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7 Tage im Leben des Max Grundig.

Ein Freund schreibt über einen Freund. Egon Fein für Max Grundig zum 75. Geburtstag.

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Kapitel VI - 13. Mai 1970 - "Die Stiftung - das Haus ist bestellt"

übearbeitet von Gert Redlich im Winter 2018.

1970 - 25 Jahre Aufbau lagen zurück.

Es war ein steiler Weg nach oben. Wie würde es weitergehen? Waren wir »an der Decke« angelangt, satt geworden, hatten wir genügend nachgefaßt, was wir lange entbehren mußten?
Die Industrie hatte gewaltige Kapazitäten aufgebaut, von Jahr zu Jahr dem Bedarf angepaßt. Jetzt mußten sie weiter ausgefüllt werden. War das möglich? Was brauchten die Leute noch, was wollten sie eigentlich? Wie sahen die Wünsche von morgen aus? Lauter Fragezeichen ...

Max Grundigs Konzern war vorbereitet:

21 Firmen, 19 Fabrikationsstätten, drei weitere im Bau, kurz vor der Produktion, zwölf Niederlassungen und Vertriebsorganisationen im Inland, 34 insgesamt in Europa, 30 in Asien, 57 in Afrika, 22 in Australien, 7 in USA, 60 in Lateinamerika. 25.000 Beschäftigte produzierten Fernsehgeräte in Farbe und Schwarz-Weiß, Rundfunk-Tischgeräte, Konzertschränke, HiFi, Autogeräte, Reisesuper, Tonbandgeräte, Video-Recorder, Diktiergeräte, Meßgeräte, Fernsteuerungen, Fernsehanlagen, Digitaltechnik, Bauelemente für Rundfunk-, Fernseh- und Tonbandgeräte-Hersteller.

1970 - Max Grundig war nun 62 Jahre alt.

Max Grundig ging nun daran, dieses Imperium, sein Lebenswerk, zu sichern. Er hatte keinen direkten Erben, und schon deshalb mußten Familie und Werk voneinander gelöst werden. Keine Verflechtung privater Schicksale mit der Zukunft eines - seines - Unternehmens.

Er verlangte einen Trennungsstrich, eine Lösung über seine Zeit hinaus, und die Weichen hierfür wollte er jetzt stellen. Dies hatte nichts mit »Amtsmüdigkeit« zu tun, der Chef war alles andere als müde. Es war die intelligente Vorsorge, das Heft behielt er weiter in der Hand.

Ergebnis : Die »Max Grundig-Familien-Stiftung«

Die ideale Form, das Problem zu lösen, hieß Familienstiftung, exakt ausgedrückt: »Max Grundig-Familien-Stiftung«.

Am 22. Februar 1970 wurde sie von Max Grundig errichtet, am 12. März 1970 beim Amtsgericht Fürth dazu der »Grundig-Familienverein mit Sitz in Fürth/Bayern« angemeldet.

Architekten dieses Vertragswerkes waren Dr. Adolf Helm, Grundigs Rechtsanwalt, Dr. Eugen Widmaier, sein Generalbevollmächtigter, und der Münchner Anwalt Dr. Haas, der viele Unternehmen »zukunftssicher« gemacht hatte.

Die Holding sollte den Chef ersetzen

Die Stiftung nahm Max Grundigs Stelle als Alleininhaber ein. Sie wurde gewissermaßen zum Konzernträger-Unternehmen, zur Holding, und mit dem Betriebsvermögen der »Grundig-Elektro-Mechanischen Fabrik« als Grundstock ausgestattet; dazu kamen die Geschäftsanteile an der Firma »Grundig-Werke GmbH«. Grundkapital: 200 bis 250 Millionen DM.

Nach der für 1972 geplanten Umwandlung dieses Unternehmens in eine Aktiengesellschaft sollte die Stiftung deren Aktien, sämtliche Gewinne und Verluste der AG übernehmen. So konnten die Gewinne nach Abzug der Körperschaftssteuer von der Stiftung wieder als Kapital ins Unternehmen zurückfließen. Der Konzern blieb gesund und leistungsfähig.

Die »Grundig-Werke AG« war damit die Muttergesellschaft aller in- und ausländischen Produktions- und Vertriebsstätten der Gruppe.

Nach dem Willen des Stifters wurde in der Satzung sichergestellt, daß »der Fortbestand aller Grundig-Unternehmen mit Vorrang dauernd gesichert ist.«

Gleichzeitig war »die Wahrung und Förderung gemeinsamer Interessen der Angehörigen der Familie Grundig Zweck der Stiftung«.

Alleiniger Vorstand der Stiftung auf Lebenszeit wurde Dr. Max Grundig.

Der 13. Mai 1970 war der Tag der Stiftungsgründung

Zu Mitgliedern des Kuratoriums berief er Berthold Beitz als Vorsitzenden, Rechtsanwalt Dr. Adolf Helm als Stellvertreter, sowie Annelie Grundig, seinen Schwiegersohn Wilhelm Scheller, den Bayerischen Staatsminister für Wirtschaft und Verkehr, Dr. Otto Schedl, Dr. Eugen Widmaier und Baron Georg von Ullmann, der leider am 1. April 1972 tödlich verunglücken sollte.

Der Tag, an dem Max Grundig sein Haus bestellte, war der 13. Mai 1970, ein Mittwoch: Die Errichtung der »Max Grundig-Familien-Stiftung«, die ab 1. Dezember nur noch »Max Grundig-Stiftung« heißen sollte, und die Absicht, die Grundig-Gruppe am 1. April 1972 in eine AG umzuwandeln, wurden bekanntgegeben.

Draußen in der Welt ging es heiß her

Ein bewölkter, etwas regnerischer und kühler Maitag in Nürnberg/Fürth, nur 12 bis 15 Grad warm. Draußen in der Welt ging es heißer zu: Israel griff im Libanon an, bei Rassenunruhen in Georgia wurden sechs Menschen erschossen.

In Südwestdeutschland gab es Hochwasser, die Butter wurde teurer, in Bonn bereitete man das für den 21. Mai angesetzte Treffen zwischen Bundeskanzler Brandt und DDR-Ministerpräsident Stoph vor, und noch schien die Konjunktur ungebrochen:

Die Zahl der Zweitwohnungen stieg, und die »Nürnberger Nachrichten« veröffentlichten 16 1/2 Seiten Stellenangebote.

Ein Blick auf 1970, ein schwieriges Jahr

Leider nicht mehr lang, denn 1970 sollte für die Industrie in der Bundesrepublik, besonders für die Unterhaltungselektronik, das schwierigste Jahr seit der Währungsreform 1948 werden. Und das war erst der Anfang eines problematischen Jahrzehnts. Die Frage nach der Zukunft stellte sich brennender als jemals zuvor in den letzten zwanzig Jahren.

Zwar stieg 1970 der Umsatz nochmals kräftig an und übersprang mit 1,14 Milliarden DM eine Schallgrenze, nicht aber der Produktivitätszuwachs, und die Kosten explodierten, wie man es noch nie vorher erlebt hatte. Die Käufer, Anfang des Jahres noch recht aktiv, versteckten sich von Monat zu Monat mehr. Die Steuermaßnahmen der sozialliberalen Koalition zur Konjunkturdämpfung schlugen negativ durch, und nach der DM-Aufwertung ging auch dem Export etwas die Luft aus.

In den USA ging es aufwärts

Nur die USA machten eine Ausnahme. Dort ging es genau andersrum: Grundigs »Heimunterhaltungsgeräte« (heute wäre das Home-Entertainment), wie die Amerikaner sie nannten, erfreuten sich einer steigenden Nachfrage, und der Trend hielt an. Im vierten Quartal 1970 lagen die Umsätze um 20 Prozent über denen des Vorjahres. Eine Produktionserhöhung für den USA-Markt und eine Umstellung auf eine »breitere Kundenbasis« waren deshalb vonnöten.

28.000 Mitarbeiter - Aber es "läuft" nicht mehr von alleine

Grundig hatte natürlich die Nase hauptsächlich im europäischen Wind, mußte aber in Kauf nehmen, daß außer Farbfernsehern, Autosupern, Tonband-und HiFi-Stereogeräten nichts so recht laufen wollte wie ehedem. Zum Glück gab's in den ausländischen Werken weniger zu klagen, und so schuf Max Grundigs Optimismus trotz allem 13 Prozent mehr Arbeitsplätze als 1969, 28.700 im Jahresdurchschnitt, davon 22.400 im Inland. Im Werk 11 in Nürnberg wurde die 2.500ste Mitarbeiterin eingestellt.

Überall wurde verbessert und erneuert

Auch die anderen Geräteproduzenten ließen sich, bei allen düsteren Worten der Marktstrategen, nicht lumpen. Es kamen auf den Markt:

Die Ultraschall-Fernbedienung »Tele-Dirigent« für sieben Fernsehprogramme; »Audiorama 7000«, eine preisgünstige Kugelbox mit 12 Lautsprechersystemen; ein neuer Grundig-Heim-Stereo-Cassetten-Recorder; das HiFi-Stereo-Tonbandgerät TK 600; die 110-Grad-Technik für Farbfernseher startete.

Die Produktion dieser Farbfernsehgeräte fand trotz aller berechtigter Krisenangst am 18. September 1970 in der »Grundig-Stadt« Nürnberg-Langwasser ihr großzügiges Zentrum.

Schon 1963 und 1966 waren dort erst Werk 11 für die Tonband- und Diktiergeräte-Fertigung und dann das Zentral Versandlager entstanden, im April 1970 zogen die ersten Fernseh-Fertigungen nach Langwasser. Nun präsentierte sich im Südosten der Stadt Europas größte und modernste Industrieanlage für Farbfernseh-Apparatebau und Kunststoffverarbeitung, denn die Werke 09 und 16 waren jetzt fertiggestellt.

Trotz beginnender Unsicherheit ein Werk der Superlative

Ein Werk der Superlative in einer Zeit beginnender Unsicherheit:

Drei Fabriken auf zunächst 460.000qm Gelände, 1961 bereits erworben; 72 Millionen DM Kosten ohne einen Pfennig Fremdkapital; Tagesproduktion 600 Farbfernseher, bald schon 270.000 im Jahr; eigener Versandbahnhof mit 2,5 km Gleisanschluß und täglich etwa 50 Waggons Abfertigung; zunächst 5.000, bald 10.000 Arbeitskräfte auf 113.800qm »Nutzfläche«; 3,7km Straßen und 33.600qm Parkplätze; 160 Kunststoff-Spritzmaschinen mit einem täglichen Verbrauch von 25.000kg Kunstgranulat; Verwaltungsbau für 800 Angestellte; Filmstudio für Besucher; zwei 16geschossige Wohnhochhäuser für 860 Beschäftigte.

Eine weitere Fabrik für Tonköpfe und Mikrophone, ein Gebäude für die Niederlassung Nordbayern, eine Halle für Messungen und Qualitätsprüfungen und eine Großküche waren im Bau. Insgesamt bald 600.000 qm.

Hier war, in problematischer Zeit, ein »Grundig-Denkmal« entstanden, eine Industrie-Stadt, die in den folgenden Jahren noch weiter wachsen sollte. Zeugnis für den ungebrochenen Optimismus des Max Grundig, der sich auch im Sturm nicht beugte, sondern den Kopf oben behielt und dem Risiko in den Nacken griff.

Otto Siewek erlebt die Eröffnung nicht mehr

Ein Schatten freilich fiel auf das große Ereignis: Einer seiner ältesten Mitarbeiter, Generaldirektor und zuletzt auch stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender Otto Siewek, erlebte die Einweihung in Langwasser nicht mehr. Er starb am 23. Juli 1970 überraschend nach kurzer Krankheit, nicht einmal 66 Jahre alt geworden.

Ein herber Verlust für Max Grundig. Otto Siewek, ein Mann der allerersten Stunde, der seine Ärmel hochgekrempelt hatte, als nach dem Krieg in der Kurgartenstraße die Baugruben ausgehoben wurden, war immer an seiner Seite, wenn er ihn brauchte.

Ein Augenblick, um nachzudenken, Atem zu holen, denn die Aufgaben türmten sich, und der Tod Sieweks schmerzte, obgleich der Generaldirektor nicht mehr aktiv tätig war.

Auch ein Grundig muß mal pausieren

Um dieser Hektik wenigstens zwischendurch für ein paar Tage zu entgehen, wich Max Grundig gern in die Wärme des Südens aus. Er hatte von 1960 bis 1968 ein Haus in Mandello am Comersee, aber er liebte Südfrankreich, die Riviera. Schon als junger Mann mit wenig Geld in der Tasche hatte er gespart, um sich Ferien in Cap Martin leisten zu können.

Nun, fast vier Jahrzehnte später, und als Großindustrieller finanziell schon wesentlich beweglicher, erlaubte er sich wieder einen kurzen Abstecher an die Cote d'Azur. Diesmal wollte er ernst machen, jetzt, wo er sich's leisten konnte:

»Hier kauf ich mir was!«

In seinem Hotel fragte er den Portier: »Ich möchte mir ein Häusle bauen, wissen Sie was in der Nähe?«

Max Grundig, in typisch fränkischer Untertreibung, sprach - wie 18 Jahre zuvor in Hohenburg - von einem »Häusle«, klein und bescheiden. Aber er konnte ja nicht ahnen, was der Portier wußte: »Da fragen Sie mal nach der Villa Soulico.«

Das war so eine Sache mit der Villa Soulico. Die gehörte einer russischen Prinzessin mit dem Zungenbrecher-Namen Anna Chervachidze. Eigentlich war sie gar keine geborene Prinzessin, sondern eine Tänzerin und erst durch die Heirat mit einem russischen Fürsten zur Prinzessin aufgestiegen.

Diesem längst verstorbenen Herrn hatte sie auch das Prachtstück von einem Haus an der Westseite des Cap Martin zu verdanken. Die Greta Garbo und der Arthur Rubinstein verkehrten dort, Onassis und Niarchos, die Begum und das monegassische Fürstenpaar, Und wenn sie bei guter Stimmung war, dann tanzte die Prinzessin Chervachidze auf dem Tisch.

Nun hatte sie den letzten Walzer getanzt . . . .

 denn das Geld war ihr ausgegangen. Beim Spiel oder nur so, weil ein Leben an der Cote d'Azur bei entsprechendem Wandel auch ein handliches Vermögen zur Schmelze bringt. Die Dame mußte verkaufen, die Monegassen stellten ihr anderswo ein kleineres Etablissement zur Verfügung.

Das war Max Grundigs Chance, auf seinem geliebten Cap Martin ein bißchen heimisch zu werden. Er kratzte sich zwar bedenklich am Kopf, als er den Preis hörte, aber warum sollte sich ein Max Grundig, der ein Industrie-Imperium aus dem Boden gestampft und dabei zu keiner Sekunde auf sich Rücksicht genommen hatte, warum sollte der sich nicht auch mal einen Luxus leisten?

Er leistete es sich, 380.000 Dollar auf den Tisch zu legen, das waren damals genau 1,38 Millionen DM. Hand aufs Herz: Dafür kriegt man heute, 1983, in München, Düsseldorf oder Hamburg nicht mal eine Fünfzimmer-Dachterrassenwohnung ...

Doch leider keine Sonne ohne tiefe Schatten

Max Grundig liebte diese Villa. Sie lag wunderschön, Fels, Sonne, Pinien und direkt am Meer. Ein Klima, das ihm gut bekam.

Aber bald stellte sich heraus, daß die Villa Soulico vielleicht von ein bißchen zuviel Meer und Fels umgeben war. So schön Meer und Fels sind, vereint können sie arg laut und aufdringlich werden. Bei jedem Stürmchen klatschten die Wellen in 4-D-Stereo, benahmen sich, als ob ein Orkan bevorstünde.

Man mußte das Radio lauter stellen, um überhaupt etwas zu verstehen, den Partner-Dialog mit erhobener Stimme bestreiten, nachts mit Ohropax ins Bett gehen, und wenn's ganz schlimm kam, klappten die Toilettendeckel unter dem Ansturm der Wogen völlig unplanmäßig und selbsttätig hoch ...

Kurzarbeit - seit vielen Jahren zum ersten Male

Max Grundig nahm's gelassen. Er war anderes gewöhnt. Besonders in diesen Tagen, da die Wirtschaft sich zum erstenmal seit vielen Jahren mit Kurzarbeit herumzuplagen begann. Wiedermal traf es die elektronische Industrie mit einem Anteil von 60 Prozent besonders heftig, und der Präsident der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit, Josef Stingl, fürchtete gar, daß in der Elektroindustrie »aufgrund einer Absatzschwäche« die Kurzarbeit durch Massenentlassungen abgelöst werden könnte.

Grundig verhinderte dies, mußte jedoch im Juni 1971 in verschiedenen Werken die Produktion vorübergehend vermindern und »durch Fluktuation frei gewordene Stellen« unbesetzt lassen. Das Farbfernsehgeräte-Werk blieb davon unberührt.

Grundigs Leute aber brauchten in den siebziger Jahren um ihre Existenz nicht zu furchten, dafür war das Unternehmen viel zu gesund. Der Konzernstatus vom 31. März 1971 hatte es bewiesen: 603 Millionen Mark Umsatz im Inland, 512 Millionen Mark im Ausland, Anlagevermögen 314 Millionen Mark, Bilanzsumme 1 Milliarde 131 Millionen Mark. Das Stammkapital der Grundig-Werke wurde auf 182,4 Millionen DM erhöht.

1971 - Berlin, der Video-Cassetten-Recorder VR 200 Color

Auch auf dem Markt zeigte sich die Leistungsfähigkeit des Unternehmens: Auf der »Internationalen Funkausstellung« im August 1971 in Berlin erschienen der Video-Cassetten-Recorder VR 200 Color und die ersten Farbfernsehgeräte mit Sensortechnik, im November erste Radiogeräte mit »4-D-Stereo-Raumklang-Einrichtung«.

GRUNDIG wurde überall bekannt, auch in Russland

International wuchsen Interesse und Neugierde an Grundig-Qualität. Nachdem das USA-Geschäft sich sehr gut angelassen hatte, wurden jetzt auch die Sowjets hellhörig: Im Juni 1971 reiste Max Grundig mit einer Gruppe deutscher Wirtschaftler nach Moskau und Leningrad, und am 23 Juni wurde er im Kreml von Ministerpräsident Alexej N.Kossygin empfangen. Am 13. November kam Professor Dscherman M. Gwischiani, stellvertretender Vorsitzender des Staatskomitees für Wissenschaft und Technik beim Ministerrat der UdSSR, zu Besuch nach Langwasser, und am 1. Dezember besichtigten elf sowjetrussische Experten verschiedene Grundig-Werke.

Daß die Ware aus Nürnberg/Fürth Klasse war, hatte sich selbst in New Yorks Unterweltkreisen herumgesprochen: Mitten in der Millionenstadt schnappten sich Gangster einen LKW-Anhänger mit Grundig-Produkten, entführten ihn und raubten ihn aus bis auf die letzte Kiste.

Die Gesundheit kam immer hinten dran

Eigentlich hätte Max Grundig sich in diesen stürmischen Jahren mehr um seine Gesundheit kümmern sollen, aber wie konnte man das von einem Mann verlangen, der täglich 12 bis 14 Stunden in seinem Werk zubrachte ?

Hin und wieder maunzte er zwar ein wenig, Anfang 1970 etwa, daß es ihn am linken Ellbogen und am linken Unterschenkel »so blöd jucke«. Mehr sagte er nicht, selbst als die Juckstellen sich mehr und mehr röteten und zu kleinen unangenehmen Hautflecken und Wunden wurden, die weiter um sich griffen und das Gewebe zu zerstören begannen.

Könnte vielleicht von einer Fischvergiftung kommen, sagte man ihm, als er in Venedig Hummer gegessen hatte, der nicht ganz einwandfrei schien.

Noch wollte er nicht daran glauben, daß hier ein Zusammenhang bestehen konnte mit einer Behandlung, die ihm seinerzeit bedeutungslos erschienen war: 1955/56 hatte man ihn wegen einer Hautflechte mehrmals bestrahlt ...
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Die Aktiengesellschaft und die Olympischen Spiele 1972

Max Grundigs Augenmerk war jetzt auf Ereignisse gerichtet, die für 1972 anstanden, und die schienen ihm wichtiger, wie er seine Arbeit, sein nie enden wollendes Tagewerk immer vor seine Gesundheit gestellt hatte: Einmal wurden die »Grundig-Werke GmbH« am 1. April 1972 - wie schon angekündigt - in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, und dann verlangten die Olympischen Spiele in München besondere Anstrengungen in der Farbfernseh-Produktion.
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  • Anmerkung : Der Olympia Veranstalter hatte über 8.000 große 72cm Farbfernseher ausgeschrieben und den Auftrag zog Grundig an Land, gegen Telefunken, Siemens und Philips. Die anderen kleineren Hersteller wie SABA oder WEGA oder Nordmende oder Körting hatten keine Chance. Leider hatten alle Grundig Farbfernseher dicke thermische Konvergenzprobleme und entwickelten sich fast zum imagemäßigen und vielleicht auch finanziellen Fiasko.

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Infos zur Umwandlung der Firma in die Grundig AG

In einer Erklärung am 22. März 1972 hieß es zur Umwandlung in die AG:

»Durch die Umwandlung wechselt nur die Rechtsform der Gesellschaft, es entsteht dabei kein neuer Rechtsträger. Der Vermögensstand wird durch die Umwandlung nicht berührt, das heißt, alle Forderungen und Verbindlichkeiten sowie alle Verträge der Grundig-Werke GmbH werden mit der Umwandlung Forderungen, Verbindlichkeiten und Verträge der Grundig-Aktiengesellschaft.
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Das Grundkapital der Aktiengesellschaft entspricht dem Stammkapital der Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Es beläuft sich zur Zeit auf 182,4 Millionen DM. Daran ist der Grundig-Familien-Verein e.V. mit stimmrechtslosen Aktien im Gesamtnennwert von 0,55 Millionen DM beteiligt. Alle übrigen Aktien gehören der Max Grundig-Stiftung. An einer vorgesehenen Kapitalerhöhung auf 200 Millionen DM werden sich Max Grundig-Stiftung, Grundig-Familien-Verein und einzelne Familienmitglieder beteiligen.«
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Im Olympia-Jahr gabs nochmal einen Verkaufs- Boom

Die Hoffnungen, die in das Olympia-Jahr gesetzt wurden, erfüllten sich tatsächlich: Der Absatzknick der vergangenen Jahre 1969 bis 1971 war ausgebügelt, es ging wieder aufwärts, vorübergehend jedenfalls. Gefragt waren vor allem Farbfernseh-Geräte (in Langwasser erreichte die Tagesproduktion 1.200 Apparate, und allein das Organisations-Komitee der Olympischen Spiele orderte 8.639 Grundig-Farbfernseher), dazu kamen HiFi-Stereo-Anlagen, aber auch Radio-Recorder, Tonband-Cassetten-Geräte und tragbare Schwarz-Weiß-Fernsehapparate; der Umsatz stieg im Inland um 25 Prozent, der Export um 40 bis 50 Prozent, der Gesamtumsatz betrug jetzt 1,4 Milliarden DM; die Produktion wurde um 15 bis 20 Prozent gesteigert; 400 neue Mitarbeiter kamen hinzu.

Das Unternehmen trotzte allen Krisen.

Auch an Grundig-Neuheiten blieb das Jahr 1972 nicht gerade arm: Super Color kam heraus, die Modultechnik, Würfelgeräte, Halbleiterchassis; die 110-Grad-Bildröhre setzte sich durch, ebenso die Sensortechnik bei Schwarz-Weiß-Geräten.

Auf der Hannover Messe wurde der weiterentwickelte Video-Cassetten-Recorder BK 2.000 gezeigt, und im Juli beteiligte Grundig sich an der Ausstellung »Elektra 72« in Moskau.

Der Erfolg solcher Bemühungen kam gleich hinterdrein, und so trat das Unerwartete ein, fast möchte man sagen: wurde das Unerreichbare erreicht. Max Grundigs Konzern meisterte auch die schwierigen siebziger Jahre, gewohnt souverän in ihren Anfängen, geschickt und gut ausgewogen in ihrem weiteren Verlauf.

Es ging weiter aufwärts bei Grundig

Die Modellpalette wurde, wie im Hause üblich, auch weiterhin von Jahr zu Jahr aufpoliert, ergänzt und erneuert - immer ein bißchen der Zeit voraus.
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So brachte das siebte Jahrzehnt unter anderem:

Das neue Stenorette-System mit der »Stenocassette 30«, die erste Quadro-HiFi-Anlage (Anmerkung : Wobei QUADRO aber ein weltweiter Flop wurde.), den ersten tragbaren Farbfernseher aus deutscher Entwicklung, den Radio-Recorder C6000 Automatic, von dem in vier Jahren 713.000 Stück verkauft werden sollten, den ersten Stereo-Cassettenrecorder mit Dolby-System, den Ein-Zoll-Videorecorder BK 300 LP für vier Stunden Aufnahme- und Wiedergabezeit, die ersten Farbfernsehgeräte mit elektronischer Quarzuhr, ein Farbfernseh-Standgerät mit HiFi-Tonverstärker und HiFi-Lautsprecher-Kompaktbox, den Video-Cassetten-Recorder BD2500 Color, die Super-Color 77-Serie, die erste tragbare Farbfernseh-Aufzeichnungseinheit nach dem VCR-System, den VCR-Video-Cassettenrecorder BK 3000 Color (die herkömmliche Mechanik trat jetzt zugunsten moderner Elektronik in den Hintergrund), die ersten Super-Color-Geräte mit farbigen Telespielen, den Farbfernseh-Recorder VCR 4000 mit über zwei Stunden Laufzeit, das Mini-Diktiergerät Stenorette 2010, CB-Funkgeräte, »Stationscomputer« für Farbfernseher, den Ein-Zoll-Videorecorder BK 411 H (»Das erste in Serie hergestellte Gerät auf dem Weltmarkt mit einer derart hohen Auflösung«), den Super-Video-Recorder SVR 4004 mit vier Stunden Spielzeit, den ersten deutschen Farbfernseh-Projektor »Cinema 9000«, den Super-8-Farbfilm-Abtaster EFA 8, den Heim-Video-Recorder »Video 2000« für acht Stunden Spieldauer (»2x4«) und den Stereo-Radio-Recorder RR 1140.
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Die Produktion steigern - aber um welchen Preis ?

Um diesen Programmen gerecht zu werden, mußte Grundig die Produktion weiter verstärken. Wieder ein Beweis, daß er auch in den siebziger Problemjahren mit ihren gefährlichen Schwankungen die Nase vorn hatte und in einer sogenannten Wachstumsbranche weiter der Schrittmacher blieb.

Der Umsatz übersprang 1974 die 2-Milliarden-Grenze, kletterte stetig nach oben, die Belegschaft erreichte fünf Jahre später, Anfang 1979, mit mehr als 38.460 Beschäftigten einen neuen Höchststand, und im selben Jahr hatte das Auslandsgeschäft bereits 53 Prozent des Konzernumsatzes erreicht.

Freilich: Umsatz und Gewinn klafften von Jahr zu Jahr weiter auseinander. Der Preisverfall in der Unterhaltungs-Elektronik spannte die Ertragslage mehr und mehr an, die Kosten liefen davon, besonders seit dem Ölschock 1973; der Markt war auf vielen Gebieten satt, Lagerbestände nahmen zu, die Menschen hielten ihr Geld zurück, sie sorgten sich um die Zukunft, hoben ihre Spargroschen auf oder steckten sie in Gesundheits- und Altersvorsorge. Viele Elektronik-Hersteller mußten sich an rote Zahlen gewöhnen.
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Nicht Mitarbeiter entlassen sondern weiter steigern

Nicht Grundig. Er expandierte weiter, während andere die weiße Fahne zeigten. Sein gesundes Fundament war seine Stärke. Ohne Rücksicht auf schwindenden Gewinn steckte der Konzernchef 40 Millionen DM in das erste deutsche Video-Recorder-Werk in Nürnberg-Langwasser, das am 12. Oktober 1978 eingeweiht wurde. Wieder fanden fast 1.000 Menschen Arbeit, während anderswo Entlassungen an der Tagesordnung waren.

Das Wort »Marktsättigung« strich Max Grundig aus seinem Vokabular. Er setzte immer neue, bessere, modernere Modelle dagegen, um alte überflüssig zu machen.

Dazu eine kleine hypothetische Rechnung: Hätte die gesamte deutsche Wirtschaft in dieser Zeit pro Jahr fünf Prozent mehr Arbeitskräfte eingestellt, wie Grundig dies in seiner »schlechtesten« Entwicklungsphase tat, wäre die Klage um die Arbeitslosigkeit gegenstandslos geworden ...

Grundig expandierte auch im Ausland kräftig

Das Werk in Nürnberg-Langwasser blieb nicht die einzige Neuerung. Im selben Jahr 1978 kamen drei Betriebe der Inter-Grundig S.A. in Barcelona dazu.

Der Zweigbetrieb 19 in Neusorg bei Bayreuth begann schon 1977 zu arbeiten; in Fleurance in Frankreich wurde der Grundstein für das Werk A7 gelegt und mit der Fuchs-Electronics Ltd. in Alberton bei Johannisburg in Südafrika ein Lizenzvertrag über die Fertigung von Farbfernsehgeräten geschlossen.

Die Grundig-Bank mit einem Stammkapital von 30 Millionen DM bezog in Fürth ein neues Gebäude; das neue Werk Wien-Meidling der Grundig-Austria GmbH, am 1 Juni 1977 von Österreichs Bundespräsident Dr. Rudolf Kirchschläger offiziell eingeweiht, produzierte Farbfernsehgeräte in großem Stil.

Mit der Iranian Color TV-Services Company in Teheran kam es zu einem Lizenzvertrag über die Montage von Farbfernseh-Chassis; in Kaoshiung in Taiwan wurde eine neue Fabrik eröffnet; in Rammelsbach und Miesau entstanden 500 neue Arbeitsplätze; die Hotelverwaltung Max Grundig-Stiftung wurde gegründet.
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Das 2,2 millionste Farbfernsehgerät

Die Stückzahlen aus den Werken erreichten immer neue Rekordhöhen:

Am 29. August 1975 wurde das 2.222.222ste Farbfernsehgerät produziert; im Juni 1976 rollte der zehnmillionste Reisesuper vom Band; im portugiesischen Braga feierte man am 29. April 1977 das millionste Fernsehgerät und in Wien-Meidling schon nach wenigen Monaten Produktionszeit das 200.000ste; das Werk 20 in Nürnberg lieferte am 8. März 1978 die hundertmillionste Leiterplatte aus, das Werk Dachau im Juni 1979 das millionste Cassetten-Autoradio, und aus Creutzwald kam am 28. Dezember 1979 der millionste Fernseher innerhalb von zehn Jahren.

und die Grundig Qualität wurde gelobt

Lohn für die sprichwörtliche Qualität seiner Produkte heimste Grundig jetzt immer öfter ein:
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  • Dem Weltempfänger »Satellit 100« gab die »Stiftung Warentest« im April 1973 die Note »Sehr gut«,
  • der »Stenorette 2000« im Januar 1976 die Note »Gut«;
  • Englands Königin Elisabeth verlieh dem nordirischen Grundig-Werk Dunmurry den »Queens Award to Industry«;
  • auf der Konsum-Gütermesse in Brunn im Mai 1977 bekam der »Satellit 2100« eine Goldmedaille,
  • für den »HiFi-Receiver R 35« hatte die »Stiftung Warentest« im August 1978 das Prädikat »Sehr gut« parat und
  • für den »Satellit 3400« 1979 die gleiche Auszeichnung.

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Viel Besuch aus dem Ausland in den Grundig Werken

Prominenz aus Politik und Wirtschaft erwies Max Grundig in seinen Werken im In- und Ausland ihre Reverenz:

Bundespräsident Walter Scheel, Bundeskanzler Helmut Schmidt, die Bundesminister Dr. Fridrichs, Otto Graf Lambsdorff und Werner Matthöfer, Österreichs Bundeskanzler Dr. Bruno Kreisky und sein Vize Dr. Hannes Androsch, Persiens Schah Reza Pahlevi, der Chefredakteur der Moskauer Zeitung »Iswestija« und Chruschtschow-Schwiegersohn Alexej Adschubej, die russischen Minister Schokin und Perwyschin, ihre portugiesischen Kollegen Alfero Barreta und Gonzalves Ribera, der stellvertretende polnische Ministerpräsident Wryaszczyk, der CSSR-Minister Pavel Bahyl, die Botschafter Valentin Falin aus der UdSSR, Sir Oliver Wright aus Großbritannien, Vakit Halefoglu aus der Türkei, John Morega aus Rumänien, Roberto Rosenzweig Diaz aus Mexiko und Jan Zhylinsky aus Polen.

Max Grundig inzwischen 70 überlebte viele gute Freunde

Am 7. Mai 1978 feierte Max Grundig seinen 70. Geburtstag. Schon Jahre vorher hatte er drei seiner ältesten Mitarbeiter verloren: Am 20. Juli 1973 starb der erst 61jährige Hans Eckstein, mit dem zusammen er nach dem Krieg das Erfolgsradio »Heinzelmann« entwickelt hatte, drei Jahre danach Josef Güthlein, ein »Mann der ersten Stunde«, der, gemeinsam mit Anton Lifka, am 18. Mai 1945 in Vach erschienen war. Lifka war schon seit dem 18. Dezember 1969 tot.

Ein dynamischer Mann und kein bißchen müde

Siebzig Jahre, ein »Rentenalter« nach üblicher Einschätzung eines Arbeitslebens. Nicht für den dynamischen Mann aus der Fürther Kurgartenstraße. Er saß Tag für Tag an seinem Schreibtisch, lenkte seinen Konzern, wie all die Jahre zuvor, ungebrochen und kein bißchen müde.

Und das trotz einer schweren Krankheit, die sich heimtückisch in seinem Körper ausbreitete. Er widersetzte sich diesem Leiden mit eisernem Willen; mehr als die notwendigen Pausen, von ärztlichen Behandlungen und chirurgischen Eingriffen erzwungen, gestand er sich nicht zu.

Nur widerwillig wollte Max Grundig sich damit abfinden, daß die inzwischen als späte Röntgenschäden diagnostizierten Affekte tatsächlich zu einer ernsthaften Erkrankung geführt hatten, zunächst am linken Ellbogen, dann am linken Unterschenkel und schließlich am rechten Knie. Gelenke und Knochen wurden in Mitleidenschaft gezogen.
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Die Gesundheitsprobleme eskalierten

Erst Ende 1972 ließ er sich in Budapest bei Professor Mester mit Laser bestrahlen, um das gestörte Gewebe zu aktivieren. Fast ein Jahr dauerte diese Behandlung, der Erfolg blieb aus.

Danach nahmen Kapazitäten des »Memorial Sloan Kettering Center« in New York eine Hautverpflanzung vor - ergebnislos. Der russische Professor Sarkisian, der Pariser Arzt Dr. Baruch, Spezialisten in München und Stockholm versuchten ihm zu helfen. Experimente mit gefrorener Haut zeigten keine Wirkung.

Seine Krankenhaus-Aufenthalte beschränkte Max Grundig auf ein Minimum. Er sprang seinen Ärzten buchstäblich vom Behandlungstisch, und schließlich las sich die Geschichte seiner Krankheit wie die Schilderung eines fortwährenden Stellungswechsels:

Rein ins Krankenhaus, Behandlungen, Bestrahlungen, Eingriffe, raus aus dem Krankenhaus, rein ins Flugzeug, zurück an den Schreibtisch, wieder ins Flugzeug, zum nächsten Krankenhaus, rasche Erholungsversuche in Nizza, auf Korsika, in Feldafing, zurück nach Fürth, zwischendurch kurze ärztliche Visiten, mal da, mal dort - und wieder das Werk.

So ging das drei Jahre lang. Ein Rösselsprung zwischen Radium und Radio. Als er sich Ende 1975 wieder hinter seinem Schreibtisch festsetzte, endgültig, wie er glaubte, erklärte Max Grundig sich für gesund - was er keineswegs war.

Aber dieser Mann mochte Krankheit einfach nicht akzeptieren. Sie hätte ihn womöglich seiner Arbeit entfremdet, und daran wollte er erst gar keinen Gedanken verschwenden. Er gehörte zu seiner Fabrik, sein Platz war der Kommandostand des Konzerns, den er aufgebaut hatte, und nirgendwo anders. Basta.

Der Chef ließ sich nie etwas anmerken von den Schmerzen

Von all diesen Schmerzen sah man dem Konzern-Patriarchen im Mai 1978, an seinem Siebzigsten, nichts an. Er war ganz einfach da - eine fränkische Eiche. Wer sonst sollte seine mehr als 35.000 Beschäftigten führen, für die er sich verantwortlich fühlte?

35.000 Beschäftigte und Erfolge über Erfolge

Erst im abgelaufenen Jahr waren 3.000 neue hinzugekommen. Wer sonst sollte 31 Werke, neun Niederlassungen mit 20 Filialen und drei Werksvertretungen, acht Vertriebsgesellschaften und 200 Exportvertretungen in allen Ecken dieser Erde im Griff behalten?

Sechzig Millionen Geräte hatte er seit Kriegsende hergestellt, bei Farbfernsehern einen Marktanteil von 25 Prozent, bei Stereo-Anlagen 20 Prozent erobert, und damit war er der unbestrittene Branchenführer geworden. Sein Umsatz hatte 2,75 Milliarden DM erreicht und näherte sich rasch der 3-Milliarden-Grenze, seit 1972 eine Steigerung um 80 Prozent - in den unsicheren siebziger Jahren, wohlgemerkt, da andere in Wehklagen verfielen.
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Max Grundig hat beschlossen, nicht krank zu sein !

Nein, nein, da gehörte ein Max Grundig an seinen Schreibtisch und nicht auf Operationstische. Seine Techniker und Arbeiter im Werk standen ihm näher als Weißkittel in Kliniken.

Elektronik war eine Sache, Medizin eine andere. So beschloß Max Grundig, geheilt zu sein. Ein folgenschwerer Irrtum, wie sich ein Jahr später herausstellen sollte.
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Einmalig in Franken - die »Grundig-Akademie«

Zunächst freilich, im Mai 1978, brütete er eine neue Idee aus, die »Grundig-Akademie für Wirtschaft und Technik«, und er spendete 30 Millionen DM dafür.

Hier, in einem eigens dafür erbauten Gebäude in Langwasser, sollten »Fach- und Führungskräfte, Ausbilder sowie begabte Nachwuchskräfte und Mitarbeiter durch Fortbildung gefördert, das berufliche Wissen von Führungskräften auf europäische und weltweite Notwendigkeiten ausgerichtet, begabten Mitarbeitern nach Ausbildung und Bewährung durch Stipendien die Chance gegeben werden, ein Universitäts-, Hoch- oder Fachschulstudium zu absolvieren und abzuschließen sowie Kontakte zu allen Institutionen hergestellt werden, die sich die geistige und berufliche Fortbildung der im Wirtschaftsleben Tätigen zum Ziel gesetzt haben.« Qualifizierte Facharbeiter konnten in der Akademie über den zweiten Bildungsweg zum Ingenieur ausgebildet werden.

Dieses Geburtstagsgeschenk des Chefs an den Nachwuchs seiner Firma sollte sich schon in den folgenden Jahren als eine segensreiche Einrichtung erweisen. Die Kurse waren vom ersten Tag an voll ausgebucht. Max Grundig selbst übernahm das Präsidium des Kuratoriums der Akademie, Direktor Rolf Heinlein wurde zum Vorstand berufen.
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Ich bestimme, daß der Gewinn in die Firma investiert wird.

Was Wunder, wenn Grundig im Mai 1978 dem »Spiegel« in einem Interview über die Ursachen seines Erfolges auf die Frage antwortete, warum er als einziger Großunternehmer der Gründergeneration übriggeblieben sei: »Ein wesentlicher Grund unseres Erfolges ist, daß seit 40 Jahren jeder Pfennig, den diese Firma erwirtschaftet, wieder in die Firma investiert wird. Wir konnten uns teure Entwicklungsarbeit leisten, weil wir keine Dividende und keine Kapitalzinsen an die Bank zu zahlen haben. Und außerdem: Vielleicht habe ich mit meinem Vermögen besser gehaushaltet und härter gearbeitet.«

Hat er, und wenn er nun 30 Millionen für seine Akademie spendierte, dann war dies auch nichts anderes als eine Investition in sein Unternehmen. Eine Investition in die Zukunft.

Die supertolle Villa mit Meeresrauschen war nix.

Seine private Investition in Cap Martin, die Villa Soulico, hatte ihm indessen, sofern überhaupt Zeit zu einem kurzen Abstecher geblieben war, manche Stunde Schlaf geraubt. Weil die Wellen nach wie vor ans Gemäuer rauschten, konnte es sich hier auf Dauer nicht um einen Ort der Ruhe und Abgeschiedenheit handeln.

Aber Besserung war schon in Sicht, und wie der Zufall die Villa Soulico gebracht hatte, so verhalf ein anderer Zufall dazu, sie wieder loszuwerden. Man mußte nur ein bißchen nachhelfen ...

Da gab es nebenan noch eine Villa, aber total verrottet

Bei einem Spaziergang entdeckte Max Grundig unweit seiner lärmenden Wellenburg, ebenfalls in Cap Martin, am Rand der Ortschaft Roquebrune, ein wunderschönes Grundstück mit einer völlig verfallenen Villa. Sie hatte dem amerikanischen Nähmaschinen-König Singer gehört, vor hundert Jahren inmitten
einer paradiesischen Urwelt dort angelegt, und da war nun nichts mehr als eine bedauernswerte Ruine davon übriggeblieben.

»Schau dir das an«, sagte er sich, »das war doch wirklich ein schönes Stück Land. Wenn man das Haus wieder aufbauen könnte...«

Spricht ein Max Grundig so im Konjunktiv, dann hat er sich den Gedanken auch schon in den Kopf gesetzt, und wer ihn kennt, der weiß, daß er nur schwer wieder davon abzubringen ist.

Es blieb also nicht bei dem Lippenbekenntnis, sich »das mal anzuschauen«, er sah sich das Wrack von einer Villa wenig später leibhaftig und sehr intensiv an. Das Ergebnis dieser Visitation war niederschmetternd, denn wie es drinnen aussah, das ließ sich bei allen Befürchtungen von draußen nur ahnen:
Fenster und Türen gab's nicht mehr, Parkett-Fußböden Fehlanzeige, die Wände zerschunden wie der Kugelfang auf einem Schießplatz, wertvolle Marmorsäulen und Fresken mit scheußlich knallgelber Farbe übertüncht, der Swimmingpool, einst ein kleiner See, auf dem die Damen Singer um die Jahrhundertwende zu rudern pflegten, jetzt eine Fallgrube.

Auch dafür fand Max Grundig eine Lösung : kaufen

Der große Hammer aber kam erst noch: Das märchenhaft schöne Grundstück, etwa 100.000 qm groß, war einem Spekulanten in die Hände gefallen, der sich diese nun in einem riesigen Rebbach gesund zu waschen gedachte. Hier, ausgerechnet in der verträumten Abgeschiedenheit dieser Halbinsel, wollte er häßliche Hochhäuser und lärmende Vergnügungszentren bauen.

Diese Eröffnung machte das Maß voll, jetzt ließ Max Grundig sich durch nichts mehr aufhalten: Bevor der Singer-Märchenhimmel zur Spielhölle verunstaltet wurde, konnte er dem Immobilienhai in einem fintenreichen Verhandlungsmarathon den Grund entreißen und seinen Plänen freien Lauf lassen.

Kurz darauf rückte eine Kompanie Bauarbeiter an, Maurer, Zimmerer, Maler, Schlosser, Rohrverleger, Dachdecker. Bagger, Schaufel, Hacke, Hammer, Säge, Hobel, Lack und Pinsel beherrschten die Szene, und ein Jahr später war Max Grundigs ersehntes Asyl in Roquebrune-Cap Martin an der Cote d'Azur fix und fertig. Ein Traum von einem Besitz, genannt Les Zoraides.

Und dann holte ihn die Wirklichkeit wieder ein, die Krankheit

Er sollte diesen schönen Traum bald sehr nötig haben, denn die häßliche Wirklichkeit holte ihn ein: Seine mit bewundernswerter Energie verdrängte Krankheit hatte ihn wieder, und nun gab es kein Ausweichen mehr, mit Halbheiten war jetzt nicht mehr zu helfen.

Im April 1979 wurde Max Grundig in der Münchner Klinik »Rechts der Isar« von einem Ärzteteam unter der Leitung der Professoren Dr. Hipp und Dr. Dietze operiert, das rechte Kniegelenk entfernt. Um das Bein zu retten, mußten die verbliebenen Knochen von Ober- und Unterschenkel miteinander verbunden
werden. Dazu war eine sieben Kilo schwere Eisenklammer vonnöten, die der »eiserne Max« fast drei Monate lang erduldete, unbeweglich wie eine Mumie im Bett liegend.

Max im Rollstuhl - im Juli 1979

Kaum von diesem Folterwerkzeug befreit, Ende Juli 1979, ließ er sein Krankenbett leer und verzweifelte Ärzte zurück, stieg um in einen Rollstuhl - und begab sich an die Arbeit.

In diesem Rollstuhl erschien er lächelnd auf der Berliner Funkausstellung, als sei nichts gewesen, und unterschrieb am 5. September 1979 in seinem Hotel Schloß Fuschl am Fuschlsee einen Kooperationsvertrag (auch »Überkreuzvertrag« genannt) mit dem niederländischen Elektronik-Giganten Philips.

Der Vertrag mit Philips - im Sept. 1979

Dieser Vertrag war ein Meilenstein im Leben des Großindustriellen Max Grundig. Er wollte damit beweisen, daß er nichts hielt von nationaler Eigenbrötelei, aber sehr viel von der Zusammenarbeit mit einem gleichgesinnten Partner, dessen Produktion sich mit der seinen ergänzte. Schließlich hatten Grundig und Philips gemeinsam »Video 2000« entwickelt. Nun kam es zu einem Kapitalaustausch beider Firmen, wobei jeder seine Eigenständigkeit bewahrte. Zu deutsch: Philips beteiligte sich mit 24,5 Prozent an Grundig, und Grundig mit 6 Prozent an Philips.
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  • Anmerkung : Das ist die eine (Publissity wirksame) Seite der Medallie. Die Banker hatten da ganz andere Prämissen, denn auch der Grundig Konzern war von der Rentabilität her tief in die roten Zahlen gerutscht und alleine hätte Max Grundig keine 100 Millionen kontokorrend Limmits mehr erhalten. Es musste quasi fusionieren bzw. man hatte es ihm nahegelgt. Das kam aber erst Jahre später ans Licht.

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Seine Krankheit machte unaufhaltsam weiter

Niemand sah dem Konzern-Kapitän an, daß er diesen für die Zukunft seines Werkes so wichtigen Vertrag unter großen Schmerzen gegenzeichnete. Seine Krankheit war noch immer nicht besiegt. Die Operation hatte zwar sein Bein gerettet, aber die bösartigen Folgen nicht restlos beseitigt.

Die Diagnose war hiermit offensichtlich "Krebs" - Während das Bein längst nicht verheilt war, tauchte an den Lymphdrüsen der rechten Leiste die Krankheit von neuem auf, diesmal noch schmerzhafter. Am 19. Oktober 1979 operierten die Ärzte in München ein zweites Mal.
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Und schon wurden wilde Gerüchte lanciert

Als auch dieser Eingriff vorüber war, sagte der Patient: »Ich glaub', jetzt kann ich überhaupt nie mehr gehen.«

Das hatten wohl auch einige Konkurrenten angenommen, die ihn mehr fürchteten als liebten; für manche schien die Wiese schon gemäht, denn ohne »den Alten« würde das Branchen-Flaggschiff in Fürth sicher führerlos treiben.

Wer um Max Grundigs Zähigkeit wußte, dem war klar, daß dies ein Irrtum sein mußte. Eine fränkische Eiche fällt man nicht so schnell, und schon der Gedanke daran kann ein böser Trugschluß sein...
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