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7 Tage im Leben des Max Grundig.

Ein Freund schreibt über einen Freund. Egon Fein für Max Grundig zum 75. Geburtstag.

Kapitel 5 (aus obigem Buch) - Der Steuermann

Grundstücke waren für Grundig‘s Erfolg wichtig

Mit dem Erwerb von Grundstücken hatte Max Grundig überhaupt eine glückliche Hand. Dort, wo heute seine Electronic steht, an der Würzburger Straße in Fürth, war in den 50er Jahren Brachland, und das gehörte dem Sohn eines Fürther Holzhändlers.

Just zu jener Zeit, ein paar Jahre nach der Währungsreform, erschien dieser Filius bei Max Grundig, den er aus früheren Jahren kannte, zog ein sorgenschweres Gesicht und klagte: „Du, ich brauch' dringend 60.000 Mark, sonst platzt ein Wechsel. Wenn mein Vater das erfährt, erschlägt er mich.“
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„Bist du verrückt? Ich verkaufe Radios, aber ich bin doch kein Leihhaus.“ Max Grundig ahnte, daß es sich um Spielschulden handelte. „Du mußt mir helfen. Ich kann's dir aber nicht zurückzahlen.“ „Das wird ja immer schöner.“ „Ich mach' dir einen Vorschlag: Draußen an der Würzburger Straße habe ich ein Grundstück. Das bekommst du dafür.“ Max Grundig kannte zwar das Stück Land nicht, er schaute sich's auch gar nicht an, aber er gab dem Bettler tatsächlich die 60.000.- DM und ließ das Grundstück notariell überschreiben, weil das Gejammer ihm auf die Nerven ging.
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Zehn Jahre später brauchte er Land für sein neues Electronic-Werk. Er schickte seinen Architekten Ulrich raus. Der kam zurück, sehr angetan von dem, was er gesehen hatte: „Ein sehr guter Platz. Wenn Sie verkaufen wollen, ich habe einen Interessenten, der bietet Ihnen dreieinhalb Millionen!“ „Was, wieviel?“ Max Grundig war nun doch etwas erstaunt, aber er dachte nicht daran, zu verkaufen. Er ließ 1961 das neue Electronic-Werk bauen - auf einem Stück Land, zu dem er nur per Zufall und durch ein Stück Gutmütigkeit gekommen war.
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Die Sache mit den 70.000 Herkules Motorrollern

Ein paar Jahre später, am 22. Januar 1957, bei der Übernahme der Aktienmehrheit der Triumph- und, im November, der Adler-Werke in Nürnberg und Frankfurt, hatte Max Grundig ebenfalls mit ein paar Husarenstücken aufgewartet. Wenn er schon mal aus seinem Metier ausbüchste, und das geschah wirklich nur diesmal, dann wollte er's auch gründlich tun.

 

Zu Triumph gehörten auch die Herkules-Werke, in denen einst sein Vater als Magaziner gearbeitet hatte. Und dort fand Max Grundig sage und schreibe 70.000 unverkaufte Motorroller vor. Ein Vermögen! Wohin damit? Sein amerikanischer Partner Ashbach von der Majestic International Corporation in Chicago fiel ihm ein. Er verkaufte die Grundig-Produkte in den USA, und warum sollte er nicht auch die Motorroller unter die Leute bringen können? Schließlich nannte man die USA das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Sollte der Ashbach doch mal beweisen, daß dem wirklich so war.

 

Anruf in Chicago: „Leonard, ich hab' da eine Fabrik gekauft, und da stehen 70.000 Motorroller rum. Die mußt du in Amerika verkaufen.“ - Schweigen. Dann ein Seufzer: „Du bist komplett crazy. Kein Mensch in den USA kauft Roller. Völlig ausgeschlossen.“ – „Da hilft dir nichts, du mußt die Dinger irgendwie loswerden.“ - Wieder Schweigen, dann: „O.K. Ich werde mir was überlegen. Aber nur unter einer Bedingung: Du kommst rüber, ich organisiere dreißig hübsche Mädchen, wir machen eine Parade durch die Stadt, und du setzt dich vorne drauf.“

 

Nichts leichter als das: Am 24. Mai 1957 flog Max Grundig nach Chicago, setzte sich zwar nicht vorn drauf, sondern auf den Rücksitz eines Rollers, der von einer hübschen Blondine gelenkt wurde, und fuhr an der Spitze der Parade durch die halbe Stadt. Folge: Die Amis fanden das Schauspiel amüsant, und nun wollte jeder so einen Roller haben. In drei Monaten waren 60.000 Stück verkauft.

Jetzt werden die Triumph Schreibmaschinen saniert

Eine Triumph Anzeige 1955
die überarbeitete "Gabriele"
19. Dez. 1964 - eine Gabriele für DM 333.-

Zurück in Fürth, ließ Max Grundig sich die Triumph- Schreibmaschinen vorführen: „Jetzt zeigt mir mal die schlechteste Maschine, die Ihr habt. Die überhaupt nicht geht.“ - Man stellte ihm ein häßliches Ding hin. „Ja, wie schaut denn die aus? Die ist ja kohlschwarz. Wieviel verkauft Ihr davon in der Woche?“ „So sechs, acht Stück.“ „Kein Wunder.“

 

Max Grundig besprach sich mit seinen Mitarbeitern: „Kinder, die machen wir jetzt ein bissel chic.“ Und so geschah's. Die Schreibmaschine wurde mattgrau, bekam da eine flotte Rundung, verlor dort ein häßliches Eck - und fertig war die Laube. Nun brauchte sie auch noch einen hübschen Namen. Kein Problem! In diesen Tagen wurde Max Grundigs Enkelin geboren, Inge Schellers Tochter, und Gabriele getauft. Ergo hieß die hübsche Schreibmaschine wie das hübsche Baby: Gabriele - und wurde gleich ein paar hunderttausendmal verkauft, und Triumph wurde damit auf dem Schreibmaschinenmarkt Nummer eins in Europa.

 

War es ein Wunder, wenn das amerikanische Magazin „Time“ am 11. Februar 1957 schrieb: „Dieser Mann hat die richtige Nase.“ Und goldene Hände dazu... 

 

Elf Jahre später - dieser Vorgriff sei zum besseren Verständnis der Triumph- Adler- Story erlaubt - sollten solch spektakulären Verkaufserfolge eine große Rolle spielen für den Wert der Firma.

 

Im Sommer 1968 erschien ein Unterhändler der amerikanischen Firma Litton Industries Incorporated aus Beverly Hills bei Grundig, Vizepräsident Harry J. Gray. Er hatte den angenehmen Auftrag, 100,000 elektrische Schreibmaschinen zu bestellen, und das alljährlich. Max Grundig hörte sich den Mann eine Weile an, und dann stach ihn der Hafer: „Warum kaufen Sie denn nicht gleich die ganze Fabrik?“

 

Der Ami war ein bißchen überrascht, aber nicht auf den Kopf gefallen: „Ja, kann man die denn kaufen?“ „Warum denn nicht!“ Der Mann aus Californien, offenbar auch ein Freund rascher Entschlüsse, fragte: „Darf ich mal telefonieren?“ Und dann, während seines Gesprächs, er beugte sich über den Hörer zu Max Grundig: „Was kostet das ganze Werk?“ Kurzes Überlegen, ein bißchen geschätzt: „Na, so 60 Millionen Dollar.“  Der Ami schluckte, sprach weiter mit Beverly Hills in Californien, meinte, daraus könnte was werden und verabschiedete sich freundlich.

 

Vier Wochen später wurde in Zürich der Verkaufsvertrag unterzeichnet. Preis: 60 Millionen Dollar, und das waren damals mehr als 240 Millionen Mark. „Das Geld habe ich bis auf den letzten Pfennig wieder in die Grundig-Werke gesteckt, die ausländischen Firmen gekauft oder gegründet“, sagt Max Grundig heute. Genau: 157 Millionen gingen in Auslands- Investitionen, der Rest in den weiteren Werks- Ausbau im Inland.

 

So wurde also der einzige branchenfremde Ausflug, der Ausrutscher aus der Monokultur der Elektronik, beileibe kein Verlustgeschäft. Im Gegenteil...

 

Solch kaufmännisches Geschick, solch souveränes Beherrschen der virtuosen Klaviatur eines Großindustriellen, hatten Bayerns Wirtschaftsminister Dr. Otto Schedl und Fürths Oberbürgermeister Dr. Hans Bornkessel schon zu Max Grundigs 50. Geburtstag am 7. Mai 1958 gewürdigt, als sie ihm das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland und die Goldene Bürgermedaille dei Stadt Fürth überreichten. Im folgenden Jahr, am 1. November 1959, wurde Max Grundig zum Konsul der Republik Mexiko ernannt.
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Max Grundig, der Mann mit Mut und den den Wunderaugen

Ein Kalauer am Rande: Grundig, der Mann mit den „Wunderaugen“, der zum Erfolg machte, was er bloß anschaute, hatte im Sommer 1959 mitgeholfen, daß im österreichischen Toplitzsee Schatzsucher fündig wurden: Mit Hilfe der Grundig-Fernseh- Unterwasserkamera „Fernauge“ entdeckten Taucher dort die bei Kriegsende von deutschen Truppen versenkten Kisten mit Millionen gefälschter Pfundnoten ...(die natürlich nichts mehr Wert waren)

 

Übrigens kaufte im selben Jahr 1959 auch König Ibn Saud von Saudi-Arabien eine Grundig- „Fernauge“- Anlage für seinen Palast in El Riad. Wer solche Kunden hatte, der war nicht irgendwer. Der konnte es sich erlauben, die Konkurrenz zu düpieren:

 

1961 traute die Fachwelt ihren Augen und Ohren nicht, als Max Grundig entgegen allen (verkrusteten) Gewohnheiten seine Rundfunk- und Fernsehgeräte schon Monate vor dem üblichen (geheiligten) Neuheiten- Termin vorstellte - und dazu noch mit günstigen Preisen. Er hatte damit nicht nur ein Tabu gebrochen, sondern sich gleichzeitig einen erheblichen Verkaufsvorsprung für dieses Jahr verschafft.

 

Schrieb die „Westfälische Zeitung“ vom 6. Mai 1961: „Wer bewußt den Zorn der gesamten Konkurrenz riskiert, kann das nur tun, wenn er sich des längeren Atems gewiß ist. Ein Mann wie Grundig täte etwas Derartiges auch nicht um eitler Effekte der Selbstbespiegelung willen. Vielmehr hat er so etwas wie einen Erfolgsinstinkt, der ihm bislang noch stets zu Gebote war.“

Max Grundig wird Ehrenbürger von Fürth

Seine Wahlheimatstadt Fürth ließ Max Grundig zwei Jahre später zum wiederholten Mal wissen, und diesmal auf geschichtsnotorische Weise, daß sie ihn für einen der Größten in ihren Mauern hielt: Sie machte ihn am 3. Mai 1963 zum 16. Ehrenbürger in der Geschichte der Stadt Fürth, vier Tage vor seinem 55. Geburtstag.

 

Ein würdiges Geburtstagsgeschenk. „Seine bedeutenden Verdienste um das Wohl der Stadt Fürth und ihrer Mitbürger würdigte der Stadtrat dadurch, daß er sich einstimmig für die Verleihung des Ehrenbürgerrechts aussprach“, hieß es in der Urkunde. Beim Festbankett durfte seine Enkelin Gabriele, gerade sechs Jahre alt, neben Opa Max sitzen. Es war ihr Debüt in der großen Gesellschaft. Zwei Jahre später erwies das Land Bayern Max Grundig seine Reverenz. Ministerpräsident Alfons Goppel verlieh ihm im Plenarsaal des Bayerischen Landtags den Bayerischen Verdienstorden.

 

Am 16. Dezember 1966 vollzog Max Grundig etwas, das ihm am Herzen lag: Er stiftete einen Kindergarten am Fürther Stadtpark und taufte ihn „Maria-Grundig's Haus“. So lebte der Name seiner unvergessenen Mutter weiter, ein Haus, in dem junge Menschen behütet und umsorgt werden, durfte diesen Namen tragen.

 

Der 15. Februar 1967 brachte Max Grundig den Titel eines Ehrendoktors der Wirtschafts- und Sozial- wissenschaftlichen Fakultät der Friedrich-Alexander- Universität Erlangen-Nürnberg. Dekan Professor Dr. Karl-Gustav Specht sprach ihm die Würde eines Doktors rer. pol honoris causa zu, „in Anerkennung seiner schöpferischen Leistung als Gründer und Leiter eines Unternehmens von internationaler Bedeutung und in Würdigung seiner großen Verdienste um die Entwicklung des fränkischen Wirtschaftsraumes“.

 

Im selben Jahr, im November, überreichte ihm der MTV Fürth die erste Goldene Nadel seiner 75jährigen Geschichte. Dabei zischte der als fotoscheu bekannte Industrielle den zahlreichen Fotografen zu: „Jeder hat drei Schuß und für jeden Schuß zahlt Ihr mir fünf Mark.“ Natürlich wurden's mehr „Schüsse“, und der frischgebackene Nadel-Träger nahm auch keine fünf Mark an.

Max Grundig wurde sogar zum Ritter geschlagen.

Max Grundig wich Ehrungen und Auszeichnungen aus, wo er nur konnte. Nur war das eben oft nicht möglich. Zu seinem 60. Geburtstag am 1. Mai 1968 war die Feier unvermeidlich. In der Nürnberger Meistersinger-Halle sprachen der damalige Bundesfinanzminister Franz-Josef Strauß, der bayerische Staatsminister für Wirtschaft und Verkehr, Dr. Otto Schedl, Nürnbergs Oberbürgermeister Dr. Andreas Urschlechter und Fürths Oberbürgermeister Kurt Scherzer. Und kurz darauf, im Juli 1968, wurde Grundig zum Ritter vom Heiligen Grab geschlagen.

 

Viel wichtiger aber war es ihm, daß auch seine Mitarbeiter von seinem 60. Geburtstag etwas mitbekamen: Max Grundig verbesserte die Alters-, Invaliden- und Witwenversorgung seines Betriebs entscheidend. Die neuen Vergünstigungen kamen hauptsächlich den Frauen seiner Werke zugute, die jetzt auch eine vorgezogene Altersrente erhielten, außerdem berufsunfähig gewordenen Beschäftigten. „Die beträchtlichen Mehrleistungen erfolgen aus dem Bestreben, allen Mitarbeitern des Unternehmens eine verstärkte Existenzsicherung zu bieten und darüber hinaus, die Betriebsverbundenheit zu festigen“, so das Merkblatt.

Der Gedanke der Grundig Stiftung kam 1971.

Nun, zu Beginn des Jahres 1970, da Max Grundig 21 Werke und Betriebe in Deutschland, Osterreich, Italien, Frankreich, Portugal, Schweden, Irland, in der Schweiz, in den USA und Niederlassungen in der ganzen Welt besaß, dazu noch eine eigene Bank, als er international ca. 25.000 Menschen beschäftigte, als allein sein Inlands-Umsatz 821,6 Millionen DM betrug, fand Max Grundig eine Lösung, die dieses Imperium auch für die Zukunft sichern sollte.

Er dachte an Morgen, als andere sich mit den Erfolgen von Heute zufrieden gaben.

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