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Das Militär kommt ins Spiel

(Fortsetzung Dr. Schiesser) Dann mußten wir jetzt für das Heereswaffenamt arbeiten. Dessen einer Wunsch war ein leichtes Gerät - wir nannten es Schützengrabengerät -, mit dem man vorn im Schützengraben Aufzeichnungen machen wollte, entweder an einen Funkhorchempfänger angeschlossen, mit dem feindIiche Nachrichtensysteme abgehört wurden, oder durch Anschluß eines hochohmigen und hochempfindlichen Mikrofons (dieses Gerät hatte nur einen hochohmigen Eingang). Damit konnte man nun irgendwelche Dinge belauschen. Was sich akustisch in einem Schützengraben belauschen läßt, weiß ich nicht, aber wir wurden über diese Dinge nicht informiert.

Der AEG Tonschreiber B2

Westpfahl: Das Gerät sollte als eine Art "akustisches Notizbuch" in vorgeschobenen Stellungen verwendet werden. Die Bänder sollten durch Meldehunde nach hinten gebracht und im Gefechtsstand ausgewertet werden.

 

Dr. Schiesser: Dieses Gerät wurde in riesigen Stückzahlen bis zum Ende des Krieges gebaut. Herr Kerkhoff vom Heereswaffenamt war das, was von Braunmühl beim Rundfunk war, nämlich unser Angsttraum Tag und Nacht. Entweder hatten wir am nächsten Tag eine Besprechung oder Abnahme mit Kerkhoff, oder mit von Braunmühl. Kerkhoff war gefährlich, weil er eine Uniform an hatte und immerhin sehr viel Einfluß hatte - er konnte uns alle in den Schützengraben schicken oder sonst was, und konnte alles zurückweisen. von Braunmühl war etwas sarkastisch, weshalb wir ihn auch nicht so gern hatten - erst später habe ich mich mit ihm besser verstanden. Damals, im Krieg, war mit ihm nicht gut Kirschen essen.

 

Nun waren wir bei dem einen Gerät - das war der Tonschreiber Caesar/Anton - Aufnahme -, und /Berta - Wiedergabe. Dieses <stationäre Wiedergabe-> Gerät hatte einen kleinen Verstärker mit drei Heeresröhren RV 12b 2000 - weiter war nichts Besonderes daran. Es hatte auch einen Kollektormotor mit Drehzahlregler. Das war aber das Schreckliche: dieses Gerät mußte sowohl mit dem Aufnahmegerät als auch mit Funkhorchgeräten zusammenarbeiten. Diese waren auf sämtlichen Bändern extrem empfindliche Hochfrequenzempfänger, von Langwelle bis zu den kürzesten Wellen, die man damals beherrschte. Der Drehzahl-Fliehkraftregler produzierte deutliche Funken-Störungen mit einem breiten Störspektrum. Kerkhoff verlangte, daß diese Geräte elektrisch und gehäusemäßig miteinander verbunden sein müßten und daß selbst die Ein- und Ausschaltknacke des Wiedergabegeräts im Funkhorchempfänger unhörbar waren.

Alle wollten nur das Beste! - genau wie heute auch.

Das waren praktisch unerfüllbare Bedingungen, die uns viel Mühe und Geld gekostet und auch den Bau der Geräte verzögert haben. Wir mußten elektrische Abschirmungen, Durchführungskondensatoren und magnetische Abschirmungen <anwenden>. Außerdem verlangte das Heereswaffenamt - weil man glaubte, daß sich der Krieg in kürzester Zeit nicht nur in Mitteleuropa, sondern auch in der Wüste und in der Arktis abspielen würde -, daß die Geräte tropen- und arktisfest sein, also bei -40 °C und bei +50°C funktionieren sollten. Das heißt, es mußten Spezialkugellager eingebaut und spezielle Fette verwendet werden. Anfangs mußten wir einen dreistufigen Kompressor bauen, um <in einem Prüfraum> auf diese Temperaturen herunterzukommen. Wir mußten dicke Pelzanzüge anziehen, um in diesen Räumen arbeiten zu können. Das war alles umsonst. Nicht eines von diesen Geräten ist jemals in die Arktis oder in die Wüste gekommen. Aber alle mußten sie entsprechend eingerichtet sein - das hat uns das Leben schwer gemacht.

 

In dieser Zeit habe ich Dr. Rindfleisch kennengelernt. Vielleicht können Sie sich noch erinnern - es muß im ersten Kriegswinter 1939 in Retschin oder Pelzerhagen in der Torpedoversuchsanstalt oder beim Nachrichtenmittel-Versuchs-kommando der Marine gewesen sein - Sie wollten dort etwas mit einem Magnetophon machen.

Eine neue Aufgabe: Torpedos unter Wasser belauschen

Das kleine Caesar-Gerät, von dem wir eben sprachen, wurde in vielen Modifikationen als Sondergerät gebaut. Ich erinnere mich, daß wir gegen Kriegsende - vielleicht 1943 - in Gotenhafen zusammen mit dem verstorbenen Professor Thienhaus auf dem Torpedosuchgerät Heisterness waren. Thienhaus machte akustische Untersuchungen darüber, was ein Torpedo im Wasser hört, d.h., was er an Eigengeräusch durch die Bewegung produziert, was es an Meeresgeräuschen gibt, was das anzupeilende feindliche Schiff an Geräuschen von sich gibt. Dementsprechend sollten die Torpedos so abgestimmt werden, daß sie auf das Ziel mit seinen charakteristischen Geräuschen zulaufen, also nicht durch Fremdgeräusche abgelenkt werden. Um herauszubekommen, was ein Torpedo unterwegs hört, haben wir in Torpedos Magnettongeräte eingebaut. Es gab natürlich nicht viel Platz. und es waren kleine Dinger, diese Sonderausführung des Tonschreibers Caesar, der damals in den Horchgeräten eingebaut war.

 

(Damals war ich mit Köster da.) Davon habe ich noch einen Film.

 

(auf die Frage von Heinz Thiele zur Chronologie der Tonschreiber, deren Erscheinen nicht mit den Kennbuchstaben übereinstimmt:)

Das war eine Planung des Heereswaffenamts, die wohl nicht so schnell gebraucht wurde wie das, was hinterher geplant wurde. Dann wurde eben die Reihenfolge umgekehrt. Tonschreiber d war das Gerät für die Propagandakompanien, die Weiterentwicklung des Geräts mit den Handkurbeln <Tonschreiber c/a>. Das bekam einen Elektromotor mit Fliehkraftregelung und unterlag denselben Bedingungen: es durfte keinen Funkhorchempfänger stören und wurde entsprechend aufwendig entstört, was es schwer und teuer machte und wodurch es an Attraktivität einbüßte. Das war das Gerät, das die Propagandakompanien lange, bis Kriegsende, verwendet haben. Dann kam als drittes Gerät der Tonschreiber b, der für Schnelltelegrafie gedacht war. Jetzt sollte man ganz bewußt in einem Bereich von 1 : 15 transponieren können.

 

 

Bitte weiter auf der nächsten Seite.

 

 

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