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Aug. 1935 - Nach dem Brand - retten was zu retten war

Wir machten uns am nächsten Tag gleich daran, die im Labor noch nicht fertiggestellten Apparaturen soweit zu komplettieren, daß wir sie in einer separaten Abteilung der Funkausstellung vorführen konnten. (Anmerkung: Diese Funkausstellung wurde dann 10 Tage verlängert.) Der Zustrom des Publikums an den Tagen vor dem Brand war groß, das Magnetophon war eben die Sensation auf der Funkausstellung. <Anmerkung: Wer wollte, konnte seine Stimme aufzeichnen und wiedergeben lassen.> Es ist wirklich für jeden ein Erlebnis, der seine Stimme noch nie gehört hat, wenn man vor einem Mikrofon steht, irgendeine Apparatur einschaltet, hineinspricht, zurückspult und sofort, gleich danach, seine Stimme hört: das war ein einmaliger Publikumserfolg.

Studioband mit deutscher "Schichtlage"

Auch die Jugend war hell begeistert, man sagte allgemein, das sei eine tolle Sache. Vor allem: man sah auf dem Film nichts, man hat immer wieder gesucht, ob die Aufzeichnung irgendwie zu sehen wäre. Man konnte denselben Träger immer wieder benutzten, es gab keinen Verschleiß; es war eine einmalige Sensation.

 

Nun wurden viele Details nochmals konstruktiv geändert, vor allem änderte man die Befestigung der Bandspulen. Da gab es zuerst eine ziemlich unzulängliche Ausführung, nämlich eine gespreizte Blattfeder, die mit einem Bajonettverschluss die Spule festklemmte - nebenbei gesagt, die allerersten Bänder waren auf eine dicke Pappscheibe gewickelt, die nächste Ausführung, daß man nur einen Pappring hatte und den auf einen kleinen Blechspulenkern aufsetzte. Bei dem kleinen Undermann (Bobby-Konzept) passierte folgendes: wenn man mit hoher Geschwindigkeit zurückspulte und die Bremsen etwas hart eingestellt waren, rutschte das beiseite, die Blattfeder flog im hohen Bogen raus, und die Spule sauste wie ein Diskus durch die Gegend und man konnte alles wieder zusammensuchen. Das war keine Ausführung, die man dem Publikum anbieten konnte.

Der AEG Kern und die K2 und die K3 wurden entwickelt

So wurde dann die Knebelvorrichtung, die die beiden Mitnehmerstifte verriegelt, gebaut. Auch vieles andere wurde konstruktiv verbessert. So kamen die K 2 in 1936 und K 3 im Jahr 1937 heraus. Außerdem - das muß ich Dr. Schiesser fragen - hatten wir eine Apparatur bekommen, ungefähr zehn Laufwerke, die nur mit einem Hörkopf versehen waren, und uns wurde gesagt, das sei eine Apparatur für Puppenspieler.

 

Dr. Schiesser: Ein Nur-Wiedergabegerät spukte immer in den Köpfen herum, und zwar einfach, weil man sich sagte: das Magnetophon ist ein schrecklich teures Ding. Andererseits hat man sich überlegt, daß die Kosten praktisch nicht geringer werden, wenn man nur den Aufsprechteil wegläßt. Der Verstärker war ja derselbe für Aufnahme und Wiedergabe ( ...), man hätte lediglich einen Kopf gespart und vielleicht den drehbaren Kopfträger. Damals ist der Gedanke eines Nur-Wiedergabegerätes nicht realisiert worden, es mag einmal eine kleine Serie gegeben haben.

 

weiter Herr Westpfahl: Wir lebten in einer Diktatur, da mußte man ja mit Nachfragen vorsichtig sein; wir nahmen das hin, was uns gesagt wurde, und forschten nicht weiter nach. Wir waren überhaupt bemüht, eine Apparatur auf die Beine zu stellen, die erstens bedienungsmäßig ein Minimum an technischem Können erforderte. Zweitens sollte eine große Betriebssicherheit in dem Gerät stecken, und außerdem sollte es elektroakustisch den der Zeit entsprechenden Anforderungen gut genügen. Man war immer bestrebt, das Frequenzband <zu erweitern> - wir waren schon zufrieden, wenn wir 5000 und 6000 <Hertz> erreichten, und wenn wir großes Glück hatten, dann war es auch mehr.

 

Die Kopf-Fabrikation war ein Faktor, der sozusagen immer nach Verbesserung schrie. Die ersten Ausführungen waren in sehr einfacher Form so gebaut, daß die beiden halbkreisförmigen Hälften durch einen flachen Messingsteg zusammengehalten wurden, und je nach dem, wie vorher der Mechaniker die Flächen bearbeitet hatte und mehr links oder rechts drückte, lagen die Hälften mehr oder weniger senkrecht zur Auflagefläche - so war das auf Dauer nicht zu bewältigen. Da kam jemand auf eine neue Idee: man machte zuerst Messingdruckstücke, die dort ausgefräst waren, damit die Wicklung Platz hatte und die Unterseite <also die Auflagefläche> war hinterdreht.

Die AEG K2 und K3 waren deutliche Verbesserungen

Fortsetzung von Hans Westpfahl:

Der Kinobau hatte weiterhin eine Vorrichtung hergestellt, in der man den (bestückten) Kopfträger auf eine in der Bandlauf-Ebene bewegliche Platte aufspannte. Wenn man da die Kopfspalte mit dem Fadenkreuz eines darüber angebrachten Mikroskops zur Deckung bringen konnte, waren die Köpfe richtig justiert, sodaß die beiden Spalte von Hörkopf und Sprechkopf wirklich senkrecht zu der Auflagefläche standen. Das erleichterte das spätere Auswechseln (eines ganzen Kopfträgers) erheblich und hat auch die Qualität wesentlich verbessert, denn wenn Hörkopf und Sprechkopf gleichartig (zueinander parallel) justiert waren, war man sicher, immer unter annähernd idealen Voraussetzungen aufsprechen und wiedergeben zu können.

Kunststoffband von den IG-Farben

Nach der AEG K1 kamen, wie gesagt, K2 und K3, die immer mit neuen technischen und konstruktiven Details aufwarten konnten. Inzwischen gab es auch wesentlich verbesserte "Filme" (das waren die neuen Kunststoffbänder) von IG Farben aus Ludwigshafen.

 

Und zwar brachte uns ein Herr Dr. Matthias, der Ihnen ja auch noch in Erinnerung sein dürfte, ein sehr vornehmer, reizender, großer, schlanker Herr mit einer sehr tiefen und sonoren Stimme, bei seinen Besuchen meistens die neuesten Bänder unterm Arm mit. Wir freuten uns mit ihm, wenn wieder ein Fortschritt in der Bandfabrikation festzustellen war.

 

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