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7 Tage im Leben des Max Grundig.

Ein Freund schreibt über einen Freund. Egon Fein für Max Grundig zum 75. Geburtstag.

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Kapitel I - 7. Mai 1908 - "Mit einem Zehner fing es an"

übearbeitet von Gert Redlich im Winter 2018.
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Der Tag, an dem alles begann, war ein Donnerstag.

Siebter Mai 1908. Ein sonniger Morgen über Nürnberg, das Thermometer zeigt 12 Grad. Mittags trübt es sich ein, es gibt ein paar Regenschauer, ein böiger Südwestwind kommt auf.

Denisstraße 3, drittes Haus links, gleich nach der Müllner- straße, Stadtteil Gosten-hof, im Westen Nürnbergs. Ein schmales gelbes Bürgerhaus, wie viele in dieser   . Gegend, kleine Erker, ein eingemeißelter Blumenkorb im Jugendstil, das Treppenhaus eng, zwei Wohnungen in jedem der drei Stockwerke, ein Hinterhof, nicht viel größer als ein Dutzend Handtücher.
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Die Grundigs bekommen einen Sohn

Nürnberg, Denisstraße 3, das Geburtshaus (rechts). Hinter den Erkerfenstern im ersten Stock kam Max Grundig in diese Welt.

Dem Schreinermeister Georg Hollfelder gehört dieses Haus; ein Kaufmann, ein Lokomotivführer, ein Schutzmann, ein Vorarbeiter, ein Magaziner mit ihren Familien sowie eine Witwe leben hier.

Ein paar Wolken mehr oder weniger machen in der Denisstraße - benannt nach dem Nürnberger Bezirksingenieur Karl Denis, der 1835 die erste deutsche Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth gebaut hat - kaum einen Unterschied. Sonne kommt ohnedies nie hierher. Die Fenster zur Straße liegen nach Norden. Nur zum Hof, wo ein kleiner Balkon von der Küche hinausführt, schielen die Sonnenstrahlen zwischen den traurigen Mietshäusern hindurch.

Aber heute, am 7 Mai 1908, ist dem Ehepaar im ersten Stock das Wetter sowieso egal. Die beiden haben mit sich selbst genug zu tun:

Marie Grundig, geborene Hebeisen, 27 Jahre alt, und der schon erwähnte Magaziner Max Emil Grundig, 29 Jahre, erwarten ihr erstes Kind, und sie wollen es zu Hause in ihren vier Wänden bekommen. Eine Hebamme, das ist alles, was Marie Grundig dazu braucht.
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Vier Tage später erfuhr auch die Öffentlichkeit von dem Ereignis. Die Zeitungen meldeten am 11. Mai 1908 seine Geburt

Es ist ein Junge

Dieses Kind ist ein Junge, und er kommt zur Welt, ehe die ersten Regentropfen gegen die Fenster klatschen, und als - fast zur selben Stunde - Karl Freiherr von Haller stirbt, Sproß eines der ältesten Nürnberger Patriziergeschlechter.

Soll man da nicht sagen: Ein Berühmter geht, der andere kommt? Nun, heute könnte mans - damals bestand zu solcher Feststellung noch kein Anlaß.
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Mutter Marie Grundig, geb. Hebeisen: Allein vier Kinder großgezogen
Vater Max Emil Grundig: Sein früher Tod stellte die Weichen für das Leben des Sohnes

Getauft und publiziert

Der Junge in der Denisstraße 3, erster Stock, geriet nicht zu kräftig, aber auch nicht schwächlich. Gesund und laut wie alle Babys. Ein ganz normaler Bub. Nur sein Zeitgefühl war ganz offensichtlich noch nicht recht intakt.

Hätte er bloß vier Tage mehr Geduld gehabt, wäre er pünktlich zum 29. Geburtstag seines Vaters angekommen, am 11. Mai. Der Vater hätte sich gefreut. Aber wie sollte ein so kleines Kind das schon wissen? Und Mutter konnt's nun mal nicht ändern.

Ein paar Tage danach wurde dieses Kind, wie sein Vater, auf den Vornamen Max getauft, und zwar im katholischen Glauben, weil auch die Mutter katholisch war, Vater Max Emil hingegen evangelisch.

Und am 11. Mai machte man das Ereignis einem größeren Publikum bekannt. In den standesamtlichen Nachrichten der »Nordbayerischen Zeitung« erschien, unter »Lorenzer Stadtseite«, die knappe Meldung, daß dem Magaziner Max Emil Grundig ein Sohn geboren wurde.

Wie das seinerzeit eben so war: Von der Mutter sprach kein Mensch - dem Vater wurde der Sohn geboren. Amtlich. Sei's drum: Schließlich war's der 11. Mai, und so kam er doch noch zu seiner Geburtstagsfreude...

Man sieht: Alles ging den rechten Gang, nichts daran war ungewöhnlich. Später freilich zeigte es sich, daß aus dem Max Grundig von der Denisstraße doch ein ungewöhnlicher Mensch werden sollte...

Die Zeit war friedlich und kaiserlich

Nürnberg, 1908: Eröffnung der »Nationalen Deutschen Genügelausstellung«. Der Anlaß war nur von geringer Bedeutung, das Erscheinen der Honoratioren in voller Wichs und Paradeuniform samt Orden jedoch auch zu Ehren des Federviehs eine bürgerliche Pflicht


Im Mai 1908 hatte davon noch niemand die geringste Ahnung. Die Zeit war eitel Frieden, sie war schlichtweg kaiserlich. Eine Woche nach Maxens Geburtstag, am 15. Mai, erschien Prinz Leopold von Bayern zur Truppeninspektion in Nürnberg, wohnte im Grandhotel am Hauptbahnhof und ließ sich abends durch einen großen Zapfenstreich huldvoll ehren.
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Bürger und Arbeiter

Bürgerhaus : In diesem Zimmer wohnte und arbeitete 1912 eine deutsche Handwerkerfamilie. Dieser Vater stellte Geldbörsen in Heimarbeit her.
Herrscherhaus : In diesem Glanz kam Bayerns Prinzregentenpaar am 28. Juli 1913 in Nürnberg an. Hier vor der alten Hauptwache neben der Sebalduskirche

Nürnberg hatte zu Anfang des Jahres 311.651 Einwohner, am Ende 316.174 (woran das Ehepaar Grundig einen Anteil hatte), der Rathausneubau an der Theresienstraße machte sichtbare Fortschritte.

Die Stadt hatte ein Vermögen von 180.477.149 Mark und 99 Pfennig, Schulden aber nur 101.038.069 Mark und 52 Pfennig (waren das noch Zeiten!).

Jeder Nürnberger trank im Jahr 243 Liter Bier, was 763.276 Hektoliter ausmachte, und eine Influenza-Epidemie warf 8.730 Leute aufs Krankenbett.

An allen Ecken und Enden begannen Bürger und Arbeiter sich zu organisieren. Der Kaufmann Ernst Reitzenstein, zum Beispiel, wurde am 1. Mai 1908 zum Ersten Vorstand eines »Gemeinnützigen Vereins zur Errichtung von Gartenkolonien« gewählt, dem sich auch Vater Max Emil anschließen sollte.

Arbeiter muckten auf und streikten wild: 100 Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter stritten für drei Mark mehr Wochenlohn, 16 Wagnergehilfen für fünf Pfennig mehr in der Stunde, Insgesamt wurde in 24 Fabriken gestreikt.

Ob das wohl etwas mit der günstigen Beschäftigungslage zu tun hatte? Im Dezember 1908 wurden in Nürnberg nur 2.513 Arbeitslose registriert.
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Die Lebenshaltungskosten um 1908

Ein Pfund Kombrot kostete 17 Pfennig, ein Pfund Rindfleisch 70 Pfennig, ein Ei 6 Pfennig, ein Pfund Butter 1,25 Mark, ein Liter Lagerbier 24 Pfennig und ein Liter Milch 18,5 Pfennig. Die Nürnberger Straßenbahn verlangte 10 Pfennig Einheitstarif, und das schon seit acht Jahren.

Zufälle und Ereignisse

Ein paar Jahre zu früh für den sein Lebtag lang radiobesessenen Max Grundig kam die Gründung des ersten Nürnberger Radio-Clubs. Daß der Lehrer Christoph Wirth, er unterrichtete an der Mädchen-Oberschule Labenwolfstraße, diesen Club ausgerechnet im Geburtsjahr Max Grundigs gründete, ist zwar ein Zufall, aber ein recht beziehungsreicher schon ......

Dieser Christoph Wirth schien überhaupt ein arg heller und erfindungsreicher Herr gewesen zu sein. Knapp zwei Monate, bevor Grundig junior zur Welt kam, erstaunte er dieselbe durch seine Fernlenkversuche auf dem Dutzendteich. Den Süßwassermatrosen fielen vor Staunen fast die Augen ins Wasser, als Meister Wirth mit Hilfe einer »Elektrischen Vorrichtung zur Inbetrieb- bzw. Außerbetriebsetzung einer Anzahl von Maschinen oder anderen Einrichtungen von einem entfernten Punkte aus« (Originalton der Patentschrift des kaiserlichen Patentamtes) Schiffe dorthin lenkte, wo er sie haben wollte.

Schon ein paar Jahre später sollte der junge Max, Bastler bis in die empfindsamen Fingerspitzen, an solchen Experimenten seine helle Freude haben.

Mit Vater Grundig freilich hatte Vermieter Blank keine Schwierigkeiten. So sah damals sein Mietvertrag über die
Wohnung im zweiten Stock der Fürther Straße 196 aus, rechts neben dem Erker.

100 (Reichs-) Mark Miete im Vierteljahr

Vorläufig freilich blieb sein Wirkungskreis auf ein weißes Kinderbett in der Denisstraße 3 beschränkt, bis der Vater eine größere Wohnung suchte und fand, und zwar in der Fürther Straße 196.

Ein stattliches, typisch Nürnberger Mietshaus aus Sandstein, vier Stockwerke hoch, hübsche Erker und eine ausgebaute Mansarde.

Keine zweihundert Meter von den Herkules-Werken entfernt, wo Vater Grundig als Magaziner oder auch Lagerverwalter sein Brot verdiente.

Am 10. Oktober unterzeichnete er den von Hausbesitzer Bernhard Blank ausgefertigten Mietvertrag, der ihm und seiner kleinen Familie ab 1. Januar 1909 im zweiten Stockwerk drei Zimmer sicherte, für die er im Vierteljahr 100 Mark zahlte.

Harte Bräuche herrschten damals: Wurde die Miete nicht pünktlich bezahlt, konnte der Hausherr seine Schuldner nach drei Tagen auf die Straße setzen.

Weil indessen die Zeiten sich nicht allzu günstig entwickelten und die Gazetten von einem »Abflauen des Wirtschaftslebens« schrieben, was sich auch darin manifestierte, daß die Einlagen bei der Städtischen Sparkasse im Laufe des Jahres 1908 um 462.615 Mark und 47 Pfennig zurückgingen und 1909 weiter absackten, zog auch Vater Grundig seine Konsequenzen:

Mit Frau und Sohn siedelte er schon am 1. Oktober 1909 in die Wohnung nebenan um.

Sie hatte ein Zimmer weniger und es kostete nur noch 68 Mark und 75 Pfennig - im Vierteljahr.
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Das Pflänzchen hieß Beifuß

Schneidig: Die Wache am Nürnberger Königstor 1913, als Max gerade fünf Jahre zählte.
Kahnpartie in der Nürnberger Altstadt. Das war 1909 möglich, als die Pegnitz Hochwasser führte und die Innenstadt auf der Sebalder Stadtseite überschwemmte
Schüler Max mit Schwestern Minna, Agnes und Klara (»Cläre«). Aufgenommen während des ersten Weltkriegs in der Nürnberger Pestalozzistraße

Noch war Max junior nicht soweit, um die Vorteile des nahen Bahndamms der Ludwigs-Eisenbahn zu erkennen, der nur ein paar Meter entfernt von seiner Haustür verlief. Dort wuchs eine Menge Unkraut, aber wer genau hinschaute, der sah dazwischen ein paar Pflänzchen, die recht lukrativ sein konnten, wenn man sie nur zur rechten Zeit zupfte und an eine Nachbarin verscherbelte, die Sinn für die Gesundheit der Natur hatte.

Schon ein paar Jahre später erfaßte der gewiefte Junge diesen Wert des unscheinbaren Grases am Bahndamm...

Das Pflänzchen hieß Beifuß. Gar kein so übles Kraut, aber mit der Hypothek eines ordinären lateinischen Namens belastet: Artemisia Vulgaris. Eine Ödlandpflanze, doch wichtig als Küchengewürz, für Wild, Geflügel und Schweinebraten. Gesund und hilfreich bei Frauenleiden, nervösen Aufregungen, Krämpfen und Schlaflosigkeit...

Nun, damit hatte Mutter Grundig nichts im Sinn. Ihr lag eher an dem würzigen Geschmack, den der Beifuß sonntags dem Schweinebraten verlieh. Schließlich war sie eine vortreffliche Köchin, und darum schickte sie Söhnchen Max auf die Straße: »Geh, hol mal ein bissele Beifuß.«

Max ging, und mit ihm seine Freunde, schlaue Lausbuben aus der Nachbarschaft. Hatte der Beifuß seine hohe Zeit, dann stand er sehr zahlreich am Bahndamm. Soviel brauchte Mutter Grundig gar nicht. Was also mit dem Überschuß? Max: »Das Kraut verkaufen wir!«

Die Jungs ordneten den Beifuß zu appetitlichen Sträußen, setzten sich an den Straßenrand und warteten auf Kunden. Die kamen. Hausfrauen auf dem Weg zum Einkauf. »Woll'n S' an Beifuß für Ihr'n Schweinsbratn? Blouß a Zehnala.« Das Angebot war überzeugend, die Ware frisch, und »a Zehnala« heißt zu deutsch: 10 Pfennig.

Warum gerade 10 Pfennig?

Max Grundig war gerade in die Schule gekommen, als der erste Weltkrieg ausbrach. Am 31. Juli 1914, wurde die Mobilmachung verlesen.
Sechste Klasse, Volksschule Preißlerstraße im Westen Nürnbergs, Juni 1919: Ganz oben, rechts außen, Max Grundig. Da war er noch blond.

Dies hatte einen sehr gewichtigen Grund. Die Buben mochten Waffelbruch wie andere Kaviar, und da kosteten zwei Tüten exakt 10 Pfennig. Das war die Währung, das Geld gut angelegt und wieder ein paar hungrige Mäuler gestopft.

Denn wie sonst sollte man an 10 Pfennig kommen?

Die Eltern hatten keinen Hosenknopf zu verschenken, und Waffelbruch galt in der Lebkuchenstadt Nürnberg unter Kindern als eine ausgesprochene Delikatesse.
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Ideen muß man halt haben!

Das war die erste kaufmännische Tat des Max Grundig. Sein erstes selbstverdientes Geld. Ideen muß man halt haben!

Wie alt er war, als er das erste Zehnala in die mit Draht, Schusser (anderswo sagt man Murmeln) und anderem Krimskrams überfüllten Hosentaschen einschob, das ist leider nicht verbürgt.

Entweder war's noch, bevor Max 1914 zum Lehrer Georg Frühwald in die Volksschule an der Preißlerstraße einzog, oder in den ersten beiden Schuljahren, also irgendwann zwischen 1913 und 1916.
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Die Familie wurde immer größer

Schon vor diesen Jahren hatte sich bei Grundigs einiges getan. Die Familie wurde immer größer :

  • Am 11. Mai 1909, auf den Punkt genau zum 30. Geburtstag von Vater Max Emil, kam Schwester Wilhelmine zur Welt, Minna genannt,
  • am 29. Mai 1910 (warum bloß immer im Mai?) Schwester Agnes und
  • am 15 Januar 1912 das Nesthäkchen Klara, auch Cläre gerufen.


Dieser Zuwachs brachte die besorgten Eltern in räumliche Bedrängnis. Die zwei Zimmer in der Fürther Straße 196 reichten beim besten Willen nicht mehr aus.
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Muggenhofer Straße 55, dritter Stock, rechts. In diesem Haus an der Ecke zur Pestalozzistraße lebte Vater Max Emil Grundig bis zu seinem Tod

Also zog man um, aber das war gar nicht so einfach, denn die Wohnung durfte nicht teuer sein. Die Grundigs fanden sie erst in der Schnieglinger Straße 213, Parterre; dann in der Muggenhofer Straße 67, vierter Stock; in der Hillerstraße 13, Parterre; Spohrstraße 14, vierter Stock (dort lebten sie während des ersten Weltkriegs); und schließlich, bei Kriegsende, in der Muggenhofer Straße 55, dritter Stock.

Wo immer sie auch wohnten, sie blieben im Westen Nürnbergs, in den Stadtvierteln Gostenhof, Höfen oder Sündersbühl, nahe der Fürther Stadtgrenze. Ob Max damals schon den Drang nach Fürth verspürte?
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Die Städte Nürnberg und Fürth

Mehr als 90 Jahre lang verband die Ludwigs- Eisenbahn die Städte Nürnberg und Fürth.
Auf den Fahrkarten wurden sogar Wagennummer und Uhrzeit der Abfahrt vermerkt. Die letzte Fahrt 1925.

Dazu muß man wissen: Die Städte Nürnberg und Fürth sind zwar so aneinan-dergebaut, daß jeder Fremde sie für eine einzige Stadt halten muß. Aber nichts wäre verkehrter als das. So nah die beiden Städte sich geographisch sind, so fern waren sich damals die Bürger.

Ein 1919 und 1920 von ernsthaften Stadtpolitikem erwogenes Einigungsbestreben wurde von hartnäckigen Lokalpatrioten beider Seiten empört abgeschmettert. Nürnberg und Fürth zusammenzuschließen - eine Stadt daraus zu machen - unmöglich!

Die Fürther wollten sich nun mal um keinen Preis der Übermacht des östlichen Nachbarn beugen, und für die Nürnberger begann am anderen Ende der Fürther Straße das Ausland, wo lauter »Salzköpf'« leben (Nürnberger Schimpfwort für Fürther).

Für den Nürnberger Sportler lag dort gar Feindesland, was alljährlich bei den Fußballspielen zwischen dem l.FC Nürnberg und der Spiel Vereinigung Fürth schlagend bewiesen wurde. Aus »Sicherheitsgründen« schleppten besonders hartgesottene Fans derer vom Nürnberger Zabo Zaunlatten und anderes niedliches Schlagzeug zum Fürther Ronhof. Man konnte ja nie wissen, was die Fürther ausbrüteten! Daß ein Spiel abgebrochen wurde, weil die Spieler sich am Trikot und die Zuschauer in die Haare kriegten, war nicht selten.

Am 21. April 1924 per Eisenbahn nach Amsterdam

Wo sie auftraten, zitterten die Gegner, denn die Mannschaft des 1. FC Nürnberg, genannt »der Club«, war in den zwanziger Jahren Nummer 1 unter den Fußballern Deutsch' lands. Hier die Elf 1924, als mit den Fürthern nicht gerade Freundschaft herrschte.

Die Kapriolen zwischen Nürnbergern und Fürthern wurden grotesk, als ein gemischtes Team aus Spielern von Club und Kleeblatt, was zu deutsch Nürnberg und Fürth heißt, am 21. April 1924 per Eisenbahn nach Amsterdam fuhr, um als Nationalelf ein Länderspiel gegen Holland zu bestreiten.

Die Mannen reisten zwar im selben Zug, doch Nürnberg saß - geschart um Heiner Stuhlfauth - im ersten, Fürth im letzten Waggon. Sie spielten gemeinsam, gewannen gemeinsam 1:0, und fuhren zurück, wie sie gekommen waren - getrennt.

Gesprochen wurde kein Wort. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Das alles ist Vergangenheit. Heute sehen die Fürther nicht nur wie Nürnberger aus (und umgekehrt), sie benehmen sich auch so (und umgekehrt). Nürnberg und Fürth trennt zwar nach wie vor die Stadtgrenze, an der Teile der Grundig-Werke stehen, aber sonst auch nichts mehr.

Fürth, der »Blinddarm-Fortsatz« der Nürnberger

Diese Lektion in Nürnberg-Fürther-Historie ist notwendig zum Verständnis einer fränkischen Posse. Nur so wird begreiflich, warum der Schritt zumindest ungewöhnlich war, den Max Grundig - Jahre später - tun sollte.

Er, ein waschechter Nürnberger, wechselte nach Fürth, um diesem »Blinddarm-Fortsatz« seiner Heimatstadt (Originalton aus Nürnberg) zur Weltgeltung zu verhelfen. Denn was taten die Fürther eilends? Sie verkauften Max Grundig vom Nordkap bis nach Feuerland als einen der ihren!

Vater Grundig freilich, gebürtiger Sachse

Juni 1915 - Da hatten die Zeiten sich schon sehr zu ihrem Nachteil gewandelt : Hier wurden in einem Möbelwagen »Wollsachen und Webzeug« für die Kriegs-invaliden-Fürsorge der Stadt Fürth eingesammelt.
Jan. 1918 - Hunger und Unmut über den Krieg, der nicht enden wollte, trieb sie auf die Straße: Eine Arbeiterdemonstration am Dienstag, 29. Januar 1918, nachmittags um drei Uhr auf dem Fürther Königsplatz.
Kartoffelverkauf an hungernde Bürger am 20. Februar 1916 im Fürther Rathaushof. Im Hintergrund die Rückseite des Cafes Fürst, mehr als ein Jahrzehnt später von Max Grundig als Stammlokal bevorzugt.
1918 reichte es zu Maxens Kommunion trotzdem noch für ein »feines Tuch«. Neben ihm seine Stiefschwester Luise.
Erblindete englische Soldaten nach einem Gasangriff an der Westfront 1914

Sein Vater freilich, gebürtiger Sachse, hatte den Dunstkreis der Stadt Fürth nicht gesucht, weil er ein »Abweichler« gewesen wäre, ihm - dem »Preiß'n« - waren solche Gedanken fremd. Er wollte ganz einfach in der Nähe seiner Arbeitsstelle wohnen, um das Straßenbahngeld zu sparen. Die Herkules-Werke standen in der Muggenhofer Straße, und er verdiente gerade 278 Mark im Monat.

Darum war es auch nicht einfach für diesen braven, bescheidenen Mann, seiner Familie mit vier Kindern täglich die Fleischtöpfe zu füllen. Von wegen Fleisch! Meist gab's Mehlspeisen, Pfannkuchen, zum Beispiel, denn Mutter Marie war Schwäbin und gelernte Köchin. Fleisch kam - außer sonntags freilich - nur einmal in der Woche auf den Tisch, ein kleines Stück Schnitzel oder Rostbraten.

Der Vater sollte es essen, denn er mußte schließlich arbeiten und die Familie ernähren. Aber wie das so ist, wenn vier Kinder am Tisch sitzen und mit großen Augen auf das kleine Stück Fleisch schielen: Der Vater brachte es nicht übers Herz, allein abzusäbeln. Er gab dem Max einen Happen, der Minna, der Agnes, und der Klara auch einen. Das war's dann. Für Vater blieb nicht viel übrig, aber er war's zufrieden.

Vater wußte, wie weh Hunger tun kann

Er wußte, wie weh Hunger tun kann, und deshalb wollte er vor allem anderen seine Kinder satt bekommen. Und wenn er sich - wie im Ersten Weltkrieg - aufs Organisieren verlegen mußte.

Da war, zum Beispiel, die Sache mit den Kirschen: Die Herkules-Werke bauten zwischen 1914 und 1918 Lastwagen für die Front, und ehe die Dinger abgeliefert wurden, mußten sie eingefahren werden.

Wohin wohl? Am besten in eine Gegend, wo's was zum Hamstern gab, wie man das damals nannte. Etwa nach Kalchreuth im Norden Nürnbergs, denn dort hingen im Sommer massenhaft Kirschen von den Bäumen. Ein wahres Kirschenparadies, für die Nürnberger zweimal im Jahr bevorzugtes Ausflugsziel: Zur Kirschenblüte und zur Ernte.

Vater Grundig und seine Kollegen packten also ein paar Waschkörbe ein, füllten sie bis oben hin mit Kirschen und brachten sie ihren Familien mit. »So, Kinder«, sagte der Vater zu Hause, »jetzt eßt euch mal satt!«

Die vier Kinder taten's, und es muß ein durchschlagender Erfolg gewesen sein, denn Max Grundig erinnert sich lebhaft: »Wir haben den halben Korb Kirschen auf einmal aufgegessen und waren drei Tage krank.«

Solche Ereignisse sind vornehmlich der Grund dafür, weshalb Max Grundig diesen Teil seiner Jugendzeit niemals aus dem Gedächtnis verloren hat: »Ich hab' von früh bis abends Hunger gehabt.«
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Als der 1. Weltkrieg dem Ende zu ging

Dazu trugen auch die Zeitläufte bei. Der Erste Weltkrieg, anfangs noch voller Euphorie und Siegeszuversicht ausgefochten, begann die Kräfte beider Seiten zu übersteigen. Während von Februar bis Juni 1916 bei Verdun allein die französischen Verluste auf 440.000 Mann stiegen, rationierten die Deutschen zum erstenmal ihre kargen Lebensmittel. Es gab eine Fleischkarte und in den ersten Monaten noch 250 Gramm wöchentlich. Das wurde rasch weniger, bis Millionen Deutsche im sogenannten Kohlrübenwinter 1916/17 sich hauptsächlich von Steckrüben ernährten.

Als 1917 nach dem Kriegseintritt der USA 1,7 Millionen amerikanische Soldaten an den europäischen Fronten erschienen und der totale deutsche U-Boot-Krieg gegen England zwar Erfolge, nicht aber die erhoffte Wende brachte, sah es in der Heimat immer düsterer aus, Munitionsarbeiter streikten, Metzger verkauften nur noch Pferdefleisch, Milchläden schlossen, weil sie keine Milch mehr hatten, eine Grippe-Epidemie raffte allein 1918 in Deutschland mehr als 196.000 ausgehungerte Menschen dahin.

Vor dem Laden des Metzgermeisters Held in der Staudengasse 1916 standen hungernde Menschen an, die auf Pferdefleisch warteten.

4 Kinder und der Hunger

Auch Mutter Grundig mußte streng rationieren, damit alle vier Kinder immer gleich viel zu essen bekamen, Sie sperrte Brot, Margarine und Kunsthonig in eine Schublade des Küchenbuffets - sicher verwahrt, wie sie glaubte. Aber Max und seine Schwestern waren einfallsreich, Sie entsannen sich der Reinigungsbürste für die Petroleumlampe, die am anderen Ende einen recht praktischen Haken hatte. Den konnte man in die Ritzen des Küchenbuffets schieben und die versperrten Schubladen - sie hatten sowas ähnliches wie Klapptüren - von innen aufdrücken, »Dann haben wir uns vom Brot was runtergeschnitten, den Kipf wieder rein ins Büffet und die Schublade zugeklappt. Wir glaubten, das merkt keiner,«

Die Mutter hat's natürlich bemerkt, aber sie schwieg. Konnte sie ihren Kindern böse sein, nur weil sie Hunger hatten? Sie war es auch nicht, als Tochter Minna heulend ankam: »Die haben meinen Osterhasen g'stohl'n und auf gess'n !«

Was war geschehen?

Die Geschichte mit dem Osterhasen

Zu Ostern hatte jedes der vier Kinder einen Osterhasen geschenkt bekommen, eingewickelt in rotes Papier, Max und seine jüngeren Schwestern Agnes und Klara köpften das Langohr umgehend, Minna, die mit dem Hunger wohl am ehesten fertig wurde, hob den Hasen wochenlang auf, »... bis wir ihn erwischt haben, und da war er weg!« So Max Grundig später.

Selbst Schmerzen nahm Max in Kauf, wenn er bloß was zu essen bekam. Er hatte Zahnweh, und es sah ganz so aus, als müsse das Ding raus, Zahnziehen: Mit Betäubung verlangte der Arzt mehr, und deshalb fragte der Vater seinen Sohn: »Was willst haben? Eine Spritze oder ein Stück Käskuchen?« Was für eine Frage? »Käskoung«, antwortete Max ohne zu überlegen und trottete mit dem Vater zum Zahnarzt.

Die Schlachtbank hätte auch nicht schlimmer sein können, denn es tat fürchterlich weh, Max brüllte wie am Spieß - und er bekam sein »Stückla Käskoung«, wie das in Nürnberg heißt. Auch in der Sekunde, als der Onkel Doktor den Schreckenshebel ansetzte, hatte Max sich in seinem Entschluß nicht beirren lassen.

Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi

Vielleicht dachte er dabei an Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi aus seinen Karl-May-Büchern, die schließlich auch tapfer waren und die Zähne zusammenbissen. Max borgte sich die Karl-May-Bände und andere Abenteuer- Romane regelmäßig in der Bibliothek gegenüber aus. Der Besitzer kannte ihn schon, denn Max holte samstags manchmal acht bis zehn Bücher, die er übers Wochenende las.

Der Friseur .... war unser Vater

Apropos Wochenende: Da nützte der Vater oftmals die Gelegenheit, sich den Kopf seines Filius' vorzunehmen. Er ersetzte kurzerhand den Friseur und schnitt die Haare selbst. Zumeist blieb dabei eine sauber geschorene Glatze zurück. »Plattn« nennt der Nürnberger so etwas. Doch das war praktisch, hygienisch und hielt auch eine ganze Weile vor.

Als Vater krank wurde

Es muß wohl Ende des Ersten Weltkrieges gewesen sein, als Vater Grundig sich mit einer Blinddarmentzündung herumplagte und im Städtischen Krankenhaus operiert werden mußte. Selbst für die damalige Zeit kein weltbewegender Umstand, aber irgend etwas schien dabei schiefgelaufen zu sein.

Ob ein Arzt gemurkst hatte oder die Naht ganz einfach zu schwach war, der Vater hatte seitdem einen Bruch. Auch damit kann man leben, aber man muß eben immer ein wenig aufpassen. Und das tat Max Emil Grundig.
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Es geht weiter mit Kapitel 2

Aber am 8. Mai 1920 passierte es trotzdem. Ein Samstag. Der Vater hatte Bretter gekauft, um in seinem Schrebergarten im Stadtteil Sündersbühl das Gartenhäuschen zu reparieren.

Morgens, ziemlich früh, packte er in der Muggenhofer Straße das Holz zusammen. Er wuchtete eines der schweren Bretter wohl zu schnell auf den Leiterwagen, die Naht platzte, der Bruch trat hervor.

Diese eine Sekunde, die Folgen dieser zunächst wohl kaum gefährlichen Verletzung, sollten das Leben des knapp 12jährigen Max Grundig entscheidend beeinflussen...
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