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Ein Freund schreibt über einen Freund. Egon Fein für Max Grundig zum 75. Geburtstag.

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Kapitel VI - 13. Mai 1970 - "Die Stiftung - das Haus ist bestellt"

übearbeitet von Gert Redlich im Winter 2018.
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1970 - 25 Jahre Aufbau lagen zurück.

Es war ein steiler Weg nach oben. Wie würde es weitergehen? Waren wir »an der Decke« angelangt, satt geworden, hatten wir genügend nachgefaßt, was wir lange entbehren mußten?
Die Industrie hatte gewaltige Kapazitäten aufgebaut, von Jahr zu Jahr dem Bedarf angepaßt. Jetzt mußten sie weiter ausgefüllt werden. War das möglich? Was brauchten die Leute noch, was wollten sie eigentlich? Wie sahen die Wünsche von morgen aus? Lauter Fragezeichen ...

Max Grundigs Konzern war vorbereitet:

21 Firmen, 19 Fabrikationsstätten, drei weitere im Bau, kurz vor der Produktion, zwölf Niederlassungen und Vertriebsorganisationen im Inland, 34 insgesamt in Europa, 30 in Asien, 57 in Afrika, 22 in Australien, 7 in USA, 60 in Lateinamerika. 25.000 Beschäftigte produzierten Fernsehgeräte in Farbe und Schwarz-Weiß, Rundfunk-Tischgeräte, Konzertschränke, HiFi, Autogeräte, Reisesuper, Tonbandgeräte, Video-Recorder, Diktiergeräte, Meßgeräte, Fernsteuerungen, Fernsehanlagen, Digitaltechnik, Bauelemente für Rundfunk-, Fernseh- und Tonbandgeräte-Hersteller.

1970 - Max Grundig war nun 62 Jahre alt.

Max Grundig ging nun daran, dieses Imperium, sein Lebenswerk, zu sichern. Er hatte keinen direkten Erben, und schon deshalb mußten Familie und Werk voneinander gelöst werden. Keine Verflechtung privater Schicksale mit der Zukunft eines - seines - Unternehmens.

Er verlangte einen Trennungsstrich, eine Lösung über seine Zeit hinaus, und die Weichen hierfür wollte er jetzt stellen. Dies hatte nichts mit »Amtsmüdigkeit« zu tun, der Chef war alles andere als müde. Es war die intelligente Vorsorge, das Heft behielt er weiter in der Hand.

Ergebnis : Die »Max Grundig-Familien-Stiftung«

Die ideale Form, das Problem zu lösen, hieß Familienstiftung, exakt ausgedrückt: »Max Grundig-Familien-Stiftung«.

Am 22. Februar 1970 wurde sie von Max Grundig errichtet, am 12. März 1970 beim Amtsgericht Fürth dazu der »Grundig-Familienverein mit Sitz in Fürth/Bayern« angemeldet.

Architekten dieses Vertragswerkes waren Dr. Adolf Helm, Grundigs Rechtsanwalt, Dr. Eugen Widmaier, sein Generalbevollmächtigter, und der Münchner Anwalt Dr. Haas, der viele Unternehmen »zukunftssicher« gemacht hatte.

Die Holding sollte den Chef ersetzen

Die Stiftung nahm Max Grundigs Stelle als Alleininhaber ein. Sie wurde gewissermaßen zum Konzernträger-Unternehmen, zur Holding, und mit dem Betriebsvermögen der »Grundig-Elektro-Mechanischen Fabrik« als Grundstock ausgestattet; dazu kamen die Geschäftsanteile an der Firma »Grundig-Werke GmbH«. Grundkapital: 200 bis 250 Millionen DM.

Nach der für 1972 geplanten Umwandlung dieses Unternehmens in eine Aktiengesellschaft sollte die Stiftung deren Aktien, sämtliche Gewinne und Verluste der AG übernehmen. So konnten die Gewinne nach Abzug der Körperschaftssteuer von der Stiftung wieder als Kapital ins Unternehmen zurückfließen. Der Konzern blieb gesund und leistungsfähig.

Die »Grundig-Werke AG« war damit die Muttergesellschaft aller in- und ausländischen Produktions- und Vertriebsstätten der Gruppe.

Nach dem Willen des Stifters wurde in der Satzung sichergestellt, daß »der Fortbestand aller Grundig-Unternehmen mit Vorrang dauernd gesichert ist.«

Gleichzeitig war »die Wahrung und Förderung gemeinsamer Interessen der Angehörigen der Familie Grundig Zweck der Stiftung«.

Alleiniger Vorstand der Stiftung auf Lebenszeit wurde Dr. Max Grundig.

Der 13. Mai 1970 war der Tag der Stiftungsgründung

Zu Mitgliedern des Kuratoriums berief er Berthold Beitz als Vorsitzenden, Rechtsanwalt Dr. Adolf Helm als Stellvertreter, sowie Annelie Grundig, seinen Schwiegersohn Wilhelm Scheller, den Bayerischen Staatsminister für Wirtschaft und Verkehr, Dr. Otto Schedl, Dr. Eugen Widmaier und Baron Georg von Ullmann, der leider am 1. April 1972 tödlich verunglücken sollte.

Der Tag, an dem Max Grundig sein Haus bestellte, war der 13. Mai 1970, ein Mittwoch: Die Errichtung der »Max Grundig-Familien-Stiftung«, die ab 1. Dezember nur noch »Max Grundig-Stiftung« heißen sollte, und die Absicht, die Grundig-Gruppe am 1. April 1972 in eine AG umzuwandeln, wurden bekanntgegeben.

Draußen in der Welt ging es heiß her

Ein bewölkter, etwas regnerischer und kühler Maitag in Nürnberg/Fürth, nur 12 bis 15 Grad warm. Draußen in der Welt ging es heißer zu: Israel griff im Libanon an, bei Rassenunruhen in Georgia wurden sechs Menschen erschossen.

In Südwestdeutschland gab es Hochwasser, die Butter wurde teurer, in Bonn bereitete man das für den 21. Mai angesetzte Treffen zwischen Bundeskanzler Brandt und DDR-Ministerpräsident Stoph vor, und noch schien die Konjunktur ungebrochen:

Die Zahl der Zweitwohnungen stieg, und die »Nürnberger Nachrichten« veröffentlichten 16 1/2 Seiten Stellenangebote.

Ein Blick auf 1970, ein schwieriges Jahr

Leider nicht mehr lang, denn 1970 sollte für die Industrie in der Bundesrepublik, besonders für die Unterhaltungselektronik, das schwierigste Jahr seit der Währungsreform 1948 werden. Und das war erst der Anfang eines problematischen Jahrzehnts. Die Frage nach der Zukunft stellte sich brennender als jemals zuvor in den letzten zwanzig Jahren.

Zwar stieg 1970 der Umsatz nochmals kräftig an und übersprang mit 1,14 Milliarden DM eine Schallgrenze, nicht aber der Produktivitätszuwachs, und die Kosten explodierten, wie man es noch nie vorher erlebt hatte. Die Käufer, Anfang des Jahres noch recht aktiv, versteckten sich von Monat zu Monat mehr. Die Steuermaßnahmen der sozialliberalen Koalition zur Konjunkturdämpfung schlugen negativ durch, und nach der DM-Aufwertung ging auch dem Export etwas die Luft aus.

In den USA ging es aufwärts

Nur die USA machten eine Ausnahme. Dort ging es genau andersrum: Grundigs »Heimunterhaltungsgeräte« (heute wäre das Home-Entertainment), wie die Amerikaner sie nannten, erfreuten sich einer steigenden Nachfrage, und der Trend hielt an. Im vierten Quartal 1970 lagen die Umsätze um 20 Prozent über denen des Vorjahres. Eine Produktionserhöhung für den USA-Markt und eine Umstellung auf eine »breitere Kundenbasis« waren deshalb vonnöten.

28.000 Mitarbeiter - Aber es "läuft" nicht mehr von alleine

Grundig hatte natürlich die Nase hauptsächlich im europäischen Wind, mußte aber in Kauf nehmen, daß außer Farbfernsehern, Autosupern, Tonband-und HiFi-Stereogeräten nichts so recht laufen wollte wie ehedem. Zum Glück gab's in den ausländischen Werken weniger zu klagen, und so schuf Max Grundigs Optimismus trotz allem 13 Prozent mehr Arbeitsplätze als 1969, 28.700 im Jahresdurchschnitt, davon 22.400 im Inland. Im Werk 11 in Nürnberg wurde die 2.500ste Mitarbeiterin eingestellt.

Überall wurde verbessert und erneuert

Auch die anderen Geräteproduzenten ließen sich, bei allen düsteren Worten der Marktstrategen, nicht lumpen. Es kamen auf den Markt:

Die Ultraschall-Fernbedienung »Tele-Dirigent« für sieben Fernsehprogramme; »Audiorama 7000«, eine preisgünstige Kugelbox mit 12 Lautsprechersystemen; ein neuer Grundig-Heim-Stereo-Cassetten-Recorder; das HiFi-Stereo-Tonbandgerät TK 600; die 110-Grad-Technik für Farbfernseher startete.

Die Produktion dieser Farbfernsehgeräte fand trotz aller berechtigter Krisenangst am 18. September 1970 in der »Grundig-Stadt« Nürnberg-Langwasser ihr großzügiges Zentrum.

Schon 1963 und 1966 waren dort erst Werk 11 für die Tonband- und Diktiergeräte-Fertigung und dann das Zentral Versandlager entstanden, im April 1970 zogen die ersten Fernseh-Fertigungen nach Langwasser. Nun präsentierte sich im Südosten der Stadt Europas größte und modernste Industrieanlage für Farbfernseh-Apparatebau und Kunststoffverarbeitung, denn die Werke 09 und 16 waren jetzt fertiggestellt.

Trotz beginnender Unsicherheit ein Werk der Superlative

Ein Werk der Superlative in einer Zeit beginnender Unsicherheit:

Drei Fabriken auf zunächst 460.000qm Gelände, 1961 bereits erworben; 72 Millionen DM Kosten ohne einen Pfennig Fremdkapital; Tagesproduktion 600 Farbfernseher, bald schon 270.000 im Jahr; eigener Versandbahnhof mit 2,5 km Gleisanschluß und täglich etwa 50 Waggons Abfertigung; zunächst 5.000, bald 10.000 Arbeitskräfte auf 113.800qm »Nutzfläche«; 3,7km Straßen und 33.600qm Parkplätze; 160 Kunststoff-Spritzmaschinen mit einem täglichen Verbrauch von 25.000kg Kunstgranulat; Verwaltungsbau für 800 Angestellte; Filmstudio für Besucher; zwei 16geschossige Wohnhochhäuser für 860 Beschäftigte.

Eine weitere Fabrik für Tonköpfe und Mikrophone, ein Gebäude für die Niederlassung Nordbayern, eine Halle für Messungen und Qualitätsprüfungen und eine Großküche waren im Bau. Insgesamt bald 600.000 qm.

Hier war, in problematischer Zeit, ein »Grundig-Denkmal« entstanden, eine Industrie-Stadt, die in den folgenden Jahren noch weiter wachsen sollte. Zeugnis für den ungebrochenen Optimismus des Max Grundig, der sich auch im Sturm nicht beugte, sondern den Kopf oben behielt und dem Risiko in den Nacken griff.

Otto Siewek erlebt die Eröffnung nicht mehr

Ein Schatten freilich fiel auf das große Ereignis: Einer seiner ältesten Mitarbeiter, Generaldirektor und zuletzt auch stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender Otto Siewek, erlebte die Einweihung in Langwasser nicht mehr. Er starb am 23. Juli 1970 überraschend nach kurzer Krankheit, nicht einmal 66 Jahre alt geworden.

Ein herber Verlust für Max Grundig. Otto Siewek, ein Mann der allerersten Stunde, der seine Ärmel hochgekrempelt hatte, als nach dem Krieg in der Kurgartenstraße die Baugruben ausgehoben wurden, war immer an seiner Seite, wenn er ihn brauchte.

Ein Augenblick, um nachzudenken, Atem zu holen, denn die Aufgaben türmten sich, und der Tod Sieweks schmerzte, obgleich der Generaldirektor nicht mehr aktiv tätig war.

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