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7 Tage im Leben des Max Grundig.

Ein Freund schreibt über einen Freund. Egon Fein für Max Grundig zum 75. Geburtstag.

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Kapitel II - 14. Mai 1920 - Max, der »Familienvater«

übearbeitet von Gert Redlich im Winter 2018.

Es war ein verregneter Vatertag, der 13. Mai 1920, Himmel- fahrt. Auch in der Nacht zum 14. Mai regnete es in Nürnberg, bis morgens um zehn Uhr.

Im Städtischen Krankenhaus an der Flurstraße lag Vater Max Emil Grundig nun fast schon die ganze Woche. Man hatte seinen Bruch fachgerecht behandelt, den Patienten stillgelegt und zur Operation vorbereitet. Komplikationen gab es ja nicht.

Für die Morgenstunden des 14. Mai, einen Freitag, war die Operation angesetzt. Zunächst schien alles gutzugehen, doch gegen Mittag kam die Krise. Was war schuld ? Hatte man zu lange gewartet mit der Operation? Den Eingriff unfachgemäß vorgenommen, die (Bauch-) Wände falsch behandelt? Fragen, auf die es nie eine Antwort geben sollte.

Um 15 Uhr sah die Krankenschwester nach dem Patienten, er schlief unruhig. Als sie eine knappe Stunde später wiederkam, war er tot. Amtlich registrierte Sterbestunde: 15.45 Uhr. Max Emil Grundig war nur 41 Jahre alt geworden.
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Vater Max Emil Grundig war auf einmal tot - mit 41 Jahren

Vor drei Tagen, am Dienstag, 11. Mai. hatte er Geburtstag gehabt. Seine Frau und die Kinder waren zu Besuch gekommen, zu Fuß von der Muggenhofer Straße.
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Noch konnte er nicht ahnen, was der Tod seines Vaters für ihn bedeuten sollte: Volksschüler Max Grundig im Preißler-Schulhaus

Die Straßenbahn war viel zu teuer: Seit März 50 Pfennig für Erwachsene auf dieser Teilstrecke, 30 Pfennig für Kinder. Das wären 1,70 Mark »einfach« gewesen für die Familie, 3,40 Mark hin und zurück. Undenkbar! Geld, das im Hause Grundig dringend gebraucht wurde für Essen, Miete und Kleidung. Und wozu hatte man Beine ?

Es war das letzte Mal, daß die vier Kinder ihren Vater sahen, an seinem 41 Geburtstag. Als Mutter Marie an diesem kühlen Abend des 14. Mai, eine Woche vor Pfingsten, wieder zur Flurstraße ging, diesmal allein, blieb ihr nur noch der Abschied von ihrem toten Mann.

Einen Tag später bestätigte ihr der amtliche Totenschein Nr. 1081, unterzeichnet vom Standesbeamten Weiß, das Unfaßbare.

Marie Grundig, Witwe mit 39 Jahren, vier Kinder ohne Vater: Maxi, vor einer Woche 12 geworden, Minna 11, Agnes 10, Klara 8. Wie sollte dieses Leben weitergehen? Wovon denn leben?

Die Antwort auf diese Frage entschied wenig später darüber, was aus Max Grundig werden sollte. Der frühe Tod seines Vaters bestimmte seinen weiteren Werdegang ...
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Glücklich .... ganze zwölf Jahre, fünf Monate und elf Tage.

Mein Gott, das war ein kurzer Lebensweg gewesen, den Marie und Max Emil Grundig gemeinsam gehen durften! Ganze zwölf Jahre, fünf Monate und elf Tage. Am 3. Dezember 1907 hatten sie geheiratet. Die Urkunde Nr. 1947 des Standesamtes Nürnberg-Lorenz registrierte dies so:

  • »Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschienen heute zum Zwecke der Eheschließung:
  • Erstens der Magaziner Max Emil Grundig..., evangelischer Religion, geb. am 11.5.1879 zu Frauenstein in Sachsen..., Sohn des verstorbenen Flaschnermeisters Albin Anton Grundig, zuletzt wohnhaft in Prohlis, und seiner Ehefrau Auguste Wilhelmine, geb. Erler, wohnhaft in Freiberg, Sachsen...
  • Zweitens die Köchin Marie Hebeisen, katholischer Religion, geb. am 24.11.1881 zu Unlingen in Württemberg, Tochter des Steinhauermeisters Peter Hebeisen und seiner Ehefrau Wilhelmine, geb. Moosbrugger, ersterer wohnhaft in Daugendorf, Landkreis Saulgau, letztere verstorben ...«

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Die Trauzeugen hießen Johann Münch und Michael Daucher, Schuhmacher, beide aus der Rollnerstraße 7a; der Standesbeamte Forster.
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Nie die Sonnenseite des Lebens kennengelernt

Sie waren glücklich gewesen, wenn sie auch nie die Sonnenseite des Lebens kennengelernt hatten. Sie gaben sich zufrieden mit dem, was sie sich leisten konnten, und sie haderten nicht mit ihrem Schicksal. Vater sorgte, daß sie ihr bescheidenes Auskommen hatten; Mutter hielt die Familie zusammen. Es waren brave, einfache Bürgersleute, die ihre Kinder ordentlich erzogen. Sie gaben ihnen viel aus leeren Händen: Anstand und Gottvertrauen, Fleiß und Mut, Freude an der Arbeit und eine gesunde Portion Optimismus, um mit dem Leben fertig zu werden.

Nun aber war dieses kleine Glück über Nacht zerbrochen, eine Frau allein mit vier Kindern, die alle noch zur Schule gingen. Sie hatten Hunger, sie brauchten Kleider. Und die Zeiten waren alles andere als rosig, die wirtschaftlichen Nöte auch im Frieden noch nicht gebannt.
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Über die Reparationen des Versailler Friedensvertrages

März 1920, zwei Monate bevor Max Emil Grundig starb: Der Kapp- Putsch erschütterte die junge Republik. Soldaten der selbsternannten Regierung Kapp verteilten in Berlin Flugblätter.

Der Erste Weltkrieg grub tiefe Spuren, die Reparationen des unseligen Versailler Friedensvertrages zwangen Deutschland in die Knie. Die Sieger forderten, was der Besiegte nie bezahlen konnte.

Das Geld verlor von Tag zu Tag an Wert, die Mark wurde an der Schweizer Börse gerade noch mit 7,8 amerikanischen Cents gehandelt. Die Politik verlagerte sich vom Parlament auf die Straße, und die Wirtschaft ging mehr und mehr am Stock. Die nahende Inflation war nicht mehr zu übersehen.

In Berlin verjagte der Kapp-Putsch die Reichsregierung nach Stuttgart, und nur ein Generalstreik der Gewerkschaften rettete sie vor dem Sturz. Im Ruhrgebiet revoltierten die Kommunisten, und im Münchner Hofbräuhaus verkündete Adolf Hitler sein 25-Punkte-Programm.

Die Preise stiegen ins Unermessliche

Artillerie am Nürnberger Königstor. Angriffsziel: Das Hauptpostamt, wo der Gegner sich verschanzt hatte

In Nürnberg wurden alle städtischen Gebühren drastisch erhöht: Ein Kubikmeter Gas kostete 80 statt 50 Pfennig, eine Kilowattstunde Strom 1,20 Mark statt 70 Pfennig, ein Kubikmeter Wasser 30 statt 20 Pfennig, die Straßenbahnnetzkarte 55 statt 45 Mark. Die Mieten stiegen um durchschnittlich 35 Prozent, und die Eisenbahn verlangte für den Personen-, Gepäck- und Expreßgutverkehr sage und schreibe 100 Prozent mehr.

Gemessen an den niedrigen Einkünften erreichten die - zum Teil noch bewirtschafteten - Lebens- und Haushaltsmittel Preise von horrender Höhe: Drei Stauden Kopfsalat oder vier Stück Rettiche kosteten eine Mark, ein Pfund Preßsack 3,60 Mark, ein Pfund Schweinefleisch von 9,50 bis 19 Mark, eine Büchse amerikanischer Militärkonserven mit Bohnen und Speck fünf Mark, ein Stück Kernseife, das im Dezember noch für drei Mark zu haben war, im März 1920 schon neun Mark, ein Kilo Margarine im April 30 Mark, zwei Wochen später bereits zwei Mark mehr.

Der Geldwert sinkt ins Uferlose

Ein Spruch, den zwanziger Jahren angepaßt: »... weil trüb die jetzge Zeit«. Hungernde Kinder bei einer Massenspeisung durch eine Nürnberger Firma.

Am 12. Februar schrieb der »Fränkische Kurier«: »Neue Preis- steigerungen und neue Lohnforderungen lösen sich ständig ab. Dabei sinkt der Geldwert ins Uferlose.«

Wie recht die Zeitung hatte: Ärzte forderten von den Kranken- kassen 300 Prozent Gebührenerhöhung, Bader- und Friseur- gehilfen wollten 100 Prozent mehr Lohn, Metallarbeiter drohten aus demselben Grund mit Streik, Bankangestellte legten wegen »völlig unzulänglichen Tarifgehältern« die Arbeit nieder. Mehr als 7.000 Nürnberger suchten Arbeit, über 6.000 eine Wohnung.

Aus Mangel an Kleingeld wurden Notgeld-Gutscheine über 10 und 20 Pfennig ausgegeben. Eine Mark aus Silber nahm der Händler Pilhofer in der Königstraße 17 für 9,20 Mark in Zahlung, eine Goldmark für 150 Mark. Die Angst ums Geld griff um sich: Bei der Städtischen Sparkasse sanken wieder mal die Einlagen. Im Februar 1920 wurden 4.310.064 Mark und 12 Pfennig abgehoben gegenüber nur 2.081.036 Mark 7 Pfennig im Dezember 1919.
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Die Menschen wurden immer ärmer, die Zeiten immer schlimmer.

Die »Nationalen Kräfte« versam- melten sich 1923 zum »Deutschen Tag« in Nürnberg, unter ihnen die noch reichlich unbedeutenden NS-Führer Adolf Hitler (Mitte) und Julius Streicher, der spätere »Frankenführer« (rechts daneben, im Vordergrund)

Das städtische Wöchnerinnenheim beklagte, daß das Körpergewicht der Neugeborenen bedrohlich abnehme, weil es statt Voll- meist nur Magermilch und statt 16.000 nur 8.400 Kalorien pro Woche gab. Mit anderen Worten: Die Babys waren unterernährt.

Ein erschütternder Fall drang bis in die Zeitungsspalten: Im Stadtteil Gostenhof, dort, wo Max Grundig geboren wurde, bekamen die Kinder der Familie St., zwei und vier Jahre alt, »tagsüber als Nahrung harte Brotkrumen, an denen sie stundenlang nagten. Abends bestand ihre Nahrung aus in Wasser gekochten Haferflocken ohne jeglichen Zusatz.«
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Bewaffnete Matrosen griffen in der Katzwanger-, Wiesen-, Rothenburger Straße und in der Pfannenschmiedsgasse die Polizeiwachen und am Bahnhofsplatz das Postgebäude an. Das Dritte Bataillon des Infanterieregiments 47 der Reichswehr schlug den Putsch nieder. Es gab 22 Tote. Streiks häuften sich, die Zeitungen erschienen nicht. Einwohner-Wehren griffen zur Selbsthilfe: »Heraus, Ihr Männer, denn unser deutsches Haus brennt.«

Im Rosenau-Saal sprach - laut Meldung der »Nordbayerischen Zeitung« - »ein Herr Hitler aus München« vor dem Bund deutscher Kriegsteilnehmer über »den Schandvertrag von Versailles«.

Unsere Mutter mit vier kleinen Kindern

In diesen Tagen kämpfte eine Mutter mit vier kleinen Kindern ums Überleben. Marie Grundig bekam noch sechs Monate lang das ohnehin nicht sehr üppige Gehalt ihres verstorbenen Mannes. Wenn auch die Mark immer schwindsüchtiger wurde, bis sie bald nur noch 50 Pfennig wert war - für Marie Grundig bedeutete das Übergangsgeld der Herkules-Werke, daß sie für den Maxi und seine drei Schwestern erst mal die Miete, den Strom und einen Teller Suppe bezahlen konnte. Hunger, den kannten sie ja. Das war nichts Neues.

Wollten sie sich sattessen, luden die bäuerlichen Verwandten der Mutter aus dem Württembergischen sie ein. Sehr selten freilich, denn das Reisen war viel zu teuer. »Wenn wir mal hingekommen sind, dann haben wir soviel zu essen gekriegt, daß uns tagelang schlecht war«, erinnert sich Max Grundig. »Das haben wir ja gar nicht mehr vertragen.«

Die Äpfel aus Nachbars Garten

Kaum weniger verträgliche Extras holte Max sich mit seinen Freunden aus Nachbars Garten: Äpfel, die noch grün waren, Birnen, an denen man sich die Zähne ausbiß. Sie konnten nicht warten, bis das Obst reif war und von den Bäumen fiel. Dann hatten es die Nachbarn womöglich schon abgeerntet, und die Buben mußten weiter Kohldampf schieben. Wer will das schon?

Bis zu den nächsten Schrebergärten waren's, zum Glück, nur ein paar hundert Meter, in Richtung Pegnitz. Vorbei an der Taubstummenanstalt in der Pestalozzistraße, an einem Fußballplatz und an der Zelluloidfabrik, die eines Nachts beinahe abgebrannt wäre. Mutter Grundig war mit den vier Kindern zunächst in den drei Zimmern der Muggenhofer Straße 55 wohnen geblieben, im dritten Stock. Ein schmuckloses, rötlich angestrichenes Mietshaus, Ecke Pestalozzistraße. Für Jungens eine ideale Gegend zum Spielen, »nunter auf die Gaß' gehen«, wie man in Nürnberger Halbwüchsigen-Kreisen sagt.

Baden verboten im Ludwigskanal

Das könnte auch Max mit seinen Freunden gewesen sein, denn was diese Kinder hier trieben, war genauso verpönt wie das verbotene Bad des jungen Grundig im Ludwigskanal. Dieses Foto wurde am sogenannten »Engpaß« beim Kanalsteg aufgenommen.

Sie waren ungefähr ein Dutzend Lausbuben aus der Nachbarschaft. Am liebsten spielten sie drunten an der Pegnitz oder am Ludwigskanal, der auch nicht allzuweit entfernt war, und mit Vorliebe ärgerten sie die Schutzleute.

Es war verboten, im Kanal zu baden.
Aber gerade das reizte die Burschen. Kam ein »Poli« (Nürnberger Abkürzung für Polizist), hielten sie ihre Kleider über den Kopf, wateten oder schwammen auf die andere Seite und zeigten dem schimpfend zurückgebliebenen Schutzmann die Zunge.

Das wurde einem der Polizisten auf die Dauer zu dumm.
Ein baumlanger Kerl war das, sehr gefürchtet, und offensichtlich nicht auf den Kopf gefallen. Er ließ die »Sauboum« (Nürnberger Dialekt für »Saububen«) in die Falle laufen.

Während er, der Lange, sich scheinbar darüber ärgerte, daß sie ihm wieder mal entkommen waren, hatte er längst ein paar Kollegen in Zivil auf die andere Seite geschickt. Als die Jungens, wie gehabt, ansetzten, dem Langen Grimassen zu schneiden und die Zungen herauszustrecken, achteten sie nicht auf die beiden unauffälligen Herren hinter ihnen. Flugs griffen die zu und schnappten sich zwei der ordnungswidrigen Badegäste.

Die alternative Freizeitbeschäftigung : Pilze sammeln

Für eine Weile entfielen also die Schwimmstunden, und die Buben wichen wieder zur Pegnitz aus. Oder in den Wald, wo Maxi gern Pilze sammelte. Wenn es auch nicht viele waren, aber ein Teller voll wurde allemal daraus, und die Mutter sparte wieder ein paar Pfennige.
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Gymnasium für Maxi - unbezahlbar

Die Pfennige waren bei Marie Grundig und ihren vier Kindern rar. Ihre größte Sorge galt zunächst mal dem Ältesten, dem Maxi. Was sollte bloß aus ihm werden? Als Vater noch lebte, stand fest, daß der Junge aufs Gymnasium gehen würde. Abitur, eine ordentliche Ausbildung, eine gute Anstellung. Das wollten die Grundigs sich vom Mund absparen.

Und jetzt? Wie sollte die Mutter eine höhere Schule bezahlen? Wovon denn? Sie war froh, wenn sie dem Buben überhaupt Kleider kaufen konnte. Für die drei Schwestern gab's sowieso immer nur ein einziges neues Kleid. Das trug zuerst die Wilhelmine, die Älteste. War sie rausgewachsen, ging das Kleid an die Agnes über, und zu guter Letzt kam die Klara dran. Viel Staat war da nicht mehr zu machen mit dem Gewand...
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Drei Mädchen als Geschwister

Ein unglaubliches Dokument: Der Rentenbescheid für Mutter Marie Grundig vom 3. August 1920.
Elf Mark und fünf Pfennige im Monat für fünf Menschen, die Hunger hatten!
Die vielen Zahlen der zu Hilfe genommenen Paragraphen machten sich dagegen wesentlich imponierender aus...

Mit seinen Schwestern verstand Max sich wie andere Jungs auch, die drei Mädchen zu Geschwistern haben. Da hat jeder seine eigenen Interessen, und im Hause Grundig berührten die sich, zum Beispiel, wenn es ums Spielen ging. Als Max noch klein war, bevor er in die Schule kam, und auch noch danach, nahm er seinen Schwestern mit Vorliebe die Puppen weg, weil er gern damit spielte. Im Gegenzug durften die jungen Damen Maxis Eisenbahn fahren.

Die Mutter zerbrach sich weiterhin den Kopf über die Zukunft ihres Sohnes. Doch die ohnehin schon geringe Hoffnung aufs Gymnasium löste sich endgültig in Luft auf, als die Herkules-Werke nach einem halben Jahr die Zahlung des väterlichen Gehalts einstellten und in eine winzige Rente umwandelten.

Die staatliche Hinterbliebenenrente von 1920

Nun blieb nur noch die staatliche Hinterbliebenenrente, und davon konnte sich selbst bei größter Einschränkung nicht einmal ein Hungerkünstler ernähren.

Was der Bescheid des Rentenausschusses der Rentenversicherung in Berlin-Wilmersdorf vom 3. August 1920 auswies, klingt für heutige Ohren unglaublich. »Nach Paragraph 57 a.a.O. beträgt die jährliche Witwenrente zwei Fünftel des Ruhegeldes, das ist 72,46 Mark; die jährliche Waisenrente je ein Fünftel der Witwenrente, das ist 14,49 Mark. Nach Paragraph 59 a.a.O. berechnet sich der aufgerundete Monatsbetrag der Rente für die Witwe auf 6,05 Mark, für jede Waise auf 1,25 Mark...

Der hiernach insgesamt zu entrichtende Monatsbetrag der Hinterbliebenenrente von 11,05 Mark, in Worten elf Mark null fünf Pfennig, wird im Voraus am Ersten jedes Monats, erstmalig am 1. September 1920, von der Hauptkasse der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte durch Postscheck gezahlt werden.«

So stand es schwarz auf weiß in dem Bescheid, unterzeichnet von einem Dr. Galler, beglaubigt von einem Oberverwaltungssekretär mit unleserlicher Unterschrift. Das war kein Druckfehler: 11,05 Mark im Monat für eine Mutter mit vier Kindern! Und ein einziges Pfund Preßsack kostete 3,60 Mark, 300 Gramm Kernseife 9 Mark...

Die Frage, wie fünf Menschen davon leben sollten, selbst wenn man die paar Mark der Herkules-Werke dazuzählte, muß wohl unbeantwortet bleiben. Das konnte man drehen und wenden, wie man wollte:
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So erging's den Lehrlingen in den zwanziger Jahren. Erstmal ran an den Schraubstock wie hier in der Radiogerätefabrik Loewe. Max Grundig übte seine Fähigkeiten indessen mit Zahlenreihen und Kalkulationen

Das Hemd war hinten und vorne zu kurz.

Marie Grundig ging arbeiten, bei den Triumph-Werken an der Fürther Straße. Sie saß den ganzen Tag an einer Stanzmaschine, damit ihre Kinder zu essen bekamen. Der Weg des kleinen Maxi war von nun an vorgezeichnet: Volksschule abschließen, Lehre, mitverdienen. Da gab's keine andere Lösung. Später würde man weitersehen.

Wer wäre damals wohl auf die Idee gekommen, daß eben dieser Einschnitt in sein Leben, diese krasse Einschränkung, erzwungen durch den frühen Tod seines Vaters, der Anfang eines Weges war, an dessen Ende der Großindustrielle Konsul Dr. Max Grundig stand?

Im April 1922 fing Max Grundig als kaufmännischer Lehrling bei der Installationsfirma Jean Hilpert (Installationstechnik, Gas, Wasserleitung) am Unteren Bergauer Platz 8 in Nürnberg an, gleich hinter der Lorenzkirche. Arbeitszeit sieben bis zwölf, vierzehn bis neunzehn Uhr, am Samstag halbtags.

Bergauer Platz, das war nicht gerade der »nächste Weg« von der Muggenhofer Straße. Die Straßenbahn kostete für einen Vierzehnjährigen ganze 30 Pfennig, und dafür gab's drei Pakete Waffelbruch - falls man drei Zehner überhaupt hatte.
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30 Pfennige für die Straßenbahn - die konnte man sparen

Der Maxi hatte sie nicht, weder für die Straßenbahn noch für den Waffelbruch. Deshalb lief er tagtäglich die knapp fünf Kilometer von der Muggenhofer Straße im äußersten Westen Nürnbergs bis zum Bergauer Platz in der Altstadt. Und das lange Zeit hindurch nicht nur einmal, sondern viermal täglich. Macht fast 20 Kilometer tagaus, tagein, jeder Weg 45 Minuten. Daß er mittags nach Hause mußte, hatte einen sehr triftigen Grund:

Mutter war krank geworden, ein Magengeschwür. Die Aufregungen, die Trauer um den frühen Tod ihres Mannes, die Sorge um die Zukunft der Kinder waren nicht spurlos an der emsigen Frau vorübergegangen. Dann kam die ungewohnte Arbeit an der Stanzmaschine, die sie klaglos auf sich genommen hatte. Es war einfach zuviel. Mutter Grundig wurde ein halbes Jahr krank geschrieben, die meiste Zeit mußte sie im Bett liegen.

Also wärmte Max das am Abend zuvor gekochte Mittagessen auf, damit seine Mutter und die Schwestern etwas im Teller hatten, wenn die aus der Schule kamen. Und das mußte verdammt schnell gehen, denn Max hatte höchstens 35 Minuten Zeit, auch wenn er sich auf dem Weg zwischen Arbeitsplatz und Wohnung noch so beeilte. Abends putzte Max die Treppen im Stiegenhaus, wenn die Grundigs an der Reihe waren.
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Mit 15 - Max Grundig geht in der Lehre

So was liebte Max Grundigs Chef Ludwig Hilpert: Aufmarsch« seiner Pfadfinder. Hier trafen sie sich 1930 zu ihrem Reichsjugendfest in Nürnberg. Max hatte für derartige Märsche nichts übrig.

Die Lehrstelle gefiel dem jungen Grundig. Und seine Vorgesetzten mochten ihn. Sie erkannten rasch, daß da ein heller Kopf erschienen war, nicht nur fleißig, sondern immer voller Ideen. Prokurist Retzer nahm den Lehrling in sein Büro und wies ihn in die Kalkulation ein. Es dauerte gar nicht lange, und der kleine Grundig fing an, selbständig Kalkulationen aufzustellen. Für einen Lehrling nicht gerade alltäglich.

Der Prokurist Retzer, er wohnte im Nordosten der Stadt, bei der Bayreuther Straße, lud den Grundig Max häufig freitagabends zum Essen ein. Fast immer gab's Linsen und Spätzle. Aber der Junge brachte oft keinen Bissen runter, so sehr der Magen knurrte. Frau Retzer war nämlich Lehrerin und blickte furchtbar streng drein. Das verschreckte den Max, weil er glaubte, die Frau Lehrerin zähle jede Linse nach. Also ging er mehr als einmal hungrig nach Hause. Dabei hatte es der Prokurist Retzer wirklich gut gemeint.

Der Chef Ludwig Hilpert und die Pfadfinder

Inflation 1923: Das Geld wurde nur noch nach Millionen und Milliarden gezählt -
bis es überhaupt nichts mehr wert war und gerade noch zum Einstampfen als Altpapier taugte.
In diesem Haus (Mitte) verbrachte Max Grundig die entscheidenden Jahre seiner Jugend. Die Gertrudstraße 15 mit ihren beiden Torbogen und einem Laden im Parterre barg bleibende Erinnerungen. Die Wohnung der fünf Grundigs lag im ersten Stock über dem Eingang und dem Ladentor

Mit der Zeit wurde Max zum Lieblingskind seines Chefs Ludwig Hilpert. Der hatte keine Kinder, wohnte bei seiner Mutter im zweiten Stock über dem Geschäft am Bergauer Platz 8 und betrachtete seinen jüngsten Angestellten offensichtlich wie eine Art »Ziehsohn«.

Der Chef war ein hohes Tier in der internationalen Pfadfinder-Organisation und hatte deshalb in seiner Freizeit eine Menge Schreibarbeiten zu erledigen. Als er sah, daß der Max schon nach kurzer Zeit mit affenartiger Geschwindigkeit Steno schrieb, angelte er sich das Talent für den Samstagnachmittag oder Sonntagfrüh. Er diktierte Max seine Pfadfinder-Post, die der auf der Maschine runterratterte. Zum Dank bekam er einen Laib Brot - was Besseres hätte der Chef sich gar nicht ausdenken können. So entwickelte sich ein regelrechtes Vertrauensverhältnis zwischen Chef und Lehrling, das fast familiäre Formen annahm.
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Das ging so weit, daß Max hin und wieder den kleinen Hilpert-Neffen in den Kindergarten führte. Dieser Neffe war der Sohn eines Generals oder eines sonstwie hohen Infanterieoffiziers, der mit Vorliebe zu Pferd durch die halbe Stadt in seine Kaserne nach Schweinau ritt. Max verstand das zwar nicht recht, doch es imponierte ihm.

Wandern - Samstagnachmittag oder Sonntag

Aber der Hilpert hatte auch eine Angewohnheit, die dem Maxi nicht recht gefallen mochte. Weil er nun mal ein Pfadfinder-Führer von echtem Schrot und Korn war, wanderte er gern mit seinen Jungs. Und das stundenlang. Zeit dazu blieb freilich nur Samstagnachmittag oder Sonntag - wenn er Max nicht gerade seine Post diktierte. Bekam der allerdings Wind von einer jener gefürchteten Wanderungen, kriegte er lieber Bauchweh oder Zahnschmerzen. Leider fiel Hilpert nicht immer auf diesen Trick herein, und Maxi mußte mit knurrendem Magen seine dünnen Schuhsohlen durchlaufen.
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Umzug in die Gertrudstraße 15

In der Zwischenzeit, 1923, war die Mutter mit ihren vier Kindern zwei Straßenzüge weiter gezogen, in die Gertrudstraße 15, erster Stock rechts. Die Wohnung in der Muggenhofer Straße war zu groß, zu teuer geworden. Marie Grundig sparte, wo sie nur konnte.

Es wurde ein wenig eng in der Gertrudstraße. Zwei Zimmer, eine Küche für fünf Personen. Das Haus, vier Stockwerke, ockergelb verputzt, weißgetäfelter Eingang hinter einem breiten Hoftor, schmale Stiegen mit hölzernem Geländer. Dieses Haus sah aus wie hundert andere im Stadtteil Sündersbühl auch. Aber es hatte einen Vorteil: Gegenüber waren Schrebergärten, Bäume, Sträucher und dahinter das Pegnitztal. Wenn man zum Fenster hinausschaute, sah man ins Grüne. Und die Kinder hatten Platz, sich auszutoben. Die Straße war abgelegen, hier gab es selten Autos.
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Hier wohnten fast nur einfache Leute

Das Haus gehörte einem Kleinfabrikanten Schneider, der im Hinterhof Bürsten und Pinsel fabrizierte. Im Parterre wohnte der Werkmeister Denig mit seiner Familie, neben Grundigs der Geschäftsmann Schneider, im zweiten Stock der Buchhalter Reinhold und der Schreiner Haag (über dessen hübsche Tochter Berta es noch einiges zu sagen gibt), im dritten der Schreiner Kornfelder, im vierten Stock der Mechaniker Waldmann und der Packer Wirth. Im Hinterhof gab es noch den Betrieb des M. Neidig, der Fahrradgriffe und Federhalter herstellte, und im Parterre den Milchladen Rißmann. - Es waren fast lauter einfache Leute, und diese Wohnung in der Gertrudstraße 15 wurde zur eigentlichen Heimat des Max Grundig. Hier wohnte er mit seiner Mutter und seinen drei Geschwistern bis 1934.

In den Lehrjahren - fast 30 Reichsmark im Monat

Damals, in den Lehrjahren, litt Maxis Lohntüte freilich noch unter Magersucht. Aber es steckten immerhin fast 30 Reichsmark im Monat drin, und das war mehr als das Doppelte der mütterlichen Hinterbliebenenrente. Brav lieferte Max jeden Pfennig zu Hause ab. Doch weil auch das nicht reichte, kamen ihm immer wieder neue Einfälle, die Haushaltskasse aufzufüllen.

Der Trick mit der Inflation 1923

Erst mal versuchte er, kaufmännischer Lehrling schließlich und auf penible Kalkulation bedacht, die Inflation 1923 zu seinen Gunsten auszuschlachten. Das ging so: Max bat die Hauptbuchhalterin, die im Hilpert'schen Laden die Kasse verwaltete, um 50 Pfennig oder eine Mark Vorschuß. Er wußte: Morgen würde diese Mark nur noch den zehnten Teil wert sein oder noch weniger, heute konnte man sich vielleicht noch eine Semmel dafür kaufen. Der Trick gelang eine ganze Weile, bis das Geld nach Millionen gezählt wurde und gerade zum Ofenanzünden taugte.

Dann war da die Sache mit den Zinnsoldaten, die auch wieder ein paar Pfennige nebenbei brachte. Nachbarn malten die Herren Soldaten zu Hause bunt an, »in Heimarbeit«, wie man es nannte. Da stiefelte der Max hin, wann immer er Zeit hatte, und half mit. Für ein paar Stunden Arbeit gab es fünfzig Pfennig.

Geld sparen - Nachhilfe beim Schuhmacher

Am Mittwochnachmittag, nach der Berufsschule (oder auch statt dessen), ließ Maxi sich von einem Schuhmacher beibringen, wie Schuhe besohlt werden. Alte, durchgelaufene Sohlen runter, neue drauf, dasselbe mit Absätzen. Dafür erntete er zwar keinen Taler, aber er konnte nun kostenlos das Schuhwerk der ganzen Familie richten. Und außerdem setzte der Schuster nach getaner Arbeit eine Tasse Kakao samt Hörnchen auf den Tisch.

Ein Erlebnis im zweiten Lehrjahr, 1924

So ein frühzeitliches Empfangsgerät mit Kopfhörer, wie das Mädchen hier zeigte, bastelte Max selbst. Aufgenommen 1924, als er anfing, sich für das Radio zu begeistern.
So sah das Ding am Anfang aus, das neue Medium Radio war noch von Geheimnissen umgeben: Eines der ersten Geräte mit Kristalldetektor, Einstellknopf
und hier der Kopfhörer um 1923/24
Zehn Minuten nach dieser Aufnahme schlug Max Schmeling (Mitte) seinen Gegner Hartig im Berliner Friedrichshain in der ersten Runde ko. Bilder eines Schmeling-Kampfes empfing der andere Max auf seinem »Bildfunker« in Nürnberg

Es war etwa im zweiten Lehrjahr, 1924, Max wurde 16, als er ein Talent an sich entdeckte, das all seine zukünftigen Entscheidungen beeinflussen sollte. Er fing an, sich für das gerade in Mode gekommene Radio sehr intensiv zu interessieren. Dieses neue Medium faszinierte ihn, es war wie geschaffen für den aufgeweckten Jungen, der dauernd voller Ideen steckte.

Max Grundig wurde ein geradezu fanatischer Radiobastler. Jede freie Minute tüftelte er in seinem kleinen Zimmer (die Mutter teilte das andere mit den Töchtern) an irgendwelchen geheimnisvollen Apparaten. Als Deutschland dem drahtlosen Phänomen noch staunend gegenüberstand und kaum jemand begriff, wie das Ding eigentlich funktionierte, baute der Maxi sich seinen ersten Detektorapparat mit Kopfhörern selbst zusammen. Die Zubehörteile kaufte er sich von seinem Taschengeld beim Radio Pruy in der Mauthalle.

Zu Hause in der engen Wohnung sah es bald aus wie in einer Radiowerkstatt. Max rannte mit dem glühenden Lötkolben zwischen dem Gasherd in der Küche und seinem Zimmer hin und her, schraubte, kittete, lötete, setzte zusammen, auseinander und wieder zusammen, zog eine ellenlange Antenne vom Hof durch die Toilette, quer über den Gang zu seinem Zimmer - bis aus den Kopfhörern die ersten krächzenden und quäkenden Töne kamen.

Stimmen, Musik aus der Luft! Max war hingerissen. Hier tat sich etwas, das genau seinen Vorstellungen entsprach. Hier bahnte sich eine Entwicklung an, die Ideen verlangte. Max Grundig hatte diese Ideen, und es war ein Medium, von dem er bisher nur träumen konnte.

Die Technik, das Radio, hatte ihn gepackt.

Wenn seine Schwestern die Bastelwut des Bruders nicht begreifen wollten, ihn auslachten, kichernd die immer neuen Empfangsversuche störten, warf er sie kurzerhand raus.

Sein erstes ausgewachsenes Radiogerät, es hatte tatsächlich schon drei Röhren, sah aus wie ein Pult. Ein englisches Fabrikat, ohne Lautsprecher allerdings, noch mit Kopfhörern. Da hörte der Maxi mit glühenden Ohren allen Ernstes Musik aus England - dank seiner fast hundert Meter langen Antenne.

Bildsignale aus Königswusterhausen

Aber das Radio allein genügte ihm nicht. Seine Experimentier- lust war wie eine Sucht. Er wagte sich an einen Bildfunkempfänger, der letzte Schrei auf dem jungen Markt. Die Kondensatoren bastelte er selbst.

Die Glasscheiben dazu ließ er sich von einem Glaser schneiden, die Folien und Isolierscheiben organisierte er sonstwoher (darin war Max Grundig schon immer groß!), dann die Walze, etwas Papier, und fertig war die Laube.

Der Deutschlandsender in Königswusterhausen sandte die Bildsignale aus, in Maxis' Bildfunkgerät tat es »tack-tack-tack«, und es erschienen lauter kleine Punkte, die schließlich, in Postkartengröße etwa, ein Bild ergaben.

Die ersten Aufnahmen, die er mit seinem Eigenbau hervorzauberte, waren Fotos von einem Boxkampf Max Schmelings.

Es brauchte nur noch eine Portion Mut und Tatkraft

Wer zu Hause Radio hörte, der konnte nicht wissen, wie es in dem Studio aussah, aus dem die Musik kam. Dies war ein typisches Übertragungsstudio des Rundfunks Mitte der zwanziger Jahre. Rechts die Ansagerin, die gleichzeitig als Sängerin und Organistin auftrat

Da waren nun zwei Komponenten zusammengekommen, die in ihrer Verbindung unweigerlich zu einer großen Karriere führen mußten: Der erlernte Beruf des Kaufmanns und ein Hobby, das sich Radio nannte. Das hieß, eine neue Technik, der die Zukunft gehörte, mit kaufmännischem Geschick in einen Erfolg umzumünzen. Es brauchte nur noch eine Portion Mut und Tatkraft, Risikobereitschaft und Optimismus, dann konnte eigentlich gar nichts mehr schiefgehen.

Und auch davon hatte Max Grundig eine Menge, Aber noch war es ein langer Weg. Max Grundig hatte ein Ziel vor Augen, und das verfolgte er konsequent, unbeirrbar, Schritt für Schritt.

Die erste große Reise seines Lebens war dabei sehr hilfreich, sie förderte seine Radio- und Bastelleidenschaft. Sein Chef schickte den gerade 18 gewordenen Mitarbeiter, die dreijährige Lehrzeit war abgeschlossen, mutterseelenallein zur 3. "Großen Deutschen Funkausstellung" nach Berlin. Das war 1926, vom 3. bis 12. September.

Berlin war für einen Franken der Nabel der Welt

Keine Alchemistenküche, sondern der Hochspannungsraum des ersten Berliner Rundfunksenders im Voxhaus an der Potsdamer Straße im Jahr 1924

Berlin, in den 20er Jahren so etwas wie der Nabel der Welt, Traum eines jeden, der etwas erleben wollte. Da schlug das Herz Deutschlands. Da wurde Politik gemacht und Kultur produziert. Da war Leben. Die Theater, die Kinos voll, auch wenn die Zeiten sich nicht gerade goldig gaben. Berlin - das war die Metropole, in der die Großen dieser Welt sich die Hände schüttelten, die Halbwelt protzte und die Unterwelt in allen Schattierungen glitzerte.

Dorthin, nach Berlin, durfte der junge Grundig nun fahren. Und dazu noch zur Funkausstellung, wo er all die Neuheiten eines noch jungen Mediums sehen sollte, das ihn so faszinierte. Was für ein Ereignis für einen 18jährigen!

Geschlagene zwölf Stunden im Zug nach Berlin

Wer hätte das gedacht: Schon 1926 gab es in Deutschland ein Fernseh- gerät. Es arbeitete nach dem sogenannten »Karolus' System«, war ein bißchen unförmig und kaum zur Verschönerung einer Wohnung geeignet. Max Grundigs selbst gezimmertes Bildfunkgerät machte sich dagegen geradezu graziös aus ...

Am Nürnberger Hauptbahnhof marschierten sämtliche Freunde und Kollegen auf, um Max zu verabschieden. Dann hockte er geschlagene zwölf Stunden im Zug. Schließlich: Berlin. Der Chef hatte ihm großzügig Geld mitgegeben, damit er in einem guten Hotel wohnen konnte. Als er jedoch vor dem großen Kasten stand, machte die Ehrfurcht ihm die Knie weich. Da sollte er rein, in diesen Prunkladen, wo so viele vornehme Leute mit bedeutenden Gesichtern eilig hin- und herliefen? Nein, das fand der Max eine Nummer zu groß. Er suchte sich lieber eine kleine Pension, da fühlte er sich wohler.

Aber die Funkausstellung in Halle 4 des Messegeländes, auf der 250 Aussteller ihre Produkte zeigten, das war etwas nach seinem Geschmack.

Den Funkturm, erst am 3. September 1926 eingeweiht, hielt er für ein Wunderwerk, die Kapelle Bela Santos, die in irgendeinem Cafe am Kurfürstendamm spielte, vergaß er sein ganzes Leben nicht, und in einem Südfrüchtegeschäft sah er zum erstenmal eine Orange.

Von all diesen Erlebnissen erzählte er seinen Freunden noch lange, wenn sie an ihren freien Wochenenden - falls der Hilpert nicht die Pfadfinder-Post diktierte - mit den Rädern von der Gertrudstraße hinausfuhren nach Erlangen, Forchheim, durch die Fränkische Schweiz und über Hersbruck wieder nach Hause.

1925 - die Mutter kauft ihm ein Fahrrad für knapp 65 Mark

Ein Twen auf dem Weg, die Welt zu erobern: Max Grundig im modischen Sommer-Jackett mit Sportlermütze bei einem Ausflug an den Chiemsee in den dreißiger Jahren. Leider blieben solche »Ausbüchser« selten, denn die Freizeit war rar.

Im dritten Lehrjahr nämlich, 1925, hatte die Mutter knapp 65 Mark abzweigen können, um Max endlich ein Fahrrad zu kaufen, Modell Herkules, grün lackiert.

Er war furchtbar stolz darauf und trimmte den Drahtesel, wie seine Freunde dies auch taten, »auf Rennrad«. Sie rasten wie die Irren durch die Gegend, und einer aus der Clique brachte es später sogar zu deutschen Meisterehren bei den Amateurradlern.

Skifahren hieß das zweite Sporthobby des unternehmungsfreudigen Jungkaufmanns. Mit dem Ingenieur Behringer, den er gewöhnlich bei Hilperts Wasserversorgungs-Planungen draußen auf dem Land begleitete, ging Max auf die Pisten. Zweimeterfünf-Hickory-Ski hatte er sich besorgt, viel zu lang und viel zu schwer.

Die klobigen Skistiefel hatten sich nach der Sommerpause jedesmal in steinharte Klumpen verwandelt, die vor Gebrauch erst geknetet werden mußten. Seehund-Felle unterm Ski, so stiegen sie auf die Berge, meist in Nordbayern.

Einmal nahm ein Freund den Max mit nach Kitzbühel, wo sie für billiges Geld bei einem Bauern in der Magdkammer nächtigten.
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1927 - wieder ein Meilenstein für Max Grundig

Max war im fünften Jahr bei Hilpert, 1927, als wieder mal etwas geschah, das sein Leben veränderte:

In Fürth plante die Stadt ein neues Krankenhaus, und wie die Fürther eben so waren, besonders den Nürnbergern gegenüber, vergaben sie die Aufträge nur an einheimische Firmen. An ein Fürther Krankenhaus ließen die nur Fürther ran.

Aber bei der Firma Hilpert in Nürnberg ließ man sich durch derlei kleinkarierte Mätzchen nicht beeindrucken. Eine Kriegslist wurde ersonnen, Vorbild: das trojanische Pferd. Der Schwager des Prokuristen Retzer hatte in Fürth einen Installations- und Elektroladen, C. Blödel, Blumenstraße 2. Nun war der Schwager gestorben, seine Witwe hatte kein Interesse an dem Geschäft, der Sohn sich für den Beruf eines praktischen Arztes entschieden.

Was also sollte aus dem Geschäft werden? Ludwig Hilpert und sein Prokurist wußten die Antwort. Sie kauften den Laden. Somit war die Firma Hilpert - via C.Blödel als trojanisches Pferd - auch ein Fürther Betrieb und konnte in den Bewerbungsreigen bei der Vergabe des Fürther Krankenhausbaus einsteigen. Mit Erfolg: Sie bekam einen erklecklichen Anteil der Installations- und Wasserversorgungsarbeiten zugesprochen.

Max Grundig wird zum Filialleiter ernannt

1928 - Mit diesen Hammerschlägen am 29. Mai wurde nicht nur der Grundstein für das Fürther Krankenhaus, sondern auch für die erste Karriere des Max Grundig gelegt. Der Herr mit der Amtskette war Fürths Oberbürgermeister Dr. Wild

Ludwig Hilpert nahm sich den frisch ausgebildeten Juniorkaufmann Max Grundig vor und zimmerte ihm - ohne daß beide es ahnten - wieder eine Sprosse seiner Karriereleiter.

»Bub, du gehst nach Fürth runter und übernimmst das Geschäft. Bist Filialleiter, mußt dich um alles kümmern, was da läuft. Natürlich in erster Linie um den Krankenhausbau.«

Max Grundig war hochgeehrt, nickte beflissen - und wurde Fürther, was das Geschäft betraf. Ob es sein Verhandlungsgeschick war oder die Tatsache, daß Chef und Prokurist in dieser Minute zu rechnen vergaßen, weiß niemand.

Jedenfalls sicherten sie dem Max neben 60 Mark Gehalt drei Promille Umsatzprovision zu. Mit dem Ergebnis, daß der Jüngling von knapp 20 Jahren im Durchschnitt 300 Mark im Monat verdiente, des öfteren auch 500 bis 600 Mark, manchmal sogar - dank der immer umfangreicher gewordenen Aufträge für das Krankenhaus - bis zu 1.000 Mark, Das war 1927/28 eine Unmenge Geld.

Die Firma C, Blödel in Fürth in der Blumenstraße 2

Hier residierte der Herr Filialleiter: Das Haus Blumenstraße 2 in Fürth. Der Laden im Erdgeschoß wurde zum »Stützpunkt« der erfolgs- und gewinnträchtigen Aktivitäten des jungen Grundig.

Der junge Herr Filialleiter klemmte sich vehement hinter seine neue Aufgabe, führte im Laden an der Blumenstraße 2 seine geliebten Radiodetektoren ein, womit die Firma C, Blödel in Fürth zu einem der ersten Radiogeschäfte wurde. Die Arbeiten am Fürther Krankenhaus gingen 1928 richtig los. Das Geschäft florierte. Gemeinsam mit dem Obermonteur Kraus sorgte Max Grundig dafür, daß nichts schief lief und alle Aufträge prompt ausgeführt wurden. Schließlich hatten sie 60 Monteure eingesetzt, und da durfte bloß kein Patzer passieren.

Der Erfolg der Firma C, Blödel in der Fürther Blumenstraße 2 war der Erfolg des jungen Max Grundig. Hier hatte er zum erstenmal in seinem Leben die Chance, ein Geschäft selbständig zu führen. Er zeigte, daß er es konnte, und sein Chef war sehr zufrieden. Die hohen Provisionsabrechnungen bestätigten den stets wachsenden Auftragsbestand. Womit wiederum die Tüchtigkeit des Fürther Filialchefs bewiesen war.

Mit 19 - wie ein vorbildlicher Vater »seine« Familie ernähren

Dieser glänzende Einstand beendete auch die Not in der Nürnberger Gertrudstraße 15. Der knapp 19jährige Sohn ernährte »seine« Familie wie ein vorbildlicher Vater, Mutter Marie und die drei Schwestern konnten jetzt öfter mal Fleisch essen, und für ein neues Kleid reichte es auch hin und wieder. Große Sprünge gab's bei Grundigs trotzdem nicht. Danach war ihnen nie zumute, dafür waren sie viel zu bescheiden. Und das blieben sie auch, wenn Max mal einen Tausender im Monat kassierte.
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Ein schweres Motorrad - der Übertraum musste her

Nur einen Luxus leistete er sich: Er kaufte sich ein schweres Motorrad, Marke Standard, rot lackiert, mit einem schicken Nickeltank. Ein dicker Brummer. Kostenpunkt: zwischen 900 und 1.000 Mark. Damit erfüllte Max sich einen lang verborgenen Wunsch, denn der Motorrad-Spleen hatte ihn, wie fast jeden Jungen in diesem Alter, schon längst gepackt, ohne daß er ihn hätte austoben können.

Berta Haag, Tochter eines Schreinermeisters

Unter den stattlichen Herren des Elferrats der Karnevalsgesellschaft »Fürther Kleeblatt« hatte die hübsche Blondine sich offensichtlich mit Vorbedacht den Max Grundig ausgesucht, einen sehr begehrten Junggesellen im Fürth der frühen dreißiger Jahre. Das hier war nicht Berta Haag.

Mit diesem röhrenden Hirsch imponierte der junge Herr Filialleiter unter anderem auch einem Mädchen aus der Gertrudstraße 15, zweiter Stock, genau über den Grundigs. Sie hieß Berta Haag, Tochter eines Schreinermeisters, und sie war hübsch.

Trotzdem hatte Max eigentlich nie ein Auge auf die Kleine geworfen, die im übrigen zwei Jahre jünger war als er. Erst als er sich mit seinem damaligen Gspusi im Cafe Wegemann an der Fürther Straße traf und die ihre Freundin Berta mitbrachte, fiel dem Max das Fräulein Nachbarin auf.

Wie sowas eben geht, und das war früher nicht anders als heute: Man verliebte sich. Zudem zog die Freundin Nummer eins mit ihren Eltern in eine andere Stadt. Ältere Nachbarn aus der Gertrudstraße 15 behaupten heute noch steif und fest, daß die Liebe heftig gewesen sein muß, denn Max sei waghalsig an der Dachrinne ins zweite Stockwerk geklettert, wo das Zimmer der schönen Nachbarin Berta lag.

Auch was dann geschah, war nicht ungewöhnlich, und auch daran hat sich bis heute nichts geändert: Das Mädchen wurde schwanger und Max über Nacht zum Ehemann, damit das Kind einen Namen hatte. Aber es blieb eine Ehe auf dem Papier, keine Hochzeit mit Schleier und so, keine gemeinsame Wohnung. Max wollte nur für eine Jugendtorheit geradestehen. Er war erst 21 Jahre alt - und damit gerade eben volljährig geworden.

1930 - Tochter Inge Grundig wurde geboren

Tochter Inge Grundig wurde am 18. Januar 1930 geboren, die Ehe kurz darauf wieder geschieden, der junge Vater übernahm alle Verpflichtungen. Zunächst blieb Inge bei ihrer Mutter. Als sie 15 wurde, kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, nahm Max Grundig seine Tochter zu sich. Die Mutter war damit einverstanden.

Zurück ins Jahr 1930.

Der Krankenhausbau in Fürth war zu zwei Dritteln beendet, die Installationsarbeit so gut wie fertig. Max fuhr jeden Samstag mit seiner schweren Standard nach Nürnberg zum Bergauer Platz 8, um seinen Chefs Bericht zu erstatten und abzurechnen.

Bei einem seiner Samstag-Besuche erfuhr er wie aus heiterem Himmel, daß Hilpert das Geschäft in Fürth verkaufen wollte. Die Arbeiten am Krankenhaus waren ja, wie schon gesagt, fast abgeschlossen, und der Laden hatte damit für Hilpert keine Existenzberechtigung mehr. Ein Ingenieur Gustav Locker, gebürtiger Thüringer und lange Jahre bei der AEG, war der Käufer. Am 1. November 1930 sollte er das Geschäft übernehmen.

Max Grundig fällt eine Entscheidung - er kündigt

Das gefiel dem Max Grundig allerdings gar nicht. Erstens wollte er weder bei einem neuen Inhaber arbeiten noch seinen schönen Filialleiterposten aufgeben und als kleiner Angestellter ohne Provision zurück nach Nürnberg gehen, und zweitens kam es just an diesem 1. November 1930, einem Samstag, wie gesagt, am Bergauer Platz 8 in Nürnberg zu einem handfesten Krach zwischen Max und seinem Chef Ludwig Hilpert.

Es ging um den Zahlungsmodus, wieviel über die Bank, wieviel per Postscheck, wieviel bar bezahlt werden sollte. Max forderte Geld für die nächsten Lohnzahlungen, der Chef machte Einwände, die Stimmen wurden lauter, schließlich brüllte Ludwig Hilpert: »Bin ich jetzt der Chef oder du?«

Max, der sich trotz seiner erst 22 Jahre mit Hilpert duzte, was für einen Jungfilialleiter sonst kaum üblich war: »Natürlich bist du der Chef, aber ich brauche das Geld, und du überweist es!«

Es gab noch ein paar saftige Worte hin und her, dann nahm der Max seine Mütze in die Hand und sagte: »Ich kündige!« Das wiederholte er vor dem Prokuristen Retzer und ging. Am Montag, 3. November 1930, kam er noch einmal zur Übergabe. Die Sache war für ihn gelaufen.

Es geht weiter mit Kapitel III

Gleich nebenan in der Sternstrasse 4 stand nämlich ein Laden leer

Und das aus gutem Grund, denn Max Grundig hatte ganz andere Pläne: Er wollte sich selbständig machen, das Risiko auf die eigene Kappe nehmen. Und er wußte auch schon, wo er dieses Vorhaben verwirklichen konnte. Weil er abends hin und wieder zum Billard-Spielen ins Cafe Fürst an der Fürther Sternstraße 2 ging, erfuhr er, daß nebenan auf Nummer 4 ein Laden leer stand...

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