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Diese Story basiert auf einer "Betrachtung" so um 1958 . . .

... jedoch einer sehr kritischen Würdigung. Somit können wir die damaligen Denkweisen und Daten mit den heutigen Erkenntnissen gegenüberstellen und kommentieren.
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Aufstieg : Grundig setzt auf UKW - Rückblick März 1950

Grundig UKW Radio 1951 . . . . . . .

Jeden Abend nach sieben Uhr trommelte der Firmenchef seine engsten Mitarbeiter zusammen und brütete mit ihnen die Pläne aus, die ihm auch in der zweiten Phase des Aufstiegs den Erfolg sicherten.

 

Weiter blickend als die meisten Fabrikanten hatte Grundig schon 1949 Vorbereitungen getroffen, um als erster Produzent Radios mit eingebautem UKW-Teil - sogenannte AM/FM- Super mit Begrenzer und Detektor - herauszubringen. UKW, so erkannte Grundig früher als die anderen Produzenten, würde Rundfunkhörer im Laufe der nächsten Jahre zum Kauf neuer Geräte animieren.

 

Als der europäische Rundfunk in der Nacht zum 15. März 1950 auf den Kopenhagener Wellenplan umschaltete, durch den sich die Empfangsmöglichkeiten in Deutschland für zahlreiche Mittelwellensender erheblich verschlechterten und die Rundfunkanstalten bald darauf zum Ausgleich UKW-Sender aufstellten, war Grundig mit seinen UKW-Empfängern bereits auf dem Markt.

Grundig 1956 Type 3055

Er eilte den meisten Konkurrenzfirmen auch sonst oft mit technischen Verbesserungen voraus, zum Beispiel mit der Drucktastenschaltung für Wellenbereiche und der Einführung von getrennten Höhen-und Tiefenregistern und des 3-D-Klanges (Empfänger mit dynamischen Seitenlautsprechern).

 

Wenn ihm die Konkurrenz ausnahmsweise einmal zuvorgekommen war, variierte er die Verbesserung so geschickt, daß sie auf das Publikum wie eine echte Neuheit wirkte. Als zum Beispiel der aus Dresden nach Bremen verschlagene alte Radiogeräte-Fabrikant Martin Mende ein Wunschklangregister kreierte, das eine differenzierte Klangabstimmung für Sprache, Jazz und Soli ermöglicht, stieß Grundig mit seinem „Hi-Fi-System"* nach, einem ähnlichen Klangregister, das der Fürther Radio-Konfektionär aber attraktiver als Mende aufgeputzt hatte.

* Diese Bezeichnung hat Grundig von der amerikanischen Rundfunkindustrie übernommen, Hi-Fi (sprich Heifi) ist eine Abkürzung für high fidelity und bedeutet soviel wie höchste Klangteue bei der Musik.


Seine Möbelarchitekten mußten schwungvolle Formen entwerfen, mit Intarsien und möglichst viel goldglänzenden Leisten. Den Ehrgeiz, eine exklusive Stilrichtung zu kultivieren, überließ Grundig gern anderen Produzenten, wie zum Beispiel der Firma Max Braun in Frankfurt, weil Marktforscher festgestellt hatten, daß nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung für die moderne Sachlichkeit empfänglich sind.

 

Grundigs Tonmöbel- und Gerätegehäuse-Sortiment enthält nur wenig modern-sachliche Stücke; das interessanteste Modell ist eine nach hinten schräg geneigte Musiktruhe, die im Firmenjargon „schräger Max" genannt wird. Die Produkte der Möbelkonfektionäre hingegen, die der anspruchsvolle Käufer als „Gelsenkirchner Chippendale" ablehnt, treten in Grundigs Werbeprospekten stärker hervor.

 

Nur im eigenen Heim, einer umgebauten Villa an der Nürnberger Virchowstraße, und in seinem Direktionszimmer kultiviert Grundig einen etwas individuelleren Stil, für den seine Gattin Annelie ein Faible hat. Sie ließ in eine Wand des rüsterholzgetäfelten Direktionszimmers ein großes Aquarium einrücken, in dem sich Schwärme von exotischen Fischen tummeln. Davor erhebt sich eine pausbäckige Barockmadonna, die unverwandt den Konzernherrn anblickt, wenn er am Schreibtisch sitzt.

Grundig gegen den Rest der Welt

Grundigs Eifer auf technischem und verkaufspsychologischem Gebiet spornte auch die anderen Firmen an. Sobald sie ihm auf den Fersen waren, griff er zu einem Abwehrmittel, das die Konkurrenten als sehr unangenehm empfanden:

 

Er senkte die Preise und tat das in Etappen so oft, daß er den Verbrauchern demonstrierte, wieviel Luft noch in den Kalkulationen der Firmen steckte. 1949/50 waren Rundfunkgeräte noch etwa doppelt so teuer wie in der Vorkriegszeit. Inzwischen sank das durchschnittliche Preisniveau sogar auf 96 Prozent des Preises von 1938. Grundig riß die ganze Branche sowohl in kalkulatorischer als auch in technischer Hinsicht in einem solchen Tempo vorwärts, das ihr das gegenüber dem Ausland einen gravierenden Vorsprung sicherte.

„Das ist Grundigs Verdienst", gab der Direktor der Firma Blaupunkt-Werke GmbH, Werner Meyer, auf einer internen Fachtagung zu. Westdeutsche Rundfunk- und Fernsehgeräte sind auf den Exportmärkten sehr begehrt; besonders in den USA wuchs die Nachfrage nach preiswerten deutschen Rundfunk- und Fernsehempfängern beträchtlich. Das Ausland nahm im vergangenen Jahr (1957) westdeutsche Rundfunk- und Fernsehgeräte im Werte von rund 350 Millionen Mark ab (1955: 210 Millionen Mark).

 

Aber nicht immer konnte sich Grundig mit seinen Preismanövern durchsetzen. Während einer großen Preisschlacht im Februar 1955 erregte er mit seinem "Unternehmen Volksfernsehen" den Zorn der Händler. Er brachte ein 43-Zentimeter-Bildschirm-Tischgerät für 698 Mark heraus, das um 200 Mark billiger war als ein inzwischen aus dem Verkehr gezogenes ähnliches Modell.

 

Die Preissenkung wälzte Grundig vorwiegend auf die Händler ab, denen er für dieses Gerät den Händlerrabatt (gewöhnlich 45 Prozent des Endverkaufspreises) um 140 Mark kürzte. Seinen eigenen Gewinn senkte Grundig um 60 Mark je Gerät. Nur widerwillig ließen sich die Händler auf die Kürzung ihrer Handelsspanne ein, nachdem Grundig ihnen suggeriert hatte, daß der zu erwartende höhere Umsatz sie für die Gewinnminderung hinreichend entschädigen würde.

 

Mit dieser Aktion wollte Grundig frischen Wind in das stagnierende Fernsehgeschäft blasen; gleichzeitig wollte er aber auch den preiswerten Neckermann-Fernseher, der von der Firma Körting in hoher Auflage hergestellt worden war, mattsetzen. Grundig blieb aber nicht der einzige Preisbrecher. Andere Firmen wie Loewe-Opta zogen nach. Auch sie kürzten — wenn auch nicht ganz so radikal wie Grundig — den Händlerrabatt, bis die Fachverbände aufmuckten. Für ein Lockfabrikat hätten die Händler zur Not den Gewinnausfall hingenommen, aber nicht für ein halbes Dutzend Markengeräte.

 

Unter dem Druck der Händleropposition, die den Fürther Außenseiter schließlich boykottierte, mußten Grundig und seine Epigonen nach vier Monaten ihre Preislisten revidieren, allerdings kehrten sie nicht mehr zu den alten Preisen zurück, sondern ließen es mit einer mäßigen Erhöhung bewenden.

Die "optimierte" Produktion bei Grundig

Der Fürther Außenseiter konnte sich zum Preisführer der gesamten Branche aufschwingen, weil er mittlerweile als größter Produzent seine Fließbandfertigung derart rationalisiert hatte, daß die Gestehungskosten erheblich gesunken waren. Etwa 250 Konstrukteure, Techniker und Mechaniker sind in Grundigs Fabriken ausschließlich damit beschäftigt, Knoten im Produktionsprozeß aufzuspüren und durch neue arbeitsorganisatorische und technische Mittel endgültig auszuschalten.

 

Grundigs sieben Produktionsbetriebe — das Hauptwerk in Fürth, zwei Betriebe in Nürnberg und je ein Betrieb in Bayreuth, Augsburg, Dachau und Georgensgmünd — sind Musterbeisoiele raffinierter Fließbandmechanik mit eingebauten Kontrollautomaten, die nicht nur jede Fehlleistung registrieren, sondern auch das Arbeitstempo überwachen.

 

In Grundigs Spezialfabrik für Holzgehäuse und Musikschränke im mittelfränkischen Georgensgmünd ist der Kontrollmechanismus mit einer dreistufigen Signalanlage verbunden, die wie eine Verkehrsampel funktioniert. Sobald die Kontrolleure in der Uberwachungszentrale feststellen, daß an einem Punkt der Fließbandstrecke geschludert wird oder der Arbeitsrhythmus gestört ist, weil etwa einige Frauen sich unterhalten, anstatt sich auf ihre wenigen Handgriffe zu konzentrieren, leuchtet über ihren Plätzen eine gelbe Lampe auf. Sie zeigt den schwatzenden Arbeiterinnen an, daß sie ihren Akkordzuschlag (etwa 45 bis 50 Pfennig die Stunde) aufs Spiel setzen.

 

Schon nach wenigen Minuten erfahren sie, ob dem Kontrolleur der neu angestachelte Arbeitseifer genügt; dann schaltet er das Signal auf Grün. Wenn aber die Mahnung, schneller zu arbeiten, nicht fruchtet, zeigt Rotlicht den Frauen an, daß Ihnen für den Rest der Schicht nur der Stundenlohn (1,11 bis 1,25 Mark) gezahlt wird.

 

Der Rationalisierer Max Grundig hält solche Kontrollanlagen wegen der Zusammensetzung seiner Belegschaft für unerläßlich. Etwa 65 Prozent des Personals sind ungelernte weibliche Hilfskräfte, die Tag für Tag ganz bestimmte vorgefertigte. Teile zusammenbasteln, verlöten und montieren. Nur durch ausgeklügelte Arbeitsvorbereitung — durch Zerlegen der einzelnen Operationen in narrensichere Phasen, in die immer wieder Kontrollen eingeschaltet werden — kann ein so diffiziler Produktionsbetrieb mit ungelernten Hilfskräften aufrecht erhalten werden.

 

Die tausend Arbeiterinnen, die Grundig zum Beispiel für seinen jüngsten Großbetrieb, die Tonbandgeräte-Fabrik in Bayreyth (Baukosten 12 Millionen Mark) anwarb, waren vor einigen Monaten noch als Hausfrauen oder Textilarbeiterinnen tätig. Sie wurden in kurzer Zeit für die Montage der 2000 Tonbandgeräteteile angelernt. Freilich landeten im ersten Monat 1900 Geräte - fast vier Tagesproduktionen - auf dem Werkfriedhof; inzwischen wurde aber die Ausschußquote auf monatlich 500 Geräte gedrückt.

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