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Ein Freund schreibt über einen Freund. Egon Fein für Max Grundig zum 75. Geburtstag.

Wieder zurück in Nürnberg - mit einem Trick

So hatte der Obergefreite Max Grundig sich selbst versetzt, mit allerhöchsten Unterschriften und Stempeln versehen! Wie schon mal gesagt: Soldat Schweijk wäre vor Neid erblaßt, und der Hauptmann von Köpenick hätte vermutlich freiwillig seine Leihuniform ausgezogen.

Höhepunkt der Militärposse: Der Obergefreite Max Grundig gab seinen Kameraden und Vorgesetzten noch ein großes Abschiedsessen in einem feinen Pariser Lokal.

Wehe, sie hätten den pfiffigen Oberschnapser erwischt! Das Bewährungsbataillon 999 wäre noch gnädig, die Festung wahrscheinlich, die nächste schußfeste Wand auch nicht auszuschließen gewesen.

Ideen muß man halt haben! Und Mut. Und das nicht wenig.

Den General von Kohl, dann freilich a. D., hat der Industrielle Max Grundig übrigens mehr als zehn Jahre später im Nürnberger Stadtpark zufällig wiedergetroffen. Kein Wort von der »Versetzung«, das hatte der gute Krieger nach seiner Rückkehr vom Urlaub gar nicht mitgekriegt ...
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In der militärischen Freizeit jetzt ziviler Unternehmer

Nun saß Max Grundig also wieder in der Transportkommandantur in Nürnberg, in einem Bunker unter der Reichsbahndirektion neben dem Verkehrsmuseum. Wachdienst wurde geschoben, mal am Tag, mal nachts; dann hockte er am Fernschreiber, fertigte Papiere, organisierte und kalkulierte.

Die wenigen Kilometer, die ihn von seiner Firma trennten, überwand er spielend. Es gelang dem Obergefreiten irgendwie, mit Genehmigung seiner Vorgesetzten, in seiner militärischen Freizeit zivilen Unternehmer zu spielen, statt stumpfsinnig in irgendeiner Unterkunft herumzusitzen. Er arbeitete einfach doppelt, nachts Soldat, tags Radiohändler und Transformatoren-Produzent, oder auch umgekehrt, zwischendurch ein paar Stunden Schlaf.

Zuhause im Büro sprossen neue Ideen

Nur ein Mann von eisernem Willen, von unbändiger Kraft und Energie kann das durchhalten. Max Grundig hat es durchgehalten. Und einiges dazu: Er gab sich nicht mit dem zufrieden, was seine Firma gerade zu leisten imstande war, er wollte mehr. Kaum dem strapaziösen Nachtdienst in der Kommandantur entronnen, saß er in seinem Fürther Büro, tüftelte an neuen Ideen, erfand neue Produktionen.

Kein Wunder, daß die Räume in der Schwabacher Straße längst nicht mehr ausreichten. Max Grundig suchte ein zweites Standbein. Er fand es in dem nahen Dorf Vach, in zwei leeren Wirtshäusern, in der »Linde«, beim Egerer, und im »Roten Ochsen«, beim Lotter, später auch beim »Doppelwirt.«

Inzwiscehn war der Krieg in Nürnberg "angekommen"

Es gab noch einen anderen Grund, die Firma auszulagern: Der Krieg war nähergekommen, die Bomben fielen nun nicht mehr allein draußen an der Front. Man prägte einen neuen Namen: Heimatfront. Die verlief quer durch die Mietshäuser und Schulen, Fabriken und Krankenhäuser der deutschen Städte. Die Luftangriffe wurden häufiger und schrecklicher, die Opfer immer zahlreicher.

Die Wehrmachtsberichte lasen sich jetzt schon ganz anders: »Feindliche Fliegerkräfte griffen bei Tage den Küstenraum der besetzten Westgebiete und einen Grenzort in Westdeutschland, bei Nacht die Stadt Nürnberg mit Spreng- und Brandbomben an. Die Bevölkerung hatte starke Verluste. Es entstanden größere Schäden, vor allem in Wohnbezirken und öffentlichen Gebäuden. Kulturhistorische Stätten wurden vernichtet. Jagd- und Flakabwehr der Luftwaffe schossen insgesamt 17 feindliche Flugzeuge ab.« Dies war der Wehrmachtsbericht vom 10. März 1943.

Und der Wehrmachtsbericht vom 28. August 1943 meldete: »Ein Terrorangriff starker britischer Bomberverbände auf die Stadt Nürnberg in der vergangenen Nacht verursachte hohe Verluste unter der Bevölkerung sowie starke Zerstörungen in Wohnvierteln, an Kirchen, Krankenhäusern und kulturhistorisch wertvollen Gebäuden. Nach bisherigen Feststellungen vernichteten Luftverteidigungskräfte 60 der angreifenden Bomber.«
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Auf nach draußen in die Dörfer - mit 100 Wickelmaschinen

Wer produzieren mußte, wich dem tödlichen Hagel aus, sonst blieb nicht mehr viel übrig von seiner Produktion. Am sichersten war man draußen in den kleinen Dörfern aufgehoben. In Vach, zum Beispiel.

Max Grundig ließ seine Wickelmaschinen und all das Gerät, das er für seine Arbeit brauchte, hinausbringen in den Tanzsaal der »Linde«, und in die Kegelbahn vom »Roten Ochsen«. Täglich wurden dort 100, 150, 200 defekte Transformatoren neu gewickelt. Die Wehrmacht schickte sie, und auch noch Händler aus dem ganzen Reichsgebiet. Der durchgebrannte Draht wurde abgeschnitten, die Bleche verwendet, Spulenkerne wurden selbst gemacht, neue Transformatoren gebaut. »Bald standen 100 Wickelmaschinen da«, erinnert sich Max Grundig.

Die Produktion erforderte immer neue Arbeitskräfte, bald waren es 50, dann 100 und 150, die allermeisten ukrainische Mädchen, »Fremdarbeiterinnen«, wie man sie damals nannte. Es kamen zusätzliche Aufträge für die Kriegsproduktion.

Der Radio-Vertrieb baut Steuerungsgeräte für Raketen

Steuerungsgeräte für die V1- und V2-Raketen, elektrische Zünder für Panzerabwehrwaffen, für den Panzerschreck. Die stellte der Radio-Vertrieb Fürth, so hieß die Firma immer noch, für Siemens und AEG her.

Und das war so gekommen:
Die Doppelbelastung Militär/Firma bereitete selbst dem streßgewohnten (ein damals noch unbekanntes Wort) Unternehmergeist Max Grundig einige Magenschmerzen, besser gesagt, ein kleines Magenleiden. Dieser Umstand und die immer wichtiger werdende Funktion des Radio-Vertriebs Fürth für die Kriegswirtschaft gaben den Herren Militärs endlich die Erleuchtung, Max Grundig das tun zu lassen, wofür er geschaffen war - und was er geschaffen hatte:

Das Wehrbezirkskommando schrieb ihn nach einigem Hin und Her mit dem
Wehrkreisbeauftragten, einem SS-General, der sich erst querstellte und Max Grundig »für andere Zwecke« beschlagnahmen wollte, schließlich wieder UK, unabkömmlich. Das war Ende 1943.

Von nun an wandte er sich wieder ganz seiner Arbeit zu, dem Element, das sein Leben beherrschte. Er war Unternehmer mit Leib und Seele, und von ganzem Herzen. An ihm erfüllte sich das, was manchmal so leichtfertig dahingesagt wird: Vieles kann man lernen, zu vielem kann man sich entwickeln, zum Unternehmer aber muß man geboren sein.
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Die Großindustrie brauchte tatkräftige Zulieferer

Max Grundig war der Typ des Unternehmers vom ersten Tag an, da er zu arbeiten begann. Was er in die Hand nahm, wollte er selbst gestalten, mit seinen Ideen erfüllen, durch seine Energie vorantreiben.

Er dachte immer an die Zukunft, nach vorne, er sah das Morgen, während andere das Heute noch nicht begriffen hatten, und was einmal da war, entwickelt von ihm, das interessierte ihn schon nicht mehr. Ein Pioniergeist, der stets Neues in die Welt setzt.

Dieses Urtalent machte auf sich aufmerksam. Die Großindustrie, in ihren Kriegsanstrengungen bis aufs äußerste angespannt, brauchte tatkräftige Zulieferer, die nicht nur gut und zuverlässig produzierten, sie mußten Initiative und Unternehmungsgeist haben. Deshalb kamen sie zu Max Grundig, der 1944 schon mehr als 50.000 Kleintransformatoren in eigener Regie herstellte.
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Die AEG steht vor der Tür

Eines Tages rief ein Geschäftsführer der AEG bei ihm an: »Herr Grundig, ich möchte Sie mal sprechen, haben Sie Zeit ? Kommen Sie doch bei mir vorbei.«
Max Grundig ging hin.

»Sie machen Transformatoren. Können Sie für uns auch welche herstellen?«

»Ja, schon. Was brauchen Sie denn da?«

Der AEG-Mann zeigte ein paar Muster. »Das Material liefern wir Ihnen, Sie brauchen nur die Fertigung zu übernehmen. Machen Sie uns ein Angebot.«

Max Grundig machte ein Angebot, ein viel zu billiges. Die AEG zahlte freiwillig mehr, denn sie wollte Stückzahlen, von denen Max Grundig bisher nur geträumt hatte: fünf- bis zehntausend pro Tag.

150 ukrainischen Mädchen wickelten Trafos

»Wie soll ich das schaffen? Woher die Leute nehmen?«
»Keine Sorge, das organisieren wir schon.«

So kam die Firma Radio-Vertrieb Fürth zu den 150 ukrainischen Mädchen. Diese »Fremdarbeiterinnen« wurden vom Auftraggeber »mitgeliefert«. Sie wohnten in Baracken, konnten sich selbst versorgen.

Die Lebensmittelkarten freilich gaben nicht viel her, Max Grundig organisierte wieder mal, diesmal für seine russischen Arbeiterinnen: Mehl, Brot, Nudeln, Kraut, auch Schweinefleisch von Schwarzschlachtungen.

»Wenn wir da zwei frische Leberwurstl und Blutwurstl gegessen haben, ist uns schlecht geworden. Das hat ja keiner mehr vertragen.«

Ein Mini-Motorrad mit Hilfsmotor und Siemens kommt auch

Um das alles beschaffen zu können, ratterte Max Grundig auf einem Mini-Motorrad mit Hilfsmotor durch die Gegend. Dafür gab's Benzin. Auch sein DKW-Kastenwagen existierte noch, auch er kriegte behördlichen Sprit. Der Opel-Olympia freilich war zur Wehrmacht »eingezogen« worden.

Es blieb nicht allein bei AEG. Kurz darauf meldete sich Siemens mit demselben Wunsch. Die Produktion wurde von Tag zu Tag größer, und als die Herren Wehrwirtschaftsführer sahen, wie gut das funktionierte, kamen sie mit immer neuen, diffizilen, geheimen Aufträgen, mit eben jenem elektrischen Zünder für den »Panzerschreck« und den Steuerungsgeräten für die V1- und V 2-Raketen.

Zu solcher Arbeit brauchte man einen energischen und gleichzeitig verschwiegenen Chef. Ihm zur Hand gingen mehrere Ingenieure, abgestellt von Siemens und AEG. Unglaublich, unter welch primitiven Umständen in einem Tanzsaal und auf einer Kegelbahn kriegswichtige Präzisionsteile entstanden, von deren Funktion Menschenleben abhingen.

Es gab keine Pannen, es durfte keine geben. Es mußte produziert werden, und
es wurde produziert. Der Unternehmer Max Grundig war der Garant für diesen Erfolg. Bis zur letzten Minute.
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