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1945 - Übersicht und Zusammenfassung einer wirren Zeit ...

von Gert Redlich im April 2015 - Über die Zeiten nach 1945 gibt es viele völlig verschiedene Darstellungen und Rückblicke. Da ich diese Museumsseiten etwa seit 2003 erstelle und pflege, sind mir auch schon viele Kontakte und Informationen vor die Füsse gefallen.

Insbesondere die in Internet zu findenden Legenden und Mythen um das Kriegsende und die Zeiten danach sind sehr widersprüchlich. Viele der Geschichten wurden erst mit einem Abstand von 20 oder mehr Jahren aufgeschrieben.

Und darum hier eine Zusammenfassung meiner Informationen über die Zeiten von 1944 bis etwa 1950. Dazu ist noch zu ergänzen, daß ich zwei Nachlässe von erheblichem Gewicht (jeweils über 400 Kilo Bücher und Video-Kassetten) übernommen habe und auch mit sehr vielen älteren Zeitzeugen sehr lange Gespräche geführt habe.
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Über den Ist-Zustand 1945

Nach den Aussagen von Wolfgang Hasselbach aus Kronberg im Taunus (BRAUN AG) und auch seines Freundes Wolfgang Bogen in Berlin (BOGEN Magnetköpfe) sowie Karl Breh (Hifi-Stereophonie) war der April 1945 der absolute Nullpunkt für fast ganz Mitteleuropa.

In den letzten Wochen des 2. Weltkrieges wurde so gut wie alles an Infrastruktur zerstört, das sich durch die Kriegs- und Kampfhandlungen und die Bombennächte der vergangenen letzten 3 Jahre gerettet hatte. Also - es gab weder Telefon noch Zeitungen noch Bewegungs- oder Reisemöglichkeiten, schon gar nicht, wie wir sie heute kennen, es gab fast keine Eisenbahnen und erst recht keine Autos mehr und sowieso kein Benzin - für uns Deutsche schon überhaupt nicht.

So konnte jeder nur in seinem recht engen räumlichen Umfeld irgend etwas anfangen oder irgend etwas neu beginnen - und das auch nur, wenn die niederschmetternde Depression der Stunde NULL überhaupt am Abklingen war oder bereits überwunden war.

Sowohl Max Grundig wie auch Artur Braun (BRAUN AG) und Herrmann Brunner-Schwer (SABA) haben es in ihren Büchern aufgeschrieben. Professor Michael Hausdörfer (Bosch Fernseh) und Professoer Dietrich Schwarze (SFB  und SDR) sowie Wolfgang Hasselbach (BRAUN AG) haben mir - unabhängig voneinenander - fast wortgleich - diese perspektivlose Zeit geschildert.

Es sind also keine Hirngespinste irgendwelcher einfältiger namenloser Grufties oder sonstige verklärten Wahrheiten von (unglaubwürdigen) Erinnerungen.
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Die Magnetbandgeräte und die Amerikaner

In verschiedenen Publikationen wírd "berichtet", daß die noch funktionierenden AEG K4 Maschinen von den Amerikanern in die USA "verschleppt" wurden. Doch das trifft weder für die großen Mengen an Tonschreibern (Militär) wie auch die wenigen nicht zerstörten Rundfunk- und Studiomaschinen zu.

Verblüffend war für mich die Aussage sowohl der Amerikaner
(in mehreren englisch sprachigen Militärberichten aus 1945) wie auch der Engländer, sie wußten überhaupt nichts mit diesen "Dingern" da anzufangen, von den Russen wollen wir da gar nicht sprechen. Die haben zwar so gut wie alles mitgenommen, das irgendwie transportabel war, dann aber vermutlich verschrottet oder vielfach einfach verrotten lassen.

Alleine der junge pfiffige amerikanische Major John Mullin
konnte sich einen Reim auf den Wert und die Bedeutung dieser "Entdeckung" bei Radio Frankfurt in Bad Nauheim machen. Und obwohl die Firma Brush Development in den USA seit Anfang der 1940er Jahre an einem Tonbandgerät (Soundmirror) auf der Basis des Wissens des 1936 emigrierten Deutschen Juden Samuel Beghun aus 1936 arbeitete, dauerte es noch fast 2 Jahre, bis die Amerikaner überzeugt waren, daß das Tonbandgerät bzw. diese Art der magnetischen Tonaufzeichnung die Zukunft sei.

Auch hier war wiederum eine Menge Glück im Spiel,
die richtigen Leute zur richtigen Zeit zusammenzubringen. Mehr steht auf den AMPEX Seiten und in der großen extrem langen Magnetbandhistorie.
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Die Tonbandgeräte nach 1945

Als im April 1945 hier bei uns alles zusammen brach, war das NICHT-Verhungern die wichtigste Tagesbeschäftigung. Alle glorifizierenden Legenden sind dummes Zeug. Alle hatten (fast nur noch) Hunger, auch in der Provinz (Ost-Bayern, Franken und die anderen Ränder des verbliebenen Reichsgebietes), und nur ganz wenige dachten "an Morgen", wie es Max Grundig in seinen Memoaren so treffend beschrieb.

Meine Zeitzeugen waren damals alle so um 16 bis 19 Jahre (teils auch wie mein Vater bereits 26 Jahre) alt und hatten so gut wie alle sehr "prägende" Erlebnisse. In den ersten Funk-Technik und Funkschau "Blättern" vom Sommer 1946 sieht und liest man dann auch, wie schwer es war, eine ganz simple Technik-Zeitung zu "machen". So gab es sogar 3 oder 4 Funk-Technik Varianten, Berlin, Hamburg, Ruhrgebiet und München, die anfänglich vermutlich nichts voneinander wußten.

Herr Hasselbach zum Beispiel war im April ein 21-jähriger Abiturient mit dem Hang zum Physikstudiumun und hatte da etwas von den AEG-Magnetbandgeräten mitbekommen - und er fing an, in seinem Elternhaus alles an Informationen darüber zu sammeln, dessen er habhaft werden konnte. Und er hat alles aufgehoben, sogar bis 2012. Von ihm sind viele Hefte und Bücher und Drucksachen aus den Jahren um und nach 1946 erhalten -  ein Traum von einem echten Archiv.
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Welche Firmen gab es wirklich bzw. auch noch ...

In Foren und sonstigen Internet Publikationen werden die verschiedensten Wahrheiten verbreitet. Einiges ist wirklich wahr, manches ist sehr weit her geholt und sehr vieles ist schlichtes Wunschdenken.

So auch, daß Max Ihle oder Eberhard Vollmer die ersten Tonbandgeräte nach dem Krieg gebaut hättte. Belegbar ist, daß sowohl bei der Firma Assmann in Bad Homburg ganz früh mit der Entwicklung von Mangnetbandgeräten begonnen wurde, ebenso bei Schoeps in Karlsruhe, von denen drei Prototypen noch erhalten sind. Es gibt noch eine Menge anderer Firmen, die hier bei uns belegt sind, wie Harting (Steckverbinder) zum Beispiel, oder Wolfgang Bogen in (West-) Berlin, die "ihre" Geräte aber nie auf den Markt gebracht hatten.

Auch haben sowohl Ihle, Vollmer und die meisten anderen anfänglich mit jedem "Mist" angefangen (das wäre unsere heutige Bezeichnung für die damaligen "Produkte") und versucht, wertige Tauschobjekte zu ergattern, um die dann gegen Lebensmittel einzutauschen. Max Grundig ist da das beste Beispiel und auch die am besten recherchierte Historie. Weiterhin fallen mir sofort die Firmen Eben aus Dachau und Feuerland und SAJA aus Berlin ein.
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Es gab auch Privatleute

Belegbar ist auch der Versuch von Privatleuten, mit "requirierten" Brocken (requirieren = etwas für sich selbst "besorgen"), also mit AEG-Kopfträgern und Staubsauger-Motoren, ein solches - damals hypermodernes - Bandgerät zu entwickeln und zu bauen, auch bereits 1945/1946. Auch dieser Prototyp ist noch erhalten.

Wir wissen auch von dem kreativen Kurt Bier, der seine Entwicklung der Firma Lumophon anbot, dann aber bei Grundig gelandet war. Ebenfalls bekannt ist der Entwickler der ersten Stenorette, Jakob Gropp, die der ja auch nicht an einem Tag erfunden hatte.

Es gab also im Bereich Magnetbandgeräte viele einzelne kleine Entwickler und Tüftler in der Zeit von 1945 bis 1952. Als jedoch Max Grundig in diesen Markt voll eingestiegen war, so ab dem Kauf der Firma Lumophon 1952, reduzierte sich die Zahl der Namen ganz extrem deutlich.

Und von jedem dieser Menschen gibt es die "wahre" Legende

Im April 2015 bekam ich Post von Frau Ingrid Vollmer, - sie sei die Ehefrau des vor ca. 15 Jahren verstorbenen E. Vollmer - warum ich so viele Gehässigkeiten und Lügen verbreiten würde. Daraufhin habe ich angefangen, nochmals mit meinem heutigen Wissensstand die alten Artikel von 2006 und 2008 über Eberhard Vollmer und Max Ihle zu verifizieren. Dabei kamen in ganz kurzer Zeit ganz andere Wahrheiten heraus, als Frau Vollmer es gerne publiziert sähe.

Und natürlich kommen da auch Geschichten aus dem geschäftlichen und vor allem aus dem privaten Umfeld
dieser bereits verstorbenen Firmenchefs heraus, die manche Angehörigen oder Beteiligten gar nicht so gerne lesen, sondern vielmehr (nur) ihre eigene Darstellung der Ereignisse.

So ist das mit der verklärten Wahrheit der Erinnerung.

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