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64 Seiten über Eduard Schüller

In den Medien wurden seit vielen Jahren viele Namen "über den großen Klee" gelobt, doch manch ein wirklich weltbedeutender Erfinder wurde beinahe vergessen. Eduard Schüller ist einer von ihnen. Denn ohne den funktionierenden Magnetkopf von Eduard Schüller zur "Beschreibung" magnetischer Medien hätte es das Tonbandgerät und damit den Videorecorder und damit die weltweite kulturelle Umwälzung nicht oder erst viel viel später gegeben. Doch das Letztere sind alles Hypothesen, die nicht mehr relvant sind. Neben der Beschichtung von Papier mit Eisenpulver von Pfleumer war eben dieser Ringmagnetkopf von Schüller der Schlüssel zur Magnetbandtechnologie. Und diesem Eduard Schüller ist diese feine Büchlein aus dem Jahr 2003 gewidmet.

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Eduard Schüller und seine Magnetophone (2003)

Die Titelseite der Broschüre
Das Werk in den Anfängen
Jetzt das "Schneider"-Haus (in 2015)
Telefunken im Heimatmuseum

Ein Rückblick von Dr. Gerhard Kuper aus Wedel.
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Inhaltsverzeichnis

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  • 1. Eduard Schüller
  • Magnetische Speicherung
  • Erfindungen Schüllers
  • 2. Vorgeschichte
  • Akustische Maßstäbe
  • 3. Berlin 1927 -1945
  • 4. Hamburg 1945 -1955
  • 5. Wedel 1955 -1964
  • Das Werk in der Hafenstraße 27
    Personalfragen
    Wohnraumbeschaffung
    Konzernauslastung
    Belegschaft
    Magnetophone aus Wedel
    Heimgeräte
    Kleinstudiogeräte
    Studiogeräte
    Kopfabteilung
    Videotechnik
    Ausbau in Wedel
  • 6. Auszug aus Wedel
  • 7. Die TED-Platte
  • 8. Rückblick

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1. Eduard Schüller (1904-1976)

Eigentlich haben wir Wedeler allen Grund stolz auf Eduard Schüller zu sein. Aber dieser überragende Erfinder ist heute leider nur noch Fachleuten bekannt.

Seine Entwicklungen nutzt allerdings fast jeder von uns täglich, sei es beim Kassettenrecorder, beim Videogerät oder beim Computer, deren technische Realisierung nur mit einigen der fast 100 Patente von Eduard Schüller möglich sind.

Die Ausstellung im Heimatmuseum Wedel möchte an seine bahnbrechenden Leistungen erinnern, aber auch an seinen Einsatz für seine Wedeler Mitarbeiter (er initiierte die sogenannten Telefunkenhäuser) und damit letztlich auch für die Wedeler Stadtgeschichte.
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Schüller kam aus Schlesien

Der gebürtige Schlesier studierte in Berlin und hatte dort auch seine ersten großen Erfolge. Nach dem Krieg kam er mit AEG-Telefunken über Hamburg nach Wedel und leitete dort von 1955 bis 1962 die Magnetophonfertigung bei Telefunken in der Hafenstraße. Als Telefunken diese Fertigung nach Konstanz und Berlin verlegte, hätte man ihn gerne mitgenommen. Er hat es aber vorgezogen, in Wedel zu bleiben und zwischen seinen verschiedenen Arbeitsplätzen im Konzern zu pendeln.

Einen Ruhestand hat er sich nicht gegönnt - sein unruhiger Geist arbeitete bis zuletzt an Spitzentechnologien. Er liegt nun schon seit fast 30 Jahren auf dem Friedhof am Breiten Weg; vielleicht wäre sein hundertster Geburtstag am 13.1.2004 eine gute Gelegenheit, sich seiner zu erinnern.

Das Grundprinzip - die magnetische Speicherung

Die "Stille" Maschine
Magnetbandaufzeichnung mit Ringkopf

Als verschiedene Erfinder gegen Ende des 19. Jahrhunderts sich der Aufgabe widmeten, Sprache (und Musik) - also Töne zu „speichern", wurden unterschiedliche Verfahren gewählt. Eines der interessantesten, aber auch der anspruchsvollsten war die magnetische Speicherung.

Die Aufgabe klingt erst einmal einfach und wurde auch schon vor 1900 realisiert: Die Luftschwingungen, die von der Sprache oder der Musik angestoßen werden, können in einem Mikrophon in elektrische Schwingungen umgewandelt werden. Diese wiederum werden von einem Elektromagneten in magnetische Wechselfelder umgesetzt, die in Frequenz und Stärke den Luftschwingungen entsprechen. Nun müssen diese magnetischen Felder „gespeichert" werden.

Das kann in Eisendrähten, -bändern, -platten usw. geschehen. Für alle diese Möglichkeiten gibt es ausgeführte Beispiele. In allen wird der Magnet über den eisernen Speicher geführt und magnetisiert in diesem Speicher die sogenannten Elementarmagnete so, wie das Magnetfeld (nach Größe und Richtung) gerade in dem Moment aussieht. Im nächsten Augenblick, vielleicht schon nach einer tausendstel Sekunde, hat sich das Magnetfeld geändert und wirkt jetzt auf das nächste Eisenteilchen, weil das Band sich ja weiterbewegt hat. Nun wird dieses entsprechend magnetisiert, usw.

Wenn man die aufgezeichneten Schallschwingungen wieder hören will, muß das Band mit den magnetisierten Eisenteilchen wieder an der Spule vorbeigezogen werden. Dann werden in dieser wiederum elektrische Schwingungen erzeugt, die in einem Hörer oder Lautsprecher in Luftschwingungen verwandelt und so wieder hörbar werden.

Die Erfindungen Schüllers

AEG Kopf Vollspur
Studer 4 Kanal Kopf

So einfach wie die Aufgabe auch klingt; bei der Realisierung steckt der Teufel im Detail. In der Anfangsphase traten bei der Auslegung des Elektromagneten, den man heute „Tonkopf" nennt, kaum zu meisternde Probleme auf. Hier nun liegen Eduard Schüllers erste große Verdienste. Als junger Diplom-Ingenieur löste er Anfang der 1930er Jahre (etwa 1932) das Grundproblem mit dem sogenannten Ringkopf.

Danach begann ein sechzigjähriger Siegeszug der magnetischen Tonaufzeichnung in Heimgeräten und Kassettenrecordern, in den Studios bei Rundfunk, Fernsehen und bei Schallplattenherstellern ebenso wie in der Filmindustrie und in der Speicherung technischer Daten.

Diese Entwicklung ebbte erst in den neunziger Jahren langsam ab, als begonnen wurde, die Sprache oder Musik optisch aufzuzeichnen (per CD - Compact Disk). Aber auch bei deren Herstellung werden noch meistens Tonbänder für die erste Aufnahme und Bearbeitung der Werke eingesetzt.
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In den 1990er Jahren übernahm es die Computertechnik

28 Magnetköpfe für 14 Scheiben

In den neunziger Jahren war die Computertechnik soweit entwickelt, daß auch schon für die erste Aufzeichnung der Signale Computerspeicher (z.B. Hard Disk des PCs) verwendet werden konnten. Damit wurde die Tonbandtechnik verlassen, aber nicht Schüllers Ringkopfpatent. Der Schreib-/Lesekopf ist zwar sehr klein und außerdem ist die Hard Disk hermetisch gekapselt, weil sie sehr empfindlich ist; aber der Schreib/Lesekopf des magnetischen Massenspeichers arbeitet in allen Computern weltweit mit einem Schüllerschen Ringkopf, der auf eine magnetisierbare Scheibe, eben die Hard Disk, schreibt. Und er zeichnet dabei heute nicht nur Musik auf sondern beliebige Daten, so wie sie im Computer gespeichert und bearbeitet werden sollen.

  • Anmerkung aus 2015 : Das ist seit fast 15 Jahren nicht mehr so, die Festplatten-Technologie hat sich aufgrund von mehreren IBM Erfindungen gewaltig geändert.

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Ein weiteres Basispatent hat Eduard Schüller Anfang der 1950er Jahre angemeldet: das sog. Schrägspurverfahren zur Bild- bzw. Filmaufzeichnung. Heute hat praktisch jedes Videoaufzeichnungsgerät als zentrales Bauteil eine Schrägspureinheit nach Schüller - sei es nun im altbekannten Videorecorder, sei es in den Videokameras der Fernsehteams oder in den auch privat weit verbreiteten Camcordern (Camera Recorder).

  • Anmerkung : Auch das stimmt nicht so ganz, denn in dem Buch von Dr. Fritz Schröter aus 1932 !!! ist das Schrägspurverfahren symbolisch erstaunlich genau beschrieben. In seinem Buch von 1937 ist es ebenfalls (verbessert) enthalten.

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Schrägspurverfahren


Und damit nicht genug:
In der Schrägspureinheit selber trifft man gleich wieder zwei Ringköpfe nach Schüllers Patent aus den dreißiger Jahren. Die sind dort so klein, daß man sie kaum sieht - aber es sind vom Funktionsprinzip her Ringköpfe.

Auch bei der Bildaufzeichnung geht heute der Trend zu optischen Verfahren (CD und DVD), die aber gegenüber Magnetbändern durchaus nicht nur Vorteile haben, denn die Lebensdauer ist wohl deutlich kürzer, und ein Cutten ist nur über weitere Software-Schritte möglich.

2. Die Vorgeschichte (der Magnettontechnik)

1900 - das Poulsen „Telegraphon"

Lange vor seiner Wedeler Zeit hat Eduard Schüller bereits Spitzentechnologie entwickelt und gefertigt und dabei erste, teilweise entscheidende, Entwicklungen realisiert. Aber auch er hatte Vorgänger. Eduard Schüller wurde 1904 in Liegnitz (Schlesien) geboren.

Schon vier Jahre vorher hatte der erfolgreiche dänische Erfinder Valdemar Poulsen einen seiner größten Triumphe gefeiert: auf der Pariser Weltausstellung wurde sein „Telegraphon" mit einem Grand Prix prämiert. Dieses Gerät arbeitete bereits mit magnetischer Schallaufzeichnung - allerdings auf einem Draht, der auf eine Walze gewickelt war. Verstärker gab es damals noch nicht. Und die Aufzeichnung war keine Minute lang; dann war der „Speicher" voll. Daß dieses Gerät dennoch für Sprache durchaus schon geeignet war, davon kann sich jeder überzeugen: Auf der gleichen Ausstellung ließ sich Kaiser Franz-Josef von Österreich das Telegraphon vorführen und sprach einen Satz in das Gerät, der auch noch heute gehört werden kann: „Die Erfindung hat mich sehr interessiert und ich danke sehr für die Vorführung derselben" (http://history.acusd.edu/gen/recording/ta pes.html).

Poulsen hat sein Telegraphon nicht nur entwickelt sondern nach der Jahrhundertwende genau so aggressiv vermarktet wie sein Zeitgenosse Thomas Alva Edison seinen Walzen-Phonographen. Auch Poulsen hat eine ganze Reihe von Patenten erworben und Lizenzen vergeben, insbesondere auch in die USA und nach Deutschland. Als „Speicher" verwendete er nicht nur Drähte, sondern auch Eisenscheiben (vom Aussehen ähnlich den üblichen Schallplatten) und Metallbänder.

Trotz aller Nachteile - die Drähte reißen leicht, ein Cutten (erneutes Zusammenfügen) ist bei Geräten nach Poulsens Patenten nicht möglich - konnte sich diese Technologie bis in die Mitte der 1950er Jahre am Markt halten: In den USA wurden bis ca. 1950 Drahtgeräte gebaut, in England verwendete die BBC bis 1945 Metallbandgeräte, teilweise nach deutschen Patenten. Ja, es kam nach 1945 sogar noch zu einer gewissen Blüte der Metalldrahtgeräte - häufig konzipiert als preisgünstige Selbstbaugeräte oder als Zusatz zu Plattenspielern.

  • Anmerkung : Das Erstaunliche war jedoch, daß ein Großteil dieser veralteten Stahldraht- Technologie der Drahtrecorder "aus Deutschland" kam. Wir Deutschen hatten die Amerikaner damit beliefert.

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Akustische Maßstäbe

Technische Geschichte bedeutet laufende Verbesserungen. Aber wie bewertet man diese? Wenn es um die Speicherung akustischer Signale auf Magnetophonen geht, ist das Gehör das Maß für die Beurteilung der Geräte und legt deshalb die Anforderungen an die Tonspeicherung fest.

Das menschliche Gehör kann Töne mit Frequenzen von 20 bis 20.000 Hertz hören. Als weitere Kenngröße ist die akustische Dynamik zu beachten; sie ist definiert als der Bereich vom leisesten bis zum lautesten Ton. Der leiseste Ton für das Gehör liegt an der Hörschwelle, die mit 0dB (deziBel - logarithmischer Lautstärkewert) definiert ist. Die akustische Schmerzgrenze ist bei 130dB erreicht. 0-130dB bedeuten 13 Zehnerpotenzen in der Schall-Leistung. Das ist auch etwa der Dynamikbereich eines großen Orchesters.

Dieser gewaltige Leistungsbereich in Frequenz und Dynamik kann auch heute mit keinem Aufnahme/Wiedergabesystem verwirklicht werden. Glücklicherweise zeigt die Praxis, daß das auch nicht erforderlich ist: Weder die Dynamik noch der Frequenzumfang des gesunden Ohres muß von akustischen Systemen übertragen werden.

Unser Gehör kann sehr viele Mängel ausgleichen; so beweist das Telefon, daß für die Sprachverständlichkeit ein Frequenzumfang von 3.000 Hertz völlig ausreicht. Bei Musikübertragungen wird gerne diskutiert, was der Hörer noch hören und unterscheiden kann. Aber auch schon die normale Hörfähigkeit läßt mit zunehmenden Alter stark nach, besonders bei hohen Tönen.

Die Erfahrung

Telefunken hat Mitte der fünfziger Jahre auf einer Messe ein Tonbandgerät vorgestellt, das nacheinander immer höhere Töne bis 14.000 Hertz abspielte, um die Leistungsfähigkeit des Gerätes zu demonstrieren.

Ergebnis: Nur junge Besucher konnten damit etwas anfangen: Sie konnten auch die höheren Töne noch hören. Die anderen Hörer mußten schon unter 10.000 Hertz passen.

Die DIN Norm

Diese Erfahrungen wurden in den 70er Jahren in mehreren HiFi-Normen zusammengefaßt. (HiFi - high fidelity, hohe Wiedergabetreue). Diese Normen forderten für Heimgeräte einen in etwa linearen Frequenzgang von 40-12.500 Hertz, für Studiogeräte von 40-14.000 Hertz. Für Kassettengeräte galten noch geringere Anforderungen.

Als Dynamik verlangt die Norm für Kassettengeräte 51dB, für Heimgeräte 53dB und für Studiogeräte 56dB. Wohlgemerkt: Das war schon HiFi, also hohe Wiedergabetreue. Die Magnetophone erreichten allerdings auch schon 1957 bessere Werte; Studiomagnetophone z.B. 65dB Dynamik.

Die Festlegungen der Normen sind oben stark vereinfacht dargestellt. Man kann sich die dB-Werte besser vorstellen, wenn man vergleicht: 30dB Dynamik eines Bandgerätes bedeuten, daß der lauteste Ton 3 Zehnerpotenzen mehr Leistung hat als das Rauschen des Bandes. Wenn also das Rauschen 1mW (1/1000 Watt) beträgt, hat der lauteste Ton 1 Watt Leistung. Verbessert man die Dynamik auf 60dB ist beim lautesten Ton von 1 Watt das Rauschen auf 1pW (1 millionstel Watt) verringert worden - und damit praktisch unhörbar.

3. Berlin 1927-1945
Die Idee von Fritz Pfleumer

Interessanterweise kam der Vorschlag, Tonbänder für die Schallaufzeichnung einzusetzen, nicht von den großen Elektrokonzernen, sondern aus der Zigarettenindustrie, die in den zwanziger Jahren in Dresden sehr stark war.

Die teuersten Zigaretten hatten Mundstücke, die mit Blattgold belegt waren, die weniger teuren verwendeten einen Papierstreifen, der mit einem Bronzepulver die Goldschicht imitierte. Wenn man nun dieses Papier nicht mit Bronze sondern mit magnetisierbarem Eisenpulver beschichtete . . . ?

Auf diese Idee kam der aus Salzburg stammende Fritz Pfleumer, der sich als freier Berater auch schon sonst einen Namen gemacht hatte; er erfand das Schaumgummi und den Trinkhalm aus Plastik anstelle Stroh. Aber auch er mußte hart um die Durchsetzung seiner Idee kämpfen. Er erwarb mehrere Patente, insbesondere das DRP 500.900, baute ab 1928 Prototypen und stellte diese in vielen Zeitschriften vor.

1932 konnte Fritz Pfleumer den Vorstandsvorsitzenden der AEG, Geheimrat Hermann Bücher, für seine Erfindung gewinnen. Dieser beauftragte im Kabelwerk Oberspree das Fernmeldelabor unter Dr. Volk, das Pfleumersche Gerät weiter zu entwickeln.

Jetzt taucht erstmalig der Name Eduard Schüller auf

Dort wurde zur selben Zeit der junge Diplom-Ingenieur Eduard Schüller eingestellt, der gerade seine Diplomarbeit über magnetische Schallaufzeichnung auf Stahlbändern bei Prof. Erwin Meyer am Heinrich-Hertz-Institut abgeschlossen hatte. Binnen kurzem wurde Schüller der führende Kopf bei der Tonbandgeräte-Entwicklung.

Es mußten damals vorrangig zwei größere technische Probleme gelöst werden: Das Tonkopfproblem und das Bandproblem. Die bisher üblichen Tonköpfe verwendeten unterschiedliche Techniken: Bei einigen wurde das Band zwischen den beiden eng zusammenstehenden Magnetpolen durchgezogen, andere hatten die Pole in größerem Abstand angeordnet, so daß das Band in Längsrichtung magnetisiert wurde. Beide hatten ihre Vor- und Nachteile, letztlich hätte man in jedem Gerät schon mehrere Köpfe einbauen müssen, um auch nur den wichtigsten Frequenzbereich aufnehmen zu können. Außerdem verschliß und riß bei diesen Köpfen das Band besonders schnell.

Der Ringkopf

Dieses Problem löste Schüller mit dem auch heute noch optimalen „Ringkopf" (DRP 660.377 von 1933). Rein technisch betrachtet macht dieser das normalerweise störende magnetische „Streufeld" eines engen Spaltes zum „Nutzfeld" bei der Magnetisierung. Weitere störende Streufelder treten bei diesem Kopftyp dann nicht mehr auf. Der erste Prototyp dieses Kopfes zeigt noch die strenge Ringform (S. 10). Bei späteren Köpfen bis hin zu den heutigen Miniaturköpfen bei der Datenaufzeichnung mußten viele Kompromisse eingegangen werden, insbesondere was deren Abmessungen betrifft; das Grundprinzip hat sich aber auch weiterhin bewährt und wurde später nicht geändert.

Das "Ton-" Band

Bei den von Pfleumer vorgeschlagenen Papierbändern war klar, daß diese nicht die notwendige Dauerfestigkeit hatten. Deshalb wandte sich Geheimrat Bücher über Carl Bosch, den Vorsitzenden von IG Farben, an Dr. Wilhelm Gaus, Direktor des Werkes in Ludwigshafen (heute BASF). Die Aufgabe lautete, Bänder zu entwickeln, die optimal in Bezug auf Festigkeit, Lebensdauer, magnetische Eigenschaften, Gewicht usw. sind. Dort war man an der Aufgabenstellung sehr interessiert und übertrug die Entwicklung dem Chemiker Dr. Friedrich Matthias.

Ab 1933 kam es zu einer sehr effektiven Zusammenarbeit zwischen der AEG in Berlin und IG Farben in Ludwigshafen, besonders deshalb, weil die beiden entscheidenden Entwickler, Eduard Schüller und Dr. Friedrich Matthias, eng zusammenarbeiteten und sich auch persönlich gut verstanden. Schon 1934 wurden 50.000 m Tonband an die AEG geliefert.

Und dann kam 1945

Zu beachten ist, daß die magnetische Aufzeichnung auf Metalldrähten etwa ebenfalls bis zu diesem Zeitpunkt von der Deutschen Firma C.Lorenz optimiert wurde. Später sind in Deutschland keine Neuentwicklungen auf Magnetdrahtbasis mehr bekannt geworden. Entwickler dieses Gerätes war S.J.Begun, der zusammen mit C.Lorenz 1938 in die USA auswanderte und dort bei der Brush Development Company of Cleveland, Ohio, Magnetbandgeräte für das US-Militär entwickelte.

Dazu gehörten auch welche, die Tonbänder aus beschichtetem Papier verwendeten. Der Durchbruch für diese und andere US-Hersteller kam aber erst mit der HF-Magnetisierung, die man 1945 bei Kriegsende in Deutschland vorfand.

Erst nochmal zurück nach 1933

Bereits am 10.11.1933 wurde eines der bekanntesten Photos aus der Anfangszeit des Magnetophons aufgenommen; es zeigt die Entwickler (links Dr. Theo Volk, dritter von rechts: Eduard Schüller) bei einer der ersten Einsätze des Gerätes, damals noch Tonschreiber genannt.

Das Datum ist so genau bekannt, weil damals der erste „Betriebsappell", eine Propagandaveranstaltung, stattfand: Adolf Hitler sprach im Siemens-Werner-Werk in Berlin, und alle Betriebe wurden über Rundfunk „zugeschaltet". Im AEG-Werk Oberspree nutzte man die Gelegenheit, um diese Rede aufzuzeichnen. Dafür diente der Tonschreiber. Er hatte 2 Systeme, also vier Spulen, damit man ohne Verluste umschalten konnte, wenn eine Spule beschrieben war. Obgleich dieses Bild sehr bekannt ist, läßt sich heute nicht mehr feststellen, ob die Aufzeichnung erfolgreich war. Zumindest ging man damals auf Nummer sicher mit dem gleichzeitigen Schneiden von Lackplatten auf dem Nebentisch.

und nun nach 1934/1935

Schon 1934 hätte die AEG das Magnetophon gerne der Öffentlichkeit auf der jährlichen „Großen Funkausstellung" am Berliner Funkturm vorgestellt. Davon nahm man aber kurz entschlossen wenige Tage vorher und nach bereits erfolgter Presseankündigung Abstand, weil das bislang entwickelte und dafür vorgesehene 1-Motoren-Gerät „Kinderkrankheiten" zeigte. Erst ein Jahr später am 16.8.1935 wurde das Magnetophon K1 (K steht für Koffer) vorgestellt, gleichzeitig in 5 Exemplaren.

Nach Presseberichten wurde diese neue Technologie dort „zum Schlager der Funkausstellung". Das K1 bestand aus 3 Koffern: Laufwerk, Verstärker und Lautsprecher. Auf den hier (S.12) gezeigten Bildern ist nur der Laufwerkskoffer und das Laufwerk dargestellt, also die interessanten Teile des Gesamtgerätes.

Das erste "Magnetophon" AEG K1

Das K1 war ein 3-Motoren-Gerät, eine 30cm-Spule mit 1.500 m Tonband ergab bei 1 m/s Bandgeschwindigkeit eine Laufzeit von 25 Minuten. Trotz dieser hohen Geschwindigkeit konnten nur Frequenzen von ca. 50-5.000 Hertz gespeichert werden; das K1 war deshalb für Sprachaufnahmen konzipiert. Es wurde für Diktierzwecke oder für Mitschnitte bei Gesprächen vorgeschlagen.

Da das Band (Carbonyl-Eisen-Band der IG Farben) mit Gleichstrom gelöscht und vormagnetisiert wurde, war das Hintergrundrauschen laut; die Dynamik war dadurch auf ca. 30dB eingeschränkt. Damit wurde noch nicht mal die Qualität der damals üblichen 78er Schallplatten erreicht, aber das Magnetband war schon eine Konkurrenz zu den damals wichtigen Magnetdrähten, weil es bei etwa gleicher Qualität weniger sperrig war, geschnitten und wieder verklebt werden konnte und außerdem weniger kostete: Man rechnete für eine Stunde Spielzeit des Bandes mit 36 Reichsmark Kosten, beim Draht mit 250 RM. Für das K1 selber hatte man sich einen Marktpreis von ca. 1.350 RM als Ziel vorgegeben. (Zum Vergleich; Der Volkswagen wurde ein paar Jahre später mit einem Preisziel von knapp 1.000 DM vorgestellt.)

Die Austellungshalle der Funkausstellung brennt ab

Die große hölzerne Ausstellungshalle, in dem die Magnetophone vorgeführt wurden, brannte am 19. August 1935 nach Feierabend ab. Es waren drei Tote zu beklagen. Dennoch wurde die Ausstellung um eine Woche verlängert. Die Entwickler bei AEG bauten in Tag- und Nachtarbeit aus Ersatzteilen zwei neue Geräte zusammen, mit denen dann der Durchbruch am Markt erreicht wurde.

Das Bild der Entwicklergruppe (S.14) soll nach Angaben in Schüllers persönlichem Photoalbum auf der Funkausstellung 1935 aufgenommen worden sein, nach AEG-Archiv schon am 1.12.1934 im Kabelwerk Oberspree. Es zeigt die Gruppe um Eduard Schüller (zweiter von links).

1936 kam das AEG K2 raus

Die Entwicklung ging rasant weiter; schon 1936 kam ein K2 auf den Markt. Dieses war insbesondere an einen neuen Tonbandtyp (Gamma-Fe203) angepaßt und erreichte 40dB Dynamik. Es war deshalb für Musikaufnahmen etwa gleich gut geeignet wie die damaligen Schallplatten. Mit dem K2 wurden im sogenannten Feierabendhaus der IG Farben bei Belegschaftsveranstaltungen Aufnahmen gemacht, von denen Beispiele auch noch heute bei EMTEC gehört werden können, z.B. Mozarts Symphonie Nr. 39 mit Sir Thomas Beecham, Aufnahme von 1936 (http://history.acusd.edu/gen/recording/ta pes.html).

Die Amerikaner hatten es damals nicht erkannt

Dieses K2 hat die AEG Ende 1936 in den USA vor Fachleuten demonstriert, welche aber dessen Bedeutung und Vorteile nicht erkannten und weiterhin die eingeführten Drahttongeräte bevorzugten. Der Durchbruch für die AEG kam erst 1939/40 mit dem verbesserten AEG K4. Obgleich dessen elektrische technische Daten noch nicht wesentlich verbessert werden konnten (immer noch nur 40dB Dynamik, 50-6.000 Hertz Frequenzbereich bei ca. 77cm/s Bandgeschwindigkeit), sollen von diesem Magnetophon für professionelle Aufgaben, in erster Linie für die Funkhäuser der RRG, schon bis 1944 fast 1.000 Stück gefertigt worden sein.

bereits in 1939 ca. 12.000 km Tonband produziert

Zur selben Zeit wurden auch in der Tonbandentwicklung in Ludwigshafen wesentliche Entwicklungen gemacht. 1939 wurden 12.000 km Tonband geliefert.

Die Entdeckung der HF Vormagnetisierung 1940

Eine technisch ganz entscheidende Verbesserung gelang 1940 dem Entwickler Dr. Walter Weber im Labor von Dr. von Braunmühl bei der RRG in Berlin: Die Löschung und Vormagnetisierung mit Hochfrequenz („HF-Magnetisierung") anstelle mit Gleichstrom, wie bisher üblich.

Auch diese Technologie ist noch heute Bestandteil jeden Bandgerätes. Der wesentliche Verdienst der beiden Physiker ist, daß sie die bei ihren Experimenten zur Verbesserung der Dynamik aufgetretenen Schwingungen und deren Folgen (Erhöhung der Dynamik und des Frequenzbereiches) "erkannten" sowie richtig interpretierten und diese nicht einfach als Fehler behoben.

Sie meldeten diesen „Fehler" sogar zum Patent an (DRP 743411, 1940), die AEG kaufte dieses sofort auf und wendete es in den Magnetophonen an.

Die Vorführung im Berliner Ufa-Palast am 10.6.1941

Die "neue" Technologie wurde der Öffentlichkeit bereits am 10.6.1941 im Berliner Ufa-Palast am Bahnhof Zoo erstmalig vorgeführt; man erreichte jetzt 60-70dB Dynamik im Frequenzbereich von 50-10.000 Hertz; also erstmals echte HiFi-Werte !

Den Spezialisten bei den Alliierten ist es schon aufgefallen .....

Dies war wohl der letzte Zeitpunkt, an dem die Bedeutung der Erfindung nicht mehr übersehen werden konnte. Die Qualitätsverbesserung war so frappierend, daß sie auch beim Radiohören auffiel: englische und amerikanische Abhörspezialisten berichteten nach 1945, daß ihnen als erstes auffiel, daß deutsche Sender selbst in ihren Nachtprogrammen scheinbar „live" sendeten, weil die sonst üblichen Nebengeräusche fehlten.

Als sie sich dann auch noch darüber wunderten, daß offensichtliche Mitschnitte von „Führerreden" technisch so viel besser klangen als solche von Churchill und Roosevelt, war ihre Neugier geweckt, und sie gingen gegen Kriegsende auf die Suche nach diesen Geräten. Die wurden in den Studios von Radio Luxemburg, Bad Nauheim und anderswo gefunden und technisch untersucht.

Die damals geheimen Berichte der Besatzungsmächte liegen heute offen vor, auch die sowjetischen Berichte. Die von ihnen untersuchten Magnetophone waren vom Typ K4 und vom heute kaum noch bekannten K7, sowie militärische Tonschreiber. Wenn diese Geräte hochwertige Aufnahmen machen konnten, waren sie mit HF-Magnetisierung ausgerüstet.

Die Amerikaner konnten es fast nicht glauben

Der US „Intelligence Record on German Sound Recording" vom 25.11.1945 kommt zum Ergebnis:

In appraisal, it may be statet that the latest high-fidelity Magnetophon offers Performances not surpassed in any commercial equipment, and has, in addition, features not offered by any other System.

(Bewertend läßt sich feststellen, daß das neueste Magnetophon mit hoher Wiedergabetreue Leistungen bietet, die von keiner kommerziellen Einrichtung übertroffen werden. Ja, sie hat sogar Eigenschaften, die von keinem anderen System geboten werden.)
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Eine Kassette „50 Jahre Magnetophon AEG Telefunken"

Es gibt selbst heute noch Aufnahmen jener Zeit als Beispiele. So brachte Telefunken in seiner Werbekassette „50 Jahre Magnetophon AEG Telefunken" im Jahre 1985 eine kurze Theaterszene von 1940 mit Heinrich George, die durch ihre Klarheit verblüfft.

Stereo Magnetbandaufnahmen von 1943

Nach der Wende 1989 wurden viele der am Kriegsende verschwundenen Tonaufnahmen in mehr oder weniger guter Qualität zurückgegeben, z.B. an das Deutsche Rundfunk Archiv (DRA) in Berlin. Das waren zwar viele Bänder, aber fast alle monophon aufgenommen, der damaligen Sendetechnik entsprechend. Aber es gab auch ab 1943 schon Stereoaufnahmen auf Magnetophonen.

Diese sind mit einem Stereokopf (etwa wie Schüllers DRP 702298 von 1938) aufgenommen worden. Die Sendertechnik war zwar erst Weihnachten 1958 so weit (Anmerkung : das waren ganz vereinzelte Testsendungen - UKW Stereo begann 1963), daß man mit dem Ausstrahlen von Stereoprogrammen starten konnte, aber schon 1943 und 1944 nutzte der Leiter der Tontechnik bei der RRG, Helmut Krüger, die Möglichkeiten, die er im „Haus des Rundfunks" in Berlin (heute SFB) hatte, für Stereoaufnahmen von Konzerten.

Es sollen ca. 250 Bänder stereophon bespielt worden sein, z.T. mit vollständigen Opern. Von diesem Archiv sind leider nur drei vergleichsweise kurze Aufnahmen, zum Teil auf abenteuerlichen Wegen, wieder aufgetaucht. Besonders beeindruckt eine Aufnahme von Beethovens 5. Konzert für Klavier und Orchester mit dem Großen Berliner Rundfunkorchester unter Arthur Rother, mit Walter Gieseking als Solisten.

Die AEG Stereo-HF-K4

Beeindruckend ist zum einen die unerwartet gute Tonqualität verbunden mit dem heute gewohnten Stereo-Raumklang, zum anderen der ungewollte Zeitbezug der Aufnahme: Während einer Pianopassage gegen Ende des ersten Satzes ist stark gedämpft aber eindeutig das „Bellen" einer Zwillingsflak zu hören. Zumindest diese Aufnahme wurde also während eines Fliegerangriffs gemacht.

Das Bild einer Stereo-HF-K4 (S. 16) hat durch Umkopieren gelitten. Es wurde vom „Russischen Büro für Kinotechnik in Deutschland" aufgenommen. Von diesem Gerätetyp existieren Bilder besserer Qualität nicht mal mehr im AEG-Archiv.

Die militärische Nutzung der Tonbandgeräte

Die genannten Geheimberichte untersuchen militärische ebenso wie zivile Tonbandgeräte; alle Geräte werden detailliert beschrieben. Zu den militärischen Geräten und ihren Besonderheiten soll noch etwas gesagt werden.

Während das Wort „Magnetophon" auf Vorschlag von Geheimrat Bücher als Warenzeichen für AEG und später für Telefunken geschützt war und für zivile Geräte verwendet wurde, liefen die militärischen Tonbandgeräte weiter unter der Bezeichnung „Tonschreiber". Es gab durchaus auch militärische Geräte mit HF-Magnetisierung und deshalb mit einer Tonqualität, die der von hochwertigen Magnetophonen entsprach. Im allgemeinen waren die Tonschreiber aber für militärische Aufgaben ausgelegt.

Die Tonschreiber

Bekannt geworden sind besonders 3 Grundtypen.

  • Typ b (Bertha) wurde 1939 entwickelt. Sein Laufwerk ist mit einem 4-fach-Tonkopf nach Eduard Schüllers DRP 211198 von 1938 ausgerüstet. Dieser kann sich mit variabler Drehzahl sowohl entgegen als auch mit der Bandrichtung drehen. Auf diese Weise kann der Betreiber die Bandgeschwindigkeit erhöhen oder erniedrigen, ohne das sich die Tonhöhe des Signals ändert. Das Gerät ist konzipiert worden zum Anschluß an Funkempfänger zur Aufzeichnung und (evtl. verlangsamten) Wiedergabe von Sendungen in (Schnell-) Telegraphie und Telephonie. Einsatzorte waren stationäre Funkhorchstellen. Die Bandgeschwindigkeit konnte stufenlos von ca. 8 bis 120cm/s eingestellt werden.
  • Typ b wurde auch dazu genutzt, die per Schnelltelegraphie kodierten
  • Wetterberichte der Alliierten zu dekodieren, so daß die deutsche Wehrmacht die aktuellen Wetternachrichten aus Europa und besonders vom Atlantik erhielt, auch wenn dort keine eigenen Schiffe standen bzw. wenn diese Funkstille hielten.
  • Typ c (Cäsar) war ein Gerät, das 1939/40 vorrangig für Reporter und Kriegsberichter entwickelt wurde. Deshalb ist es extrem leicht und nur für vergleichsweise kurze Sprachaufzeichnungen gedacht. Das Auffälligste ist das Aufnahmegerät: Um Batteriegewicht zu sparen, wurde das Band über einen Federmotor (wie bei mechanischen Plattenspielern) angetrieben. Als Batterie für die Gleichstrommagnetisierung und zum Betrieb des Mikrophons war dann nur noch eine 4,5 V Flachbatterie erforderlich. Für Wiedergabe und Bandlöschung wurde allerdings ein weiterer Koffer benötigt.
  • Typ c hatte einen Frequenzbereich von 200 bis 2.000 Hertz. Bei 19 cm/s konnte 11 Minuten lang auf einer 12cm Spule gespeichert werden. Dr. Walter Bruch berichtet, daß er noch ein Tonband in seinem Archiv hat, aufgenommen mit einem Tonschreiber vom Typ c während eines Fallschirmabsprungs über Kreta.
  • Typ d (Dora) wurde 1940/41 entwickelt als universell einsetzbares Gerät, insbesondere für Funkberichte der Propagandakompanie aus Einsatzgebieten. Um unabhängig vom vorhandenen Stromnetz zu sein, arbeitete das Gerät mit Akkus. Die Aufnahmequalität war gut, auch für Musikaufnahmen. Bis 1943 wurde Gleichstrommagnetisierung verwendet, ab 1944 HF-Magnetisierung. Die Laufzeit der 20cm-Spulen bei ca. 77 cm/s Bandgeschwindigkeit betrug 10 Minuten.

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4. Hamburg 1945-1955

Die AEG war von Anfang an zu 90% im Großraum Berlin konzentriert, weil der Gründer Emil Rathenau so am ehesten seine Führungsaufgaben erfüllen konnte. Im zweiten Weltkrieg waren trotz der dort tobenden Kriegshandlungen bei AEG kriegsbedingte Verluste vergleichsweise niedrig - erst kurz vor Kriegende kam es zu nennenswerten Gebäudeschäden.

Die Fabriken im Ostbereich von Berlin

Die Schäden nach Kriegsende (Demontagen und Verstaatlichungen durch VEB) werden in der AEG-Historie dann aber mit etwa 75% der Produktionskapazität beziffert. Darüber hinaus war ein Neuanfang in Berlin nicht möglich, weil die AEG-Bankguthaben dort „eingefroren" waren. Da in Westdeutschland die Bankguthaben zur Verfügung standen, zog die AEG-Führung dorthin, insbesondere nach Hamburg, wo ebenfalls der Vorstandsvorsitzende Hermann Bücher provisorisch residierte. Er wurde aber 1946 auf Anweisung der britischen Militärregierung entlassen wegen seines Einsatzes während der NS-Zeit (er war 1942 in Albert Speers „Rüstungsrat" berufen worden). Er blieb allerdings der AEG bis zu seinem Tode 1951 verbunden, zuerst über einen Beratervertrag und dann sogar noch als Aufsichtsratsvorsitzender.

Eine Entnazifizierung war bei Eduard Schüller nicht erforderlich; nach Aussage seines Sohnes „hat er oft die Zähne zusammenbeißen müssen, weil er das System nicht gemocht hat". Er hat sich zwar nirgendwo politisch engagiert, aber er hat natürlich auch nicht verhindern können, daß seine Erfindungen für Propaganda- und militärische Zwecke genutzt wurden.

Wiederanfang in Hamburg Winterhude

Auch 1945 in Hamburg startete Hermann Bücher die Magnetophonfertigung. In der stark zerstörten Stadt fand AEG eine vorläufige Produktionsstätte in Winterhude an der Krochmannstraße; in einem Industrie-Hinterhof, welcher der Firma Röntgen-Seifert (Richard Seifert & Co.) gehörte. Unter der Leitung von Eduard Schüller wurde die Produktion von Magnetophonen wieder aufgenommen, aber erst mal war man auch zufrieden, wenn die Mitarbeiter mit Diversifikationen ausgelastet werden konnten. So wurden z.B. Zahlenschlösser ebenso gebaut wie (in Kooperation mit Röntgen-Seifert) Anlagen, die das Keimen von Kartoffeln verhinderten.

Die Verhältnisse waren naturgemäß recht einfach. In den Fertigungsstätten wurde noch mit Kohleöfen geheizt. Mitarbeiter, die in Hamburg ausgebombt waren oder von außerhalb zuziehen wollten, lebten erst mal in Lagern, z.B. in Fuhlsbüttel, in denen sie für ihre Lebensmittelmarken eine warme Mahlzeit am Tag bekamen.

Anfänglich wurde viel repariert

Die Besatzungsmächte hatten am Ende des Krieges alle Patente „übernommen". Auch danach besuchten ihre Vertreter die Firma in der Krochmannstraße, um sich alle Neuentwicklungen demonstrieren zu lassen. Dagegen gab es damals keine Handhabe.

Die vorhandenen Fertigungsmaschinen waren für die vorliegenden Aufgaben nicht optimal, so daß viele Arbeiten nach außerhalb vergeben werden mußten. Erst im Laufe der Zeit waren Verbesserungen möglich; es wurde sogar nahebei in der Himmelsstraße zusätzlicher Raum für das Prüffeld gemietet.

Es konnten auch die ersten Magnetophonaufträge akquiriert werden: Bei Radio Hamburg (dem späteren NWDR) waren noch viele K4 in Betrieb. Diese mußten gewartet werden. Die meisten waren auch noch nicht auf dem letzten technischen Stand, so daß die AEG diese umrüstete: Verbesserung des Gleichlaufs durch Umstellung des Tonrollenantriebs von Asynchron- auf Synchronmotoren, sowie Einbau der HF-Magnetisierung zur Verbesserung von Dynamik und Frequenzumfang.

Und dann wurde entwickelt - das T8 kam

Die AEG begann in Winterhude, neue Magnetophone zu entwickeln. Ein tragbares Gerät sollte als Nachfolger für das K4 dienen. Ein „richtiges" Studiogerät sollte in Nachfolge des K7 entstehen. Zum Studiogerät wurde das T8. Das Gerät wurde ein Erfolg und 1951 beim Rundfunk eingeführt. Es wurden verschiedene Varianten gebaut, insbesondere mit unterschiedlichen Bandgeschwindigkeiten.

Ein leichteres Gerät war als transportables HF-Magnetophon für Ü-Wagen konzipiert und lief bei der AEG unter AW1 (AW steht für Aufnahme/Wiedergabe), beim NDR leicht abgewandelt ab 1951 unter C/R64. Es war batteriebetrieben, lief mit 76cm/s und arbeitete von 40-15.000 Hertz. Das Gewicht von 30 kg war für ein tragbares Gerät durchaus noch akzeptabel.

Etwa zur gleichen Zeit kam das AW2 auf den Markt, das schon etwas eleganter aussah, ein „magisches Auge" als Aussteuerungskontrolle erhielt und zwischen den beiden Bandgeschwindigkeiten 19 und 38cm/s umgeschaltet werden konnte. Mit diesen Geschwindigkeiten zielte man auf den zivilen Markt. Allerdings waren die notwendigen Privatkunden in Deutschland damals wohl eher spärlich; das Gerät, das sowohl als Koffer wie auch in einer Phonotruhe käuflich war, wurde kein Erfolg.

1950 - Erweiterung in Billhorn

1950 hatte die Ausschau nach einer komfortableren Fertigungsstätte in Hamburg Erfolg. Man mietete die oberen 3 Etagen des Neubaus der Firma Vielhaben an der Billhorner Canalstraße 13 (heute Kanalstraße). Nach kurzer Zeit konnte man zusätzlich ein Gebäude in der Süderstraße nutzen sowie in der Hammerbrookstraße einen Altbau für die Tonkopffertigung, einschließlich Schallmeßraum.

1951 - Das erfogreiche AEG K15

Dort wurde das erste erfolgreiche Heimgerät in Deutschland entwickelt: Das KL15. Dessen Konzept ging von einem Zusatzgerät zum Radio aus, wie es damals auch Plattenspieler waren: alle wurden über die Phonobuchse an ein Radio angeschlossen: Dort waren der Endverstärker und der Lautsprecher.

Das KL15 in dieser Form kostete im Laden ca. 890 DM, zu einer Zeit, als ein Facharbeiter als Anfangsgehalt etwa 1,10 DM pro Stunde brutto verdiente. Das Gerät hatte HF-Magnetisierung und nur eine Geschwindigkeit: 19 cm/s. Der Frequenzbereich reichte von 50 - 10.000 Hertz. Trotz des hohen Preises konnten innerhalb eines Jahres etwa 10.000 Geräte verkauft werden.

Dieser hervorragende Erfolg des KL15 muß natürlich relativ gesehen werden, wenn man berücksichtigt, daß bis 1952 in den USA bereits 200.000 Tonbandgeräte nach den in Deutschland vorgefundenen Patenten gebaut wurden.

Als Zusatz zum KL15 lieferte AEG für 45 DM einen einfachen Plattenspieler, dessen Plattenteller auf die Tonwelle und dessen Tonarm in einen Stecker am oberen Rand des Gerätes gesteckt wurde. Dann gab es ab 1952 noch eine Version KL15/D, in deren Deckel ein Verstärker mit Lautsprecher eingebaut war. Diese Gerät kostete zwar 995 DM, aber man sparte das sonst erforderliche Radio. Auch für dieses Gerät war der Plattenspielerzusatz geeignet.

1952 - Es folgte das KL 25

Wegen des Erfolges des KL15 begann 1952 die Entwicklung des KL25. Der wesentliche Schritt nach vorne war dabei die Halbierung der Bandgeschwindigkeit auf 9,5 cm/s bei Beibehaltung des Frequenzumfang und der Dynamik. Da in diesem Gerät außerdem das Doppelspurverfahren realisiert war, konnte die Spieldauer eines Bandes gegenüber dem KL15 vervierfacht werden auf 2 Stunden. Beim Doppelspurverfahren wird beim ersten Durchlaufen nur die obere oder untere Hälfte des Bandes „beschrieben". Die zweite Hälfte kann genutzt werden indem man das Band umdreht. Der Preis des Gerätes war mit 885 DM noch vergleichsweise hoch, allerdings enthielt das Gerät jetzt schon eine
Endstufe, so daß man nur noch einen externen Lautsprecher für die Wiedergabe brauchte. Auch dieses Gerät war sehr erfolgreich und wurde nicht nur in Hamburg, sondern nach 1955 auch noch in Wedel gebaut.

Dann kam das Telefunken T9

Der zweite große Wurf in der Hamburger Zeit war das Studiogerät T9, eine Weiterentwicklung des T8. Es wurde 1952 im sogenannten Braunbuch der ARD unter „R69" eingeführt. Da dieses Gerät auch noch in der Wedeler Zeit ein Renner war, soll es kurz beschrieben werden.

Das eigentliche T9 war das Laufwerk. Dieses wurde mit geeigneten Aufnahme- und Wiedergabeverstärkern und einem der Aufgabe entsprechenden Tonkopfträger in einem Pult oder einer Truhe ortsfest aufgebaut. Es hatte ursprünglich nur eine Bandgeschwindigkeit (76cm/s); zwei Jahre später kam die für Wedel interessantere Variante T9u mit zwei Geschwindigkeiten (38 und 76cm/s) in die Studios. Die Umschaltung erfolgte mit Relais auf Tastendruck. Es handelte sich um ein Dreimotorengerät; ein Synchronmotor für die Tonwelle, zwei Motoren zum Antrieb bzw. zum Bremsen der Spulenteller. Weitere Details, wie Bremsen, variable Drehmomente der Motoren, geregelte Schwingungsdämpfer für Anlauf- und Stopphasen der Bänder usw. waren mit unterschiedlichsten Details vorgesehen, die alle den Studiobetrieb inklusive Cutten optimal gestalteten. Die Beschreibung dieser Einzelheiten nimmt im Braunbuch der ARD schon 15 Seiten ein.

5. Wedel 1955-1964

1953/54 hatte sich die Magnetophonfertigung am Markt fest etabliert. Das Werk in Hamburg war erfolgreich und wollte expandieren. Außerdem war die Fertigung auf drei Werke verteilt, was erhebliche Zusatzkosten zur Folge hatte. Eine Expansion war damals im zerstörten Hamburg extrem schwierig.

Versuche, von der Firma Vielhaben zusätzlich die unteren Etagen in der Billhorner Kanalstraße zu mieten, scheiterten. Man mußte neue Wege suchen und dabei weitere Probleme lösen. Verschiedene Alternativen wurden überprüft und durchgerechnet. Eine davon war der Umzug in das ehemalige Aromax-Gebäude in der Wedeler Hafenstraße 30/32, das seit 1952 verwaist war und von dem böse Zungen behaupteten, es sei nicht zu vermieten, weil das Puddingpulveraroma nicht zu beseitigen sei.

Vor einem solchen Umzug mußten eine ganze Reihe von Fragen geklärt werden, die damals auch noch schwieriger zu beantworten waren als bei heutigen Umzügen: Fragen nach den neuen Fertigungsstätten, nach Mitarbeitern und deren Unterbringung, nach der Auslastung anderer Konzerntöchter usw. Diese Fragen waren natürlich alle gleichzeitig und parallel zueinander zu klären und zu entscheiden.

Die Hafenstraße in Wedel

Noch um 1900 hatte die Hafenstraße in Wedel einen rein ländlichen Charakter. Natürlich hatte die Elbnähe schon früher Firmen nach Wedel gelockt. Erinnert sei nur an die Pulver- und die Zuckerfabrik. Aber in der Nähe des Schulauer Hafens gab es nur kleinere Betriebe, die von Schiffen lebten: Schiffswerften (bis 1900 Behrens, ab 1902 Becker) sowie von Schiffseignern betriebene Transportunternehmen, wie Woltmann.

Am unteren Ende der Hafenstraße standen vier Bauernhöfe, die nacheinander und bis 1965 durch Industriebetriebe ersetzt wurden. Auch Anfang der 1980er Jahre konnte man sich noch in einer ländlichen Gegend fühlen: Unter dem überdachten Innenhof des roten Klinkergebäudes nisteten jedes Jahr bis zu 30 Schwalbenpaare. 1945 standen die Gebäude weitgehend leer.

Die Gebäude der Firma Aromax

Kurz vor Kriegsende kam auf Schuten verladen die Nährmittelfabrik Aromax aus dem Sudetenland zurück, wo sie nach ihrer Ausbombung in Hamburg gefertigt hatte. Aromax zog in die leeren Gebäude in der Hafenstraße ein und war mit seinen Produkten in der direkten Nachkriegszeit so erfolgreich, daß die beiden Klinkergebäude (das lange Haus parallel zur Hafenstraße und der Kopfbau quer zur Hafenstraße) schon 1949 neu errichtet waren. Zur Zeit der Berliner Luftbrücke landeten sogar Thunderland-Flugboote, die sonst im Mühlenberger Loch mit Salz nach Berlin starteten, auf der Elbe vor Schulau, auf der man die Boote auf kürzestem Wege mit Nährmitteln beladen konnte (Abb. S. 30).

1952 mußte Aromax aufgeben; der Erfolg war zuende. Der Gebäudekomplex stand jahrelang zum Verkauf. Telefunken führte natürlich nicht nur Verhandlungen mit dem Makler (Firma Markmann), vielmehr mußte geklärt werden, wieweit die Gebäude für die beabsichtigte Produktion geeignet waren. Telefunken wollte mit 250 Mitarbeitern starten und innerhalb weniger Jahre auf 500 aufstocken.

Umzug im Dezember 1955

Vorteilhaft war, daß 50% der Gebäude als Neubauten galten, daß eine Heizungsanlage existierte und die Einrichtungen der Büros zum Teil noch vorhanden waren. Auch eine Kantine stand zur Verfügung. Telefunken entschied sich für diese Fertigungsstätte, als die parallel laufende Klärung der weiteren Umzugsbedingungen erfolgreich abgeschlossen war. Im Spätsommer 1955 wurde der Kauf endlich perfekt; weitgehend durch Barzahlung von 675.000 DM.

Für Telefunken waren natürlich noch Umbaukosten hinzuzurechnen. Der Umzug sollte möglichst nicht das laufende Geschäft stören, er begann im Dezember 1955, noch bevor in der Hafenstraße größere Umbauten vorgenommen worden waren.

So befanden sich damals in den unteren drei Etagen des Kopfbaus noch keine Zwischenetagen sondern die riesigen Nährmittelbehälter von Aromax. In die vierte Etage, das ehemalige Labor, zog die Konstruktionsabteilung von Telefunken ein (Abb. S. 62). Erst in den folgenden Jahren wurden die Behälter ausgebaut und Zwischendecken eingezogen, so daß sich das heutige Aussehen ergab.

Es gab aber Personalfragen

Die Klärung von Personalfragen war damals sehr zeitraubend. In Wedel war Wohnraum wegen der Bombenschäden von 1943 und wegen der vielen Flüchtlinge ausgesprochen knapp, genau so wie in Hamburg. Von etwa 19.000 Wedelern lebten 1955 noch mehr als 4.000 in Notunterkünften.

Es wäre optimal gewesen, Hamburger Mitarbeiter zu entlassen und Wedeler Einwohner einzustellen. Deshalb beschloß man, die Fertigung des erfolgreichen Heimmagnetophons KL25 auslaufen zu lassen, um einen Teil der daran beschäftigten Hamburger Arbeitskräfte nicht mit nach Wedel nehmen zu müssen. In Wedel sollte dann das KL35 als Nachfolgemodell entwickelt und gebaut werden.

Dafür war eine neue Fertigung aufzubauen; man spekulierte auf Arbeitslose oder Hamburg-Pendler, die schon eine Wohnung in Wedel hatten. So war etwa die Belegschaft bei J.D. Möller gerade von 2000 auf 800 Mitarbeiter reduziert worden. Dieses Vorgehen löste natürlich noch lange nicht alle Probleme; insbesondere die Angestellten und „know-how-Träger" mußten noch untergebracht werden. So entschloß man sich erst mal zu einem Werksbus zwischen Hamburg und Wedel.
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Schwierige Wohnraumbeschaffung in Wedel

Größeres Gewicht mußte natürlich auf dauerhafte Lösungen gelegt werden, also
auf Wohnungen für die Mitarbeiter möglichst in der Nähe des Werkes. Dort lag hinter dem Willkomm-Höft das Elbhochufer, für welches die Wedeler Verantwortlichen und insbesondere der Bürgermeister Heinrich Gau große, heiß diskutierte und sehr teure sowie riskante Pläne hatten. Diese mündeten unter Einbeziehung des sozialen Wohnungsbaus in das Projekt „Gartenstadt Elbhochufer". Glücklicherweise war das Projekt in dieser Form ein Erfolg. Aber 1954/55 war noch alles offen, am Elbhochufer standen aus der Kriegszeit stammende Behelfsheime und Baracken, zum Teil bewohnt von Angehörigen anderer Firmen, wie z.B. von Mitarbeitern des HEW-Kraftwerks oder von ausgebombten Mitarbeitern von Blohm & Voß. Das Gebiet war auch bautechnisch noch nicht erschlossen.

1955 - der "Schüller Schubert Gau" Deal

Schon lange bevor die Entscheidung für Wedel fiel, hatten sich Eduard Schüller sowie später der Personalchef Emil Schubert bemüht, mit Heinrich Gau ein Übereinkommen folgender Art zu erzielen: Telefunken gibt Wedel Arbeitsplätze, dafür stellt Wedel Wohnraum zur Verfügung. Die Wedeler Verwaltung hat diese Vorstellungen bei dem Lastträger, einer Arbeitsgemeinschaft aus den Baugesellschaften „Wohnungsbaugesellschaft Schleswig-Holstein", „Neue Heimat" und „Gewog" unterstützt. An diese traten sowohl die Stadt wie auch die interessierten Firmen mit ihren Wünschen und Empfehlungen heran. Wegen der Finanzierung des Großprojektes war die Unterstützung der Landesregierung erforderlich, die am 31.12.1953 beschlossen wurde. Aber erst im April 1955 wurden die Verträge zwischen der Stadt Wedel und den Bauträgern fixiert, Ende 1956 waren die Erschließungsarbeiten abgeschlossen.

Da fertigte Telefunken schon seit einem Jahr in der Hafenstraße. In dieser Zeit wurden mehrmals Regierungsdelegationen aus Kiel eingeladen, um das Werk zu besichtigen - und sich der Wohnungsprobleme von Telefunken anzunehmen.

144 Werkswohnungen in den „Telefunkenhäusern"

Zuletzt lieferten Fragen zu den Baukostenzuschüssen für diese Wohnungen noch die langwierigsten Diskussionen, bis man sich darauf einigte, daß für die ersten 40 Wohnungen noch je 1000 DM Zuschuß von Telefunken bezahlt wurden, 10 Wohnungen waren über LAG-Mittel zuschußfrei, die restlichen Wohnungen stellte das Land der Firma zuletzt kostenfrei zur Verfügung. Im Herbst 1957 war es dann so weit: Alle 144 Werkswohnungen in den „Telefunkenhäusern" Parnaßstraße 1 bis 11 (nur ungerade Nummern) und Elbstraße 26 bis 52, ohne 30 (nur gerade Nummern) standen zur Verfügung. Diese Wohnungen wurden von Telefunken ausschließlich an Firmenmitarbeiter vermietet. Der Preis betrug z.B. für eine Zweizimmerwohnung mit Ofenheizung etwa 1,25 DM/m2, zu einer Zeit als ein FH-Ingenieur etwa 550 bis 700 DM im Monat verdiente.

Erst 1959 zog auch Eduard Schüller mit seiner Familie von Winterhude nach Wedel: Sein Einfamilienhaus in der ABC-Straße 21 war fertiggestellt.

Dei Konzernauslastung um 1955 herum

Die vergrößerte Fertigungskapazität eines Werkes ist in einem Konzern natürlich auch auf den Einfluß auf andere Werke zu prüfen. Vor einem Ausbau im Hamburger Raum mußte insbesondere noch auf das Berliner Telefunkenwerk geachtet werden. (Am 1.10.1954 war das Hamburger Magnetophonwerk von AEG dem Telefunkenwerk Hannover unterstellt worden.)

Damals ganz wichtige Fragen

Würde man dessen Auslastung gefährden, wenn man im Großraum Hamburg expandierte? Hier war schon eine Entscheidung des Vorstandes gefallen: Wegen der inzwischen verschärften Wettbewerbssituation auf dem Sektor der Heimmagnetophone sollte vorrangig ein preisgünstiges Gerät entwickelt werden, das spätere KL65.
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Das neue KL65 soll aber in Berlin gefertigt werden

Es war im Berliner Werk Schwedenstraße zu fertigen. Weil dort aber keine geeignete Entwicklungsabteilung zur Verfügung stand, war die Entwicklung in Hannover durchzuführen, wohin man geeignete Entwickler aus dem Hamburger Werk abzog. Schmerzlich war für Wedel besonders die Bestellung von Rudolf Goetze als Entwicklungsleiter. Durch diese Entscheidung war der in Wedel geplante Bau eines KL35 erst mal in Frage gestellt. Darauf ist zurückzukommen, erhielt doch dieses scheinbar kleine Detail für Wedel große Bedeutung.
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Die Telefunken Belegschaft in Wedel

Auf den ersten Blick würde man vermuten, daß die sehr heterogene Belegschaft (Einheimische aus Hamburg und Wedel, Flüchtlinge aus den unterschiedlichsten Gegenden Deutschlands, Städter und Landbewohner) sowie die damaligen beengten Arbeits- und Wohnverhältnisse zu Reibereien und Problemen geführt hätten.

Von mehreren Seiten wurde als etwas Besonderes auf ein Mehrfamilienhaus am Elbhochufer hingewiesen, das man als „Streits Hotel" bezeichnete wegen der dortigen ungewohnten Querelen zwischen Telefunkenfamilien. Sonst arbeitete man eher wie eine Familie zusammen. Die Mitarbeiter schwärmen noch heute von den jährlichen Ausflügen, für die man in der Hamburger Zeit mit einem alten Dampfer direkt vom Werk an der Kanalstraße elbaufwärts, etwa nach Tesperhude fuhr.

In der Wedeler Zeit charterte man meist Busse; das Ziel war dann die Ostseeküste, etwa Grömitz. Viele der Photos, die heute noch vorliegen, wurden zwar zur Dokumentation von Fertigungsabläufen gemacht, ein Großteil aber auch auf Feiern, z.B. zur Weihnachtszeit oder bei Jubiläen. Solche Feiern geben ja immer eine natürliche Gelegenheit, Photos von den Kollegen zu machen. Und auch heute noch schwärmen viele „Ehemalige" von Feiern, wie etwa den gemeinsamen Kostümfesten im Cafe Geiß an der Gorch-Fock-Straße.

Zur Erläuterung ein Zwischenbericht :
"Wie stand Telefunken zur AEG ?"

Meistens ist in den letzten Jahren der Begriff AEG-Telefunken wie der eines einzigen Konzerns gebraucht worden. Dies ist aber erst ab 1962 zulässig; die Firmengeschichte ist jedoch länger und komplizierter.

Telefunken war auf Veranlassung des Deutschen Kaisers im Jahre 1903 gegründet worden, weil sich die britische Firma Marconi geweigert hatte, ein Grußtelegramm an seinen Vetter, den englischen König, weiterzuleiten; Begründung: das Funkgerät an Bord der kaiserlichen Yacht stammte nicht von Marconi. Telefunken gehörte anfangs je zu 50% der AEG bzw. Siemens & Halske. Geschäftsfeld war vorrangig die Sender- und Funktechnik.

1941 wurde Telefunken im Rahmen einer allgemeinen Interessenabgrenzung zwischen Siemens und AEG zu einer 100%igen Tochter der AEG. Die Geschäftsfelder wurden danach auch intern zwischen AEG und Telefunken abgegrenzt, aber nicht sehr streng.

Jede Firma behielt ihre eigenständige Zentrale, die AEG in Frankfurt, Telefunken in Berlin - dort wurde noch 1960 ein Hochhaus am Ernst-Reuter-Platz gebaut - damals höchstes Hochhaus in Berlin. Die Magnetophone wurden auch weiterhin sowohl von der AEG wie auch von Telefunken verkauft, ja, Telefunken stellte auch Geräte mit AEG-Emblem her.

Ende 1955 ging es in Wedel richtig los

Als Direktoren im neuen Werk waren für die Technische Leitung Eduard Schüller, für die kaufmännische Georg Binternagel ernannt worden. Ende 1955 waren die ersten Gruppen der Telefunkenmitarbeiter in Wedel, so wurde dort Sylvester gemeinsam gefeiert. Eduard Schüller war dabei, obgleich er sonst wohl eher zurückhaltend war. Zeitgenossen werden sich erinnern, daß dieses Silvester etwas besonderes war: Anstelle des Glockengeläutes um Mitternacht gab es im Radio Live-Reportagen aus dem Durchgangslager Friedland, als die letzten (Anmerkung : Es waren die letzten 5000 Kriegsgefangenen) Rußland-Heimkehrer eintrafen.

1958 - das 25jährige Dienstjubiläum Eduard Schüllers

Die größte Feier im Telefunkenwerk Wedel war am 1.9.1958 das 25jährige Dienstjubiläum Eduard Schüllers (Seite 37). Außer den Wedeler Werksangehörigen waren die führenden Köpfe von Telefunken Hannover anwesend sowie die Repräsentanten der Stadt Wedel, angeführt von ihrem Bürgermeister Heinrich Gau. Auch sonst waren die Verbindungen des Werkes zur Stadt Wedel enger als in späteren Jahren; so war es üblich, bei einem Wechsel der Führungskräfte diese dem Bürgermeister vorzustellen.

Die Magnetophone aus Wedel

Seit 1955 baute Telefunken insgesamt außer den Radios, Fernsehern, Heim- und Studiomagnetophonen natürlich auch ganze Systeme, etwa Studioausrüstungen. Weiter wurden Sondergeräte (etwa technische Magnetophone) und Komponenten (etwa Tonköpfe für andere Werke) entwickelt und hergestellt.

Parallel zu der Fertigung der aus der Hamburger Produktpalette übernommenen KL25 und T9 startete die Entwicklung und Fertigung der „Wedeler Magnetophone".

Die Telefunken Heimgeräte

Anfang der fünfziger Jahre hatte der Telefunken Vorstand wegen der sich schnell verschärfenden Konkurrenzsituation beschlossen (Max Grundig hatte 1952 bekanntlich voll zugeschlagen und das Lumophonwerk preiswert gekauft), ein besonders preisgünstiges Tonbandgerät anzubieten, es aber in Berlin, Werk Schwedenstraße zu fertigen; das KL65.

Das KL35 war besser als das KL65

Der günstige Marktpreis (ca. 550 DM) des KL65 konnte u.a. durch eine genial einfache Konstruktion bei geringen Anlaufproblemen sowie durch Auflegen großer Fertigungslose realisiert werden. Damit war dieses Marktsegment für das Werk in Wedel verschlossen. Hier entwickelte man daher das KL35 für etwas höhere Amateuransprüche: größerer Frequenzumfang (40-16.000 Hertz bzw. 60-11.000 Hertz bei 19 bzw. 9,5 cm/s Bandgeschwindigkeit), 3 parallele, getrennt einstellbare Eingänge, „Mischpult" mit Tricktaste zum Ein- und Ausblenden, getrennte Aufnahme- und Wiedergabeköpfe anstelle Kombikopf, Abhörmöglichkeit „vor und hinter Band", Halleffekt, leistungsfähigere Endstufe mit 2 Lautsprechern.

Anmerkung : Von Grundig lernen war bei AEG/Telefunken ganz offensichtlich verpönt. Die Qualität stieg mit der Typennummer und Grundig gab da den Takt an. So war diese Konzeption schon der Anfang und der Einstieg zum Flop des KL35.
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Das KL35 wurde zu teuer

Diese Auslegung hatte letztlich eine Preisverdopplung gegenüber dem KL65 zur Folge (ca. 950 DM) geplant waren allerdings 700 DM). Weil für hochwertige Geräte kein großer Markt zur Verfügung stand, denn das Anfangsgehalt selbst eines Diplom-Ingenieurs lag damals unter 800 DM brutto, wurden die Fertigungslose kleiner, was wiederum den Preis erhöhte, somit die Verkaufschancen weiter verringerte, so daß die geplanten Stückzahlen nie erreicht wurden.

Die Kleinstudiogeräte oder auch Semiprofis

Die Kleinstudiogeräte M23 und M24 hatte es bisher nicht gegeben, wenn man von dem in kleinen Stückzahlen gefertigten AW2 absieht. Sie boten gegenüber dem KL35 noch mal eine Leistungssteigerung. Allerdings waren sie vom Kunden aus betrachtet auch konkurrierende Geräte. Das M23 und besonders das nachfolgende M24 dürften die besten Geräte darstellen, die für Amateure gebaut wurden. (Anmerkung : das betraf aber nur die Zeit um 1957/58 aund auch nur die Telefunken Palette.) Der Marktpreis lag je nach Ausstattung bei 1.600 bis 2.000 DM.

Zur Technik des M23 und M24:

Es wurden hier 3 Motoren eingesetzt: ein Tonmotor und zwei Wickelmotoren. Der Frequenzumfang war etwas besser als beim KL35 bei gleichen Bandgeschwindigkeiten. Eine längere Spielzeit erhielt man durch Verwendung von Bandspulen mit 22 cm Durchmesser anstelle der sonst üblichen 18cm-Spulen. Die Möglichkeiten des Mischpultes wurden ausgebaut, die Endstufe und deren Aussteuerung deutlich verbessert (6 Watt über 4 Lautsprecher, getrennte Höhen- und Tiefeneinstellung).

Die Dynamik (Lautstärkeumfang zwischen Hintergrundgeräusch und lautestem Signal) erfüllte mit 56dB bereits die erst viele Jahre später fixierte HiFi-Norm. Die Aussteuerungskontrolle erfolgte mit einem in dB kalibriertem Meßgerät und nicht mehr mit dem gröberen „magischem Auge". Besondere Auslegungen des Tonkopfes waren für unterschiedliche Anwendungen möglich. Dazu wurden Kopfträger als Einheit ausgetauscht. Es konnten Vollspurköpfe geliefert werden, die nur eine Spur auf dem Band nutzen, diese aber in voller Breite.

Mit einer Halbspuraufzeichnung ließ sich die Spielzeit verdoppeln, indem man das Band umdrehte. In dieser Variante konnte die zweite Spur aber auch für einen „Telechronkopf" (man nannte das normalerweise Synchronsteuerkopf) genutzt werden: dieser zeichnete in seiner zweiten Spur Steuerimpulse etwa zur Steuerung eines Diaprojektors auf, so daß ein automatischer Diavortrag möglich wurde. Für Playbackaufnahmen gab es einen weiteren speziellen Kopfträger. Das M24 ist äußerlich kaum vom M23 zu unterscheiden; es enthält aber mehrere technische Verbesserungen, die ergänzt wurden, weil das M23 nicht auf Anhieb alle hochgesteckten Ziele erfüllte.
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Die Telefunken Studiogeräte / Studiotechnik

AEG bzw. Telefunken können als Hoflieferanten aller deutschen und auch etlicher ausländischer Studios bezeichnet werden - von den Anfängen in den 1930er Jahren, als AEG der einzige Lieferant war, bis in die 1990er Jahre hinein. Wettbewerber konnten auf dem deutschen Markt erst Fuß fassen, als der Konzern sich Anfang der neunziger Jahre vom Tonbandgeschäft verabschiedete.

Aber zu diesem Zeitpunkt ging die Studiotechnologie auch schon auf die heute übliche Direktaufzeichnung und Verarbeitung auf Festplatten über.

Sonderanfertigungen für die ARD

Natürlich haben die Kunden, insbesondere die ARD-Studios, nicht nur Seriengeräte gekauft. Vielmehr haben sie mit ihren Vorstellungen und Wünschen, die häufig in technischen Gesprächen im Werk dargelegt und diskutiert wurden, die Entwicklungen stark beeinflußt. Außer für die bekannten großen Rundfunk- und Fernsehstudios gilt das ebenfalls für viele kleinere Studios, etwa in Plattenfirmen, Filmproduktionen und Musikschulen. Vielen Wedelern sind die Studios bei „Markenfilm" und bei Peter Frankenfeld bekannt. Die ständige Weiterentwicklung der Studiogeräte führte bald auch zu völlig anderen Anwendungen (z.B. Speicher in Rechnern, Steuerungen von Werkzeugmaschinen, Überwachung technischer Vorgänge, Dokumentation bei der Flugsicherung, usw.), so daß sich für diese Gerätegruppe auch der Name „technische Magnetophone" einbürgerte.

Es gab sogar goldene Magnetophone

Und dann konnte das Werk auch noch mit goldenen Magnetophonen aufwarten,
wie sie etwa der König von Belgien und der Schah von Persien erhalten haben.

Das Studiomagnetophon M5

Das erfolgreichste Studiomagnetophon aus Wedel wurde das M5. Vom Konzept her war es ein komplettes, tragbares Gerät in Form eines Koffers. Als Einsatzort waren vorzugsweise die Ü-Wagen vorgesehen. Das M5 mußte robust und servicefreundlich sein (Ersatz defekter Röhren vor Ort und ohne Werkzeug). Seine Eigenschaften mußten natürlich die hohen Ansprüche der Studios erfüllen und auch alle Möglichkeiten bieten, aufgenommene Bänder zu bearbeiten.
Eine Unabhängigkeit von anderen Geräten wurde erreicht, indem die für Aufnahme und Wiedergabe erforderlichen Verstärker in dem Gerät eingebaut wurden. Die Ausgangsleistung war allerdings auf den genormten „Kopfhörerpegel" beschränkt; der Anschluß eines Lautsprechers wurde aus Gewichtsgründen ausgeschlossen. Ein „Mischen" mehrerer Eingänge war ebenfalls nicht vorgesehen; das hätte zuviel Gewicht für die dann getrennten Eingangsverstärker bedeutet.

Der Tonmotor des M5 war ein Synchronmotor; die Geschwindigkeitsumschaltung geschah mechanisch (Knebel zwischen den Spulen). Es gab nur einen Wickelmotor, der über eine Umsteuerkupplung je nach Drehrichtung automatisch an den linken oder rechten Spulenteller gekuppelt wurde. Die Servicefreundlichkeit wurde erreicht, indem zwei Ebenen geschaffen wurden: eine obere mit dem Laufwerk und eine untere mit der Elektronik. Nach Lösen zweier Schrauben konnte das Laufwerk hochgeklappt und in dieser Position fixiert werden. Danach waren alle Röhren und Einstellschrauben zugänglich, auch während des Betriebs. Alle Komponenten waren zum leichten Auffinden gekennzeichnet.

Inzwischen 3 Bandgeschwindigkeiten

Das M5 hatte drei Bandgeschwindigkeiten: 76, 38 und 19 cm/s; ein anderer Gerätetyp ließ die Geschwindigkeiten 38, 19, und 9,5 cm/s zu. Die hohe Geschwindigkeit wurde eingesetzt für höchste Musikansprüche (40-15.000 Hertz), die niedrigste für Sprachaufzeichnungen bei langer Spieldauer. Das setzte nicht nur das Umschalten der Tonwellendrehzahlen voraus, sondern auch ein Umschalten der erforderlichen elektrischen Filter. Dies wurde mit dem gleichen Umschalter realisiert, der außer auf den Antrieb der Laufwerksebene auch über eine mechanische Kupplung auf die Filter der Elektronikebene wirkte.
Außer dem beschriebenen Grundgerät gab es bald eine Reihe von Weiterentwicklungen, Sonderausführungen usw., auf die nicht alle eingegangen werden kann.

Das M5 Stereo

Die auffälligste war die Stereo-Variante: bei ihr wurde eine weitere Elektronikebene eingebaut, die natürlich entsprechend Platz und Gewicht beanspruchte. Es gab die M5 für 1/4 Zoll, 1/2 Zoll und 1 Zoll breite Bänder. Je nach Einsatz konnten verschiedene Tonköpfe leicht ausgetauscht werden, indem der ganze Kopfträger nach Lösen zweier Schrauben

Die Spezial-M5 für das Füllschriftverfahren

Eine interessante Ausführung war das M5 zum Bespielen (besser "Schneiden") von Langspiel-Schallplatten nach dem Füllschriftverfahren von Eduard Rhein - ein Verfahren, das in den 1950er Jahren eingeführt wurde und ohne das die Langspielplatten nicht ihren Siegeszug angetreten hätten.

Bei diesem Verfahren erreicht man eine besonders lange Spieldauer, indem bei leisen Passagen die Schallplattenrillen sehr dicht nebeneinander liegen; sie werden gleichsam zusammengeschoben. Bevor sich die Lautstärke erhöht, müssen die Rillen einen größeren Abstand haben, andernfalls würde der Schreibstichel über mehrere Rillen hinweg schneiden. Gelöst wird die Aufgabe, indem dieses M5 mit zwei Tonköpfen arbeitet. Der erste mißt nur die Lautstärke (für eine Umdrehung im Voraus) und legt so den Abstand der Rillen fest, der zweite „beschreibt"/schneidet die Tonrille. Der Abstand zwischen beiden Köpfen ist durch eine Umweg-Führung für das Tonband so ausgelegt, daß der Antrieb des Stichels bei einer lauteren Passage rechtzeitig den Rillenabstand vergrößern kann.

Das Studiomagnetophon M10

Ebenso wichtig wie das M5 war für Studios das M10, auch dies eine Wedeler Entwicklung. Es war ein ortsfestes Magnetophon. Das eigentliche M10 war das Laufwerk. Verstärker usw. wurden außerhalb des Laufwerkes angeordnet. Das M10 war noch universeller als das M5. Es konnte etwa für noch breitere Bänder (bis 2 Zoll) ausgelegt werden, auf diesem konnten bis zu 16 Tonkanäle gleichzeitig nebeneinander aufgezeichnet werden.

Dies war nicht nur für Orchesteraufnahmen gewünscht worden, sondern unter anderem auch zur permanenten Registrierung von Gesprächen etwa bei der Flugsicherung. (Anmerkung: Diese Variante war dem Assmann VMG haushoch "unterlegen" und wurde nur in unrentablen homöopatischen Stückzahlen gebaut.)

Natürlich benötigte jeder Kanal einen Aufnahme- und einen Wiedergabeverstärker. Da die Geräte meist in Pultform aufgebaut wurden, konnten die Verstärker an der Hinterwand des Fußraums eingebaut werden. Eine Besonderheit des M10 war der Antrieb über zwei Tonrollen (alle anderen Tonbandgeräte verwendeten nur eine Tonrolle (Capstan genannt) - Anmerkung: stimmt so nicht, Grundig hatte das mit den 2 Capstans vorgemacht): Die eine Rolle befand sich wie üblich hinter dem Tonkopf und realisierte den Bandvorschub, die zweite war vor den Köpfen angeordnet. Ihre Drehzahl wurde so gesteuert, daß das Tonband zwischen den Köpfen immer gleichmäßig gespannt und verformungsfrei geführt wurde, so daß Störungen durch sogenannte Flattererscheinungen ausgeschlossen werden konnten.

Die M10 war "Rotsyn fähig"

Grundsätzlich ist der Synchronlauf zwischen verschiedenen Magnetophonen, aber auch zwischen Filmprojektoren und Magnetophonen sehr wichtig. Dafür wird das sogenannte Pilottonverfahren eingesetzt, bei dem während der Aufnahme mit einem speziellen Tonkopf zusätzlich ein Pilotton von 50 Hertz auf einer eigenen Mittelspur des Tonbandes aufgezeichnet wird. Bei der Wiedergabe zwingt dieser Pilotton über einen Leistungsverstärker die Synchronantriebe anderer Geräte auf die gleiche, synchrone Geschwindigkeit. Dieses Verfahren hatte Eduard Schüller bereits 1940 als Patent angemeldet, es wurde 1953 als DBP 883836 erteilt.

  • Anmerkung : Die großen Rotosyn-Anlagen in den Film- und Fernsehstudios kamen von Siemens und der Taktgeber war immer der 16mm Filmprojektor.

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Sonderausführungen nach Kundenwunsch

Die Verdrahtung der Magnetophone mit ihren Verstärkern, Pilottoneinheiten, Fernsteuerungen, usw. war eine wichtige Aufgabenstellung für die Magnetophonfertigung. Dabei blieb es aber nicht; in den meisten Studios standen mehrere Magnetophone, die wiederum untereinander „kommunizieren" mußten, etwa wenn die Aufzeichnungen mehrerer Geräte gemischt und auf ein weiteres Gerät kopiert werden sollten. Dafür gab es Standardschaltungen, die ergänzt wurden durch Sonderausführungen nach Kundenspezifikationen. Im Extremfall waren ganze Studios mit ihren Aufzeichnungs-, Überwachungs- und Steuerungsgeräten zu entwerfen und zu bauen. Alles dies war in der Hafenstraße tägliches Geschäft. Aber auch externe Firmen bedienten diesen Markt.

Die Kopfabteilung in Wedel

Anfangs wurden nur Ton- und Löschköpfe entwickelt und gebaut, später kamen Köpfe für „technische" Aufgaben, wie etwa das Speichern von Daten, dazu. Zwar ist auch heute noch das Ringkopfpatent Schüllers die Basis aller Köpfe. Die zwischenzeitliche Entwicklung hat aber nicht nur zu einer schrittweisen Verkleinerung der Köpfe bei gestiegenen Leistungsdaten geführt. Spezielle Anforderungen kamen hinzu.

Von den Tonköpfen wurden immer höhere Aufzeichnungsfrequenzen verlangt bei gleichzeitig längerer Spieldauer, also niedrigerer Bandgeschwindigkeit. Das erzwang immer kleinere Tonköpfe mit immer schmaleren und damit präziseren Luftspalten. Fertigungstoleranzen im Bereich von 100stel und 1000stel Millimeter wurden Standard. Weitere Anwendungen speicherten auf dem gleichen Band in vielen Spuren nebeneinander. Das setzte eine weitere Miniaturisierung voraus, die auch noch die Abschirmung der Kanäle gegeneinander realisieren mußte, so daß die Kanäle sich nicht gegenseitig störten.

Die Auswahl der Werkstoffe in Bezug auf magnetische Eigenschaften, mechanische Bearbeitbarkeit, Verschleißfestigkeit usw. wurde eine eigene Wissenschaft.

Hierdurch erhielt die Kopfabteilung unter ihrem Leiter Werner Dziekan eine Schlüsselstellung im Werk. Deshalb entwickelte und baute man nur in Wedel die Tonköpfe auch für die Berliner Magnetophone KL65, später auch KL75 und KL76.

Spezialtonkopf für CinemaScope-Film

Von außerhalb des Werkes wurden weitere, neue Aufgaben an die Tonkopfentwickler herangetragen. So entschieden sich Hersteller von Schmalfilmkameras bereits 1954 für die magnetische Tonaufzeichnung. Die Lösung war eine Bleistiftstrich dünne Tonspur auf dem Film, für deren Nutzung Telefunken besonders kleine Tonköpfe, teilweise mit Spezialverstärkern, entwickelte (Abb. S.46). Mehrere Kamerahersteller bauten diese in ihre Filmgeräte ein. Wesentlich größer war ein Spezialkopf, der in Wedel für die kommerzielle Filmtechnik gebaut wurde: Der Vielfachkopf für den Raumklang der CinemaScope-Filme.

Die kommende Video-Technik

1953 schon hatte Eduard Schüller eines seiner wichtigsten Patente (DBP 927.999) für hohe Datenmengen angemeldet: Die Schrägspuraufzeichnung, heute Basis aller modernen Videorecorder und Camcorder. Seltsamerweise ist diese Technologie in der Wedeler Telefunkenzeit anscheinend kaum weiter verfolgt worden, obgleich die Videotechnik oder Bildbandtechnik, wie sie damals hieß, gerade in jenen Jahren eine wichtige Rolle zu spielen begann.

So brachte die US-Firma Ampex um 1956/57 einen Videorecorder auf den Markt, der zwar auch mit einer Art Schrägaufzeichnung arbeitete. Diese kann aber nicht mit der Eleganz der Schüllerschen Lösung verglichen werden.

  • Anmerkung : Die Schüllersche Lösung war damals nicht machbar - sie funktionierte nämlich nur theoretisch. Philips und Loewe Opta ist daran gescheitert und Grundig wäre beinahe daran gescheitert.


Sie benötigte grundsätzlich ein 2 Zoll breites Magnetband, das relativ kompliziert geführt werden mußte. Ampex bot Telefunken dieses Verfahren zur Anpassung an europäische Normen und zur Vermarktung an.

Das wurde aber abgelehnt; wohl weil man hoffte, ein eigenes Verfahren zu entwickeln.

  • Anmerkung : So stimmt das nicht. Es war damals eine Kapitalfrage, ob Telefunken mehrere Millionen DM bereitstellen wollte, um diese Systeme in Deutschland zu vertreiben. Ampex verlangte - von allen "Partnern" - grundsätzlich Vorkasse. Am Ende (1957/58) hatte Siemens mit "seiner" Bank im Rücken das Karlsruher Siemens Werk damit betraut. Alle anderen Bewerber hatten abgewunken.

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Ein eigener Vorschlag von 1961 für ein Bildbandgerät

Anstelle das Schüllersche Schrägspurpatent weiter zu entwickeln, baute man im Labor eine recht abenteuerliche Technik zur Linearaufzeichnung: Die für Videoaufzeichnung erforderliche hohe Frequenz erreichte man, indem ein sehr schmales Magnetband (ca. 2mm) mit extremer Geschwindigkeit (bis 40m/s) auf einer umgerüsteten M10 an einem speziell entwickelten Hochfrequenzkopf vorbei geführt wurde. Das klappte im Labor, wo das Aufwickeln des Bandes vermieden wurde, indem dieses unter der Zimmerdecke in einer langen, endlosen Schleife mit dieser Geschwindigkeit geführt wurde.

Es gelang den Entwicklern jedoch nicht, dieses Band mit der gleichen Geschwindigkeit aufzuspulen, z.B. Lage neben Lage und Wicklung auf Wicklung so wie etwa bei Transformatoren üblich.

  • Anmerkung : Das war das gleiche Problem wie bei der Stahlbandmaschine von Stille, bei der das Wickeln des auch recht dünnen Stahlbandes das Problem war.


Zu weitergehenden Entwicklungen in Wedel, insbesondere nach dem Schüllerschen Patent von 1953, liegen keine Informationen vor, wenn man von einer Bleistiftskizze des Konstrukteurs Bruno Röder absieht, die eine technische Lösung zu diesem Patent andeutet. Man kann aus der Skizze auch nicht erkennen, zu welchem Zwecke sie erstellt wurde.

Interessant ist aber, daß Telefunken 1967 mit einem „Bildbandgerät" für den Heimgebrauch nach dem Schüller-Patent auf den Markt kam. Das war zwar nach der Wedeler Telefunkenzeit, aber noch zu Eduard Schüllers Lebzeiten, der damals allerdings an der Entwicklung der sogenannten TED-Platte zur Filmaufzeichnung arbeitete.
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  • Anmerkung : Da wurden bei vielen europäischen Firmen Geräte vorgestellt, die ebenfalls nur im Labor funktioniert hatten. Von "den Kleinen" hatte keiner das Geld, soetwas fundiert durchzuziehen. Selbst die große Philips mit richtig guten Labors und auch viel kapital im Nacken ruderte wieder zurück. Mehr darüber - auch mit vielen Bildern - steht im Fernsehmuseum.

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Ausbau in Wedel und ein paar Zahlen

Telefunken hatte 1955 in Hamburg 250 Mitarbeiter. Von diesen sollten etwa 130 mit nach Wedel gehen; wieweit diese Planzahl realisiert wurde, war nicht festzustellen. Man erhöhte aber die Belegschaft bis Frühjahr 1959 auf 700 Personen. Im gleichen Zeitraum konnte die Fertigung von 4,3 Millionen DM im Geschäftsjahr 1956/57 auf 6,9 Mio DM in 1958/59 erhöht werden.

Anmerkung : Dr. Kuper spricht hier nur vom Jahres-Umsatz. Daß dabei nie ein Gewinn raus kam, steht an anderer Stelle.

Treibende Kraft waren die technischen Magnetophone, die etwa 70% der Fertigung ausmachten; ihre Zahl stieg von 344 auf 577 pro Jahr. Insbesondere dieser Erfolg machte eine Kapazitätserweiterung erforderlich, die durch den Neubau der sogenannten Shedhalle westlich von den vorhandenen Gebäuden realisiert wurde. Man erhielt so eine moderne, helle Fertigungsstätte, die in 2 Etagen übereinander, sogar noch mit einer dritten Halbetage als Lager, zur Verfügung stand. Hier wurden zunächst die Studiomagnetophone in Serie gebaut.

Die sozialen Einrichtungen in Wedel

Ein vergleichbarer Ausbau der sozialen Einrichtungen, insbesondere der Kantine, erfolgte zur Telefunkenzeit nicht, obwohl die im ersten Stock im Südwestgebäude eingerichtete Kantine aus Aromax-Zeiten für die inzwischen gewachsene Belegschaft zu klein geworden war. Telefunken gab deshalb Gutscheine aus, die sowohl in dieser Kantine wie auch bei „Mutter Behrens" im Restaurant Elblust, Schulauerstraße 9, oder im „Storchennest", einem Restaurant in der heutigen Elbburg, Hafenstraße 21, eingelöst werden konnten.

Ein Service-Zentrum für Studio-Magnetophone in Wedel

Interessanterweise gab es noch eine Telefunkeneinrichtung in Wedel, die
selbst den meisten Mitarbeitern der Hafenstraße unbekannt war: In der Rissener Straße, etwa in Höhe von Hausnummer 140, war ein Service-Zentrum für Studio-Magnetophone, zuständig für ganz Norddeutschland, untergebracht. Dieses zog Anfang der 60er Jahre nach Hamburg in die Paulinenallee, Ende der 60er zum Waterloohain, dann (zusammen mit dem Service für Haushaltsgeräte) zum Holstenkamp, zuletzt 1979 an den Beerenweg, wo es zusammen mit Teldec bis zum AEG-Vergleich untergebracht war.

  • Anmerkung : Ich kenne keine deutsche Sende-"Anstalt", die jemals ein Magnetophon aus dem Haus getragen hatte, außer ab 2005 zum Verkauf oder zum Verschrotten. Die Techniker kamen bzw. mußten immer in die Studios fahren. Zumindest beim ZDF in Wiesbaden hätte man nur schallend gelacht, wenn es geheißen hätte : Bringen sie mal "das Teil" vorbei.

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6. Auszug aus Wedel

Nach dem Bau der Shedhalle war der Höhepunkt der Magnetophon- Fertigung in Wedel recht schnell überschritten. Die oben genannten Fertigungszahlen galten für die technischen Magnetophone; für die Heimgeräte sahen sie ganz anders aus.

Während im Geschäftsjahr 1955-/56, dem Jahr des Umzugs nach Wedel, noch 5.720 Magnetophone KL25 verkauft wurden, konnten im nächsten Geschäftsjahr nur 780 Geräte vom neuen Typ KL35 abgesetzt werden. Gleichzeitig wurden aber fast 80.000 Köpfe für das erfolgreiche KL65 geliefert, ausreichend für 40.000 Geräte.

Auch 1958/59 sah es nicht besser aus: Ton- und Löschköpfe für Berlin machten mehr als 50% der Fertigung auf dem Heimmagnetophonsektor aus.
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  • Anmerkung : Bereits 1955 hatte Telefunken gegen Grundig fast keine Chance mehr. Grundig legte immer 10.000 Stück auf, eine Anfangs-Auslastung für gerade mal für 3 Monate, dann kam das nächste Modell wieder in einer Serie von 10.000 Stück dran - und die Kapazität der Grundig-Werke reichte aber immer noch nicht oder schon wieder nicht mehr. Grundig baute dafür Werk um Werk. In den 1960er Jahren waren bei Grundig so um die 25.000 Stück die Mindeststückzahl einer Charge eines Modells und der Max hatte bis zu 8 Modelle gleichzeitig.

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Einige Infos zu den anderen Modellen

Das M23 hatte ebenfalls technische Anlaufprobleme, erst das M24 erreichte die gewünschte Qualität. Aber auch dann ließen sich bei weitem nicht die geschätzten Planzahlen realisieren: Man wollte von diesem Typ drei Jahre lang je 10.000 Stück zu einem Marktpreis von ca. 1.600 DM verkaufen. Der Preis konnte in etwa realisiert werden; nach einem Jahr waren allerdings erst 1.200 Stück verkauft.

Das Gesamtbetriebsergebnis war deshalb in den Wedeler Jahren trotz aller Bemühungen negativ, was die Zentrale in Berlin zu Reaktionen zwang. Die Analyse ergab, daß für das KL35 und das M24 der Markt nicht in der erwarteten Größe vorhanden war. Es gab mehrere Ursachen, einmal die Entwicklung der Geräte parallel zum Firmenumzug.

  • Anmerkung : Auch das ist nicht der wahre Grund. Eduard Schüller als Chef war mit Sicherheit ein sehr sehr guter Entwickler, Konstrukteur und auch Denker. Doch in der Massenproduktion gelten ganz andere Qualitäten. Max Grundihg hatte sich einen Spezialisten für die Produktion geholt. Der fehlte hier in Wedel und vermutlich auch in Hamburg völlig. Aus den wenigen Fotos aus der AEG-Telefunken Fabrikation kann man sehen, das war alles auf dem Vorkriegs-Niveau einer Entwicklungswerkstatt. Als Willi Studer einmal bei Thorens zu Besuch war, hatte er die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als die Thorens Mitarbeiter jeden einzelnen Plattenspieler auf einem eigenen Rollwagen per Hand von Tisch zu Tisch durch die Etage schoben.

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Die Wettbewerbssituation verkannt

Gewichtiger war aber die Wettbewerbssituation, die für das gewählte Marktsegment nicht die erforderlichen Preise zuließ. Der Wettbewerb war, wie gezeigt, sowohl im eigenen Hause, allerdings außerhalb Wedels, zu suchen (KL65, KL75, KL76, Magnetophon 85) wie auch bei den Angeboten weiterer Hersteller auf dem Deutschen Markt. Dieser war in wenigen Jahren „explodiert".

Das belegt sehr eindrucksvoll der damals repräsentative „Radio-Phono- Fernseh-Katalog" eines Hamburger Radio-Verlages, der im Jahre 1952/53 nur 6 Bandgeräte führte, davon 2 von AEG: KL15 und KL15/D. Im Jahre 1958/59 enthält der gleiche Katalog schon 30 Heimtonbandgeräte, davon 5 von AEG und Telefunken: KL35, KL65 und Magnetophon 85. In diesem Angebot sind die Kleinstudiogeräte (M24) nicht enthalten, ebenfalls keine Studiogeräte. Und japanische Firmen waren auch noch nicht auf dem Europäischen Markt; 1960 wurden dort noch Magnetophone nach Telefunken-Lizenz gefertigt. Deshalb reiste Eduard Schüller mehrmals nach Japan zu verschiedenen Herstellern. Seine Delegationen waren aber schon mit den Entscheidungsträgern der Berliner Zentrale und des Berliner Werkes besetzt, weil die Japaner das Erfolgsmodell KL65 ausgewählt hatten.

E. Schüller pendelte wegen erweiterter Kompetenzen schon damals zwischen verschiedenen Arbeitsplätzen im Konzern. In Wedel hatte Anfang 1957 Gerhard Bichteler die kaufmännische Leitung von Georg Binternagel übernommen. Inzwischen hatte Rainer Besch diese Position inne und damit die wenig dankbare Aufgabe, den Auszug aus Wedel zu organisieren.
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Wenn der Fisch vom Kopf her schwächelt (stinkt)

Natürlich trifft auch die Konzernleitung eine Mitverantwortung für die Wedeler Probleme, z.B. wegen einer schlecht abgestimmten Modellpolitik innerhalb des eigenen Konzerns. Details sind heute kaum noch zu ergründen. Die ehemaligen Mitarbeiter äußern unterschiedliche Ansichten zu diesem Komplex. Die Geschäftsberichte mit ihren Zahlen sprechen eine deutlichere Sprache.

Eine Fehlentscheidung : von Wedel nach Konstanz

Aus dieser Ausgangssituation heraus beschloß die Zentrale in Berlin, die Fertigung der „Technischen Magnetophone" nach Konstanz zu verlegen: Offiziell erwartete die Leitung und der Betriebsrat nach heutigem Sprachgebrauch einen Synergieeffekt, weil in Konstanz die Magnetophone als Datenspeicher für Computer und für die erfolgreichen Briefsortieranlagen sowieso benötigt würden.

Trotz eines Protestes der ARD, die eine Verschlechterung der Zusammenarbeit zwischen ihren in Norddeutschland liegenden technischen Zentren und dem Hersteller ihrer Stu-diomagnetophone befürchtete, wurde die Fertigung Ende 1960 nach Konstanz verlegt.

Ab 1960 - Konzentration auf Berlin

Auch ab Ende 1960 wurden Heimgeräte nur noch in Berlin gefertigt; die Fertigung des KL35 in Wedel lief aus. Das M24 wurde noch bis Frühjahr 1962 in Wedel gebaut, dann lief auch diese Serie aus. Die letzten Geräte konnten sogar erst ausgeliefert werden, nachdem die benötigten Gehäuse aus der Konkursmasse des Unterlieferanten herausgelöst worden waren.

Der Umzug nach Berlin, Hannover und Konstanz führte schon 1960/61 dazu, daß viele Fachkräfte aus Wedel wegzogen. Aber längst nicht alle folgten der Firma; etliche gingen zu anderen Arbeitgebern, z.B. zum DESY (Deutsches Elektronen Synchro-Zyklotron in Hamburg), das damals Elektroniker suchte.

Ohne Tonköpfe keine Bandgeräte

Ein Problem für Telefunken war die geschlossene Weigerung der Tonkopfgruppe, Wedel zu verlassen. Damit stand das Wissen dieser Gruppe für eine Schlüsseltechnologie nicht in den neuen Werken zur Verfügung. Ein Notbehelf war, daß die Gruppe als Entwickler im sogenannten Haus Kronlage, Schulauerstraße 89, noch bis 1964 zusammenblieb; gefertigt wurden die Tonköpfe da aber schon in Berlin. Bemühungen der Zentrale, auch nur einen der Tonkopfspezialisten zum Umzug nach Konstanz zu bewegen, schlugen fehl. 1964 trat die ganze Gruppe, wie vorher schon viele Mitarbeiter von Telefunken, bei der AEG-Marinetechnik, die das Werk 1962 übernommen hatte, ein.

Schüllers Aufstieg

Nach Aussage seines Sohnes „wollte auch Eduard Schüller nie nach Konstanz", obgleich er dort ein Büro hatte, genau wie in Hannover und Berlin. Er war inzwischen Leiter der Grundlagenentwicklung im gesamten Fachbereich Phono- und Magnetbandgeräte von AEG-Telefunken. Er behielt sein Haus in Wedel, obgleich er deshalb viel reisen mußte.

1960 - Radios aus Wedel

1960 verlegte Telefunken als Ausgleich und zur Auslastung des Wedeler Werkes einen Teil der Rundfunkgerätefertigung von Hannover nach Wedel. Hier wurden bis zu 15 Radiotypen, z.B. Partner, Jubilate, Caprice usw. gebaut. Das waren Röhren- ebenso wie Transistorgeräte, allerdings keine großen Radios.

Das Werk in Wedel benötigte jetzt wieder neue Arbeitskräfte, allerdings mehr Anlernkräfte, keine Fachkräfte. Die Belegschaft wuchs wieder. Das Anwerben selbst von Anlernkräften für die Bandfertigung kostete erhebliche Anstrengungen am damals leergefegten Arbeitsmarkt. Zeitweise gab es sogar Kontakte zu Werbern in Griechenland. Letztlich kam es aber nicht zur Einstellung von ausländischen Arbeitskräften.

Im Geschäftsjahr 1961/62, dem letzten der Telefunkenzeit in Wedel, wurden wieder fast 700 Mitarbeiter beschäftigt, der Produktionswert betrug fast 20 Millionen DM, davon mehr als 16 Millionen für Radios, knapp 4 Millionen für die Reste der Magnetophonfertigung: die letzte M24-Serie und Verstärker für Studiomagnetophone.

Man nennt es "sozialverträglich"

1961 hatte sich die AEG-Marinetechnik um ein neues Werk im Hamburger Raum bemüht. Man hatte auch schon begonnen, eine neue Fertigungsstätte in Schenefeld zu bauen. Da bot Telefunken der Marinetechnik das Wedeler Werk an.

Noch während in der Shedhalle Radios gefertigt wurden, waren erste Abteilungen der AEG dort auch schon eingezogen. Die AEG übernahm eine ganze Reihe von Ingenieuren, Fachkräften, Angestellten usw., nicht jedoch den Großteil der meist weiblichen Anlernkräfte an den Fertigungsbändern. Trotzdem konnten Massenentlassungen am Ende der Telefunkenzeit vermieden werden, weil zur selben Zeit die Lübecker Kartonagenfabrik die stillgelegte Strumpffabrik Wieschebrink übernahm und noch einen Bedarf von 600-800 weiblichen Arbeitskräften hatte.
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Anmerkung - bis hierher gibt es eine neue Seite "AEG-Telefunken Resume"

(bald)

7. Die TED-Platte

Eduard Schüllers Hauptinteresse galt nach 1962 der Bildaufzeichnung mittels TED-Platte. Man kann nur vermuten, daß es ihn wohl eher gereizt hätte, die Videoaufzeichnung nach seinem Schrägspurpatent von 1953 anzupacken, besonders weil nirgendwo so viele der erforderlichen Spezialisten zusammen arbeiteten wie damals in Wedel.

So aber wurde er vom Entwickler-Team der TED-Platte auf Grund seiner Fachkenntnisse angesprochen und in das Team integriert.

"TED" steht für "Television Disk".

Telefunken entwickelte die TED-Platte zusammen mit der Teldec (Telefunken Decca Schallplatten GmbH), von der auch die ersten Ideen und Vorversuche ausgingen.

Der wesentliche Vorteil der geplanten, mechanisch abtastbaren Platte lag in der Möglichkeit, diese Folie durch Pressen preisgünstig und schnell in großen Stückzahlen herzustellen, wie man es von der Vinyl-Schallplatte her kennt.

Aber die TED-Platte hatte auch entscheidende Nachteile, die sich ebenfalls aus diesem Prinzip ergaben: Das System war ein reines Wiedergabesystem, eben auch wie die bekannten Schallplatten.

Dann war die Belastung für den abtastenden Diamantfühler so erheblich und die Anforderungen an seine Kontur so hoch, daß er nach jeder Platte beim Rücklauf nachgeschliffen werden mußte.

Das erste TED Muster im Juni 1970

Das erste Muster wurde im Juni 1970 vorgestellt und konnte damals gerade 5 Minuten Videosignale wiedergeben. Die flexible Platte von 21cm Durchmesser rotierte mit 1.500 Umdrehungen pro Minute. 1972 war es dann soweit, daß
etwa 10 Minuten Film in Farbe und mit Tonkanal wiedergegeben werden konnten.

Das war für den damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann Anlaß, dem Entwickler-Team das Bundesverdienstkreuz erster Klasse verleihen zu lassen.

"Die" ?? Hersteller hofften natürlich auf neue Märkte und vermarkteten die TED-Platte auf vielen Präsentationen. Gleichzeitig standen sie aber in weltweiter Konkurrenz zu anderen Firmen, die Bildplattengeräte entwickelten und vermarkteten (in Europa z.B. noch Bosch, Philips und Thomson-CSF).

Außerdem war inzwischen auch die erste Videobandgeneration nach Schüllers Schrägspurverfahren vorgestellt worden; 1967 ja auch durch Telefunken. Es ist nicht mehr festzustellen, wie weit E. Schüller an den ersten Prototypen noch mitgearbeitet hat. Außerdem war dieses Gerät noch weit vom Entwicklungsstand der heutigen Seriengeräte entfernt.
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1976 ein Flop, der AEG/Telefunken sehr viel Geld kostete

Die Bildplatte wurde wegen technischer Probleme zum Flop, auch wenn Axel Springer gehofft hatte, mit einer Bildplatte als Sportbeilage an jedem Montag ein Verkaufsargument für seine Zeitungen schaffen zu können. Das Videoband machte das Rennen, allerdings erst nach teuren und langwierigen Machtkämpfen zwischen den verschiedenen Systemen wie VCR, VHD, VLP, VHS, VHS-C, Betamax, U-Matic, Video 2000, usw..

Letztlich ging das VHS-Verfahren als Sieger aus dem weltweiten Kampf um Märkte hervor, obgleich Fachleute es nicht mal als das beste bezeichnen. Als Zeitungsbeilage ist ein solches Produkt allerdings nicht geeignet - das ist erst wieder die moderne CD und DVD.
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8. Rückblick

Eduard Schüller starb am 19.5.1976 in Wedel. Sein Lebenswerk als Ingenieur bestand unter anderem in fast 100 Patenten, die teilweise fundamentale Probleme ausräumten und sich deshalb weltweit durchsetzten.

Inzwischen löst die optisch-digitale Speicherung, z.B. auf DVD, die magnetische Aufzeichnung ab und damit fast alle Patente und Erfindungen von Eduard Schüller. Aber 60 bis 70 Jahre lang haben die beschriebenen Technologien in der Ton-, später auch der Video-und heute immer noch in der Datenaufzeichnung die Spitze der Entwicklung dargestellt.

Mit diesem Rückblick auf ein Jahrzehnt Wedeler Industriegeschichte soll die wissenschaftliche Leistung Eduard Schüllers vorgestellt und gewürdigt werden.

Zeitgeschichte wird im stadtgeschichtlichen Alltag sichtbar, und die Erinnerungen an einen großen Erfinder und sein Wirken in Wedel sollen in der heutigen Zeit des schnellen Wandels festgehalten werden.

Die Quellen

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  1. Erdmann Thiele, Telefunken nach 100 Jahren, Berlin 2003
  2. Peter Strunk, Die AEG, Berlin 1999
  3. Ernst Erb, Radio-Katalog, Luzern, 1998
  4. Ernst Erb, Radios von gestern, Luzern, 1997
  5. Heinz Thiele, 50 Jahre Stereo-Magnetbandtechnik, Druck der AES Audio Engineering Society 1993 in Berlin
  6. Stadt Wedel, Stadt an der Elbe Marsch und Geest, Wedel, 1962
  7. Carsten Dürkob, Wedel eine Stadtgeschichte, Eutin, 2000
  8. NN, 500 Jahre Wedeler Roland, Festschrift, Elmshorn 1950
  9. Heimatverband für den Kreis Pinneberg, 100 Jahre Stadt Wedel, Pinneberg 1975
  10. Stadt Wedel, Heimatbuch der Stadt Wedel, Blankenese, 1959
  11. AG Wedeler Stadtgeschichte, Beiträge zur Wedeler Stadtgeschichte, Band 1 (1997), 3 (1998), 4 (2000)
  12. Walter Bruch, Von der Tonwalze zur Bildplatte, Fortsetzungsserie aus Funkschau, München, 1977 - 1983
  13. Heinz Thiele, Ein Pionier der Magnettontechnik: Fritz Pfleumer, Fortsetzungsserie aus rfe Radio, Fernsehen, Elektronik, Berlin, 1993
  14. Radio Verlag Ing. H. Zimmermann, Radio-Phono-Femseh-Kataloge, Hamburg, 1952 bis 1959
  15. AEG und Telefunken-Archiv im DTMB (Deutsches Technik Museum Berlin)
  16. Karl Tetzner, Die Bildplatte spielt jetzt 10 Minuten, Funkschau S. 2617, München 1972
  17. H. Redlich, G. Dickopp, Die Signalverarbeitung bei der Bildplatte, Funkschau S. 2619, München 1972
  18. F. Krones, Die magnetische Schallaufzeichnung, Wien, 1952
  19. EMTEC-History im Internet
  20. Kurt Kay, AEG-Telefunken - 35 Jahre Werk Wedel Hafenstraße 1955 bis 1989, Photo- und Dok.-Sammlung
  21. ARD- Institut für Rundfunktechnik, Braunbuch, Sammlung technischer Beschreibungen, 1949 - 1958
  22. Friedrich Karl Engel in BASF, Magnetic Tape, überarbeitete Version eines Vortrages auf der Tagung der AES Audio Engineering Society in Hamburg, 1985
  23. Enemy Equipment Intelligence Service, Report on Captured Enemy Equipment, US Army, 1945
  24. British Intelligence Objectives Sub-Committee, The Magnetophon Sound Recording and Reproducing System -Final Report, London W.1., 1947
  25. Handbücher und Werbebroschüren von AEG und Telefunken

    Wir danken für Informationen, Photos, Dokumente, Geräte, Erinnerungsstücke und Unterstützung:
  26. A. Rannegger, Stadtarchiv Wedel und S. Weiß, Heimatmuseum Wedel
  27. K. Fleck, W. Götz, C. Hensmann, C. von Sengbusch und weitere bei AST (Arbeitsgruppe Sammlung Technik des NDR)

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