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Ein Freund schreibt über einen Freund. Egon Fein für Max Grundig zum 75. Geburtstag.

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Kapitel II - 14. Mai 1920 - Max, der »Familienvater«

übearbeitet von Gert Redlich im Winter 2018.

Es war ein verregneter Vatertag, der 13. Mai 1920, Himmel- fahrt. Auch in der Nacht zum 14. Mai regnete es in Nürnberg, bis morgens um zehn Uhr.

Im Städtischen Krankenhaus an der Flurstraße lag Vater Max Emil Grundig nun fast schon die ganze Woche. Man hatte seinen Bruch fachgerecht behandelt, den Patienten stillgelegt und zur Operation vorbereitet. Komplikationen gab es ja nicht.

Für die Morgenstunden des 14. Mai, einen Freitag, war die Operation angesetzt. Zunächst schien alles gutzugehen, doch gegen Mittag kam die Krise. Was war schuld ? Hatte man zu lange gewartet mit der Operation? Den Eingriff unfachgemäß vorgenommen, die (Bauch-) Wände falsch behandelt? Fragen, auf die es nie eine Antwort geben sollte.

Um 15 Uhr sah die Krankenschwester nach dem Patienten, er schlief unruhig. Als sie eine knappe Stunde später wiederkam, war er tot. Amtlich registrierte Sterbestunde: 15.45 Uhr. Max Emil Grundig war nur 41 Jahre alt geworden.
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Vater Max Emil Grundig war auf einmal tot - mit 41 Jahren

Vor drei Tagen, am Dienstag, 11. Mai. hatte er Geburtstag gehabt. Seine Frau und die Kinder waren zu Besuch gekommen, zu Fuß von der Muggenhofer Straße.
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Noch konnte er nicht ahnen, was der Tod seines Vaters für ihn bedeuten sollte: Volksschüler Max Grundig im Preißler-Schulhaus

Die Straßenbahn war viel zu teuer: Seit März 50 Pfennig für Erwachsene auf dieser Teilstrecke, 30 Pfennig für Kinder. Das wären 1,70 Mark »einfach« gewesen für die Familie, 3,40 Mark hin und zurück. Undenkbar! Geld, das im Hause Grundig dringend gebraucht wurde für Essen, Miete und Kleidung. Und wozu hatte man Beine ?

Es war das letzte Mal, daß die vier Kinder ihren Vater sahen, an seinem 41 Geburtstag. Als Mutter Marie an diesem kühlen Abend des 14. Mai, eine Woche vor Pfingsten, wieder zur Flurstraße ging, diesmal allein, blieb ihr nur noch der Abschied von ihrem toten Mann.

Einen Tag später bestätigte ihr der amtliche Totenschein Nr. 1081, unterzeichnet vom Standesbeamten Weiß, das Unfaßbare.

Marie Grundig, Witwe mit 39 Jahren, vier Kinder ohne Vater: Maxi, vor einer Woche 12 geworden, Minna 11, Agnes 10, Klara 8. Wie sollte dieses Leben weitergehen? Wovon denn leben?

Die Antwort auf diese Frage entschied wenig später darüber, was aus Max Grundig werden sollte. Der frühe Tod seines Vaters bestimmte seinen weiteren Werdegang ...
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Glücklich .... ganze zwölf Jahre, fünf Monate und elf Tage.

Mein Gott, das war ein kurzer Lebensweg gewesen, den Marie und Max Emil Grundig gemeinsam gehen durften! Ganze zwölf Jahre, fünf Monate und elf Tage. Am 3. Dezember 1907 hatten sie geheiratet. Die Urkunde Nr. 1947 des Standesamtes Nürnberg-Lorenz registrierte dies so:

  • »Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschienen heute zum Zwecke der Eheschließung:
  • Erstens der Magaziner Max Emil Grundig..., evangelischer Religion, geb. am 11.5.1879 zu Frauenstein in Sachsen..., Sohn des verstorbenen Flaschnermeisters Albin Anton Grundig, zuletzt wohnhaft in Prohlis, und seiner Ehefrau Auguste Wilhelmine, geb. Erler, wohnhaft in Freiberg, Sachsen...
  • Zweitens die Köchin Marie Hebeisen, katholischer Religion, geb. am 24.11.1881 zu Unlingen in Württemberg, Tochter des Steinhauermeisters Peter Hebeisen und seiner Ehefrau Wilhelmine, geb. Moosbrugger, ersterer wohnhaft in Daugendorf, Landkreis Saulgau, letztere verstorben ...«

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Die Trauzeugen hießen Johann Münch und Michael Daucher, Schuhmacher, beide aus der Rollnerstraße 7a; der Standesbeamte Forster.
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Nie die Sonnenseite des Lebens kennengelernt

Sie waren glücklich gewesen, wenn sie auch nie die Sonnenseite des Lebens kennengelernt hatten. Sie gaben sich zufrieden mit dem, was sie sich leisten konnten, und sie haderten nicht mit ihrem Schicksal. Vater sorgte, daß sie ihr bescheidenes Auskommen hatten; Mutter hielt die Familie zusammen. Es waren brave, einfache Bürgersleute, die ihre Kinder ordentlich erzogen. Sie gaben ihnen viel aus leeren Händen: Anstand und Gottvertrauen, Fleiß und Mut, Freude an der Arbeit und eine gesunde Portion Optimismus, um mit dem Leben fertig zu werden.

Nun aber war dieses kleine Glück über Nacht zerbrochen, eine Frau allein mit vier Kindern, die alle noch zur Schule gingen. Sie hatten Hunger, sie brauchten Kleider. Und die Zeiten waren alles andere als rosig, die wirtschaftlichen Nöte auch im Frieden noch nicht gebannt.
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Über die Reparationen des Versailler Friedensvertrages

März 1920, zwei Monate bevor Max Emil Grundig starb: Der Kapp- Putsch erschütterte die junge Republik. Soldaten der selbsternannten Regierung Kapp verteilten in Berlin Flugblätter.

Der Erste Weltkrieg grub tiefe Spuren, die Reparationen des unseligen Versailler Friedensvertrages zwangen Deutschland in die Knie. Die Sieger forderten, was der Besiegte nie bezahlen konnte.

Das Geld verlor von Tag zu Tag an Wert, die Mark wurde an der Schweizer Börse gerade noch mit 7,8 amerikanischen Cents gehandelt. Die Politik verlagerte sich vom Parlament auf die Straße, und die Wirtschaft ging mehr und mehr am Stock. Die nahende Inflation war nicht mehr zu übersehen.

In Berlin verjagte der Kapp-Putsch die Reichsregierung nach Stuttgart, und nur ein Generalstreik der Gewerkschaften rettete sie vor dem Sturz. Im Ruhrgebiet revoltierten die Kommunisten, und im Münchner Hofbräuhaus verkündete Adolf Hitler sein 25-Punkte-Programm.

Die Preise stiegen ins Unermessliche

Artillerie am Nürnberger Königstor. Angriffsziel: Das Hauptpostamt, wo der Gegner sich verschanzt hatte

In Nürnberg wurden alle städtischen Gebühren drastisch erhöht: Ein Kubikmeter Gas kostete 80 statt 50 Pfennig, eine Kilowattstunde Strom 1,20 Mark statt 70 Pfennig, ein Kubikmeter Wasser 30 statt 20 Pfennig, die Straßenbahnnetzkarte 55 statt 45 Mark. Die Mieten stiegen um durchschnittlich 35 Prozent, und die Eisenbahn verlangte für den Personen-, Gepäck- und Expreßgutverkehr sage und schreibe 100 Prozent mehr.

Gemessen an den niedrigen Einkünften erreichten die - zum Teil noch bewirtschafteten - Lebens- und Haushaltsmittel Preise von horrender Höhe: Drei Stauden Kopfsalat oder vier Stück Rettiche kosteten eine Mark, ein Pfund Preßsack 3,60 Mark, ein Pfund Schweinefleisch von 9,50 bis 19 Mark, eine Büchse amerikanischer Militärkonserven mit Bohnen und Speck fünf Mark, ein Stück Kernseife, das im Dezember noch für drei Mark zu haben war, im März 1920 schon neun Mark, ein Kilo Margarine im April 30 Mark, zwei Wochen später bereits zwei Mark mehr.

Der Geldwert sinkt ins Uferlose

Ein Spruch, den zwanziger Jahren angepaßt: »... weil trüb die jetzge Zeit«. Hungernde Kinder bei einer Massenspeisung durch eine Nürnberger Firma.

Am 12. Februar schrieb der »Fränkische Kurier«: »Neue Preis- steigerungen und neue Lohnforderungen lösen sich ständig ab. Dabei sinkt der Geldwert ins Uferlose.«

Wie recht die Zeitung hatte: Ärzte forderten von den Kranken- kassen 300 Prozent Gebührenerhöhung, Bader- und Friseur- gehilfen wollten 100 Prozent mehr Lohn, Metallarbeiter drohten aus demselben Grund mit Streik, Bankangestellte legten wegen »völlig unzulänglichen Tarifgehältern« die Arbeit nieder. Mehr als 7.000 Nürnberger suchten Arbeit, über 6.000 eine Wohnung.

Aus Mangel an Kleingeld wurden Notgeld-Gutscheine über 10 und 20 Pfennig ausgegeben. Eine Mark aus Silber nahm der Händler Pilhofer in der Königstraße 17 für 9,20 Mark in Zahlung, eine Goldmark für 150 Mark. Die Angst ums Geld griff um sich: Bei der Städtischen Sparkasse sanken wieder mal die Einlagen. Im Februar 1920 wurden 4.310.064 Mark und 12 Pfennig abgehoben gegenüber nur 2.081.036 Mark 7 Pfennig im Dezember 1919.
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Die Menschen wurden immer ärmer, die Zeiten immer schlimmer.

Die »Nationalen Kräfte« versam- melten sich 1923 zum »Deutschen Tag« in Nürnberg, unter ihnen die noch reichlich unbedeutenden NS-Führer Adolf Hitler (Mitte) und Julius Streicher, der spätere »Frankenführer« (rechts daneben, im Vordergrund)

Das städtische Wöchnerinnenheim beklagte, daß das Körpergewicht der Neugeborenen bedrohlich abnehme, weil es statt Voll- meist nur Magermilch und statt 16.000 nur 8.400 Kalorien pro Woche gab. Mit anderen Worten: Die Babys waren unterernährt.

Ein erschütternder Fall drang bis in die Zeitungsspalten: Im Stadtteil Gostenhof, dort, wo Max Grundig geboren wurde, bekamen die Kinder der Familie St., zwei und vier Jahre alt, »tagsüber als Nahrung harte Brotkrumen, an denen sie stundenlang nagten. Abends bestand ihre Nahrung aus in Wasser gekochten Haferflocken ohne jeglichen Zusatz.«
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Bewaffnete Matrosen griffen in der Katzwanger-, Wiesen-, Rothenburger Straße und in der Pfannenschmiedsgasse die Polizeiwachen und am Bahnhofsplatz das Postgebäude an. Das Dritte Bataillon des Infanterieregiments 47 der Reichswehr schlug den Putsch nieder. Es gab 22 Tote. Streiks häuften sich, die Zeitungen erschienen nicht. Einwohner-Wehren griffen zur Selbsthilfe: »Heraus, Ihr Männer, denn unser deutsches Haus brennt.«

Im Rosenau-Saal sprach - laut Meldung der »Nordbayerischen Zeitung« - »ein Herr Hitler aus München« vor dem Bund deutscher Kriegsteilnehmer über »den Schandvertrag von Versailles«.

Unsere Mutter mit vier kleinen Kindern

In diesen Tagen kämpfte eine Mutter mit vier kleinen Kindern ums Überleben. Marie Grundig bekam noch sechs Monate lang das ohnehin nicht sehr üppige Gehalt ihres verstorbenen Mannes. Wenn auch die Mark immer schwindsüchtiger wurde, bis sie bald nur noch 50 Pfennig wert war - für Marie Grundig bedeutete das Übergangsgeld der Herkules-Werke, daß sie für den Maxi und seine drei Schwestern erst mal die Miete, den Strom und einen Teller Suppe bezahlen konnte. Hunger, den kannten sie ja. Das war nichts Neues.

Wollten sie sich sattessen, luden die bäuerlichen Verwandten der Mutter aus dem Württembergischen sie ein. Sehr selten freilich, denn das Reisen war viel zu teuer. »Wenn wir mal hingekommen sind, dann haben wir soviel zu essen gekriegt, daß uns tagelang schlecht war«, erinnert sich Max Grundig. »Das haben wir ja gar nicht mehr vertragen.«

Die Äpfel aus Nachbars Garten

Kaum weniger verträgliche Extras holte Max sich mit seinen Freunden aus Nachbars Garten: Äpfel, die noch grün waren, Birnen, an denen man sich die Zähne ausbiß. Sie konnten nicht warten, bis das Obst reif war und von den Bäumen fiel. Dann hatten es die Nachbarn womöglich schon abgeerntet, und die Buben mußten weiter Kohldampf schieben. Wer will das schon?

Bis zu den nächsten Schrebergärten waren's, zum Glück, nur ein paar hundert Meter, in Richtung Pegnitz. Vorbei an der Taubstummenanstalt in der Pestalozzistraße, an einem Fußballplatz und an der Zelluloidfabrik, die eines Nachts beinahe abgebrannt wäre. Mutter Grundig war mit den vier Kindern zunächst in den drei Zimmern der Muggenhofer Straße 55 wohnen geblieben, im dritten Stock. Ein schmuckloses, rötlich angestrichenes Mietshaus, Ecke Pestalozzistraße. Für Jungens eine ideale Gegend zum Spielen, »nunter auf die Gaß' gehen«, wie man in Nürnberger Halbwüchsigen-Kreisen sagt.

Baden verboten im Ludwigskanal

Das könnte auch Max mit seinen Freunden gewesen sein, denn was diese Kinder hier trieben, war genauso verpönt wie das verbotene Bad des jungen Grundig im Ludwigskanal. Dieses Foto wurde am sogenannten »Engpaß« beim Kanalsteg aufgenommen.

Sie waren ungefähr ein Dutzend Lausbuben aus der Nachbarschaft. Am liebsten spielten sie drunten an der Pegnitz oder am Ludwigskanal, der auch nicht allzuweit entfernt war, und mit Vorliebe ärgerten sie die Schutzleute.

Es war verboten, im Kanal zu baden.
Aber gerade das reizte die Burschen. Kam ein »Poli« (Nürnberger Abkürzung für Polizist), hielten sie ihre Kleider über den Kopf, wateten oder schwammen auf die andere Seite und zeigten dem schimpfend zurückgebliebenen Schutzmann die Zunge.

Das wurde einem der Polizisten auf die Dauer zu dumm.
Ein baumlanger Kerl war das, sehr gefürchtet, und offensichtlich nicht auf den Kopf gefallen. Er ließ die »Sauboum« (Nürnberger Dialekt für »Saububen«) in die Falle laufen.

Während er, der Lange, sich scheinbar darüber ärgerte, daß sie ihm wieder mal entkommen waren, hatte er längst ein paar Kollegen in Zivil auf die andere Seite geschickt. Als die Jungens, wie gehabt, ansetzten, dem Langen Grimassen zu schneiden und die Zungen herauszustrecken, achteten sie nicht auf die beiden unauffälligen Herren hinter ihnen. Flugs griffen die zu und schnappten sich zwei der ordnungswidrigen Badegäste.

Die alternative Freizeitbeschäftigung : Pilze sammeln

Für eine Weile entfielen also die Schwimmstunden, und die Buben wichen wieder zur Pegnitz aus. Oder in den Wald, wo Maxi gern Pilze sammelte. Wenn es auch nicht viele waren, aber ein Teller voll wurde allemal daraus, und die Mutter sparte wieder ein paar Pfennige.
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Gymnasium für Maxi - unbezahlbar

Die Pfennige waren bei Marie Grundig und ihren vier Kindern rar. Ihre größte Sorge galt zunächst mal dem Ältesten, dem Maxi. Was sollte bloß aus ihm werden? Als Vater noch lebte, stand fest, daß der Junge aufs Gymnasium gehen würde. Abitur, eine ordentliche Ausbildung, eine gute Anstellung. Das wollten die Grundigs sich vom Mund absparen.

Und jetzt? Wie sollte die Mutter eine höhere Schule bezahlen? Wovon denn? Sie war froh, wenn sie dem Buben überhaupt Kleider kaufen konnte. Für die drei Schwestern gab's sowieso immer nur ein einziges neues Kleid. Das trug zuerst die Wilhelmine, die Älteste. War sie rausgewachsen, ging das Kleid an die Agnes über, und zu guter Letzt kam die Klara dran. Viel Staat war da nicht mehr zu machen mit dem Gewand...
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