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7 Tage im Leben des Max Grundig.

Ein Freund schreibt über einen Freund. Egon Fein für Max Grundig zum 75. Geburtstag.

Kapitel 5 (aus obigem Buch) - Der Steuermann

Ein privater Rückschlag – Max Grundig‘s Mutter verstirbt.

Mitten in dieser von Optimismus getragenen Zeit traf Max Grundig ein schwerer Schlag: am 6. November 1954 starb seine Mutter, kurz vor ihrem 73. Geburtstag.

 

Die Beziehung zwischen beiden war sehr eng gewesen. Sie ging mehr über das hinaus, das man gemeinhin unter einer Mutter-Sohn Verbindung versteht. Die Ereignisse, die das Leben der Familie Grundig geprägt hatten, waren der Anlaß. Mehr als in anderen Familien waren sie aufeinander angewiesen nach dem frühen Tod des Vaters. Max, 12 Jahre alt, seine Mutter allein mit vier Kindern. Sie hatte die Familie zusammengehalten in dieser schweren Zeit, hatte sich aufgeopfert, um ihren Kindern den Weg ins Leben zu ebnen. Sie scheute auch schwere Fabrikarbeit nicht, sie werkelte so lange, bis eine Krankheit sie daran hinderte.

 

Max war es, der ihr Rückhalt dazu gegeben hatte, seinen Schwestern Vorbild war. Er warf alle hochtrabenden Zukunftspläne über Bord, um mitzuhelfen, die Not zu bannen. Er begnügte sich mit einer Lehre und legte Pfennig für Pfennig seines kleinen Lohns auf den häuslichen Küchentisch. Diese schweren Jahre hatten Mutter und Sohn einander nahe gebracht. Sie blieb bei ihm, und er wollte sie in seiner Nähe wissen, auch in den Jahren des Aufstiegs. Deshalb baute er ihr, neben dem Werk an der Kurgartenstraße, ein Häuschen, in dem sie bis zu ihrem Tod lebte.

 

Für Marie Grundig machte es keinen Unterschied, ob ihr Sohn Lehrling war oder Millionär, sie blieb sich selbst treu. Eine gütige, warmherzige Frau, die ihre Bescheidenheit und tiefe Menschlichkeit allen vermittelte, die sie kannten. Sie war nicht nur die Mutter des Chefs, sie war die Mutter des Betriebs, die mit dem "Stift“ nicht anders umging als mit dem Generaldirektor.

Der Tod seiner Mutter traf Max Grundig schwer, viel nachhaltiger, als seine Umgebung ihm das anmerkte. Er wußte: Die Trauer im Herzen durfte er nicht nach draußen tragen. Dort erwartete ihn nüchternes, hartes Geschäft. Eine kalte Welt, die wenig Platz hatte für die Wärme des Schmerzes. Dieser Welt fehlte es an Zeit, um Gefühle zu zeigen, sie war hastig geworden, weil sie es mußte. Sie erlaubte kaum eine Pause, um durchzuatmen, sie verlangte an jedem Tag, zu jeder Stunde eine neue Tat. Nur so waren die Trümmer wegzuräumen, die noch immer Deutschlands Straßen säumten. Nur so konnten wir wieder Anschluß gewinnen an die Welt da draußen.
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Max Grundig suchte diesen Schulterschluß selbst. All die aufgezählten Meilensteine, wie in eine Geschichtstafel eingemeißelt, um seinen Weg nach oben festzuhalten, waren erst möglich geworden durch seinen persönlichen Einsatz, durch seine Entscheidungen und Taten. Und daran knüpften sich viele menschliche, private Erlebnisse.
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Max Grundig in den USA – eine kleine Story

1955 reiste Max Grundig mit Otto Siewek und Exportleiter Claus Bussmann in die Staaten, um - wie schon erwähnt - das USA-Geschäft anzukurbeln. Daß und wie dies gelungen ist, wurde bereits gesagt.

 

Aber diese Amerikareise hatte noch eine Nebenwirkung...

 

Max Grundig steht in Chicago an einer Verkehrsampel. Neben ihm ein kleiner Mann in einem ziemlich dünnen Trenchcoat. Dabei ist es ein kalter Tag in Chicago. Der Kleine sieht ihn an, sagt: „Sie sind der Herr Grundig aus Fürth.“ - „Stimmt. Woher kennen Sie mich?“ – „Ich bin auch ein Fürther, und bei Ihnen hab' ich mal ein Radio gekauft.“ – „Soso, Sie sind ein Fürther.“

 

Die Ampel schaltet auf Grün, die beiden gehen über die Straße. „Erzählen Sie mir, bitte, etwas über Fürth. Wie schaut's denn da heute aus? Ich war ja so lange nicht mehr dort.“ - Nun hat Max Grundig es sehr eilig, weil er auf dem Weg zu einer Besprechung ist. Unpünktlichkeit liegt ihm nicht. Macht er also den Vorschlag: „Sind's mir bitte nicht bös, aber jetzt hab' ich gerade keine Zeit. Kommen Sie doch heute abend um acht ins Hotel Bismarck, ich lade Sie zum Essen ein. Dann können wir uns in Ruhe unterhalten.“

 

Um zehn vor 8 kommt Max Grundig in die Hotelhalle. Der kleine Mann sitzt schon da, lächelt ihm freundlich zu. Er stellt sich vor: „Leo Bendit“. Er habe in Fürth mit Spiegelglas gehandelt und sei nach 1933 wegen der Judenverfolgung rechtzeitig emigriert. Es wird der reinste „Heimatabend“, denn der Leo Bendit will alles wissen über seine Heimatstadt. Bei klassischen T-Bone-Steaks beantwortet Max Grundig die Fragen.

 

Verwundert sieht er zwischendurch auf den Nebentisch, an dem zwei magere, blau-grau gefärbte Damen aus riesigen Schüsseln so etwas ähnliches wie Quark und Obst löffeln. „.Ich hab' damals nach den langen Hungerjahren in Deutschland nicht begriffen, wie man sowas essen kann, bloß um schlank zu bleiben. Ich glaub', heute nennt man das Hüttenkäs'“, erinnert sich Max Grundig.
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Ein Bombengeschäft durch einen Zufall.

Ein paar Wochen später kam ein Brief aus Chicago. Absender: Leo Bendit. „... denke ich noch oft und gern an unseren netten Abend. Nun habe ich eine Frage. Unsere Familie, das sind Amalie und Kurt Bendit und ich, haben in Dambach ein Grundstück, so 6.000 Quadratmeter etwa. Das wollen wir verkaufen. Ich stelle mir etwa 30.- DM für den Quadratmeter vor. Wenn Sie Interesse haben, geben Sie mir bitte Nachricht.“

 

Max Grundig sah sich das Grundstück an, draußen vor den Toren der Stadt Fürth. Hübsch, sehr hübsch. Ein weites Areal, direkt am Wald, in einer angenehmen Wohngegend. Und daneben, buchstäblich nach allen Seiten, noch mehr Land, das brach lag. Vielleicht könnte man...? Naja, Max Grundig sprach's zwar nicht aus, aber er dachte halt wieder mal an den übernächsten Schritt, und deshalb tat er den nächsten so rasch wie möglich: Er kaufte Bendits Grund. Einer Haushälterin, die ein kleines Holzhaus in der Ecke bewohnt hatte, besorgte er eine Wohnung.

 

Nun, da Max Grundig schon mal das angrenzende Land ins Visier genommen hatte, wollte er es auch haben. Nicht ganz einfach, denn die Besitzer waren hartnackige Verhandler, die Städte Fürth und Zirndorf. Um es vorwegzunehmen: Nach fast zehn Jahren hatte Max Grundig es geschafft und in Dambach ein Grundstück von ca. 80.000 Quadratmetern erworben. Als alles vorüber war, ließ er den Besitz von einem Gärtner anlegen und baute sich ein Haus darauf. Das war 1968 fertig, Max Grundig zog ein, und dort wohnt er heute noch - direkt am Donau-Main-Kanal.
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Ein kleines Intermezzo

Ein kleines Intermezzo freilich drohte das Puzzlespiel des Aneinanderfügens von Quadratmetern aufzuhalten. Auf einem der Grundstücke stand ein altes Landhaus aus Holz, Parterre, erster Stock, bewohnt von einem amerikanischen Offizier, der auf damals noch gültiges Besatzerrecht pochen konnte. Zum Glück wurde der Herr Militär in die USA versetzt, das Problem seiner Aussiedlung schien gelöst.

 

Leider nur für ein paar Tage, denn der Ärger zog mit seinem Nachfolger ein, einem Feldwebel. Der gute Mann brachte gleich seine deutsche Freundin mit, eine etwas zweifelhafte Dame, die ihre Kinder in einem Heim „abgestellt“ hatte, um frei zu sein für ihren Ami. Daß dieser neuerliche Bezug nicht ganz legal geschah, weil mit dem Abmarsch des Offiziers der Vertrag ausgelaufen war, wußte der Feldwebel nicht oder nahm es nicht zur Kenntnis.

 

Nun stand Max Grundig der US-Army gegenüber. Wie sollte er „die Uniform“ loswerden? Erst versuchte er es mit Güte. Der Herr Soldat kehrte die Ohren nach innen. Dann befragte Grundig seine Anwälte. „Rausklagen, ja schon, aber das dauert Jahre. Erst müssen wir mal rausfinden, gegen wen wir überhaupt anzutreten haben. Gegen den Feldwebel? Gegen die US-Army? Gegen den amerikanischen Staat? Au weh!“

Das dauerte Max Grundig viel zu lang.
Er bot seinen Anwälten eine Wette an: „In acht Tagen ist der raus mit seiner Dame.“ Das Patentrezept bestand darin, daß Grundigs Architekt Ulrich kurzerhand Fenster und Türen des Häuschens aushing. Als der Herr Feldwebel samt Freundin abends heimkehrte in seine zugige Bude, wurde ihm mit dem Ausdruck des Bedauerns mitgeteilt, Fenster und Türen seien nicht winterfest, sie müßten repariert werden.
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Der Ami begriff sofort, nahm seine keifende Freundin bei der Hand, seinen Koffer unter den Arm und trat ohne viel Worte oder Widerstand den Rückzug an.
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