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Ein Freund schreibt über einen Freund. Egon Fein für Max Grundig zum 75. Geburtstag.

Ein Erlebnis im zweiten Lehrjahr, 1924

So ein frühzeitliches Empfangsgerät mit Kopfhörer, wie das Mädchen hier zeigte, bastelte Max selbst. Aufgenommen 1924, als er anfing, sich für das Radio zu begeistern.
So sah das Ding am Anfang aus, das neue Medium Radio war noch von Geheimnissen umgeben: Eines der ersten Geräte mit Kristalldetektor, Einstellknopf
und hier der Kopfhörer um 1923/24
Zehn Minuten nach dieser Aufnahme schlug Max Schmeling (Mitte) seinen Gegner Hartig im Berliner Friedrichshain in der ersten Runde ko. Bilder eines Schmeling-Kampfes empfing der andere Max auf seinem »Bildfunker« in Nürnberg

Es war etwa im zweiten Lehrjahr, 1924, Max wurde 16, als er ein Talent an sich entdeckte, das all seine zukünftigen Entscheidungen beeinflussen sollte. Er fing an, sich für das gerade in Mode gekommene Radio sehr intensiv zu interessieren. Dieses neue Medium faszinierte ihn, es war wie geschaffen für den aufgeweckten Jungen, der dauernd voller Ideen steckte.

Max Grundig wurde ein geradezu fanatischer Radiobastler. Jede freie Minute tüftelte er in seinem kleinen Zimmer (die Mutter teilte das andere mit den Töchtern) an irgendwelchen geheimnisvollen Apparaten. Als Deutschland dem drahtlosen Phänomen noch staunend gegenüberstand und kaum jemand begriff, wie das Ding eigentlich funktionierte, baute der Maxi sich seinen ersten Detektorapparat mit Kopfhörern selbst zusammen. Die Zubehörteile kaufte er sich von seinem Taschengeld beim Radio Pruy in der Mauthalle.

Zu Hause in der engen Wohnung sah es bald aus wie in einer Radiowerkstatt. Max rannte mit dem glühenden Lötkolben zwischen dem Gasherd in der Küche und seinem Zimmer hin und her, schraubte, kittete, lötete, setzte zusammen, auseinander und wieder zusammen, zog eine ellenlange Antenne vom Hof durch die Toilette, quer über den Gang zu seinem Zimmer - bis aus den Kopfhörern die ersten krächzenden und quäkenden Töne kamen.

Stimmen, Musik aus der Luft! Max war hingerissen. Hier tat sich etwas, das genau seinen Vorstellungen entsprach. Hier bahnte sich eine Entwicklung an, die Ideen verlangte. Max Grundig hatte diese Ideen, und es war ein Medium, von dem er bisher nur träumen konnte.

Die Technik, das Radio, hatte ihn gepackt.

Wenn seine Schwestern die Bastelwut des Bruders nicht begreifen wollten, ihn auslachten, kichernd die immer neuen Empfangsversuche störten, warf er sie kurzerhand raus.

Sein erstes ausgewachsenes Radiogerät, es hatte tatsächlich schon drei Röhren, sah aus wie ein Pult. Ein englisches Fabrikat, ohne Lautsprecher allerdings, noch mit Kopfhörern. Da hörte der Maxi mit glühenden Ohren allen Ernstes Musik aus England - dank seiner fast hundert Meter langen Antenne.

Bildsignale aus Königswusterhausen

Aber das Radio allein genügte ihm nicht. Seine Experimentier- lust war wie eine Sucht. Er wagte sich an einen Bildfunkempfänger, der letzte Schrei auf dem jungen Markt. Die Kondensatoren bastelte er selbst.

Die Glasscheiben dazu ließ er sich von einem Glaser schneiden, die Folien und Isolierscheiben organisierte er sonstwoher (darin war Max Grundig schon immer groß!), dann die Walze, etwas Papier, und fertig war die Laube.

Der Deutschlandsender in Königswusterhausen sandte die Bildsignale aus, in Maxis' Bildfunkgerät tat es »tack-tack-tack«, und es erschienen lauter kleine Punkte, die schließlich, in Postkartengröße etwa, ein Bild ergaben.

Die ersten Aufnahmen, die er mit seinem Eigenbau hervorzauberte, waren Fotos von einem Boxkampf Max Schmelings.

Es brauchte nur noch eine Portion Mut und Tatkraft

Wer zu Hause Radio hörte, der konnte nicht wissen, wie es in dem Studio aussah, aus dem die Musik kam. Dies war ein typisches Übertragungsstudio des Rundfunks Mitte der zwanziger Jahre. Rechts die Ansagerin, die gleichzeitig als Sängerin und Organistin auftrat

Da waren nun zwei Komponenten zusammengekommen, die in ihrer Verbindung unweigerlich zu einer großen Karriere führen mußten: Der erlernte Beruf des Kaufmanns und ein Hobby, das sich Radio nannte. Das hieß, eine neue Technik, der die Zukunft gehörte, mit kaufmännischem Geschick in einen Erfolg umzumünzen. Es brauchte nur noch eine Portion Mut und Tatkraft, Risikobereitschaft und Optimismus, dann konnte eigentlich gar nichts mehr schiefgehen.

Und auch davon hatte Max Grundig eine Menge, Aber noch war es ein langer Weg. Max Grundig hatte ein Ziel vor Augen, und das verfolgte er konsequent, unbeirrbar, Schritt für Schritt.

Die erste große Reise seines Lebens war dabei sehr hilfreich, sie förderte seine Radio- und Bastelleidenschaft. Sein Chef schickte den gerade 18 gewordenen Mitarbeiter, die dreijährige Lehrzeit war abgeschlossen, mutterseelenallein zur 3. "Großen Deutschen Funkausstellung" nach Berlin. Das war 1926, vom 3. bis 12. September.

Berlin war für einen Franken der Nabel der Welt

Keine Alchemistenküche, sondern der Hochspannungsraum des ersten Berliner Rundfunksenders im Voxhaus an der Potsdamer Straße im Jahr 1924

Berlin, in den 20er Jahren so etwas wie der Nabel der Welt, Traum eines jeden, der etwas erleben wollte. Da schlug das Herz Deutschlands. Da wurde Politik gemacht und Kultur produziert. Da war Leben. Die Theater, die Kinos voll, auch wenn die Zeiten sich nicht gerade goldig gaben. Berlin - das war die Metropole, in der die Großen dieser Welt sich die Hände schüttelten, die Halbwelt protzte und die Unterwelt in allen Schattierungen glitzerte.

Dorthin, nach Berlin, durfte der junge Grundig nun fahren. Und dazu noch zur Funkausstellung, wo er all die Neuheiten eines noch jungen Mediums sehen sollte, das ihn so faszinierte. Was für ein Ereignis für einen 18jährigen!

Geschlagene zwölf Stunden im Zug nach Berlin

Wer hätte das gedacht: Schon 1926 gab es in Deutschland ein Fernseh- gerät. Es arbeitete nach dem sogenannten »Karolus' System«, war ein bißchen unförmig und kaum zur Verschönerung einer Wohnung geeignet. Max Grundigs selbst gezimmertes Bildfunkgerät machte sich dagegen geradezu graziös aus ...

Am Nürnberger Hauptbahnhof marschierten sämtliche Freunde und Kollegen auf, um Max zu verabschieden. Dann hockte er geschlagene zwölf Stunden im Zug. Schließlich: Berlin. Der Chef hatte ihm großzügig Geld mitgegeben, damit er in einem guten Hotel wohnen konnte. Als er jedoch vor dem großen Kasten stand, machte die Ehrfurcht ihm die Knie weich. Da sollte er rein, in diesen Prunkladen, wo so viele vornehme Leute mit bedeutenden Gesichtern eilig hin- und herliefen? Nein, das fand der Max eine Nummer zu groß. Er suchte sich lieber eine kleine Pension, da fühlte er sich wohler.

Aber die Funkausstellung in Halle 4 des Messegeländes, auf der 250 Aussteller ihre Produkte zeigten, das war etwas nach seinem Geschmack.

Den Funkturm, erst am 3. September 1926 eingeweiht, hielt er für ein Wunderwerk, die Kapelle Bela Santos, die in irgendeinem Cafe am Kurfürstendamm spielte, vergaß er sein ganzes Leben nicht, und in einem Südfrüchtegeschäft sah er zum erstenmal eine Orange.

Von all diesen Erlebnissen erzählte er seinen Freunden noch lange, wenn sie an ihren freien Wochenenden - falls der Hilpert nicht die Pfadfinder-Post diktierte - mit den Rädern von der Gertrudstraße hinausfuhren nach Erlangen, Forchheim, durch die Fränkische Schweiz und über Hersbruck wieder nach Hause.

Ein Twen auf dem Weg, die Welt zu erobern: Max Grundig im modischen Sommer-Jackett mit Sportlermütze bei einem Ausflug an den Chiemsee in den dreißiger Jahren. Leider blieben solche »Ausbüchser« selten, denn die Freizeit war rar.

1925 - die Mutter kauft ihm ein Fahrrad für knapp 65 Mark

Im dritten Lehrjahr nämlich, 1925, hatte die Mutter knapp 65 Mark abzweigen können, um Max endlich ein Fahrrad zu kaufen, Modell Herkules, grün lackiert.

Er war furchtbar stolz darauf und trimmte den Drahtesel, wie seine Freunde dies auch taten, »auf Rennrad«. Sie rasten wie die Irren durch die Gegend, und einer aus der Clique brachte es später sogar zu deutschen Meisterehren bei den Amateurradlern.

Skifahren hieß das zweite Sporthobby des unternehmungsfreudigen Jungkaufmanns. Mit dem Ingenieur Behringer, den er gewöhnlich bei Hilperts Wasserversorgungs-Planungen draußen auf dem Land begleitete, ging Max auf die Pisten. Zweimeterfünf-Hickory-Ski hatte er sich besorgt, viel zu lang und viel zu schwer.

Die klobigen Skistiefel hatten sich nach der Sommerpause jedesmal in steinharte Klumpen verwandelt, die vor Gebrauch erst geknetet werden mußten. Seehund-Felle unterm Ski, so stiegen sie auf die Berge, meist in Nordbayern.

Einmal nahm ein Freund den Max mit nach Kitzbühel, wo sie für billiges Geld bei einem Bauern in der Magdkammer nächtigten.
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