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7 Tage im Leben des Max Grundig.

Ein Freund schreibt über einen Freund. Egon Fein für Max Grundig zum 75. Geburtstag.

Kapitel VII - 7. Januar 1980 - "Der ditte Beginn"

übearbeitet von Gert Redlich im Winter 2018.

Ende Oktober 1979 - Max Grundigs zweite schwere Operation war vorbei

Die Ärzte hatten dem etwas unleidlichen Patienten äußerste Schonung verordnet. Es war eine schwere Operation gewesen, und Max Grundig noch lange nicht über den Berg. Er mußte scheußliche Schmerzen haben, aber er beklagte sich nicht. Er war nur ungeduldig.

Es braucht deshalb nicht zu verwundern, daß es den Chef aus Fürth bei den Professoren in München nicht lange hielt. Die erstbeste Gelegenheit nutzte er, dem Hospital den Rücken zu kehren. Ermahnungen schlug er in den Wind, er würde schon selbst wissen, was zu tun sei. Und außerdem habe ihm die Geschichte nun lange genug gedauert. Ein paar Wochen Erholung in Les Zoraides würden's auch tun.

Jan. 1980 - Er konnte es im Bett nicht aushalten

Tatsächlich, und damit hatte niemand gerechnet: Am Montag, 7. Januar 1980, saß er wieder am Schreibtisch in der Kurgartenstraße. Wozu habe ich einen Rollstuhl, sagte er sich, der bringt mich von der Wohnung ins Auto, vom Auto zum Lift, vom Lift ins Büro, und das Ganze umgekehrt. Na also, so krank kann der Mensch gar nicht sein, um auch nur einen Tag länger als notwendig von der Kommandobrücke zu weichen !

Nicht einmal das unwirtliche Wetter am 7. Januar 1980 hielt ihn davon ab, ins Büro zu rollen. Einen Hund hätte man nicht hinausgejagt, Max Grundig wollte hinaus. Es war kalt, trüb und wolkenverhangen, die Straßen eisglatt, und morgens hatte es genieselt. Draußen auf dem Land fiel Schnee, und auf der Münchner Autobahn schob sich eine Blechlawine heran. 80 Kilometer Stau, die Weihnachtsferien waren zu Ende.

Was sonst noch passierte - in Nürnberg und der Welt

In Nürnberg/Fürth sprach man an diesem Montag nur von dem Sprengstoffanschlag auf die Bundesanstalt für Arbeit. Die Bombe am Wochenende hatte viel zerstört in der Regensburger Straße, eine obskure »revolutionäre Arbeitslosenzelle« übernahm die Verantwortung.

Es waren jene ersten Tage des Jahres 1980, da der seinerzeitige US-Präsident Carter neue Sanktionen gegen die Sowjets forderte wegen ihres Einmarsches in Afghanistan, Unruhen im Iran aufflackerten, die Goldpreise in einsame Höhen kletterten und über die Energiekrise Widersprüchliches gesagt wurde: Bundeswirtschaftsminister Lambsdorff befürchtete eine Ölschwemme, die Handwerkskammer Mittelfranken beklagte die hohen Energiekosten.

Von nun an mit dem Rollstuhl ins Büro

Man konnte es drehen und wenden je nach Perspektive: Die Zeiten waren nicht rosig. Und da kam Max Grundig zurück, um seinen Konzern nicht verwaisen zu lassen, die Schalthebel seiner Hausmacht wieder zu bewegen. Der Rollstuhl stand an seinem Schreibtisch, ein schwerer Krückstock lehnte daneben.

Er hatte es sich geschworen, nicht lange in diesem Stuhl zu sitzen, er wollte möglichst rasch mit dem Stock gehen lernen. Das gelang ihm auch schon nach wenigen Tagen. Er ließ sich nicht helfen, wenn er vom Schreibtisch aufstand und in den Rollstuhl stieg. Das mußte er schon alleine schaffen, und wenn die Schmerzen noch so schlimm waren. Auf eigenen Füßen stehen, das war sein Motto ein Leben lang.

Die Umwelt hatte ihn abgeschrieben, und nun stand er wieder an seinem Platz, der große alte Mann aus Fürth, der eigentlich ein Nürnberger war. Freund und Feind schüttelten ungläubig die Köpfe: Das konnte doch nicht wahr sein, nach zwei schweren Operationen, und schließlich war er nicht mehr der Jüngste!

Respekt von Freund und Feind

Freund und Feind versagten ihm aber auch den Respekt nicht. Zwar nannten sie ihn eigenwillig, bisweilen auch eigensinnig oder dickköpfig, doch vor diesem unglaublichen Willen, vor dieser eisernen Selbstdisziplin, da konnte man nur den Hut ziehen.

Es war noch nie Max Grundigs Art gewesen, sich an eine Sache langsam heranzutasten, er sprang immer gleich mitten hinein, packte die Probleme dort an, wo sie es am nötigsten hatten.

Der Chef war wieder da

Das tat ein kranker Max Grundig nicht anders. Er saß sofort wieder im Sattel und hielt die Zügel fest. Ein Konzernchef von solchem Kaliber war sich das selbst schuldig ...

Modellreihen, Programme, Entwicklungen, Produktionen, Vertrieb - wie stand's damit ? Die Palette war ja nicht kleiner geworden, im Gegenteil:

Fernseher, farbige und schwarz-weiße, Radios, Autoradios, Farbfernseh- Projektoren, HiFi, Digital-Plattenspieler, Diktiergeräte, professionelle Elektronik für Wirtschaft, Forschung, Technik und Behörden, und nun auch noch das neue diffizile Problem-Medium Video.

Der Herr über dies alles hatte rasch Kopf und Schreibtisch voll, und der Konzern wußte: Max Grundig war wieder da.
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Wie vor 50 Jahren - Schreinermeister Weigel steht vor der Tür

Ausgerechnet jetzt tauchte im Chefbüro an der Kurgartenstraße ein Mann auf, den Max Grundig zwar nicht vergessen, aber schon seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hatte: der Schreiner- meister Weigel aus der Fürther Hirschenstraße. Er hatte vor 50 Jahren in der Sternstraße den ersten Laden eingerichtet.

Es muß wohl der 15. Januar 1980 gewesen sein, ein Dienstag, und eine Woche, nachdem der Konzerndirigent wieder das Podium bestiegen hatte, als der betagte Schreinermeister samt seiner Tochter erschien und sich durch nichts in der Welt aufhalten ließ.

Die Anrede wie damals, als der "Maxi" noch ein Bub war

»Grundig«, sagte er, nicht »Herr« Grundig, und er redete nicht lange um den Brei herum, als wüßte er, daß er mit seinen 82 Jahren nicht mehr viel Zeit hatte, »ich habe Sie als meinen Erben eingesetzt. Sie bekommen alles, was ich besitze.«

Max Grundig sagte nichts. Er konnte gar nichts sagen, denn so etwas war selbst ihm noch nie passiert. Er schaute den Schreinermeister ungläubig an, der ihm, dem Millionär, sein Erbe vermachen wollte, und er schüttelte den Kopf:

»Ja, Herr Weigel, wie kommen denn Sie auf so eine Idee? Ich brauch' doch von Ihnen nix. Das kommt doch gar nicht in Frage. Haben Sie denn keine Erben?«

»Schon. Meine Verwandtschaft. Aber die kriegen nix. Weil die mich schon seit zehn Jahren drangsalieren. Ich soll ihnen alles überschreiben. Jetzt erst recht nicht. Bei Ihnen ist die Sach' gut aufgehoben, Sie waren immer ein feiner Kerl, wir haben uns schon vor fünfzig Jahren gut verstanden.«

»Nein, nein. Ich nehm' nix. Wie stellen Sie sich denn das vor?«

»Das ist ganz einfach. Ich hab' da mein Haus in der Hirschenstraße, vier Stockwerke, unten der Laden und die Schreinerei, das kennen Sie ja. Und dann noch das Grundstück neben Ihrer Fabrik. Das vererbe ich Ihnen, und dafür sorgen Sie für meine Tochter, wenn ich gestorben bin, die kriegt eine Rente von Ihnen oder Anteile oder sonstwas, solange sie lebt. Wie Sie das regeln, das ist mir Wurscht. Die Hauptsache, sie ist versorgt. Und dann müssen Sie noch mein Grab pflegen.«

Am Ende konnte Max Grundg nicht ablehnen

Max Grundig versuchte, das absonderliche Angebot des schrulligen Schreinermeisters mit einem Scherz abzutun: »Aber ich muß dann nicht jeden Tag selbst zum Friedhof raus und die Blumen gießen! Wissen S' ich bin zur Zeit ein bisserl schwach auf den Beinen.«

Für Witze hatte der Weigel nichts übrig, ihm war die Sache bierernst: »Das ist doch egal, wer das Grab pflegt. Aber mein Erbe, das muß geregelt werden. Das gehört Ihnen.«

Der Disput ging noch eine Weile hin und her, der Millionär und der Schreinermeister stritten um ein Erbe, das der eine nicht haben und der andere ihm unbedingt andrehen wollte.

Ein Kompromißvorschlag Max Grundigs schob die Entscheidung auf: »Jetzt überlegen Sie sich die Geschichte nochmal, ob Sie's nicht doch Ihrer Verwandtschaft geben wollen. Oder verschenken Sie es für einen wohltätigen Zweck.«

Schreinermeister Weigel war zwar von seinem Erbschaftsbeschluß nicht abzubringen, ging aber erstmal, wenn auch brummelnd und kopfschüttelnd, wieder nach Hause. - »Ich komm' fei bald wieder.«

Dieses Versprechen hielt er - schon eine Woche später war er wieder da, wieder mit seiner Tochter. »So Grundig, was ist jetzt mit der Erbschaft ?«

Mit dieser direkten Frage fiel er ins Haus, und seine Tochter begründete den väterlichen Wunsch: »Herr Grundig, tun Sie ihm doch den Gefallen. Der spinnt schon die ganze Zeit davon und sagt fortwährend: Alles, was ich hab', das kriegt der Grundig. Sie müssen ihm diesen Wunsch erfüllen, denn der Verwandtschaft gibt er's bestimmt nicht.«
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Die Hartnäckigkeit übertraf die des Max Grundig

Als auch größte Hartnäckigkeit des Konzernmächtigen dem kleinen Schreiner gegenüber nichts nützte, und Meister Weigel damit drohte, daß er so lange wiederkommen werde, bis er seinen Willen durchgesetzt habe, fingen die Herren an, den Erbschaftsvorgang ernsthaft zu besprechen.

Dabei stellte sich heraus, daß das zitierte Grundstück neben dem Werk an der Dr.-Mack-Straße, 8.000 qm groß etwa, schon lange ein Zankapfel zwischen dem Konzern und dem Schreiner Weigel war, ohne daß Max Grundig eine Ahnung davon gehabt hatte.

Diesen Grund wollte die Firma bereits vor Jahren für einen Parkplatz kaufen, aber der Besitzer gab ihn um keinen Preis der Welt her. Jetzt fiel das umkämpfte Land ohne einen Pfennig an die Grundig-AG.

So kam der millionenschwere Max Grundig zu einem Erbe, das er nicht haben wollte. Er vermachte Haus und Grund seiner Stiftung und kümmerte sich, wie ausgemacht, um die Tochter des Schreinermeisters. Der starb ein Jahr später. Sein Grab wird regelmäßig gepflegt.

1980/81 - Es wurde Ernst - die Japaner kamen jetzt mit Macht

Das Weigel-Intermezzo konnte Max Grundig nicht über die Probleme hinwegtäuschen, die seine Branche bedrängten. Japans millionenfache Billigimporte überschwemmten den Elektronikmarkt wie eine Ameisen-Invasion, die nur kahle Felder zurückläßt. Die Techniker mit der aufgehenden Sonne im Fahnentuch läuteten den Untergang ihrer Konkurrenz im Rest der Welt ein, wie sie schon die Optik-und Fotoindustrie ausgehungert hatten.

Die Kapitulation der Amerikaner war so gut wie beschlossene Sache, sie produzierten, zum Beispiel, kein einziges Videogerät. Und in der Bundesrepublik schien der Weg dahin nicht mehr weit. Renommierte Marken überklebten Fernost-Video-Importe mit ihren Firmenwappen und gaben sie als Hausgemachtes aus.

Inlands- und Auslands-Umsätze stagnierten gleichzeitig

Ein Max Grundig wollte da nicht mitspielen. Hatte die Krankheit ihn nicht gebeugt, die Niedriglöhner aus Nippon würden es auch nicht. Er nahm den Kampf im Rollstuhl auf.

Wie sollte man der Malaise beikommen? An der Menge lag's nicht, Verkauf und Umsatz stiegen sogar leicht an, aber der Ertrag wurde immer schmäler. Dazu führten höhere Lagerbestände, die Zahlungsmoral fiel in den Keller, das hohe Zinsniveau drückte auf die Bilanzen, die Zinskosten machten bereits zwei Prozent des Umsatzes aus, Material wurde teurer, die Löhne kletterten weiter - womit die Japaner keine Probleme hatten.

Durch Exporte war hier nichts mehr auszugleichen. Die Flaute machte den Käufer draußen genauso schlapp wie drinnen.

Die Entwicklung der Mikroelektronik kam schnell wie ein Bazillus

Nun, in den achtziger Jahren, setzte sich verstärkt fort, was die siebziger angezeigt hatten: Zu dem Druck aus Fernost, der den Markt ins Wanken brachte, kam ein tiefgreifender Strukturwandel durch die stürmische Entwicklung der Mikroelektronik.

Dieser Fortschritt forderte Opfer: Arbeitsplätze. Denn Mikroelektronik bedeutete weniger und kleinere Bauteile, kürzere Fertigungszeiten, einfachere Herstellung, mehr Automatik. Manuelle Funktionen wurden überflüssig - und damit viele Menschen.

Die technische Revolution fraß ihre Kinder genauso auf, wie die politischen Revolutionen dies schon immer getan hatten. Der goldene Teufel Technik hatte uns ein Bein gestellt. Ein Segen, der den Fluch in sich trug. Vor 150 Jahren war es die Dampfmaschine, jetzt sollte es die Mikroelektronik sein, die einen Wandel einleitete, dessen Folgen noch wenige absehen konnten.

Gewiß, volkswirtschaftlich mag die Mikroelektronik noch ungeahnte Verbesserungen bringen und in vielen Branchen neue Arbeitsplätze schaffen. In der Unterhaltungs-Elektronik aber würde sie wie ein Bazillus sein.
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Und die Japaner hatten keinen Kummer ???

Warum die Japaner damit keinen Kummer hatten? Weil ihre Industrie jünger ist, vor noch nicht allzu langer Zeit erst aufgebaut und mit der neuen Technologie erwachsen geworden. Ihre Gleise waren nicht eingefahren.

Europas Fabriken hingegen, obendrein von Kostensteigerungen und hohen Soziallasten gebeutelt, mußten sich erst umstellen, obgleich - Ironie der Technik - die Vorläufer dieser Entwicklung, elektronische Großrechenanlagen, in Deutschland erfunden und exportiert worden waren.

Niedriges Lohnniveau, unbeschwerter Umgang mit Arbeitsplätzen (»hire and fire«, sagen die Amis), keine Lohnnebenkosten wegen eines fehlenden sozialen Netzes und ihre Genügsamkeit geben den Japanern weitere Vorteile.
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  • Anmerkung : Das stimmt so leider gar nicht und es ist hier grundlegend falsch dargestellt. Gerade in Japan war der Umgang mit Arbeitsplätzen quasi auf Lebenszeit kuturell festgeschrieben. Wer einmal eingestellt wurde, hatte seinen Arbeitsplatz auf Lebenszeit. Das wurde erst nach 1990, als Japan ganz ganz dicht am Staatsbankrott vorbei schlidderte, aufgeweicht und laut asiatischen Wirtschaftzeitungen machten deshalb über 6.000 japanische Klein-Unternehmer Selbstmord, weil sie das nicht verkrafteten, junge und auch sehr alte Mitarbeiter entlassen zu müssen. Wir sind hier aber erst in 1983 !! In Japan stieg der Verkaufs-Druck ab jetzt ins Ungeheuerliche.

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Würden uns die Japaner widerstandslos überrollen können ?

Würde diese Entwicklung die bundesdeutsche, die europäische Unterhaltungs-Elektronik überrollen, sie gänzlich verzehren? Ein Problem wie ein glühendes Eisen, das niemand anfassen wollte. Max Grundig tat es. Von schwerer Krankheit noch nicht genesen, dem Skalpell entronnen, nahm er die Herausforderung an.

Er krempelte auch mit 72 nochmals die Ärmel hoch, begann erst sein Unternehmen den neuen Anforderungen anzupassen und dann nach einem gemeinsamen Ausweg aus der Misere zu suchen.

Die Vorstellung : ein europäisches Gegengewicht schaffen

Dieser Ausweg hieß EURO (Anmerkung : Von der Gemeinschaftswährung träumten in Europa zu der Zeit von 1980 nur ein paar visionäre "Spinner".), zu deutsch: Eine Einheitsfront der Europäischen Unterhaltungselektronik gegen die Japaner.

Einen produktionsstarken Europa-Pool mit hohen Kapazitäten und einem gemeinsamen Vertriebssystem, um verlorenes Terrain zurückzugewinnen und der japanischen Konkurrenz wieder den Marktanteil zuzuweisen, der einem gesunden Gleichgewicht entspricht. Kurz: Einen europäischen Verbund, um zu überleben.

So konnte Europas Unterhaltungselektronik vor einem ähnlich traurigen Abgesang verschont bleiben, mit dem die weltweite Foto-Industrie im Orkus verschwunden ist.

So waren gefährdete Arbeitsplätze zu retten, an deren Existenz allein schon die technologische Entwicklung gefährlich nagte und die Max Grundig Anfang der achtziger Jahre zwang, elf Werke (von insgesamt 23) zu schließen und seine erst in den Jahren zuvor, als andere längst Massenentlassungen aussprachen, frisch aufgestockte Belegschaft von 35.000 wieder auf 27.000 Menschen zurückzunehmen.
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Es war richtig: »Video 2000« war dem VHS überlegen

So würde das technisch hochwertige Grundig-Philips-System »Video 2000« mit seinen Spitzengeräten »2x4 Super« und »2x4 Stereo«, den Japanern weit überlegen, mit den nötigen Seriengrößen auf dem Markt durchzusetzen sein.
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  • Anmerkung : Leider hatten die hochgelobten und technisch ganz sicher überlegenen Grundig Videorecorder einen mechanischen Systemfehler (mit dem ausgasenden Schmierfett) und fielen nach kurzer Zeit fast alle aus. Und nach Bekanntwerden dieser Macke warfen die Händler diese ihr Image zerstörenden Problemgeräte schnellstens aus dem Programm und damit brach der VCR und Video2000 Recoder-Umsatz total ein. Manche kündigten sogar alle Grundg Geräte einfach ab. Das war auch mit Hifi- und Fernsehgeräten nicht zu kompensieren, die inzwischen auch einige kleine Macken aufzeigten.

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Weiter geht es in den Wunschtäumen der Grundig Planer:
Und so würden Umsatz (1980: 2,734 Milliarden DM, 1981: 2,758 Milliarden DM) und Exportanteil (1980: 51,8 Prozent, 1981: 54,6 Prozent) weiter steigen können, Voraussetzung dafür, dem Unternehmen und seinen Beschäftigten die Zukunft zu sichern.
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Wie sah dieses EUROKonzept des Max Grundig aus?

Dazu ist es notwendig, erstmal Ursache und Wirkung des fernöstlichen Ansturms zu verstehen.

Der Japaner lebt auch im 20 Jahrhundert ganz seiner Tradition. Trotz der Rebellion der Jugend, den Versuchen, das System von unten umzukrempeln, hat sich oben an der Spitze nichts geändert. Gewisse Strukturen haben die Jahrhunderte überdauert. Das Ordnungsprinzip heißt: Kaiser, Fürsten, Samurais. Mit dem Unterschied, daß die »Fürsten« heute Konzerne beherrschen und die »Samurais« die Konzerne managen.

Max Grundig besuchte in Osaka den greisen japanischen Unternehmer Matsushita, einen 88jährigen Souverän, der sein Industrie-Imperium unumstritten beherrscht. Er führte seinen Besucher in einen abgeschiedenen Raum, der aussah wie ein Heiligenschrein. An den Wänden hingen Bilder der Regenten von der aufgehenden Sonne, in der Mitte ein Porträt des Kaisers, darunter ein großer roter Lehnsessel.

»Hier hat unser Kaiser gesessen!« sagte Matsushita zu Max Grundig, und der mußte sich auch in den Sessel setzen, ein Fotograf knipste. Das war die höchste Ehre, die einem Gast zuteil werden kann.

Dann eine Visite bei einem japanischen Chefkonstrukteur

Ein paar Tage später: Visite beim Chefkonstrukteur eines Elektrokonzerns im noblen Gästehaus seiner Firma in Tokio. Dort bewohnt der Mann ein kleines, bescheidenes Zimmer, Schreibtisch, Schrank, ein paar Stühle. Abends legt er eine Reismatte auf den Boden, einen Kopfkeil obendrauf. Hier schläft er, sein Büro immer in der Nähe.

»Wann kommen Sie denn mal nach Hause?« fragte Max Grundig.

»Ach, wissen Sie, meine Familie lebt drei Autostunden entfernt. Am Sonntag besuche ich sie, meine Frau, zwei Söhne und eine Tochter. Wir sehen uns dann für ein paar Stunden, Sonntagnacht muß ich zurück, denn Montagfrüh um sieben fangen wir wieder an. Im Jahr habe ich drei, vier Tage Urlaub.«

Japanischer Manager des 20. Jahrhunderts. Sein Leben funktioniert. Wenn er nach Hause kommt, verbeugen Frau und Kinder sich vor ihm, und sie sind zufrieden, denn ihr Vater ist ja hauptsächlich dazu da, sich Gedanken über die Technologie der nächsten zehn Jahre zu machen.

Noch rigoroser war es bei den japanischen Arbeitern

Genauso zufrieden ist die Familie eines japanischen Arbeiters, dessen Töchter arbeiten gehen, damit der Sohn studieren kann. Der Arbeiter weiß nicht, was ein »soziales Netz« ist. Er bekommt seinen Lohn, aber die meisten unserer sozialen Leistungen, Arbeitslosenversicherung, Rentenversicherung, Pensionsleistungen des Betriebs, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Krankenversicherung, 30 Tage bezahlten Urlaub nebst zusätzlichem Urlaubsgeld, Weihnachtsgratifikation, Kindergeld, Mutterschutz, Ausbildungsförderung - all dies kennt er nicht.

Und das sind die krassen Unterschiede

Die Folge: Sein Arbeitgeber kann billiger produzieren als der Konkurrent
im Westen
, er unterbietet dessen Preise - freilich auf Kosten der sozialen Sicherheit seiner Arbeiter. Dazu kommen die - schon erwähnte - Automatisierung, die keine Rücksicht auf Arbeitsplätze nimmt, (das stimmt so nicht), und versteckte staatliche Subventionen. (das stimmt leider) Diese drei Faktoren gemeinsam ermöglichen es der japanischen Wirtschaft, wie gesagt, riesige Stückzahlen zu niedrigen Preisen auf den Weltmarkt zu werfen.

  • Anmerkung : Aber auch das ist nur die halbe Wahrheit. Wenn in Japan 5 Ingenieure ein Gerät entwickelt hatten (so war es laut Akio Morita bei SONY), bekamen zwei andere weitere Ingenieure den honorigen Auftrag, dieses Gerät mit allen Funktionen tüchtig zu optimieren, ohne daß sofort ein Kolegen-Krieg mit den fünf anderen Ingenieuren ausbrach. Das war hier in Deutschland einfach unmöglich, siehe meine trauruge Geschichte von dem Telefunken TP 1005 Bildplattenspieler und auch Wolfgang Hasselbachs Zeitzeugenberichte von dem halbfertigen BRAUN Regie 500 Receiver.


Überkapazitäten werden geschaffen, und das Produkt spielt dabei keine Rolle: Erst Kameras, Autos und Maschinen, dann Radios und Fernsehapparate, schließlich Videogeräte.
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Max Grundg : Was könnte unsere Antwort sein ?

Die Waren »Made in Japan« überschwemmen vornehmlich die Länder des freien Westens, ganz besonders die Bundesrepublik. Dort ist der Markt offen, dort gibt es das Geld, das die Japaner brauchen, um es wieder in ihre Wirtschaft zu stecken.

Woher aber kommt dieses Geld? Von unseren hohen Löhnen und unseren hohen sozialen Leistungen. Die dadurch geschaffene Kaufkraft geht unserer Wirtschaft verloren, Milliarden werden nach Japan umgeleitet. Diesem ruinösen Druck kann die heimische Industrie auf die Dauer nicht standhalten, sie kann es nicht unbeschadet durchstehen, auf das von ihr erarbeitete Kapital zu verzichten, es im Fernen Osten zu wissen. Betriebe gehen bankrott, die Arbeitslosenziffer steigt. Keine Volkswirtschaft der Welt hält dies aus.

Nun ist es gar keine Frage, daß unsere soziale Absicherung das bessere und damit das richtige System ist. Daran wird sich nichts ändern. Aber wir dürfen die Augen nicht verschließen vor der Tatsache, daß es anderswo nun mal anders ist und daß diese brutale Realität uns den Hals abschnürt.

Was also ist zu tun, um die Gefahr abzuwenden und unsere Zukunft zu sichern?
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Wir müssen aufhören, kleinstaatlich zu denken . . .

und wir müssen uns in einem europäischen Verbund zusammenschließen. Wir müssen gemeinsam agieren, gemeinsam produzieren, gemeinsam vermarkten. Dann wird es leichter sein, auch in den kommenden Jahrzehnten zu überstehen. Wozu haben wir eine Europäische Gemeinschaft?

Genau dies ist das EURO-Konzept Max Grundigs. Er hat vorausgedacht, wie immer in seinem Leben. Er hat die großen Herausforderungen der Zukunft erkannt, als andere sich mit den kleinen Problemen der Gegenwart herumprügelten.

»Wenn wir nicht die Vereinigten Staaten von Europa bekommen, und zwar wirtschaftlich, dann gehen wir unter als Wirtschaftsmacht, dann beherrschen in einem Jahrzehnt die Japaner die Welt«, sagte er, kaum genesen und noch mit der Strukturveränderung seines eigenen Unternehmens beschäftigt.

Aus dem Schweiger Grundig wurde ein streitbarer Prediger

Die achtziger Jahre sahen den Schweiger aus Fürth, der jede Rede gescheut hatte, plötzlich als streitbaren Prediger für die Sache Europas. Was anderen Führungskräften, falls sie den Gedanken überhaupt hegten, wegen der Struktur ihrer Unternehmen versagt bleiben mußte, weil sie, als Vorstandssprecher etwa, nicht ungehemmt ihre Meinung sagen konnten, das durfte der »Alleinherrscher« Grundig, Oberhaupt eines »Einmann-Konzerns«, unzensiert formulieren.

Max Grundig sprach für die gesamte Wirtschaft Europas, denn der japanische Angriff traf so ziemlich jede Branche unseres Kontinents. In erster Linie freilich, das Beispiel der Foto-Industrie unretuschiert vor Augen, redete er der Unterhaltungselektronik das Wort. Denn gerade hier, in seinem Metier, hat eine Entwicklung begonnen, die in ihrer Tragweite noch gar nicht abzusehen ist.

Immenser Nachholbedarf in der Mikro-Elektronik

Die Mikro-Elektronik ist - auch das wurde schon gesagt - über Nacht so ungestüm vorangeschritten, daß sie ein neues Zeitalter eingeläutet hat. Sie fängt an, auf weiten Gebieten unser Leben zu beherrschen, sie ist die Technologie von morgen, ob es sich nun um Mittel der Kommunikation handelt, um die Autofertigung, um Flugzeugsteuerung, Datenverarbeitung, Weltraumtechnik oder Rüstung.

Immer kleiner, immer raffinierter werden die Bauelemente, die Mikroprozessoren, jene unscheinbaren Chips, mit denen wir das Spiel um unsere Zukunft gewinnen oder verlieren. Die Entwicklung wird bald so rasant sein, daß neue Technologien ihre Vorläufer, eben erst eingeführt, schon wieder ablösen und dadurch ständig neue Produktionseinrichtungen notwendig werden. Wer soll das bezahlen?

Ein Konzept der EURO-Idee mit drei Zielen

Nun ist die elektronische Bauelemente-Industrie abhängig von der Unterhaltungselektronik, denn die verarbeitet 50 Prozent ihrer gesamten Produktion. Überrollt die japanische Invasion Europas Unterhaltungselektronik, bleibt auch die Bauelemente-Industrie auf der Walstatt (dem Schlachtfeld)dieses unerbittlichen Wettkampfs liegen.

Dies wäre das Ende einer Schlüssel-Industrie. Europa würde industriell drittklassig werden, ein Satellit Japans, ein Arbeitslosen-Ghetto. Vor dieser Vision warnte Max Grundig unablässig, die volkswirtschaftliche Verpflichtung des Unternehmers ließ ihn nicht ruhig schlafen.

Das Konzept seiner EURO-Idee hatte drei Ziele im Auge, um den japanischen Vormarsch zu stoppen:
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  • 1. Größere Stückzahlen und rationellere Produktionsmethoden, um preiswerter anbieten zu können.
  • 2. Weitere Verbesserung der ohnehin schon hohen technischen Qualität.
  • 3. Umfassendere Vermarktung, das heißt, vereinfachter Vertrieb.

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Max Grundigs Idee

Das setzt gemeinsames Handeln voraus, argumentierte Max Grundig. Einer allein ist zu dieser gewaltigen Anstrengung kaum imstande, ob er nun Grundig, Philips, Siemens oder Bosch heißt. Hier braucht es gemeinschaftliche Entwicklung, gemeinschaftlichen Einkauf, gemeinschaftliche Patentverwertung, gemeinschaftliches Lager-, Versand- und Kundendienstsystem und selbst einen gemeinsam verwalteten Werbeetat. Max Grundig ließ kalkulieren, daß nach seinem Konzept jedes Fernsehgerät etwa 40 DM weniger kosten würde, das wären bei vier Millionen Apparaten 160 Millionen DM Einsparung. So, sagte sich Max Grundig, können wir die Schlacht gewinnen.

Aber weil dies nicht nur die Sache der Bundesrepublik allein war, weil nicht in Bonn (die Bundesregierung), Stuttgart (BOSCH), Berlin (SIEMENS + AEG/Telefunken) oder Fürth (Grundig) getrennt entschieden werden konnte, weil es auch nicht genügte, wenn London, Paris oder Rom nach eigenen Lösungen suchten, weil es hier um ganz Europa ging, deshalb wandte Max Grundig sich an die Europäische Gemeinschaft.
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Max Grundigs Vortrag im Oktober 1982 in Brüssel

Bei einer Round-Table-Konferenz mit europäischen und japanischen Industriellen am 21. Oktober 1982 in Brüssel sagte er, und man darf ohne Pathos behaupten, daß er dies leidenschaftlich tat, im Namen der gesamten europäischen Wirtschaft:

  • »Ich bin kein Fürsprecher für Regelungen wirtschaftlicher Angelegenheiten durch Zölle und Steuern. Ich bin ein leidenschaftlicher Vertreter der freien Marktwirtschaft. Aber diese freie Marktwirtschaft unterliegt bestimmten Voraussetzungen und verlangt die Einhaltung bestimmter Spielregeln.
  • Mit Interesse habe ich gelesen, daß es einfach ein Ding der Unmöglichkeit sei, die in Jahrzehnten gewachsene japanische Wirtschaftsstruktur von heute auf morgen zu ändern. Ich habe für diese Haltung Verständnis, bitte aber ebenso um Verständnis, daß wir es genauso wenig zulassen können, wenn innerhalb der Europäischen Gemeinschaft japanische Maßnahmen unsere Wirtschaftsstruktur tiefgreifend ändern.
  • Wir sind nicht bereit zuzusehen, wie unsere Märkte, teilweise durch Dumping-Methoden oder Preiskämpfe, etwa auf dem Videorecorder-Markt, vernichtet werden. Wenn bei einem Weltbedarf im Jahr 1982 von rund zehn Millionen Videorecordern allein in Japan fast 15 Millionen produziert werden, dann bedarf es keiner weiteren Kommentare.
  • Wir müssen und werden in Europa Maßnahmen ergreifen, um die wirtschaftliche Existenz unserer Unternehmen zu sichern und das ständige Ansteigen der Zahl der arbeitslosen Menschen von heute 12 Millionen und morgen vielleicht 15 Millionen zu bremsen. Wir müssen und werden uns in Europa zu Kooperationen zusammenfinden. Innerhalb eines solchen Verbundes sind wir in der Lage, in Europa bis zu zehn Milliarden DM im Jahr auf dem Gebiet der Unterhaltungselektronik zu vermarkten.

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Auch wir in Europa müssen uns verschlanken

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  • Wir werden, genau wie in Japan, gezwungen, rationellere Fertigungen und Arbeitsmethoden einzuführen. Unsere Fabriken werden weiter automatisiert. Dies gilt nicht nur für Fertiggeräte, sondern auch für Halbteile und Bauelemente. Wir müssen dies tun, damit wir gegen die Importflut der ganzen Welt, die auf den europäischen Markt drängt, und die sich insbesondere in der Bundesrepublik Deutschland austobt, von der technologischen und wirtschaftlichen Seite gewappnet sind.
  • Wir sind bereit, uns zu arrangieren, zum Beispiel über Technologie und Produkte und vieles andere mehr. Ich gebe aber dabei zu bedenken, daß unsere europäischen Unternehmen dasselbe Recht haben, zu überleben wie die japanischen Gesellschaften. Unsere europäischen Arbeitnehmer haben dasselbe Recht auf ihren Arbeitsplatz wie die japanischen Arbeitnehmer.
  • Wir kennen in Europa ein anderes Kostenniveau als in Japan. Wir haben neben unseren Lohnkosten genauso hohe Lohnnebenkosten, die dadurch entstanden sind, daß wir unseren Beschäftigten umfassendere soziale Sicherungen und Leistungen bieten, als sie in Japan bekannt sind. Die Aufwendungen unserer Unternehmen für diese Leistungen sind fast in derselben Größenordnung wie der Lohn selbst.
  • Diese Leistungen wiederum schaffen einen bedeutenden Anteil der Kaufkraft von 270 Millionen Menschen innerhalb der Europäischen Gemeinschaft und von mehr als 330 Millionen im ganzen freien Europa. Diese Kaufkraft wird nun zu einem großen Teil abgeschöpft durch Produkte, die unter anderen Kostenverhältnissen hergestellt werden.

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... und wir müssen uns gemeinsam wehren

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  • Wir sind gezwungen, uns dagegen zu wehren. Die gesamte europäische Industrie ist mit mir sicher einig, wenn ich behaupte, zwölf oder fünfzehn Millionen Arbeitslose in Europa sind mehr als genug. Unsere guten Fabriken sind genauso leistungsfähig wie die guten Japans. Unsere Produkte erfüllen die Verbraucheransprüche genauso wie die japanischen und unsere Technik ist genauso gut wie die japanische.«

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  • Anmerkung : Leider stimmte das auch nicht mehr. Als Beispiel sind nur die Qualitäts- probleme bei den von Grundig in seinen Fabriken gebauten VCR- und VIDEO 2000 Videorecordern zu nennen, die in Stückzahlen von weit über 120.000 nach nur wenigen Stunden ausgefallen waren. Es hätten da nie Schmierfette in der Mechanik eingesetzt werden dürfen. Das war ein ganz kapitaler Fehler. Und diese super tollen versilberten Kontakte und Buchsen bei den zig Millionen Fernsehern aller europäischen Hersteller führten auch in kürzerer Zeit zu vermeidbaren Ausfällen.

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Wenn ein Max Grundig "Klinken putzen" geht ....

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  • ..... dann hat er die Brisanz dieser japanischen Invasion voll erkannt.

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Damit dieser Appell nicht ungehört verhallte, hatte Max Grundig sich sogleich auf die Suche nach einem Partner begeben. Er ließ zunächst die Klinken seiner deutschen Branchen-Kollegen drücken. Das Ergebnis war Schweigen. Hatte man ihn nicht begriffen - oder wollte man nicht ? Sah man der Zukunft nicht klar genug ins Auge? Oder hatte man, bei eigener Passivität, Angst vor der - trotz Krankheit und 75 Lebensjahren - nicht erlahmten Aktivität des Max Grundig?

  • Anmerkung : Sie hatten fast alle ein kleinkariertes Denken, die Manger von SIEMENS (Siemens stieg aus dem Consumer-"Kram" gänzlich aus, die von der Firma AEG/Telefunken saßen bereits auf dem absterbenden Ast - Konkurs 1988, Nordmende war bereits von Philips gekauft, es sollte nur keiner wissen, Neckermann und Quelle hatten Probleme und all die anderen waren quasi Eigenbrötler und vernachlässigbar, weil zu klein.


Müßig, darüber nachzudenken. Der große alte Mann aus Fürth blieb wie ein Rufer in der Wüste. Als ob er in den letzten fünfzig Jahren nicht oft genug Weitblick und Voraussicht gezeigt hätte, die sich hinterher als prophetisch erwiesen. Es half alles nichts, Max Grundig schien der einzige zu sein, der die Japaner aufhalten wollte.

Der Prophet galt auch diesmal nichts im eigenen Land. Also war es ein europäischer Nachbar, der sich als Partner anbot. Grundigs Unterhändler Ludwig Poullain kam jenseits des Rheins ins Gespräch. Der französische Staatskonzern Thomson-Brandt suchte technologisches Know-how, war bereit, in die dargebotene Hand einzuschlagen, und damit kündigte sich eine mächtige Allianz an, denn zu Thomson-Brandt gehörten schon die deutschen Firmen Saba, Nordmende und Dual. Eine Größenordnung also, die Erfolg versprach im Wettbewerb mit den Japanern.
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(Der nächste Absatz ist etwas zuviel aufgehübscht, denn vorausschauend war da schon Leidensdruck erkennbar.)

Max Grundig liebt Nägel mit Köpfen, und deshalb wollte er auch persönliche Opfer bringen. »Ich kenne mich«, sagte er, »ich bin ein bißchen ein Choleriker, und wenn mir dauernd einer reinredet, ist der größte Krach da.«
In richtiger Einschätzung seines Temperaments und »weil es in meinem Alter einfach ein Gebot der Vernunft ist«, beschloß er, sich ganz zurückzuziehen.

Er war bereit, den Franzosen, die eine Mehrheit verlangten, nicht nur den Vorstandsvorsitz und die wichtigsten Chefposten, sondern 74,5 Prozent Anteile zuzugestehen; 24,5% hatte ohnehin Philips. Das hieß also: Grundig ohne Grundig. Entweder alles oder gar nichts, das war immer schon seine Devise, und ein bißchen hier, ein bißchen dort, nicht seine Sache.


»Als wenn ich ein eigenes Kind verkaufe, so war mir zumute. Und wenn ich hier rausgehe, dann heule ich wie ein Schloßhund. Aber es muß sein!« So sagte Max Grundig und richtete sich mit seinem engsten Stab im vierten Stock seines an das Verwaltungsgebäude angrenzenden Bankhauses ein Büro ein, um »sein Kind« nicht ganz aus den Augen zu verlieren und um noch für eine gewisse Zeit zur Verfügung zu stehen.


Am 19. November 1982 veröffentlichten die Max-Grundig-Stiftung und die Firma Thomson-Brandt eine Absichts-Erklärung über die geplante Fusion.

Ein Aufschrei mit Weh- und Anklagen brach los

Die europäische Hochzeit war gerichtet, die Trauzeugen Kohl und Mitterand standen bereit, nur das nichtbestellte Publikum brach plötzlich in Weh- und Anklagen aus. Einen »Retter mit üblem Ruf« nannte man Thomson-Brandt in der Presse, obgleich Grundig weder einen Retter nötig hatte noch der »üble Ruf« der Franzosen gerechtfertigt war. Den sagte man Thomson-Brandt nach, weil der Konzern das Videocolor-Werk in Ulm erst übernommen und dann stillgelegt hatte.

Daß diese Maßnahme unumgänglich war, um Nordmende, Saba und Dual am Leben zu erhalten, verschwieg man. »Gefährdung von Arbeitsplätzen« (das Gegenteil war zu erwarten), »Ausverkauf deutscher Interessen« (auf einmal nationale Töne!) und »Perverse Hochzeit zwischen Kapitalist und Sozialisten« (und das aus der linken Ecke!) heulten die Auguren. Politiker, von Profilierungssucht befallen, stilisierten die geplante Fusion zum Wahlkampfthema hoch, denn die Bundestagswahl vom 6. März 1983 stand an. Unsachliche Anwürfe dominierten.

Man unterstellte Grundig eine Finanzschwäche, unter der das Unternehmen nie zu leiden hatte. Eben in jenen Wochen, da das Gezeter um die Thomson-Brandt-Hochzeit einen Höhepunkt erreichte, Ende November/Anfang Dezember 1982, verkaufte Grundig in fünf Tagen 54.000 Fernsehgeräte und 32.000 Videorecorder. Deshalb durfte Max Grundig mit ruhigem Gewissen versichern: »Wir verhandeln aus einer Position der Stärke.«

Doch die Hochzeit platzte noch vor der Hochzeitsnacht

Diese Stärke konnte er auch bald brauchen, denn das Kartellamt in Berlin ließ den Hochzeitstermin platzen. Es verweigerte die Zustimmung, weil durch die 24,5-Prozent-Beteiligung von Philips an Grundig »eine Verflechtung von Interessen zwischen Thomson-Brandt und Philips eingetreten und der Marktanteil zu mächtig geworden wäre«. Philips nämlich wollte sich von seinen Grundig-Anteilen auf keinen Fall trennen. Man konnte ja nie wissen: Vielleicht würde die Philips-Grundig-Umarmung eines Tages doch heftiger werden ...

Thomson-Brandt, verschnupft über das Echo in der Bundesrepublik und in die Rolle des ungebetenen Gastes gedrängt, wollte trotzdem einen deutschen Partner haben. Man suchte die zweitbeste Lösung und klebte sich in einer Blitzaktion als Trostpflaster die Mehrheiten an Telefunken aufs Hemd, erwarb damit allerdings - wie paradox - japanische statt europäischer Video-Technologie. Was freilich nicht besagt, daß Grundig und Thomson-Brandt für die Zukunft sich nicht doch in irgendeiner Kooperation treffen könnten ...

Das Bedauern lag nicht nur bei den Franzosen (die Pariser Zeitung »Le Monde« wies dem Thomson-Brandt-Konzern wegen seines raschen Aufgebens zumindest eine Teilschuld zu) oder bei der EG in Brüssel, bei der man »im Namen Europas« bestürzt war über die Entscheidung Berlins, auch Max Grundig mußte erstmal schlucken, weil er sein Klassenziel, die Verwirklichung des EURO-Konzepts, zumindest diesmal nicht erreicht hatte.
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  • Anmerkung : Diese Bedenken der Kritiker waren nicht ganz so unbegründet, wie es hier dargestellt wurde.  Aber nicht, weil die Franzosen alle für 1 DM aufgekauften deutschen Pleite-Firmen dicht gemacht hatten, sondern weil sie mit der deutschen Mentaliät nicht zurande kamen und unbedingt ein Franzose der deutsche Chef werden mußte. Als etwa 20 Jahre später die Profi- Fernsehabteilungen von BOSCH-Fernseh und Philips-Breda, also die Weiterstadter BTS GmbH an Thomson ging, war es auch nur eine Frage der Zeit, bis das ganze Konstrukt bzw. Konklumerat kollabierte.

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Und bei den Deutschen war kein Umdenken zu erkennen

Aber das Scheitern der Franzosen-Fusion konnte seine Meinung nicht ändern, daß der Fernost-Druck durch Kooperationen und größere Kapazitäten von Europa genommen werden kann. Nun müsse man eben nach anderen Wegen suchen.

Im übrigen zeigte es sich, wie recht er mit seiner schon längst erhobenen Forderung hatte, statt eines deutschen besser ein europäisches Kartellamt zu bestellen.

Denn die Entwicklung machte nicht Halt an den Grenzen der Bundesrepublik, hier standen europäische Interessen auf dem Spiel, und da wäre ein Umdenken über den Zaun nationaler Eigenbrötelei vonnöten (gewesen).

Eine Presse-Erklärung Ende März 1983

Doch Max Grundig verdaute auch diese Pille mit bewundernswerter Standfestigkeit. Vor der Presse erklärte er Ende März 1983:

»Es gibt im Augenblick keine Notwendigkeit, etwa Philips stärker an meinem Unternehmen zu beteiligen. Ich war noch nie im Zugzwang, nach Partnern zu suchen, und ich bin es auch heute nicht. Wir sind ein finanziell rundum gesundes Unternehmen. Es gibt im Bundesgebiet viele Firmen, die froh wären, wenn sie einen Bilanzstatus hätten wie Grundig. Wir haben auch keine Probleme mit der Technologie, in dieser Hinsicht sind wir sogar besser als die Japaner. Und wir haben etwa bei Videogeräten alleine schon die größten Marktanteile.«

Ein offener Brief an den Gesamtbetriebsrat

In einem offenen Brief an den Gesamtbetriebsrat seines Unternehmens hieß es:
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  • »Ein Verbund von Grundig, Thomson-Brandt, Nordmende, Saba, Dual und Telefunken hätte für alle Beteiligten ungeahnte Möglichkeiten eröffnet und die weltweite Konkurrenzfähigkeit entscheidend gesteigert. Durch diese Gruppierung hätten alle Produkte, die die vorgenannten Firmen zur Zeit noch in Japan einkaufen, in der Bundesrepublik Deutschland bzw. in Europa gefertigt werden können.
  • Grundig selbst hätte in den beiden Fabriken in Langwasser und Wien allein zwei Millionen Fernsehgeräte und eine Million Videorecorder produzieren können. Die gesamte Entwicklung wäre bei Grundig konzentriert worden, das heißt, der bestimmende Einfluß wäre von Fürth ausgegangen.
  • Wir bedauern außerordentlich, daß wir zur Zeit Arbeitskräfte freistellen müssen. Es ist allen bekannt, daß die Einführung neuer Technologien einen gewissen Automatisierungsprozeß zur Folge hat. Dadurch werden Lohnminuten und Arbeitsplätze eingespart.
  • Unsere Produkte werden zu 40 Prozent im Inland und zu 60 Prozent im Ausland verkauft. Wir sind bestrebt, den Auslandsanteil auf zwei Drittel zu steigern. Mit neuen Produkten, die besser in der Leistung, hervorragend in der Qualität und billiger im Preis sind, wollen wir unsere Position verbessern, um größere Mengen zu vermarkten. Vielleicht wird uns das eines Tages - nach den jetzt notwendig gewordenen Entlassungen - gestatten, auch wieder Arbeitskräfte einzustellen.
  • Wir werden, wie die ganzen Jahrzehnte vorher - von der Philips-Beteiligung abgesehen - erst einmal allein bleiben, und wir sind überzeugt, daß wir weiterhin auf Erfolgskurs bleiben ...
  • Grundig ist stark genug, allein zu bleiben. Die wirtschaftlichen Gesamtverhältnisse bei der Grundig AG sind in bester Ordnung.
  • Sollte Grundig jedoch einmal eine Verbindung mit einem anderen Unternehmen eingehen, dann nur, wenn es Sinn und Zweck hat. Dabei dürfte aus heutiger Sicht wohl kaum ein anderer Partner als Philips in Frage kommen.«

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»Wir sind stark genug, allein zu bleiben.«

Dieser Satz könnte über Leben und Werk Max Grundigs stehen: »Wir sind stark genug, allein zu bleiben.« Daran hat er sich immer gehalten, stark ist er allein geworden, und allein führt er auch jetzt im Vertrauen auf diese Stärke sein Unternehmen.

Besitz und Kapital waren ihm stets Mittel zum Zweck. Sie dienten dem Ziel, einmal Erschaffenes zu erhalten, damit kommende Generationen es besser haben. Seine Jugend war hart gewesen, und deshalb wußte er, wovon er sprach.

Was hatte er denn selbst von Reichtum und Besitz, von all den Werten, die er sich nun leisten konnte, von Ehrungen und Orden, 62 an der Zahl und kaum in einem Reisekoffer unterzubringen? Nichts, wenn man es genau betrachtet.

Wie sieht denn der Arbeitstag des Großindustriellen Max Grundig aus? Aufstehen morgens um 6 Uhr, ein Glas Orangensaft zum Frühstück, um 7.30 Uhr in der Firma, Post, Diktate, Telefonate, Konferenzen, Besprechungen mit den Technikern, Bilanzen mit den Buchhaltern, Entwürfe mit den Grafikern, neue Geräte, Modelle von morgen, dazwischen 20 Minuten Mittagessen in der Firmenkantine, abends um 7 Uhr zu Hause kleines Essen mit Kräutertee, danach Akten studieren.

Rauchen und Trinken Fehlanzeige. Es bleibt ihm kaum Zeit, sich an ein paar Blumen, an der Natur zu erfreuen. Übrigens: Flieder hat er am liebsten.
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Ein Blick in Max Grundigs Privatleben

Wann also soll dieser Mann, zum Beispiel, sein Haus an der Cote d'Azur genießen, wenn er auch am Wochenende von Post, Akten, Telefonaten und Fernschreiben nicht verschont bleibt? Einmal im Jahr, im Sommer, wenn's hochkommt vielleicht noch an Weihnachten.

Aber selbst dort holt der Betrieb ihn ein und der Femschreiber tickt den halben Tag. Ein beneidenswerter Millionär? Seine Freunde, seine Bekannten, die engsten Mitarbeiter würden nicht tauschen mit ihm.

Und wo bleibt das Familienleben? »Wenn ich nicht so eine vernünftige Frau hätte, könnte ich dieses Leben gar nicht führen, würde ich es auch gar nicht durchhalten«, sagt Max Grundig und meint seine Frau Chantal, gebürtige Französin, ebenso einfühlsam wie charmant. »Sie hat Verständnis für meinen Beruf, plagt mich nicht mit gesellschaftlichen Zwängen. Dazu hätte ich weder Zeit noch Lust«.

Vielleicht war dies auch der Grund für die Trennung von seiner Frau Annelie nach langjähriger Ehe. »Ich bin ein etwas schwerfälliger Franke und sie eine lebenslustige Theaterfrau. Eigentlich hätten wir gar nicht zusammengepaßt.«

Die dritte Frau - Chantal Grundig

Nach der Trennung brauchte Max Grundig lange Zeit, um darüber hinwegzukommen. Erst am 8. Dezember 1980 heiratete er in aller Stille auf dem Standesamt im Fürther Rathaus Chantal Girard, und heute gehört auch seine zweieinhalbjährige Tochter Maria zur Familie Grundig, ebenso die 15jährige Valerie aus Frau Chantals erster Ehe.

Seine Frau war es, die ihm nach den komplizierten Operationen alle Beschwernisse leichter machte. Unauffällig, aber immer dann zur Stelle, wenn er sie brauchte. Klaglos, auch wenn der Patient ungeduldig wurde. Hilfreich, als er im Rollstuhl wieder zu arbeiten begann. Ohne sie hätte die Genesung Max Grundigs wohl viel länger gedauert.

Keine Minute behelligte sie ihren Mann mit dem nicht ganz problemlosen Umbau von Les Zoraides, dies nahm sie ganz allein in die Hand, und sie schuf ihrem Mann ein zweites Zuhause, als der Rekonvaleszent mit der Strukturumwandlung seines Konzerns Tag und Nacht beschäftigt war.

In einem einzigen Leben drei Leben zu haben

Kennt man nun seinen Lebenslauf, weiß man, wie er zum Großindustriellen geworden ist, was er aufgebaut hat, dann bleibt noch immer die Frage: Was ist dies eigentlich für ein Mann, der in einem einzigen Leben drei Leben erfüllt zu haben scheint?

Nun, Max Grundig ist Nürnberger. Dies sagt zwar noch nicht viel, aber schon etwas. Der Nürnberger ist Franke, und doch nicht so ganz. Er kommt den Mittelfranken, zu denen er geographisch gehört, noch am nächsten, mit den Unterfranken, zum Beispiel, hat er nicht viel gemein. Sie sind lebenslustig, barock, ein bißchen leichtfüßig.

Der Nürnberger, eine Mischung aus Franken und Bayern, letztere in großer Anzahl aus der Oberpfalz zugewandert, eher spröd, puritanisch, vielleicht sogar kleinlich, aber ordentlich, fleißig und einfallsreich. Ein Arbeitstier, das alles sehr genau nimmt und perfekt sein will Jahrhundertelang galt das Wort vom Nürnberger »Witz«, womit seine Erfindungsgabe gemeint war.

Der Nürnberger neigt zum Nörgeln, weil er es besser machen will. Es muß alles klappen. Er liebt die Untertreibung, weil er bescheiden sein möchte. Hört man ihn reden, verkleinert er gern, alles hat ein »le« oder »la« hintendran, und eines seiner Lieblingswörter ist »a weng«, was »ein wenig« heißt.

Sieht man sich diese »Nürnbergisch Art« genau an, erkennt man Max Grundig.
Er ist aber auch ein Stier, am 7 Mai geboren. Und von den Stieren sagt man, sie seien zäh, fleißig, ausdauernd, treu, aber auch eigensinnig und cholerisch, wenn sie gereizt werden.

Stimmt.

Kann man den Menschen Max Grundig erklären ?

Freilich, wie ließe sich der Mensch Max Grundig erklären. Dazu ist er zu vielseitig, und man muß das ganze Erscheinungsbild sehen.

Er ist wie ein menschlicher Dynamo, von dem man glauben möchte, er würde nie abgestellt. Immer »unter Dampf«, dauernd neugierig darauf, wie's wohl weitergeht. Er faßt sich kurz, mag keine langen Reden, auch keine langen Briefe, die Diktion ist knapp, Stilübungen werden nicht erwartet. Er fällt Entscheidungen meist in Minuten, und dann wirkt er ungeduldig.

Er kann aber auch viel Geduld aufbringen, zum Beispiel beim Angeln. Stundenlang saß er an der Pegnitz, ehe ein Fisch anbiß. Kindern opfert er Zeit, die er sonst selten hat. Seine kleine Tochter Maria darf ihm ruhig ausdauernd widersprechen, und als seine Enkelin Gabriele noch klein war, nahm er sich eine halbe Stunde länger Mittagspause.

Sein Gesicht, kräftig, kantig, signalisiert den harten, entschlossenen Unternehmer; seine Hände aber, klein, sensibel, verraten den feinfühligen, formenden Schöpfer.

Er verbringt täglich zwölf, oft vierzehn, manchmal sechzehn Stunden am Schreibtisch. Trotzdem ist er ein Familienmensch, der sich zu Hause im Pulli am wohlsten fühlt und nur widerwillig ausgeht.

Meist hat er recht, und daran auch seine Freude, aber er ist kein Rechthaber. Er hört sich ruhig die Meinungen anderer an, wird jedoch sehr unruhig, wenn es Pannen gibt oder jemand versucht, ihm ein X für ein U vorzumachen. Wohl akzeptiert er Einwände, muß er aber entscheiden, tut er's allein und läßt sich nicht dreinreden.

Er würde gerne mal das Geschäft vergessen

Gern spricht er von Urlaub und davon, das Geschäft mal zu vergessen. Aber kaum ein paar Tage weg, ruft er an, was denn um Himmelswillen los sei, er höre ja gar nichts. Und meist kehrt er vor der verabredeten Zeit zurück. Er braucht nur ein paar Tage, um sich zu erholen.

Er ist ein Mann, der schöne Dinge liebt, sich daran erfreut. An den Wänden in seinen Büros hängen Stahlgravuren der französischen Künstlerin Mick Micheyl, oder mächtige Gobelins, oder ein bißchen schwerblütige Landschaftsgemälde. In den Ecken stehen Madonnen. Er mag Antiquitäten, erlesene Murano-Spiegel, schwere silberne Leuchter und englisches Porzellan.

Aber er braucht keinen Oberflächenluxus, keine Jacht, keine Rennpferde, und er trägt auch keinen Schmuck. Seinen Sechs-Millionen-Jet »Mystere« mit dem Kennzeichen D-CMAX hat der Konzern nötiger als er, um die Verbindung zu den Werken im Ausland aufrechtzuerhalten.

Einen Spaß macht er sich daraus, in Delikatessen-Geschäften das Beste auszusuchen - um es dann seinen Gästen zu überlassen. Denn er ist relativ bedürfnislos, verlangt keine »Extrawurst«. Statt Kaviar bevorzugt er Nürnberger Wurst, fränkischen Brathering (auf dem Holzkohlengrill »gewedelt«), Gulasch oder Rouladen, und statt Champagner ein helles Bier aus Franken. Er liebt es rustikal, bodenständig, und das nicht nur bei Tisch. »Jet-Set«, »High Life« - nichts für ihn.

Max Grundig liebt Tiere

Er liebt Tiere, und das meint er ernst. Als, in den fünfziger Jahren, sein Holsteiner Wallach »Herold« krank wurde und auf Hohenburg das Gnadenbrot bekam, gab er das Reiten auf, und als sein alter Dackel Hexi starb, hatte er Tränen in den Augen. »Herold« und Reiten waren für ihn ein und dieselbe Sache, und Hexi gehörte einfach zur Familie. Heute ist es Micky, ein kleiner Yorkshire Terrier. Aber er mag auch Tiere, die den Mund halten, die man einfach nur anschaut, Fische zum Beispiel. Deshalb stand in seinem früheren Büro ein riesiges Aquarium.

und er liebt Ordnung und Verläslichkeit

Betritt man sein Büro, hat man den Eindruck, der Chef habe nichts zu tun, denn der Schreibtisch ist stets leergeräumt. Max Grundig hat nichts weiter vor sich als seinen täglichen Terminplan. Der Grund für diesen Kahlschlag: Ordnung ist ihm heilig, und nichts verhaßter als Schluderei.

Ein Beispiel: In seinen Anfangsjahren erwies sich eines der ersten Grundig-Radiogeräte, der Typ 268, als ein Flop, und es hagelte Reklamationen. Also schloß er kurzerhand seine Techniker aus der Entwicklung drei Tage lang in ihr Labor ein, ließ sie üppig verpflegen, aber erst wieder aus dem Bau, als sie den selbstverschuldeten Fehler behoben und das Unglücksgerät pannensicher umkonstruiert hatten.
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  • Anmerkung : Von dieser Geschichte, die sich ganz sicher so abgespielt hatte, gibt es jede Menge an Storys, Legenden und Variationen, die immer aufgehübscht, ergänzt und verändert weiter getragen werden.

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Er hat das Gefühl in den Händen und im Bauch

Seine Hände sind wie Sensoren. Er ertastet buchstäblich jedes neue Modell, um zu fühlen, was noch besser gemacht werden kann. Er bestimmt bis ins Detail hinein, wie ein Produkt auszusehen hat, das den Namen Grundig trägt. Das läßt er erst auf den Markt, wenn er die letzte Schraube persönlich abgesegnet hat. Ein Perfektionist, der wenig hält von langen Zahlenreihen und theoretischem Geschwafel. Ein Praktiker, der sich in eine Sache verbeißt, aber ebenso sprunghaft einen neuen Gedanken aufgreifen kann, wenn der ihn begeistert.

Die Früchte dieser neuen Ideen, die Entwicklungen von morgen, stehen in drei großen Räumen hinter seinem Arbeitszimmer. In diese heilgen Hallen zieht Max Grundig sich zurück, wann immer ein paar Minuten übrigbleiben. Hier meditiert er vor neuen Geräten, wie er ihnen noch mehr Brillanz einhauchen kann; hier grübelt er darüber nach, ob das Design nicht nur schön, sondern auch wohlfeil ist; hier mißt er nach, welche Chancen die immer winziger und effektiver werdenden Bauteile der Mikroelektronik ihm lassen, die Geräte noch kleiner und handlicher zu machen. Hier setzt Max Grundig Ideen in die kommerzielle Tat um.

Und er spricht nicht drum rum, er spricht Klartext

Im eigenen Haus gibt er sich robust, ein Mann mit dem Herzen eines hungrigen Boxers, unbequem (»Ich kann doch zu meinen Leuten nicht sagen: Hätten Sie vielleicht die Güte und Liebenswürdigkeit... Ich sag' halt: Schaun S' zu, daß die Sache funktioniert. Aus, fertig!«), nach außen hin aber scheu und zurückhaltend, was Fotos beweisen, auf denen er mit bekannten Zeitgenossen abgebildet ist: Meist steht er abseits, ein wenig im Hintergrund, selten mitten unter der Prominenz. Er reist gern, hält Augen und Sinne wach und verwertet das Erlebte umgehend.
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Seine Feinde nennen ihn rücksichtslos, sie kreiden ihm an, er habe das Herz versteckt. Seine Freunde aber wissen, wie sehr es ihn ins Herz schneidet, wenn er auch nur einen Mann entlassen muß. Hat er es nötig, seiner eigenen Frau Gefühle vorzuheucheln, wenn er zu Hause von Entlassungen erzählt, die er nicht verhindern kann? »Es tut mir weh, diese Leute rauszusetzen, aber was soll ich denn machen, sonst geht mir ja der ganze Laden kaputt und alle verlieren ihren Job!« So kennt ihn seine Familie.
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Die alte Geschichte von der Irene Haselbauer aus 1947

Und ganz alte Mitarbeiter wissen noch von einer Geschichte, die den Menschen Max Grundig so zeigt, wie er wirklich ist:

Im September 1947 fragte Irene Haselbauer in der Fürther Jakobinenstraße nach Arbeit. Die Firma sei gerade umgezogen, bedeutete man ihr, sie soll in die Kurgartenstraße gehen. Nun war Irene Haselbauer ein Flüchtlingsmädchen aus Teplitz-Schönau und kannte sich in Fürth nicht aus. Sie fragte den nächstbesten Herrn, wo diese Kurgartenstraße sei. »Da fahren Sie gleich mit mir, ich muß auch dorthin«, sagte der und nahm sie mit. Sie bekam Arbeit in der Spulenwickelei, und ein paar Tage später sah sie dort den freundlichen Herrn aus der Jakobinen-Straße wieder. Wer denn das sei, fragte sie arglos ihre Kollegin, »Na, der Chef, der Herr Grundig,«

Ein Freund schreibt über einen Freund zm 75. Geburtstag

Wer diesen Chef genau kennt, der weiß, daß er sich seitdem nicht verändert hat. Er ist ein Mann geblieben, der Zweiflern ebenso mißtraut wie Schmeichlern. Ein abwägender Pragmatiker mit feinem Gespür für das Machbare, aber auch mit heißem Herzen entflammbar für das Neue.

Ein Mann, der im Femsehen am liebsten Western mit John Wayne und Fußball sieht, sich genauso gern aber mit einem Buch in eine stille Ecke verzieht -wenn er Zeit dazu hat.

Ein Mann, der großen Aufwand mit einer kleinen Handbewegung vom Tisch wischt, als wollte er sagen: »So wichtig ist das alles nicht, und ich auch nicht,«

Trotzdem setzte er sich selbstbewußt vor die Kamera einer amerikanischen Fernsehgesellschaft, um in der Sendung »Ein Land, genannt Europa« als ausgewählter europäischer Wirtschaftsrepräsentant vor Millionen Zuschauern ruhig und sachlich alle Fragen zu beantworten, »Irgend jemand aus Europa mußte es doch machen«, meinte er, und damit war die Sache abgetan.

Ein Mann, in den viel zuviel hinein-geheimnist wurde, mit penetranter Vorliebe die Frage nach dem Geheimnis seines Erfolgs. Da gibt es kein Geheimnis. Die Antwort auf diese Frage ist einzig in seiner Person zu finden.

Max Grundig, selbst lang genug hinter dem Ladentisch, um den Geschmack des Publikums zu kennen, begabt mit dem untrüglichen Sinn für das Richtige und Notwendige, ausgestattet mit dem Mut, der Kraft, den Ideen, der Ausdauer und dem Optimismus, mit allen Attributen, die es braucht, ein großer Unternehmer zu sein - dieser Max Grundig war nie von Geheimnissen umgeben.

Es hat angefangen in der Wohnküche, Max bastelte Radios, er experimentierte, seine Leidenschaft war das neue Medium. Aus diesem kleinen Max ist der große Konsul Dr. hc. Max Grundig geworden, weil er diese Leidenschaft nie verloren, weil er nie aufgehört hat, zu experimentieren. Ein wagemutiger Pionier, sich und seiner Idee treu geblieben bis auf den heutigen Tag.

Das alles wurde 1983 geschrieben.

Max Grundig ist trotz seiner schweren Krankheit 81 Jahre alt geworden und am 8. Dezember 1989 in Baden-Baden vestorben.
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