeitsminister Dr. Stegerwaldt als ernst bezeichnet. Die Preise müßten fallen, verlangte er, ein Arbeitsbeschaffungsprogramm gegen die Arbeitslosigkeit sei dringend notwendig; Steuererleichterungen würden geplant, 1931 gebe es kein Wachstum.

Der Haushaltsausschuß des Deutschen Reichstags forderte die Regierung auf, für 20 Millionen Reichsmark verbilligtes Frischfleisch kostenlos an »minderbemittelte Bevölkerungskreise« auszugeben. Der Kabinettsausschuß für Arbeits- und Preisfragen der Deutschen Reichsregierung beschloß, die Preise auf der ganzen Linie herabzusetzen, denn der Druck der Verbraucher und die Entscheidung der Käufer seien wichtiger als staatlicher Eingriff. »Auch der Bruchteil eines Pfennigs gewinnt in der Volkswirtschaft mehr Bedeutung denn je.«

Die »1. Große Fürther Rundfunk-Ausstellung« ab dem 4. Okt.

Aber das alles focht den tatenhungrigen Neuunternehmer in der Fürther Sternstraße 4 nicht an. Er wollte es jetzt wissen, und deshalb ließ er sich den steifen Krisenwind trotzig ins Gesicht blasen. Nach dem Motto: Das wäre doch gelacht, wenn ich es nicht schaffen würde!

Ganz sicher bestärkte ihn darin auch ein Ereignis, das in Fürth großes Aufsehen erregt hatte: Die »1. Große Fürther Rundfunk-Ausstellung« vom 4. bis 12. Oktober im Städtischen Eichamt am Helmplatz. Wohlweislich hatte man diese Radio-Demonstration während der Fürther Kirchweih plaziert, wenn Tausende aus ganz Franken nach Fürth pilgerten.

Dazu gab es Anzeigen in der »Nordbayerischen Zeitung«

Am Samstag, dem 4. Oktober 1940, inserierten in der »Nordbayerischen Zeitung«
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  • die »Fränkische Rundfunk-Gesellschaft« aus der Nürnberger Badstraße
  • (»Ein Triumph der deutschen Radiotechnik. Der bekannte Gloria-Empfänger aus dem neuen Lumophon-Werk«),
  • die Firmen Rösinger & Co., Fürth, Nürnberger Straße 7,
  • Johann Hofmann aus der Unteren Fischerstraße 10,
  • Willy Neugebauer, Mohrenstraße 13,
  • Georg Götz, Schwabacher Straße 41,
  • und die zu dieser Zeit noch von Max Grundig geleitete Firma C. Blödel, Blumenstraße 2, alias Hilpert.

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Hier hatte er ja erst vor drei Jahren den Radiohandel eingeführt.

Mit 3.000 + 3.000 Reichsmark und Karl Wurzer ging es los

Was andere konnten, dazu war ein Max Grundig auch allein imstande! Darum ging's von nun an Schlag auf Schlag:

Max Grundig legte all seine Ersparnisse zusammen, und das waren immerhin 3.000 Reichsmark, auf die hohe Kante gebracht in der lukrativen Filialleiterzeit beim Hilpert in der Blumenstraße. Weitere 3.000 Reichsmark pumpte Max Grundig sich, und dann stieg auch noch sein Freund Karl Wurzer aus der Unteren Baumstraße ein, 27 Jahre alt und etwas gelangweilter Sohn eines recht betuchten Subdirektors der Allianz-Versicherung.

Der Herr Subdirektor (ein Titel, mit dem der junge Grundig lange Zeit nichts anfangen konnte) hatte reiche Industrielle und Kaufleute auf die - für damalige Verhältnisse - Wahnsinnssummen von 500.000 und 1 Million Reichsmark lebensversichert und damit eine Menge Geld gemacht. Deshalb konnte Sohn Karl in Max Grundigs Geschäft einsteigen.
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Eröffnung am 15. 11. 1930 mit Ladentischen und Regalen

Zunächst wurde der Schreinermeister Weigel aus der Hirschenstraße 37 in Fürth bestellt, um den Laden einzurichten. Er zimmerte eilig Ladentische und Regale, Ablagen und Stellwände und verlangte dafür runde 1.500 Reichsmark.

Von diesem gleichermaßen tüchtigen wie schrulligen Schreiner wird noch einmal die Rede sein - wenn er, ein halbes Jahrhundert später, den indessen zum Großindustriellen avancierten Max Grundig zu seinem Erben bestellen will ...
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Der "Radio-Vertrieb Fürth, Grundig & Wurzer"

Dann, am 15. November 1930, wurde das neue Geschäft als Offene Handelsgesellschaft offiziell eröffnet, ins Handelsregister des Amtsgerichts Fürth am 16. Januar 1931 unter dem Aktenkennzeichen VIII/52 eingetragen.

Titel: Radio-Vertrieb Fürth, Grundig & Wurzer. Handel mit Radiogeräten und verwandten Artikeln, sowie Installation von elektrischen Einrichtungen.

Um es gleich vorwegzunehmen: Karl Wurzer, der grundsätzlich nur nachmittags für ein paar Stunden im Geschäft erschien und sich - als verwöhnter Sohn - die Arbeit gewiß weniger strapaziös vorgestellt hatte, blieb nicht lange tätiger Teilhaber, sondern nur auf dem Papier bestehen.

Nach einigen amtlichen Umschreibungen und Neueintragungen gehörte Max Grundig ab 21. Juni 1934 die Firma, die er bis dahin auch ohne Partner geführt hatte, ganz allein. Er kaufte Wurzers Anteile.

Er dekorierte seinen Laden selbst, machte auch die Reparaturen allein, zumindest anfangs, stellte dann einen Monteur ein.

Die ersten Radiogeräte des (Nürnberger) Fabrikats »Lumophon«

Dann ließ er sich vom Großhändler Weiler aus Nürnberg die ersten Radiogeräte des Fabrikats »Lumophon« liefern, zog abends los, um die Geräte in den Wohnungen der Kunden aufzustellen und zu kassieren, sofern Kunden überhaupt gekommen waren, und gab für die Ausgaben vom 20. und 22. November sowie 5. Dezember 1930 der »Nordbayerischen Zeitung« die ersten Anzeigen auf.

Der Text lautete:
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  • »Rundfunk-Geräte, Lautsprecher und Schallplatten. Lumophon, »Die Weltmarke«, kaufen Sie am besten und zu billigsten Preisen bei der Firma Radio-Vertrieb Fürth, Sternstraße 4 - Besichtigen Sie unsere reichhaltige Ausstellung! Kostenlos und unverbindlich wird Ihnen jedes Funkgerät und Lautsprecher vorgeführt. Billigste Preise und beste Bedienung durch unsere Fachleute. Ein sofortiger Besuch ist Ihr Vorteil! Lumophon-Apparate erhalten Sie auf Zahlungs-Erleichterung in monatlichen Raten in Höhe von Reichsmark 14,10 an.«

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Nebenan in der »Nordbayerischen Zeitung« vom 20. Nov. 1930

In der Spalte nebenan der »Nordbayerischen Zeitung« vom 20. November 1930 pries das Nürnberger Filmtheater »LuLi« den neuesten Streifen »Die Drei von der Tankstelle« an, und die Fürther Bierführer wiesen auf ihren Stiftungsball im Geismann-Saal hin.

Im übrigen

  • spielte das Fürther Stadttheater in diesen Tagen die Oper »Falstaff« von Verdi (Platzmiete 7b),
  • feierte das Gräflich Pückler-Limpurgsche Schloß in Burgfarrnbach sein 100 Jubiläum,
  • spielte der Nürnberger Club gegen die Würzburger Kickers Fußball,
  • führte die Firma Henkel das Aufwasch-, Spül- und Reinigungsmittel IMI ein,
  • erhielt der Münchner Dr. Hans Fischer den Nobelpreis für Chemie,
  • suchte per Heiratsanzeige ein »gebildeter Landwirtssohn, 35 Jahre alt, protestantisch, stattliche Erscheinung, tadellose Vergangenheit, mit größerem Vermögen, passende Einheirat in Geschäft oder Landwirtschaft«,
  • bot das Kaufhaus Schocken Auszugsmehl an, das Pfund für 26 Pfennig,
  • flog das Flugboot DoX zum erstenmal über den Atlantik und
  • versuchte ein ungenannter Herr aus der Fürther Finkenstraße 2/Parterre, einen Radioapparat, neuwertig, Fernempfänger, mit Kraftverstärker, Gleichstrom 220 Volt, für 220 Reichsmark an den Mann zu bringen.

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Die Zeiten waren hart für teure Produkte

Es war nicht einfach, in diesen kritischen Anfangsdreißigern teure Produkte zu verkaufen, und das merkte auch der eben installierte Radiohändler Grundig. Nun sahen die Radiogeschäfte damals noch nicht so aus wie heute. Weil nicht jeden Tag ein Kunde kam, der mit einem Gerät unterm Arm wieder wegging, verlegte man sich in erster Linie auf den Verkauf von Ersatzteilen, Batterien, Glühlampen, Bastelzubehör, verdiente sein Geld mit Reparaturen.

Das tat Max Grundig nicht anders. 1930 gab es noch wenig Netz-, sondern mehr Batteriegeräte. Dazu brauchte man Anoden-Batterien und Akkus. Und so eine Anoden-Batterie für 12,60 Mark, etwa von der Größe einer kleinen Zigarrenkiste, war das erste Erfolgserlebnis des jungen Geschäftsinhabers, sein erster Verkauf, 12,60 Mark die erste Einnahme.

und der Anfang war schwer

In den folgenden Wochen blieb es etwas ruhig in der Sternstraße 4. Der Monteur hatte vornehmlich mit der Installation neuer Antennen zu tun, kaputte Radios wurden instandgesetzt, Batterien in einer eigenen Akku-Station aufgeladen.

Aber von großartigen Radioverkäufen war, zumindest in den ersten acht oder vierzehn Tagen, leider nur wenig die Rede. Da standen die Dinger nun rum, blitzsaubere Geräte von 150 bis 275 Reichsmark, daneben auch ein paar der alten Detektorapparate mit Kopfhörer. Sie allerdings verschwanden bald aus dem Sortiment.

Wo blieben die Käufer ?

Aber wo blieben die Käufer? Sie verhielten sich abwartend. Ein Neuer, den muß man sich erst mal gründlich anschauen, ehe man etwas kauft bei ihm. Franken sind nun mal etwas bedächtig, Fürther vielleicht ganz besonders. Also schwadronierten sie abends durch die Straßen, sahen sich die Schaufenster und die Preisschilder aus der Nähe an.

Diese Visitation schien für Grundig sehr günstig ausgefallen zu sein. Es geschah etwas, das vielen Geschäftsleuten oft mehr hilft als teure Werbekampagnen: Die Mundpropaganda breitete sich aus. Grundigs günstige Preise, die vorteilhaften Zahlungsbedingungen, die freundliche Bedienung, der prompte und gute Service bei den Reparaturen - all das sprach sich herum in Fürth.

Jetzt läutete die Ladenglocke schon öfter, dann kam zum Glück das Weihnachtsgeschäft. Die Geräte gingen weg, langsam zwar, aber das Lager lichtete sich, der Umsatz stieg. Doch die Frage, ob das Geschäft damit schon »über den Berg« war, die konnte an Weihnachten 1930 noch niemand beantworten.
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Familie Grundig wohnte nach wie vor in Nürnberg

Max Grundig wohnte nach wie vor mit seiner Mutter und den drei Schwestern in der Gertrudstraße 15 in Nürnberg. Geschäftlich war er zwar ein Fürther geworden, weil er seinen Laden nun mal in Fürth und nicht in Nürnberg gefunden hatte. Aber gemeldet war er noch immer in seiner Heimatstadt Nürnberg.

Das tägliche Hin und Her machte ihm keine Kopfschmerzen. Er hatte ja noch seine schwere Standard, das rote Motorrad mit dem Nickeltank. Aber der heiße Ofen, der einmal die unsinnige Summe von 975 Mark gekostet hatte, sollte bald ein Ende finden, das er eigentlich nicht verdient hatte. Sein Schicksal erfüllte sich auf der Landstraße zwischen der Ortschaft Vach, die zehn Jahre später im Leben Max Grundigs eine bedeutende Rolle spielen würde, und der Stadt Fürth.
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Etwas zu schnell war einfach zu schnell

Weil der junge Grundig meistens ein wenig flott fuhr, vielleicht zu flott, mußte es ihn zwangsläufig irgendwann einmal erwischen. Und das passierte auf einem Waldstück. Die Straße ging bergan, auf der Fahrbahn lag Sand. Max drehte den Gashebel ein wenig höher, die Maschine rutschte weg, er schlidderte 15 oder 20 Meter weit. Der schöne, helle Sommeranzug war nicht mehr zu gebrauchen, die Hose zerrissen, die Knie bös aufgeschlagen.

In diesem Augenblick kam ein Bauer mit seinem Holzfuhrwerk. Die Wut über den Unfall, der Schmerz im Knie - Max faßte blitzschnell einen Entschluß, der
dem Bäuerlein ein leicht angekratztes Motorrad einbrachte und für ihn das Ende seiner Motorradfahrer-Laufbahn bedeutete.

»Fahren Sie nach Fürth?«
»Ja. Wollen S' mit?«
»Gern. Ich mach' Ihnen einen Vorschlag: Wenn Sie mich und das Motorrad mitnehmen, dann schenk' ich Ihnen das Luder.«

So geschah's. Max Grundig hatte kein Motorrad mehr, statt dessen solche Schmerzen an beiden Beinen, daß er eine Woche lang im Bett liegen mußte.
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Die Hetzners und ihre Feudalkutsche, ein Horch 8-Zylinder

An ein eigenes Auto war nicht zu denken, so gut gingen die Geschäfte noch nicht. Dafür hatte der Max prima Freunde mit zum Teil richtigen Protzkarossen. Den Georg Hetzner, zum Beispiel, Besitzer einer großen Reinigungsfirma mit Filialen in Nürnberg und Fürth, Spezi vom Elferrat der Karnevalsgesellschaft »Fürther Kleeblatt« und aus der Kartelrunde vom Cafe Central, wo auch der Schmaus Georg und der Rammes Josef beim »Binockl« und »66« am Tisch saßen.

Die Hetzners hatten eine wahre Feudalkutsche, einen Horch 8-Zylinder, und in Kiefersfelden ein hübsches Ferienhaus. Also fuhren die Freunde mit der Luxuskarosse nach Oberbayern und machten Urlaub am Wendelstein. Daß der Grundi) Max - freilich nur, wenn's dunkel war - mit diesem Riesenschlitten im Rückwärtsgang die Fürther Straße entlangbrauste, das mußte unter Freunden bleiben.
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Der kürzeste Urlaub im Leben des Max Grundig

Es gab zu dieser Zeit noch einen Urlaub, der zu den kürzesten im Leben des Max Grundig zählen sollte. Vater Wurzer stellte Chauffeur und Auto zur Verfügung, damit sein Filius, der Max und noch zwei Freunde nach Garmisch fahren konnten. Zehn Tage wollten sie skilaufen.

Die jungen Herren stiegen vornehm ab, im Hotel Alpenhof. An einem Samstagmittag kamen sie an, und eine Stunde später kriegten sie spitz, daß es im Hotel ein Spielcasino gab. Roulette wurde da gespielt, schon am Nachmittag.

Sie schauten sich das an, fanden es aufregend und so lächerlich einfach, daß sie sicher waren, hier sei was zu gewinnen - wenn sie auch keine Ahnung von Roulette hatten. Abends stiegen sie hinab ins Casino, spielten erst die feinen Pinkel und dann Roulette.

Das Ergebnis war niederschmetternd: In Nullkommanix hatten sie so gut wie alles verloren. Letzte Barschaft: pro Mann ein oder zwei Mark. In höchster Bedrängnis rief der junge Wurzer seinen Vater an, der schickte am Montagmorgen wieder Chauffeur, Wagen und Geld für die Hotelrechnung. Der Urlaub war zu Ende, Skipisten hatten sie nicht gesehen.

Wie gut, daß er drei Schwestern hatte

Dreieinhalb Jahre lief der Laden in der Sternstraße inzwischen. Max Grundig besuchte regelmäßig die Berliner Funkausstellung, denn als eingefuchster Bastler wollte er stets die letzten Neuigkeiten auf dem Markt kennen. War er länger unterwegs, halfen seine drei Schwestern aus. Sie wußten bald gut Bescheid in dem Geschäft und wurden zur »rechten Hand« ihres Bruders. Außerdem gab es nun auch einen zweiten Monteur.

Anmerkung zur politischen Veränderung von 1933

Wie auch in den Büchern von Eduard Rhein und anderen sehr bekannten Zeitgenossen wird die Zeit von Hitlers Machtübernahme ab dem März 1933 und den beginnenden deutlich sichtbaren Veränderungen nur am Rande gestreift und die ganzen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Merkwürdigkeiten wurden und werden ausgeblendet. Auch hier wird nur erwähnt, daß es wirtschaftlich deutlich aufwärts ging. Kein Wort von den neuen NS-Massenveranstaltungen mit Fackelzügen und Hakenkeuz-Fahnen und der Einflußnahme der NSDAP auf das gesamte gesellschaftliche Leben, insbesondere in Nürnberg.

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Die Arbeitslosenzahl sank rapide

Die Wirtschaft hatte sich Mitte der dreißiger Jahre erholt, die Arbeitslosenzahl sank rapide, die Leute hatten wieder Geld, auch ein Radio zu kaufen. Da gab es sogar Stammkunden, die alle paar Wochen kamen, sich nach der letzten Technik erkundigten und - weil sie das Geld dazu hatten - gleich zwei oder drei Apparate kauften, um sie an Freunde oder Kunden zu verschenken.

Umzug in die Schwabacher Straße 1

Je mehr Radios gekauft wurden, desto häufiger fielen auch Reparaturen an. Max Grundig suchte ein größeres und schöneres Geschäft. Weit brauchte er dazu nicht zu gehen, er fand es gleich schräg gegenüber, in der Schwabacher Straße 1, Ecke Schirmstraße. Das war 1934, am 21. Juni eröffnete Max Grundig dort.

Der Laden war nicht nur erheblich größer, er lag auch günstiger. Laufkundschaft gab es in der Schwabacher Straße mehr als in der Sternstraße. Für das Büro, die Buchhaltung, das Inventarlager und die Reparaturwerkstatt mietete Max Grundig den ersten Stock dazu, damit unten im Laden der Verkauf und die Reparaturannahme genügend Platz hatten.

Das "Cafe Central", der alte Spezi-Treffpunkt

Noch einen Vorteil hatte das neue Geschäft: Es lag gegenüber vom Cafe Central, dem alten Spezi-Treffpunkt. Wenn mal gar kein Kunde kam, auch das gab's zwischendurch, dann sperrte der Max einfach seinen Laden für zwei Stunden zu, ging rüber ins Cafe zum Hassen, dem Wirt, und spielte Karten mit ihm.

Ein kleiner Vorgriff: Das Radiogeschäft in der Schwabacher Straße 1 gibt es heute noch. Max Grundig hat das Haus gekauft und vermietet.

In der Schwabacher Straße wurde Max Grundig trotz aller Anfangsschwierigkeiten binnen vier Jahren zum erstenmal Umsatz-Millionär. Er verkaufte jetzt nicht nur Radiogeräte aller gängigen Firmen, er hatte wieder einmal eine Idee, die mit ein paar Wickelmaschinen zur Reparatur von defekten Transformatoren anfing und mit einer regelrechten Fabrikation endete.
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Gleichstrom in Fürth, Wechselstrom in Nürnberg

Das kam so:
In Fürth gab es damals Gleich-, in Nürnberg Wechselstrom. Zog nun ein Fürther nach Nürnberg oder ein Nürnberger nach Fürth und schob nichtsahnend das Anschlußkabel seines Radioapparates in die Steckdose, tat's »plupp«, es roch ein bißchen, und der Lautsprecher sagte keinen Ton mehr. Der Transformator war durchgebrannt.

Diesem Übel half der Radio-Vertrieb Fürth in der Schwabacher Straße 1 schnellstens ab. Dort hatte Max Grundig im ersten Stock die schon erwähnten Wickelmaschinen aufstellen lassen, mit deren Hilfe die durchgeschmorten Trafos neue Spulen bekamen. Zu den zwei Monteuren kamen fünf, sechs Männer und Frauen, die an den Wickelmaschinen arbeiteten, ein Buchhalter, eine Schreibkraft und ein Lehrling. Die drei Schwestern Minna, Agnes und Klara waren nun ständig im Geschäft. Sie verkauften, schrieben Rechnungen, putzten -Mädchen für alles.

Sogar Fachhändler aus Nürnberg und Fürth waren jetzt Kunden

Ein gutgehender Reparaturbetrieb war entstanden, der nicht nur die vom Trafo-Malheur betroffenen Radiobesitzer zu seinen Kunden zählte, sondern auch Fachhändler aus Nürnberg und Fürth und darüber hinaus. Sie hatten ganz einfach die Idee nicht gehabt, die Chance verpaßt und sich keine Wickelmaschinen für derartige Notfälle angeschafft.

Daß der Grundig in der Schwabacher Straße in Fürth sich darauf spezialisiert hatte und für eine Reparatur zwischen 16 und 60 Reichsmark verlangte, sprach sich landauf, landab herum, die Aufträge kamen immer zahlreicher, und schließlich standen acht Wickelmaschinen in der Werkstatt.

Endlich war auch Mama Grundig überzeugt

Jetzt glaubte auch die skeptische Mutter Grundig an den Erfolg ihres Sohnes. Sie hatte ihre Wohnung in der Nürnberger Gertrudstraße inzwischen aufgegeben und war mit ihrer Tochter Minna am 30. April 1934 nach Fürth in die
Schwabacher Straße 87, Parterre, gezogen. Dort wohnte von Stund an auch Sohn Max. Nun war es nicht mehr schwer für ihn, seine Mutter und die Schwestern zu ernähren. Das Geschäft, schon bald bei einem monatlichen Gewinn von etwa 1.000 Reichsmark angekommen, warf jetzt immer mehr ab.

Ganz neu, ein Lieferwagen, Marke DKW

Um auch die Radio-Kunden prompt bedienen zu können, kaufte Max Grundig für die zwei Monteure einen Lieferwagen, Marke DKW, Gangschaltung am Armaturenbrett. Die beiden tuckerten mit dem Zweitakter stolz durch die Stadt, der eine lieferte die Geräte, der andere stellte die Antennen aufs Dach.

Der arrivierte Firmenbesitzer selbst leistete sich nun auch einen Wagen. 1936 kaufte er einen Opel-Olympia, abgestottert in sechs Monatsraten. Im selben Jahr, und zwar am 1. April, zogen Max Grundig, seine Mutter und Schwester Minna in die Amalienstraße 55.
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Cafe Fink und die Folgen - die Heirat

Seinem Cafe Fink in der Sternstraße aber blieb er treu. Und das hatte Folgen. Ausgerechnet dort im Cafe nämlich, in dem er jahrelang seine Freiheit pflegte, die schönsten Stunden seiner Junggesellenzeit genoß, in dem er mit seinen Freunden »unter Männern« sein wollte - ausgerechnet dort passierte es: Max Grundig traf ein Mädchen, das ihn für die nächsten Jahrzehnte begleiten sollte. Er heiratete.

Zwei, drei Jahre war er mit einer hübschen Balletteuse »gegangen«, hatte die Dame zum Essen, ins Kino ausgeführt, war, gemeinsam mit Freund Hetzner und dessen Horch, durch die Fränkische Schweiz gegondelt.

Das änderte sich schlagartig, als die Soubrette Anneliese Jürgensen aus Flensburg mit einer Freundin im Cafe Fink saß und Max Grundig unversehens zur Tür hereinschneite. Man sah sich, setzte sich an einen Tisch, freundete sich an, traf sich wieder und verliebte sich.

Das hübsche Ballettmädchen war vergessen, und eines Tages sagte Max Grundig ganz einfach zur Anneliese: »Heiraten wir!« Er tat's auch. Amtlich besiegelt am 3. Dezember 1938.

Heute erinnert er sich: »Ich weiß auch nicht, warum ich das plötzlich sagte. Wir waren unterschiedlich wie Tag und Nacht, sie aus dem hohen Norden, ich, der Franke; sie vom Theater, ich, der Kaufmann. Aber irgend etwas muß mir doch imponiert haben. Außerdem war meine Mutter gegen die Heirat, das hat auch viel ausgemacht. Wie das eben so ist: der Widerspruchsgeist...«

Die Schatten der Kriegsproduktion Mitte der 1930er Jahre

Geschäftlich freilich wußte er genau, was er tat, und warum: Der ersten Idee mit den Wickelmaschinen folgte bald die zweite. Max Grundig roch zur rechten Zeit, daß die Rohstoffe im Dritten Reich immer knapper wurden. Die Kriegsproduktion warf schon Mitte der 1930er Jahre ihre Schatten voraus, und wenn neue Trafos gebraucht wurden, gab's entweder keine oder man mußte endlos lange warten. Warum also die Trafos bloß reparieren, warum nicht gleich selber neue herstellen? Die Idee!

Neben der weiterlaufenden Reparatur entstanden nun in der Schwabacher Straße aus Blechen, Spulenkernen und Draht neue Transformatoren. Die Fabrikation hatte begonnen. 1938 produzierte der Radio-Vertrieb Fürth des Max Grundig bereits 30.000 Kleintransformatoren. Die erste Million Jahresumsatz war erreicht.
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Auch als Millionär - 14 Jahre in der Moststraße 17

Privat hatte Max Grundig am 3. Dezember desselben Jahres, an seinem Hochzeitstag, in der Moststraße 17, erster Stock, eine hübsche Dreizimmerwohnung gefunden. Dort sollte er 14 Jahre wohnen bleiben, auch als er längst mehrfacher Millionär geworden war.

Die Schattenseiten des Aufbruchs - als der Krieg ausbrach

Produktion und Reparaturen liefen auf Hochtouren, der Verkauf allerdings ging zeitbedingt zurück, als der Krieg 1939 ausbrach. Die Firma Radio-Vertrieb Fürth stand indessen mit zwei weiteren Radiohändlern aus dem Raum Nürnberg-Fürth an der Spitze der von der Wirtschaftsstelle der deutschen Rundfunkindustrie in Berlin W 35 offiziell festgelegten Einzelhändler-Rabatt-Liste.

Aufgrund des jahrelang sehr hohen und noch immer relativ guten Umsatzes wurden Max Grundig am 1. April 1941 36 Prozent Rabattsatz zugebilligt. Kein anderer der 22 Fürther Radiohändler hatte eine gleich hohe Rabatt-Einstufung. Auch beim Rabatt für lose Röhren rangierte Grundigs RVF mit 30% Prozent als einzige Fürther Firma ganz oben in der Rabatt-Skala.
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Max Grundig wurde UK (unabkömmlich) gestellt

Doch wie sollte es weitergehen, nun, da sich alles um den Krieg drehte? Zunächst wurde der Inhaber UK (unabkömmlich) gestellt, weil sein Betrieb als kriegswichtig galt. Jetzt war die Wehrmacht der beste Kunde, sie schickte ihre kaputten Geräte zur Reparatur, ließ alte Transformatoren wickeln, bestellte neue. Die private Kundschaft gab's zwar auch noch, aber sie wurde spärlicher. Die Firma in der Schwabacher Straße hatte zu tun, genügend, sie arbeitete den ganzen Krieg hindurch.

Im Jahr 1941 mußte auch Max Grundig "einrücken"

Aber der Chef überdauerte die Zeit in Fürth nicht mehr allzu lang. Ein mißgelaunter Feldwebel vom Wehrbezirkskommando, der den Max Grundig schon lange im Visier hatte, sorgte dafür, daß der im Jahr 1941 KV (kriegsverwendungsfähig) geschrieben wurde. Zum Glück blieb sein Meister und von nun an auch Betriebsleiter UK und dem Betrieb erhalten. So waren Produktion, Reparatur und Verkauf zu keiner Zeit unterbrochen. Max Grundig aber zog in Bayreuth den grauen Rock an. Er rückte zu einer Nachrichteneinheit des Heeres ein.
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An den Fronten wurde gesiegt - noch ....

Zu Anfang sah das alles noch so aus, als sei das Soldatenleben zwar nicht gerade lustig, aber immerhin erträglich. An den Fronten wurde gesiegt (»Im Osten nehmen die Kämpfe des Heeres, der Luftwaffe und der Kriegsmarine gegen die Sowjet-Wehrmacht einen so günstigen Verlauf, daß große Erfolge zu erwarten sind.«

So der Wehrmachtsbericht vom Mittwoch, 25. Juni 1941), in der Heimat herrschte Zuversicht, die ersten Luftangriffe ließen noch nicht ahnen, was Frauen und Kindern bevorstand (Wehrmachtsbericht vom Samstag, 28. Juni 1941: »Der Feind warf in der letzten Nacht mit schwachen Kräften einzelne Spreng- und Brandbomben im norddeutschen Küstengebiet. Die Zivilbevölkerung hatte nur geringe Verluste.«)

Freilich: Max Grundig wollte weder heroische Feldzüge führen noch Bomben aufs Haupt bekommen. Er nahm das Geschehen zunächst mal hin, ändern konnte man nichts, und schließlich würde es ja mal vorübergehen!
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Rekrut Grundig - Soldat Schwejk in fränkischer Ausgabe

Aber schon bald erkannte der Nachrichtensoldat Grundig, der sich niemals im Leben den Sinn für die Realitäten verstellen ließ, daß dies kein Job für ihn war. Erinnert er sich: »Die haben uns da innerhalb von drei Tagen den Schneid abgekauft. Da wurde immer bloß gebrüllt. Ich wollt' nur noch weg!«

Dieser Wunsch saß so tief in Herz und Hirn des Rekruten Grundig, daß er sich von Stund an in eine Art Soldat Schwejk in fränkischer Ausgabe verwandelte: »Ich hab' halt einfach ein wenig rumgehangen; kräftig war ich ja eh nicht, eher ein wenig schmächtig.«

Beim Gewehr-Exerzieren morgens um sieben, die Kompanie feldmarschmäßig angetreten, bleibt er plötzlich stehen, stellt das Gewehr an die Wand und geht zurück in die Kaserne. Sollen die machen, was sie wollen - ohne mich!

Die Folgen glichen einem mittleren Bombenteppich...

Wenig später: »Alles wieder antreten. Wo ist der Grundig?« Dem Feldwebel schien die Luft wegzubleiben.
»Hier!«
»Los, Stahlhelm auf, Koppel um, zum Kompaniechef!«
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Den ganzen Tag nur Gebrüll und Gebrüll

In diesen bangen Minuten drang das militärische Geschehen nur noch in erhöhter Lautstärke an Max Grundigs Ohr. »Ich war noch nicht ganz drin, da hat schon wieder einer gebrüllt, das war der Spieß.«

Auch der Kompaniechef, Oberleutnant, 28 Jahre, im Zivilleben Dorfschullehrer, äußerte sich nur in ohrenbetäubendem Tonfall. »Ich war fassungslos dagestanden, den Stahlhelm bis auf die Ohren, die Ärmel viel zu lang, dafür die Hosen etwas zu kurz.«

Als dem Kompaniechef die Stimmbänder schmerzten, wurde er plötzlich ganz still, schaute den Schützen Grundig lange an und fragte: »Was sind Sie von Beruf?«

»Ich habe ein Radiogeschäft, Herr Oberleutnant!«

»So, ein Radiogeschäft. Erzählen Sie mir mal ein bißchen davon.«
Auf einmal wurde aus dem Hammermonolog ein Pianodialog.

Auch beim Militär war alles recht merkwürdig

Max Grundig erzählte von seinem Geschäft, und was er da so treibe.
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  • »Haben Sie auch Kleinempfänger?« fragte der Kompaniechef.
  • »Natürlich, Herr Oberleutnant.«
  • »Kann man da einen haben?«
  • »Jawohl, Herr Oberleutnant. Da brauch' ich aber eine Woche Urlaub.«
  • »Sind Sie wahnsinnig, Sie sind erst acht Tage hier, und da wollen Sie schon Urlaub!«
  • »Ich will keinen Urlaub, aber Sie wollen einen Radioapparat.«

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Wie umgepolt begann der Kompaniechef wieder zu brüllen, vielleicht auch nur zur Schau, rief den Spieß, flüsterte mit ihm. Dann das Kommando: »Wegtreten!«
Schütze Grundig hatte keine Ahnung, was mit ihm nach diesem Auftritt geschehen sollte. Er marschierte gottergeben zurück in seine Bude, in der zwölf Mann lagen.

Dort fragte eben der UvD (Unteroffizier vom Dienst): »Wer kann hier Klavier spielen?« Meldete sich ein Rekrut: »Hier. Ich bin Opernsänger.«
»Prima. Dann nehmen Sie Ihre Zahnbürste und machen die Toilette sauber.«

Solche Spielchen gefielen dem Max Grundig genausowenig wie dem betroffenen Opernsänger. Sie bestärkten den uniformierten Radiohändler in seinem Wunsch: Nichts wie weg hier!
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Vom Dienst befreit

Eine Woche lang passierte gar nichts. Dann wieder das bekannte Kommando des Hauptfeldwebels: »Sie sollen zum Kompaniechef!« Also nochmal Jacke an, Koppel um, Stahlhelm, zum Oberleutnant, strammstehen.

»Rühren Sie, nehmen Sie den Stahlhelm ab, setzen Sie sich.«

Diesmal benahm der Herr Oberleutnant sich durchaus kommod. »Wissen Sie was: Sie sind von nun an vom Dienst befreit und kümmern sich um meine Wohnung!«
Schütze Grundig schloß messerscharf und folgerichtig: Der will bloß ein Radio, und jetzt fängt er es diplomatisch an! Er sagte aber nichts, sondern ging in die Wohnung des Kompaniechefs, Schlafzimmer, Wohnzimmer, Bad, darüber ein Dachboden. Dort baute der Schütze Grundig sich ein Deckenlager und pennte erst mal.

Auch an den folgenden Tagen verließ er seine gemütliche Behausung nur morgens um fünf zum Wecken, stand stramm beim Morgenappell - um gleich danach zurückzukehren in die Wohnung des Oberleutnants und auf seinen dienstfreien Dachboden.

Nach ein paar Tagen wurde dem Spieß das zu dumm. Er durchschaute zwar das Spiel, konnte aber nichts gegen den Kompaniechef ausrichten, weil der "Ober" nun mal den "Unter" sticht, schickte jedoch den Schützen Grundig ins Krankenrevier.

Ja, was machen denn Sie hier ?

Aber wer residierte dort? Max Grundigs Hausarzt, nun kriegsmäßig mit dem Dienstgrad eines Stabsarztes versehen. »Ja, was machen denn Sie hier?« -» Und Sie.. ??«
Hin und her, und am Ende der Geschichte gerieten sich Stabsarzt und Kompaniechef wegen des Schützen Max Grundig in die Haare: Der eine wollte ihn für seine Wohnung behalten, weil er ein Radio brauchte, der andere gedachte ihn komplett dienstunfähig zu schreiben und der Obhut des Nachrichtenchefs zu entziehen.

Während der Kampf um die Zukunft des Soldaten Grundig noch hin- und herwogte, entwickelte der Fähigkeiten, die der Soldat Schwejk auch nicht besser beherrscht hatte:

Begegnete er einem »höheren Dienstgrad«, grüßte er nicht, wie dies vorgeschrieben war. Frage: »Warum grüßen Sie nicht?« - Antwort: »Ich habe Sie nicht gesehen, Herr Feldwebel!« Daß der so titulierte Herr Vorgesetzte Leutnant war, wußte Schütze Grundig sehr wohl. Beim nächstenmal erschien er zum Appell ohne Mütze. Dann »entlieh« er die Sporen des Kompaniechefs, schnallte sie dem Feldwebel an die Knobelbecher, damit der reiten lernte. Er sah damit aus wie ein verunglückter römischer Gladiator, und als er vergaß, die Dinger beim Appell abzunehmen, fuhr der Oberleutnant ihn an: »Wie kommen Sie zu meinen Sporen?« - »Die hat mir der Grundig gegeben.«

Max Grundig hatte Fettnäpfchen ausgelassen

Der Ofen war aus, die Vorgesetzten verzweifelten. Nun waren sie es, die den »unmöglichen Soldaten« loswerden wollten. Ein Befehl kam ihnen zustatten: Sechs Mann mußten abkommandiert werden zu einer Transportkompanie nach Nürnberg. Als Nummer eins auf der Liste stand der Schütze Max Grundig, der kein Fettnäpfchen ausgelassen hatte, in das er treten konnte...

Von Nürnberg aus konnte er sich - trotz der Ausbildung, die noch drei Monate dauerte - um sein Geschäft in Fürth kümmern. Die Wehrmachtsaufträge hielten den Betrieb in Schwung, denn private Kunden gab's immer weniger. In der Werkstatt wurden Spulen gewickelt, Radios repariert, Transformatoren fabriziert.

Der UK-gestellte Meister und Max Grundigs Schwestern hatten das Geschäft in der Hand, und der Inhaber selbst mischte kräftig mit, organisierte und werkelte, sowie er eine Stunde Zeit hatte und Urlaub von seiner Einheit bekam.

Wieder ein Problem, ab gehts nach Paris

Das Doppelspiel Militär-Geschäft wurde allerdings jäh unterbrochen: Versetzung nach Paris! Alles Fluchen half nichts, der - inzwischen - Gefreite Grundig zog mit Sack und Pack nach Paris zu einer Transporteinheit.

Gegen den Dienst gab's nichts zu sagen. Die Herren Soldaten vom Transportwesen wohnten vornehm im Hotel Ambassador, gleich neben dem Kaufhaus Lafayette. Hotelzimmer, zum Dienst nur über die Straße in ein requiriertes Versicherungsgebäude. Die reinsten Schlips- und Halbschuhsoldaten.

»Organisiert« wurde da nicht schlecht: Bohnenkaffee, Seidenstrümpfe, Kartoffeln gleich doppelzentnerweise, Parfüm.

Und immer noch wurden Erfolge "verkündet"

Die Etappe hielt allerhand aus, und auch an der Front schien der Erfolg noch gepachtet: »An der Kanalküste schossen Jagdflieger am gestrigen Tage ohne eigene Verluste aus einem gemischten britischen Verband, der nach Frankreich einfliegen wollte, zwölf Flugzeuge ab«, meldete der Wehrmachtsbericht vom Montag, 9. November 1942.

Wer sagt's denn: Funktionierten Transportwesen und Logistik, dann hatten die fliegenden Kameraden auch genügend Sprit, um die lästigen Tommies fernzuhalten - noch! Und darin waren die Männer vom Transport schließlich Klasse. Wie gesagt: Es war durchaus auszuhalten, und der Gefreite Grundig schob fleißig und pflichtbewußt Dienst, jede zweite Nacht, dann wieder tagsüber.

Doch der Mann aus Nürnberg-Fürth, der sich sein Lebtag lang den Sinn für Klarheit und Ordnung nicht rauben ließ, strebte zurück in die Heimat. Dort hatte er sein Werk aufgebaut, das war sein Leben, und davon wollte er sich auch mit Gewalt nicht trennen lassen. Denn was immer er in Paris tat, das geschah weder in seinem Willen noch war es nach seinem Geschmack.

Natürlich, der Krieg hatte alles auf den Kopf gestellt, jeder war plötzlich Teil eines Räderwerks geworden, in das er nicht greifen konnte. Trotzdem: Der Gefreite Max Grundig versuchte es .......

General "von Kohl" hörte gern Radio

Sein General hieß "von Kohl", hörte gern Radio und hatte deshalb vom kleinen Gefreiten Grundig, inzwischen zum Obergefreiten befördert, eines organisiert bekommen. Man kannte sich also.

Darum wagte Max Grundig es eines Tages, das hohe Tier zu fragen: »Herr General, ich möchte nach Nürnberg versetzt werden, ist das möglich?«

»Gut, Grundig, ich denke darüber nach, wird schon einen Weg geben. Jetzt gehe ich erst mal 14 Tage in Urlaub.«

Der General war kaum aus dem Haus, schnallte Grundig sein Koppel um und meldete sich bei einem grauhaarigen Oberst, der den General vertrat.

Obergefreiter Grundig stand stramm, grüßte und berichtete zackig: »Herr Oberst, auf Befehl von General von Kohl bin ich zur Transportkommandantur nach Nürnberg versetzt.«

Der Oberst, in seinem Alter gern von dienstlichem Ärger verschont, fragte in seinem Vorzimmer nach: »Stimmt das?«

Dort saß eine Wehrmachtshelferin, die Max Grundig natürlich auch kannte. Die sagte nicht nein, zog sich aber schlau aus der Schlinge: »Wenn's der Grundig sagt, stimmt es schon.«

Das Ding war gelaufen, der Spieß in der Schreibstube ließ die Marschpapiere fertigmachen, der Kompaniechef, der Bataillonskommandeur, sogar der Oberst unterschrieben - ab nach Nürnberg.

Wieder zurück in Nürnberg - mit einem Trick

So hatte der Obergefreite Max Grundig sich selbst versetzt, mit allerhöchsten Unterschriften und Stempeln versehen! Wie schon mal gesagt: Soldat Schweijk wäre vor Neid erblaßt, und der Hauptmann von Köpenick hätte vermutlich freiwillig seine Leihuniform ausgezogen.

Höhepunkt der Militärposse: Der Obergefreite Max Grundig gab seinen Kameraden und Vorgesetzten noch ein großes Abschiedsessen in einem feinen Pariser Lokal.

Wehe, sie hätten den pfiffigen Oberschnapser erwischt! Das Bewährungsbataillon 999 wäre noch gnädig, die Festung wahrscheinlich, die nächste schußfeste Wand auch nicht auszuschließen gewesen.

Ideen muß man halt haben! Und Mut. Und das nicht wenig.

Den General von Kohl, dann freilich a. D., hat der Industrielle Max Grundig übrigens mehr als zehn Jahre später im Nürnberger Stadtpark zufällig wiedergetroffen. Kein Wort von der »Versetzung«, das hatte der gute Krieger nach seiner Rückkehr vom Urlaub gar nicht mitgekriegt ...
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In der militärischen Freizeit jetzt ziviler Unternehmer

Nun saß Max Grundig also wieder in der Transportkommandantur in Nürnberg, in einem Bunker unter der Reichsbahndirektion neben dem Verkehrsmuseum. Wachdienst wurde geschoben, mal am Tag, mal nachts; dann hockte er am Fernschreiber, fertigte Papiere, organisierte und kalkulierte.

Die wenigen Kilometer, die ihn von seiner Firma trennten, überwand er spielend. Es gelang dem Obergefreiten irgendwie, mit Genehmigung seiner Vorgesetzten, in seiner militärischen Freizeit zivilen Unternehmer zu spielen, statt stumpfsinnig in irgendeiner Unterkunft herumzusitzen. Er arbeitete einfach doppelt, nachts Soldat, tags Radiohändler und Transformatoren-Produzent, oder auch umgekehrt, zwischendurch ein paar Stunden Schlaf.

Zuhause im Büro sprossen neue Ideen

Nur ein Mann von eisernem Willen, von unbändiger Kraft und Energie kann das durchhalten. Max Grundig hat es durchgehalten. Und einiges dazu: Er gab sich nicht mit dem zufrieden, was seine Firma gerade zu leisten imstande war, er wollte mehr. Kaum dem strapaziösen Nachtdienst in der Kommandantur entronnen, saß er in seinem Fürther Büro, tüftelte an neuen Ideen, erfand neue Produktionen.

Kein Wunder, daß die Räume in der Schwabacher Straße längst nicht mehr ausreichten. Max Grundig suchte ein zweites Standbein. Er fand es in dem nahen Dorf Vach, in zwei leeren Wirtshäusern, in der »Linde«, beim Egerer, und im »Roten Ochsen«, beim Lotter, später auch beim »Doppelwirt.«

Inzwiscehn war der Krieg in Nürnberg "angekommen"

Es gab noch einen anderen Grund, die Firma auszulagern: Der Krieg war nähergekommen, die Bomben fielen nun nicht mehr allein draußen an der Front. Man prägte einen neuen Namen: Heimatfront. Die verlief quer durch die Mietshäuser und Schulen, Fabriken und Krankenhäuser der deutschen Städte. Die Luftangriffe wurden häufiger und schrecklicher, die Opfer immer zahlreicher.

Die Wehrmachtsberichte lasen sich jetzt schon ganz anders: »Feindliche Fliegerkräfte griffen bei Tage den Küstenraum der besetzten Westgebiete und einen Grenzort in Westdeutschland, bei Nacht die Stadt Nürnberg mit Spreng- und Brandbomben an. Die Bevölkerung hatte starke Verluste. Es entstanden größere Schäden, vor allem in Wohnbezirken und öffentlichen Gebäuden. Kulturhistorische Stätten wurden vernichtet. Jagd- und Flakabwehr der Luftwaffe schossen insgesamt 17 feindliche Flugzeuge ab.« Dies war der Wehrmachtsbericht vom 10. März 1943.

Und der Wehrmachtsbericht vom 28. August 1943 meldete: »Ein Terrorangriff starker britischer Bomberverbände auf die Stadt Nürnberg in der vergangenen Nacht verursachte hohe Verluste unter der Bevölkerung sowie starke Zerstörungen in Wohnvierteln, an Kirchen, Krankenhäusern und kulturhistorisch wertvollen Gebäuden. Nach bisherigen Feststellungen vernichteten Luftverteidigungskräfte 60 der angreifenden Bomber.«
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Auf nach draußen in die Dörfer - mit 100 Wickelmaschinen

Wer produzieren mußte, wich dem tödlichen Hagel aus, sonst blieb nicht mehr viel übrig von seiner Produktion. Am sichersten war man draußen in den kleinen Dörfern aufgehoben. In Vach, zum Beispiel.

Max Grundig ließ seine Wickelmaschinen und all das Gerät, das er für seine Arbeit brauchte, hinausbringen in den Tanzsaal der »Linde«, und in die Kegelbahn vom »Roten Ochsen«. Täglich wurden dort 100, 150, 200 defekte Transformatoren neu gewickelt. Die Wehrmacht schickte sie, und auch noch Händler aus dem ganzen Reichsgebiet. Der durchgebrannte Draht wurde abgeschnitten, die Bleche verwendet, Spulenkerne wurden selbst gemacht, neue Transformatoren gebaut. »Bald standen 100 Wickelmaschinen da«, erinnert sich Max Grundig.

Die Produktion erforderte immer neue Arbeitskräfte, bald waren es 50, dann 100 und 150, die allermeisten ukrainische Mädchen, »Fremdarbeiterinnen«, wie man sie damals nannte. Es kamen zusätzliche Aufträge für die Kriegsproduktion.

Der Radio-Vertrieb baut Steuerungsgeräte für Raketen

Steuerungsgeräte für die V1- und V2-Raketen, elektrische Zünder für Panzerabwehrwaffen, für den Panzerschreck. Die stellte der Radio-Vertrieb Fürth, so hieß die Firma immer noch, für Siemens und AEG her.

Und das war so gekommen:
Die Doppelbelastung Militär/Firma bereitete selbst dem streßgewohnten (ein damals noch unbekanntes Wort) Unternehmergeist Max Grundig einige Magenschmerzen, besser gesagt, ein kleines Magenleiden. Dieser Umstand und die immer wichtiger werdende Funktion des Radio-Vertriebs Fürth für die Kriegswirtschaft gaben den Herren Militärs endlich die Erleuchtung, Max Grundig das tun zu lassen, wofür er geschaffen war - und was er geschaffen hatte:

Das Wehrbezirkskommando schrieb ihn nach einigem Hin und Her mit dem
Wehrkreisbeauftragten, einem SS-General, der sich erst querstellte und Max Grundig »für andere Zwecke« beschlagnahmen wollte, schließlich wieder UK, unabkömmlich. Das war Ende 1943.

Von nun an wandte er sich wieder ganz seiner Arbeit zu, dem Element, das sein Leben beherrschte. Er war Unternehmer mit Leib und Seele, und von ganzem Herzen. An ihm erfüllte sich das, was manchmal so leichtfertig dahingesagt wird: Vieles kann man lernen, zu vielem kann man sich entwickeln, zum Unternehmer aber muß man geboren sein.
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Die Großindustrie brauchte tatkräftige Zulieferer

Max Grundig war der Typ des Unternehmers vom ersten Tag an, da er zu arbeiten begann. Was er in die Hand nahm, wollte er selbst gestalten, mit seinen Ideen erfüllen, durch seine Energie vorantreiben.

Er dachte immer an die Zukunft, nach vorne, er sah das Morgen, während andere das Heute noch nicht begriffen hatten, und was einmal da war, entwickelt von ihm, das interessierte ihn schon nicht mehr. Ein Pioniergeist, der stets Neues in die Welt setzt.

Dieses Urtalent machte auf sich aufmerksam. Die Großindustrie, in ihren Kriegsanstrengungen bis aufs äußerste angespannt, brauchte tatkräftige Zulieferer, die nicht nur gut und zuverlässig produzierten, sie mußten Initiative und Unternehmungsgeist haben. Deshalb kamen sie zu Max Grundig, der 1944 schon mehr als 50.000 Kleintransformatoren in eigener Regie herstellte.
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Die AEG steht vor der Tür

Eines Tages rief ein Geschäftsführer der AEG bei ihm an: »Herr Grundig, ich möchte Sie mal sprechen, haben Sie Zeit ? Kommen Sie doch bei mir vorbei.«
Max Grundig ging hin.

»Sie machen Transformatoren. Können Sie für uns auch welche herstellen?«

»Ja, schon. Was brauchen Sie denn da?«

Der AEG-Mann zeigte ein paar Muster. »Das Material liefern wir Ihnen, Sie brauchen nur die Fertigung zu übernehmen. Machen Sie uns ein Angebot.«

Max Grundig machte ein Angebot, ein viel zu billiges. Die AEG zahlte freiwillig mehr, denn sie wollte Stückzahlen, von denen Max Grundig bisher nur geträumt hatte: fünf- bis zehntausend pro Tag.

150 ukrainischen Mädchen wickelten Trafos

»Wie soll ich das schaffen? Woher die Leute nehmen?«
»Keine Sorge, das organisieren wir schon.«

So kam die Firma Radio-Vertrieb Fürth zu den 150 ukrainischen Mädchen. Diese »Fremdarbeiterinnen« wurden vom Auftraggeber »mitgeliefert«. Sie wohnten in Baracken, konnten sich selbst versorgen.

Die Lebensmittelkarten freilich gaben nicht viel her, Max Grundig organisierte wieder mal, diesmal für seine russischen Arbeiterinnen: Mehl, Brot, Nudeln, Kraut, auch Schweinefleisch von Schwarzschlachtungen.

»Wenn wir da zwei frische Leberwurstl und Blutwurstl gegessen haben, ist uns schlecht geworden. Das hat ja keiner mehr vertragen.«

Ein Mini-Motorrad mit Hilfsmotor und Siemens kommt auch

Um das alles beschaffen zu können, ratterte Max Grundig auf einem Mini-Motorrad mit Hilfsmotor durch die Gegend. Dafür gab's Benzin. Auch sein DKW-Kastenwagen existierte noch, auch er kriegte behördlichen Sprit. Der Opel-Olympia freilich war zur Wehrmacht »eingezogen« worden.

Es blieb nicht allein bei AEG. Kurz darauf meldete sich Siemens mit demselben Wunsch. Die Produktion wurde von Tag zu Tag größer, und als die Herren Wehrwirtschaftsführer sahen, wie gut das funktionierte, kamen sie mit immer neuen, diffizilen, geheimen Aufträgen, mit eben jenem elektrischen Zünder für den »Panzerschreck« und den Steuerungsgeräten für die V1- und V 2-Raketen.

Zu solcher Arbeit brauchte man einen energischen und gleichzeitig verschwiegenen Chef. Ihm zur Hand gingen mehrere Ingenieure, abgestellt von Siemens und AEG. Unglaublich, unter welch primitiven Umständen in einem Tanzsaal und auf einer Kegelbahn kriegswichtige Präzisionsteile entstanden, von deren Funktion Menschenleben abhingen.

Es gab keine Pannen, es durfte keine geben. Es mußte produziert werden, und
es wurde produziert. Der Unternehmer Max Grundig war der Garant für diesen Erfolg. Bis zur letzten Minute.
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Und jetzt am das Frühjahr 1945 - der 17. April 1945

Die Front stand vor der Haustür, amerikanische Tiefflieger griffen ein Lager der Firma Radio-Vertrieb Fürth in Vach an, schössen es in Brand.

Transformatoren wurden zerstört, aber der Schaden war gering. Max Grundig und seine Leute ließen sich nicht beirren. Auch die ukrainischen Mädchen liefen nicht weg, obwohl sie in diesen Tagen keiner mehr aufgehalten hätte.

Am 15. April 1945 wurden in Dambach, am Fürther Stadtrand, Panzersperren errichtet, einen Tag danach rings um Nürnberg und Fürth Brücken in die Luft gejagt. Auch die Regnitzbrücke bei Vach erwischte es. Um 12.45 Uhr wurde in beiden Städten »Feindalarm« gegeben, amerikanische Truppen stießen von Erlangen und Lauf vor, die Behörden stellten den Dienst ein.

Der Sender Nürnberg schaltete ab, ein amerikanischer Captain forderte den Nürnberger Oberbürgermeister Liebel vergeblich zur Kapitulation auf.
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19. April 1945 - der Krieg war aus

In Geschäften und Lagern wurde geplündert, und der Wehrmachtsbericht meldete noch am 19. April:

»Um Nürnberg wurde den ganzen Tag über von der tapferen Besatzung am Burggraben, in der östlichen Vorstadt und an der Pegnitz heftig gekämpft. Der nach Südosten vordringende Feind wurde aufgefangen und durch Gegenangriffe in der Flanke gefaßt.«

Schon am 17 April allerdings, einem frühsommerlich warmen Tag, rollten die Amerikaner in Vach ein. Sie hatten nicht bemerkt, daß sie »aufgefangen und in der Flanke gefaßt« worden waren. Die Maschinen der Firma Radio-Vertrieb Fürth in der »Linde« und im »Roten Ochsen« wurden abgestellt, der Krieg war aus.
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»Grundig, wer ist Grundig?«

Vor der »Linde« hielt weitere vier Tage später ein Jeep, am Steuer ein farbiger Soldat, neben ihm ein Leutnant.

»Grundig, wer ist Grundig?« Er sprach deutsch, und er hatte einen Zettel in der Hand. Woher er den Namen kannte, wußte niemand. Er kannte ihn jedenfalls, und offenbar noch viel mehr. Ein paar Leute zeigten ihm, wo Max Grundig saß, im ersten Stock der »Linde«.

Der Leutnant kletterte die enge Treppe hinauf, fragte nur: »Sind Sie Grundig? Dann kommen Sie mit. Ziehen Sie Ihr Jackett an.«

Ein paar Arbeiterinnen weinten. Der Leutnant wurde etwas verbindlicher: »Keine Angst, der kommt schon wieder.«

Eine Vernehmung durch einen Vernehmungsoffizier

Der Farbige setzte sich wieder ans Steuer, der Leutnant daneben, Max Grundig auf den Rücksitz. Sie fuhren ins Rathaus der Stadt Fürth.

Im ersten Stock, zweites Zimmer links, saß ein amerikanischer Vernehmungsoffizier. Der hielt sich nicht mit Vorreden auf.

»Sie sind also Grundig?«
»Ja.«
»Was haben Sie gemacht?«
»Ich habe Trafos gemacht.«
»Ja, wofür denn?«
»Das weiß ich nicht.«
»Stellen Sie sich nicht so blöd an, Sie wissen genau, wofür die waren.«
»Woher soll ich das wissen?«
»Sie haben auch Zünder hergestellt.«
»Natürlich hab' ich auch Zünder hergestellt.«
»Sie wissen doch, daß die für Panzerabwehrwaffen waren. Warum haben Sie das gemacht?«
»Warum sind Sie Soldat?«
»Sie sind unverschämt, ein frecher Kerl. Ab mit Ihnen.«
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Nicht kooperativ - ab in den Knast - für 3 Tage

Zwei Soldaten der MP (Military Police) führten Max Grundig zur Polizeidirektion an der Nürnberger Straße, sperrten ihn ein. Doch alle paar Stunden kamen sie wieder, brachten ihn zurück zum Rathaus, der Vernehmungsoffizier stellte dieselben Fragen, Max Grundig gab dieselben Antworten.

Der Ami wurde langsam sauer: »Das gibt es doch gar nicht! Sie müssen gewußt haben, wofür Sie diese Dinger herstellten. Das kann Ihnen doch nicht verborgen geblieben sein!«

Max Grundig, der natürlich Bescheid gewußt hatte, schüttelte immer wieder den Kopf: »Ich weiß es nicht. Wir haben die Unterlagen gekriegt, und so ein Ding dann herzustellen, ist ja keine Affäre. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen.« Max Grundig dachte gar nicht daran, irgendwelche Pläne herauszurücken oder Details zu verraten.

Das ging drei Tage so. Schließlich wurde es dem Offizier zu dumm. Er winkte ab und sagte nur: »Hau ab!« Dann drückte er ihm eine Schachtel Camel in die Hand. Solche Zigaretten hatte Max Grundig bis dahin noch nie gesehen.

Wieder erschien ein farbiger Soldat mit einem Jeep. »Come on!« Max wollte laufen nach Vach, aber darauf ließ der Neger sich nicht ein. Er wies ihm den Beifahrersitz an und lieferte Max Grundig vor der »Linde« in Vach ab.

Mai 1945 - Das Ende - übrig blieb nur ein Haufen Blech und Draht, tote Maschinen und Meßgeräte

Es geht weiter mit Kapitel 4

Da stand er, Max Grundig, ein Mann von 37 Jahren, ein Unternehmer, der aus dem Nichts und mit nichts einen Betrieb aufgebaut hatte, in dem mehr als 150 Menschen arbeiteten, dessen Vermögen zu dieser Zeit schon auf 17,5 Millionen Reichsmark geschätzt wurde.

Da stand dieser Mann vor einem Haufen Blech und Draht, vor toten Maschinen und Meßgeräten und wußte nicht, ob er dies alles je wieder gebrauchen würde ...
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  • Anmerkung : Leider kam aus diesen letzten Sätzen gar nicht klar genug hervor, daß Max Grundig zumindest körperlich unversehrt aus dem verlorenen Krieg herausgekommen war, im Gegensatz zu Millionen anderer Soldaten aller beteiligten Länder, die zwar überlebt hatten, doch teils sehr stark verletzt waren. Das war für ihn und seine Famile ein unschätzbarer Vorteil.

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