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Ein Freund schreibt über einen Freund. Egon Fein für Max Grundig zum 75. Geburtstag.

Vater Grundig freilich, gebürtiger Sachse

Juni 1915 - Da hatten die Zeiten sich schon sehr zu ihrem Nachteil gewandelt : Hier wurden in einem Möbelwagen »Wollsachen und Webzeug« für die Kriegs-invaliden-Fürsorge der Stadt Fürth eingesammelt.
Jan. 1918 - Hunger und Unmut über den Krieg, der nicht enden wollte, trieb sie auf die Straße: Eine Arbeiterdemonstration am Dienstag, 29. Januar 1918, nachmittags um drei Uhr auf dem Fürther Königsplatz.
Kartoffelverkauf an hungernde Bürger am 20. Februar 1916 im Fürther Rathaushof. Im Hintergrund die Rückseite des Cafes Fürst, mehr als ein Jahrzehnt später von Max Grundig als Stammlokal bevorzugt.
1918 reichte es zu Maxens Kommunion trotzdem noch für ein »feines Tuch«. Neben ihm seine Stiefschwester Luise.
Erblindete englische Soldaten nach einem Gasangriff an der Westfront 1914

Sein Vater freilich, gebürtiger Sachse, hatte den Dunstkreis der Stadt Fürth nicht gesucht, weil er ein »Abweichler« gewesen wäre, ihm - dem »Preiß'n« - waren solche Gedanken fremd. Er wollte ganz einfach in der Nähe seiner Arbeitsstelle wohnen, um das Straßenbahngeld zu sparen. Die Herkules-Werke standen in der Muggenhofer Straße, und er verdiente gerade 278 Mark im Monat.

Darum war es auch nicht einfach für diesen braven, bescheidenen Mann, seiner Familie mit vier Kindern täglich die Fleischtöpfe zu füllen. Von wegen Fleisch! Meist gab's Mehlspeisen, Pfannkuchen, zum Beispiel, denn Mutter Marie war Schwäbin und gelernte Köchin. Fleisch kam - außer sonntags freilich - nur einmal in der Woche auf den Tisch, ein kleines Stück Schnitzel oder Rostbraten.

Der Vater sollte es essen, denn er mußte schließlich arbeiten und die Familie ernähren. Aber wie das so ist, wenn vier Kinder am Tisch sitzen und mit großen Augen auf das kleine Stück Fleisch schielen: Der Vater brachte es nicht übers Herz, allein abzusäbeln. Er gab dem Max einen Happen, der Minna, der Agnes, und der Klara auch einen. Das war's dann. Für Vater blieb nicht viel übrig, aber er war's zufrieden.

Vater wußte, wie weh Hunger tun kann

Er wußte, wie weh Hunger tun kann, und deshalb wollte er vor allem anderen seine Kinder satt bekommen. Und wenn er sich - wie im Ersten Weltkrieg - aufs Organisieren verlegen mußte.

Da war, zum Beispiel, die Sache mit den Kirschen: Die Herkules-Werke bauten zwischen 1914 und 1918 Lastwagen für die Front, und ehe die Dinger abgeliefert wurden, mußten sie eingefahren werden.

Wohin wohl? Am besten in eine Gegend, wo's was zum Hamstern gab, wie man das damals nannte. Etwa nach Kalchreuth im Norden Nürnbergs, denn dort hingen im Sommer massenhaft Kirschen von den Bäumen. Ein wahres Kirschenparadies, für die Nürnberger zweimal im Jahr bevorzugtes Ausflugsziel: Zur Kirschenblüte und zur Ernte.

Vater Grundig und seine Kollegen packten also ein paar Waschkörbe ein, füllten sie bis oben hin mit Kirschen und brachten sie ihren Familien mit. »So, Kinder«, sagte der Vater zu Hause, »jetzt eßt euch mal satt!«

Die vier Kinder taten's, und es muß ein durchschlagender Erfolg gewesen sein, denn Max Grundig erinnert sich lebhaft: »Wir haben den halben Korb Kirschen auf einmal aufgegessen und waren drei Tage krank.«

Solche Ereignisse sind vornehmlich der Grund dafür, weshalb Max Grundig diesen Teil seiner Jugendzeit niemals aus dem Gedächtnis verloren hat: »Ich hab' von früh bis abends Hunger gehabt.«
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Als der 1. Weltkrieg dem Ende zu ging

Dazu trugen auch die Zeitläufte bei. Der Erste Weltkrieg, anfangs noch voller Euphorie und Siegeszuversicht ausgefochten, begann die Kräfte beider Seiten zu übersteigen. Während von Februar bis Juni 1916 bei Verdun allein die französischen Verluste auf 440.000 Mann stiegen, rationierten die Deutschen zum erstenmal ihre kargen Lebensmittel. Es gab eine Fleischkarte und in den ersten Monaten noch 250 Gramm wöchentlich. Das wurde rasch weniger, bis Millionen Deutsche im sogenannten Kohlrübenwinter 1916/17 sich hauptsächlich von Steckrüben ernährten.

Als 1917 nach dem Kriegseintritt der USA 1,7 Millionen amerikanische Soldaten an den europäischen Fronten erschienen und der totale deutsche U-Boot-Krieg gegen England zwar Erfolge, nicht aber die erhoffte Wende brachte, sah es in der Heimat immer düsterer aus, Munitionsarbeiter streikten, Metzger verkauften nur noch Pferdefleisch, Milchläden schlossen, weil sie keine Milch mehr hatten, eine Grippe-Epidemie raffte allein 1918 in Deutschland mehr als 196.000 ausgehungerte Menschen dahin.

Vor dem Laden des Metzgermeisters Held in der Staudengasse 1916 standen hungernde Menschen an, die auf Pferdefleisch warteten.

4 Kinder und der Hunger

Auch Mutter Grundig mußte streng rationieren, damit alle vier Kinder immer gleich viel zu essen bekamen, Sie sperrte Brot, Margarine und Kunsthonig in eine Schublade des Küchenbuffets - sicher verwahrt, wie sie glaubte. Aber Max und seine Schwestern waren einfallsreich, Sie entsannen sich der Reinigungsbürste für die Petroleumlampe, die am anderen Ende einen recht praktischen Haken hatte. Den konnte man in die Ritzen des Küchenbuffets schieben und die versperrten Schubladen - sie hatten sowas ähnliches wie Klapptüren - von innen aufdrücken, »Dann haben wir uns vom Brot was runtergeschnitten, den Kipf wieder rein ins Büffet und die Schublade zugeklappt. Wir glaubten, das merkt keiner,«

Die Mutter hat's natürlich bemerkt, aber sie schwieg. Konnte sie ihren Kindern böse sein, nur weil sie Hunger hatten? Sie war es auch nicht, als Tochter Minna heulend ankam: »Die haben meinen Osterhasen g'stohl'n und auf gess'n !«

Was war geschehen?

Die Geschichte mit dem Osterhasen

Zu Ostern hatte jedes der vier Kinder einen Osterhasen geschenkt bekommen, eingewickelt in rotes Papier, Max und seine jüngeren Schwestern Agnes und Klara köpften das Langohr umgehend, Minna, die mit dem Hunger wohl am ehesten fertig wurde, hob den Hasen wochenlang auf, »... bis wir ihn erwischt haben, und da war er weg!« So Max Grundig später.

Selbst Schmerzen nahm Max in Kauf, wenn er bloß was zu essen bekam. Er hatte Zahnweh, und es sah ganz so aus, als müsse das Ding raus, Zahnziehen: Mit Betäubung verlangte der Arzt mehr, und deshalb fragte der Vater seinen Sohn: »Was willst haben? Eine Spritze oder ein Stück Käskuchen?« Was für eine Frage? »Käskoung«, antwortete Max ohne zu überlegen und trottete mit dem Vater zum Zahnarzt.

Die Schlachtbank hätte auch nicht schlimmer sein können, denn es tat fürchterlich weh, Max brüllte wie am Spieß - und er bekam sein »Stückla Käskoung«, wie das in Nürnberg heißt. Auch in der Sekunde, als der Onkel Doktor den Schreckenshebel ansetzte, hatte Max sich in seinem Entschluß nicht beirren lassen.

Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi

Vielleicht dachte er dabei an Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi aus seinen Karl-May-Büchern, die schließlich auch tapfer waren und die Zähne zusammenbissen. Max borgte sich die Karl-May-Bände und andere Abenteuer- Romane regelmäßig in der Bibliothek gegenüber aus. Der Besitzer kannte ihn schon, denn Max holte samstags manchmal acht bis zehn Bücher, die er übers Wochenende las.

Der Friseur .... war unser Vater

Apropos Wochenende: Da nützte der Vater oftmals die Gelegenheit, sich den Kopf seines Filius' vorzunehmen. Er ersetzte kurzerhand den Friseur und schnitt die Haare selbst. Zumeist blieb dabei eine sauber geschorene Glatze zurück. »Plattn« nennt der Nürnberger so etwas. Doch das war praktisch, hygienisch und hielt auch eine ganze Weile vor.

Als Vater krank wurde

Es muß wohl Ende des Ersten Weltkrieges gewesen sein, als Vater Grundig sich mit einer Blinddarmentzündung herumplagte und im Städtischen Krankenhaus operiert werden mußte. Selbst für die damalige Zeit kein weltbewegender Umstand, aber irgend etwas schien dabei schiefgelaufen zu sein.

Ob ein Arzt gemurkst hatte oder die Naht ganz einfach zu schwach war, der Vater hatte seitdem einen Bruch. Auch damit kann man leben, aber man muß eben immer ein wenig aufpassen. Und das tat Max Emil Grundig.
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Es geht weiter mit Kapitel 2

Aber am 8. Mai 1920 passierte es trotzdem. Ein Samstag. Der Vater hatte Bretter gekauft, um in seinem Schrebergarten im Stadtteil Sündersbühl das Gartenhäuschen zu reparieren.

Morgens, ziemlich früh, packte er in der Muggenhofer Straße das Holz zusammen. Er wuchtete eines der schweren Bretter wohl zu schnell auf den Leiterwagen, die Naht platzte, der Bruch trat hervor.

Diese eine Sekunde, die Folgen dieser zunächst wohl kaum gefährlichen Verletzung, sollten das Leben des knapp 12jährigen Max Grundig entscheidend beeinflussen...
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