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Ein Freund schreibt über einen Freund. Egon Fein für Max Grundig zum 75. Geburtstag.

Max Grundg : Was könnte unsere Antwort sein ?

Die Waren »Made in Japan« überschwemmen vornehmlich die Länder des freien Westens, ganz besonders die Bundesrepublik. Dort ist der Markt offen, dort gibt es das Geld, das die Japaner brauchen, um es wieder in ihre Wirtschaft zu stecken.

Woher aber kommt dieses Geld? Von unseren hohen Löhnen und unseren hohen sozialen Leistungen. Die dadurch geschaffene Kaufkraft geht unserer Wirtschaft verloren, Milliarden werden nach Japan umgeleitet. Diesem ruinösen Druck kann die heimische Industrie auf die Dauer nicht standhalten, sie kann es nicht unbeschadet durchstehen, auf das von ihr erarbeitete Kapital zu verzichten, es im Fernen Osten zu wissen. Betriebe gehen bankrott, die Arbeitslosenziffer steigt. Keine Volkswirtschaft der Welt hält dies aus.

Nun ist es gar keine Frage, daß unsere soziale Absicherung das bessere und damit das richtige System ist. Daran wird sich nichts ändern. Aber wir dürfen die Augen nicht verschließen vor der Tatsache, daß es anderswo nun mal anders ist und daß diese brutale Realität uns den Hals abschnürt.

Was also ist zu tun, um die Gefahr abzuwenden und unsere Zukunft zu sichern?
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Wir müssen aufhören, kleinstaatlich zu denken . . .

und wir müssen uns in einem europäischen Verbund zusammenschließen. Wir müssen gemeinsam agieren, gemeinsam produzieren, gemeinsam vermarkten. Dann wird es leichter sein, auch in den kommenden Jahrzehnten zu überstehen. Wozu haben wir eine Europäische Gemeinschaft?

Genau dies ist das EURO-Konzept Max Grundigs. Er hat vorausgedacht, wie immer in seinem Leben. Er hat die großen Herausforderungen der Zukunft erkannt, als andere sich mit den kleinen Problemen der Gegenwart herumprügelten.

»Wenn wir nicht die Vereinigten Staaten von Europa bekommen, und zwar wirtschaftlich, dann gehen wir unter als Wirtschaftsmacht, dann beherrschen in einem Jahrzehnt die Japaner die Welt«, sagte er, kaum genesen und noch mit der Strukturveränderung seines eigenen Unternehmens beschäftigt.

Aus dem Schweiger Grundig wurde ein streitbarer Prediger

Die achtziger Jahre sahen den Schweiger aus Fürth, der jede Rede gescheut hatte, plötzlich als streitbaren Prediger für die Sache Europas. Was anderen Führungskräften, falls sie den Gedanken überhaupt hegten, wegen der Struktur ihrer Unternehmen versagt bleiben mußte, weil sie, als Vorstandssprecher etwa, nicht ungehemmt ihre Meinung sagen konnten, das durfte der »Alleinherrscher« Grundig, Oberhaupt eines »Einmann-Konzerns«, unzensiert formulieren.

Max Grundig sprach für die gesamte Wirtschaft Europas, denn der japanische Angriff traf so ziemlich jede Branche unseres Kontinents. In erster Linie freilich, das Beispiel der Foto-Industrie unretuschiert vor Augen, redete er der Unterhaltungselektronik das Wort. Denn gerade hier, in seinem Metier, hat eine Entwicklung begonnen, die in ihrer Tragweite noch gar nicht abzusehen ist.

Immenser Nachholbedarf in der Mikro-Elektronik

Die Mikro-Elektronik ist - auch das wurde schon gesagt - über Nacht so ungestüm vorangeschritten, daß sie ein neues Zeitalter eingeläutet hat. Sie fängt an, auf weiten Gebieten unser Leben zu beherrschen, sie ist die Technologie von morgen, ob es sich nun um Mittel der Kommunikation handelt, um die Autofertigung, um Flugzeugsteuerung, Datenverarbeitung, Weltraumtechnik oder Rüstung.

Immer kleiner, immer raffinierter werden die Bauelemente, die Mikroprozessoren, jene unscheinbaren Chips, mit denen wir das Spiel um unsere Zukunft gewinnen oder verlieren. Die Entwicklung wird bald so rasant sein, daß neue Technologien ihre Vorläufer, eben erst eingeführt, schon wieder ablösen und dadurch ständig neue Produktionseinrichtungen notwendig werden. Wer soll das bezahlen?

Ein Konzept der EURO-Idee mit drei Zielen

Nun ist die elektronische Bauelemente-Industrie abhängig von der Unterhaltungselektronik, denn die verarbeitet 50 Prozent ihrer gesamten Produktion. Überrollt die japanische Invasion Europas Unterhaltungselektronik, bleibt auch die Bauelemente-Industrie auf der Walstatt (dem Schlachtfeld)dieses unerbittlichen Wettkampfs liegen.

Dies wäre das Ende einer Schlüssel-Industrie. Europa würde industriell drittklassig werden, ein Satellit Japans, ein Arbeitslosen-Ghetto. Vor dieser Vision warnte Max Grundig unablässig, die volkswirtschaftliche Verpflichtung des Unternehmers ließ ihn nicht ruhig schlafen.

Das Konzept seiner EURO-Idee hatte drei Ziele im Auge, um den japanischen Vormarsch zu stoppen:
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  • 1. Größere Stückzahlen und rationellere Produktionsmethoden, um preiswerter anbieten zu können.
  • 2. Weitere Verbesserung der ohnehin schon hohen technischen Qualität.
  • 3. Umfassendere Vermarktung, das heißt, vereinfachter Vertrieb.

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Max Grundigs Idee

Das setzt gemeinsames Handeln voraus, argumentierte Max Grundig. Einer allein ist zu dieser gewaltigen Anstrengung kaum imstande, ob er nun Grundig, Philips, Siemens oder Bosch heißt. Hier braucht es gemeinschaftliche Entwicklung, gemeinschaftlichen Einkauf, gemeinschaftliche Patentverwertung, gemeinschaftliches Lager-, Versand- und Kundendienstsystem und selbst einen gemeinsam verwalteten Werbeetat. Max Grundig ließ kalkulieren, daß nach seinem Konzept jedes Fernsehgerät etwa 40 DM weniger kosten würde, das wären bei vier Millionen Apparaten 160 Millionen DM Einsparung. So, sagte sich Max Grundig, können wir die Schlacht gewinnen.

Aber weil dies nicht nur die Sache der Bundesrepublik allein war, weil nicht in Bonn (die Bundesregierung), Stuttgart (BOSCH), Berlin (SIEMENS + AEG/Telefunken) oder Fürth (Grundig) getrennt entschieden werden konnte, weil es auch nicht genügte, wenn London, Paris oder Rom nach eigenen Lösungen suchten, weil es hier um ganz Europa ging, deshalb wandte Max Grundig sich an die Europäische Gemeinschaft.
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Max Grundigs Vortrag im Oktober 1982 in Brüssel

Bei einer Round-Table-Konferenz mit europäischen und japanischen Industriellen am 21. Oktober 1982 in Brüssel sagte er, und man darf ohne Pathos behaupten, daß er dies leidenschaftlich tat, im Namen der gesamten europäischen Wirtschaft:

  • »Ich bin kein Fürsprecher für Regelungen wirtschaftlicher Angelegenheiten durch Zölle und Steuern. Ich bin ein leidenschaftlicher Vertreter der freien Marktwirtschaft. Aber diese freie Marktwirtschaft unterliegt bestimmten Voraussetzungen und verlangt die Einhaltung bestimmter Spielregeln.
  • Mit Interesse habe ich gelesen, daß es einfach ein Ding der Unmöglichkeit sei, die in Jahrzehnten gewachsene japanische Wirtschaftsstruktur von heute auf morgen zu ändern. Ich habe für diese Haltung Verständnis, bitte aber ebenso um Verständnis, daß wir es genauso wenig zulassen können, wenn innerhalb der Europäischen Gemeinschaft japanische Maßnahmen unsere Wirtschaftsstruktur tiefgreifend ändern.
  • Wir sind nicht bereit zuzusehen, wie unsere Märkte, teilweise durch Dumping-Methoden oder Preiskämpfe, etwa auf dem Videorecorder-Markt, vernichtet werden. Wenn bei einem Weltbedarf im Jahr 1982 von rund zehn Millionen Videorecordern allein in Japan fast 15 Millionen produziert werden, dann bedarf es keiner weiteren Kommentare.
  • Wir müssen und werden in Europa Maßnahmen ergreifen, um die wirtschaftliche Existenz unserer Unternehmen zu sichern und das ständige Ansteigen der Zahl der arbeitslosen Menschen von heute 12 Millionen und morgen vielleicht 15 Millionen zu bremsen. Wir müssen und werden uns in Europa zu Kooperationen zusammenfinden. Innerhalb eines solchen Verbundes sind wir in der Lage, in Europa bis zu zehn Milliarden DM im Jahr auf dem Gebiet der Unterhaltungselektronik zu vermarkten.

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Auch wir in Europa müssen uns verschlanken

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  • Wir werden, genau wie in Japan, gezwungen, rationellere Fertigungen und Arbeitsmethoden einzuführen. Unsere Fabriken werden weiter automatisiert. Dies gilt nicht nur für Fertiggeräte, sondern auch für Halbteile und Bauelemente. Wir müssen dies tun, damit wir gegen die Importflut der ganzen Welt, die auf den europäischen Markt drängt, und die sich insbesondere in der Bundesrepublik Deutschland austobt, von der technologischen und wirtschaftlichen Seite gewappnet sind.
  • Wir sind bereit, uns zu arrangieren, zum Beispiel über Technologie und Produkte und vieles andere mehr. Ich gebe aber dabei zu bedenken, daß unsere europäischen Unternehmen dasselbe Recht haben, zu überleben wie die japanischen Gesellschaften. Unsere europäischen Arbeitnehmer haben dasselbe Recht auf ihren Arbeitsplatz wie die japanischen Arbeitnehmer.
  • Wir kennen in Europa ein anderes Kostenniveau als in Japan. Wir haben neben unseren Lohnkosten genauso hohe Lohnnebenkosten, die dadurch entstanden sind, daß wir unseren Beschäftigten umfassendere soziale Sicherungen und Leistungen bieten, als sie in Japan bekannt sind. Die Aufwendungen unserer Unternehmen für diese Leistungen sind fast in derselben Größenordnung wie der Lohn selbst.
  • Diese Leistungen wiederum schaffen einen bedeutenden Anteil der Kaufkraft von 270 Millionen Menschen innerhalb der Europäischen Gemeinschaft und von mehr als 330 Millionen im ganzen freien Europa. Diese Kaufkraft wird nun zu einem großen Teil abgeschöpft durch Produkte, die unter anderen Kostenverhältnissen hergestellt werden.

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... und wir müssen uns gemeinsam wehren

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  • Wir sind gezwungen, uns dagegen zu wehren. Die gesamte europäische Industrie ist mit mir sicher einig, wenn ich behaupte, zwölf oder fünfzehn Millionen Arbeitslose in Europa sind mehr als genug. Unsere guten Fabriken sind genauso leistungsfähig wie die guten Japans. Unsere Produkte erfüllen die Verbraucheransprüche genauso wie die japanischen und unsere Technik ist genauso gut wie die japanische.«

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  • Anmerkung : Leider stimmte das auch nicht mehr. Als Beispiel sind nur die Qualitäts- probleme bei den von Grundig in seinen Fabriken gebauten VCR- und VIDEO 2000 Videorecordern zu nennen, die in Stückzahlen von weit über 120.000 nach nur wenigen Stunden ausgefallen waren. Es hätten da nie Schmierfette in der Mechanik eingesetzt werden dürfen. Das war ein ganz kapitaler Fehler. Und diese super tollen versilberten Kontakte und Buchsen bei den zig Millionen Fernsehern aller europäischen Hersteller führten auch in kürzerer Zeit zu vermeidbaren Ausfällen.

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