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7 Tage im Leben des Max Grundig.

Ein Freund schreibt über einen Freund. Egon Fein für Max Grundig zum 75. Geburtstag.

Kapitel 4 (aus obigem Buch) - - Erinnerungen

Max Grundigs erstes eigenes Firmengebäude wird fertig.

Der Aufstieg Max Grundigs und seiner Firma war unaufhaltsam, so zäh die deutsche Erholung sich auch anließ. Er hatte den großen, etablierten Firmen etwas voraus: Sofern diese den Krieg überstanden hatten, mußten sie sich mit veralteten Fabriken abplagen, mit antiquierten Maschinen, sie mußten sich erst mal völlig umstellen. Und das kostete Zeit und Geld. Durch diesen Klotz am Bein waren sie schwerfällig geworden, langsam in der Produktion neuer Geräte.

Max Grundig hatte solche Hypotheken nicht zu tragen. Er fing von vorn an, ganz unten, und da befaßte er sich nur mit neuen Fabrikationsmethoden. Er war beweglicher, und er steckte jede Mark, die er verdiente, in das Unternehmen. Nur so konnte es funktionieren.

 

"Ich rührte keinen Backstein an, den ich nicht selbst bezahlen konnte. Ich brauchte kein fremdes Geld." Die Redewendung vom Backstein anrühren konnte man ruhig wörtlich nehmen. Max Grundig und seine Mitarbeiter packten eigenhändig beim Aufbau ihres neuen Werkes zu. Sie schaufelten, hämmerten, zimmerten, trugen schwere Balken, karrten auf Schubkarren den Dreck weg. Kein leichter Job, bedenkt man die lächerlich wenigen Kalorien, die es damals auf Zuteilung gab. Entsprechend klapprig sahen die Herren auch aus.

 

Aber sie schafften es, daß eine Steinbaracke nach der anderen hochgezogen wurde, und am 17, September 1947 waren die geplanten sechs fix und fertig. 280 Mitarbeiter zogen mit Sack und Pack von der Jakobinenstraße 24 zur Kurgartenstraße 37, Straßenbahnhaltestelle Stadtgrenze, Linien 1, 11, 21, 51.

Der 17. September war ein Mittwoch, ein herrlicher, wolkenloser und heißer Tag, an dem zehn Stunden lang ununterbrochen die Sonne schien. Es hatte 31 Grad im Schatten. Trotzdem hatte dieser Tag etwas Dramatisches an sich: Die Bayerische Regierung - eben war die SPD aus der Koalition mit der CSU ausgetreten - erließ einen Notaufruf an die Bevölkerung: Es müßten jetzt durchgreifende Maßnahmen zur Überwindung der drohenden Not ergriffen werden. Die schlechte Ernte zwinge dazu.

Es war ein übermäßig heißer und trockener Sommer gewesen. Und Max Grundigs elektronische Fabrik fuhr keine schlechte Ernte ein. Die Produktion stieg weiter. In den ersten vier Monaten 1948 kamen mehr als 4.000 Heinzelmann- Baukästen aus den Hallen an der Kurgartenstraße, und am Ende des Jahres waren es 39.256 Geräte. Dazu 2114 Meß- und Prüfgeräte und die letzten 340 Trafos.

Vom "Heinzelmann" zum "Grundig Weltklang"

1946 Der Grundig Heinzelmann
1948 Der Grundig UR-Weltklang

Aber die Zeit der Heinzelmänner ging zu Ende. Das hatte Max Grundig lange vorher gewußt, genau genommen schon Ende 1946, als er die Produktion überhaupt erst anfing. Er wußte, daß dieser Baukasten nur eine vorübergehende Erscheinung sein konnte, der Zeit und ihrer Not angepaßt.

Deshalb schrieb er in seinem Brief vom 4. September 1946 an Hans Eckstein - wie schon gesagt - bereits von einem nächsten Gerät, und am 4. Oktober wurde er noch deutlicher. Bei Ecksteins Besuch am 18. November 1946 waren die letzten Würfel gefallen und der Bau beschlossen, sobald die Zeit reif sein würde. Am 15. August 1947 zeichnete Eckstein den Schaltplan für das Gerät der nahen Zukunft.

 

Am selben Tag trat Karl Richter als Betriebsleiter ein. Später baute er Max Grundigs Fabriken, wurde technischer Generaldirektor und Aufsichtsrat. Nun, nach mehr als einjähriger Vorbereitung, nach Planungen und Einkauf der notwendigen Einzelteile, begann - im Oktober 1947 - die Produktion des Drei-Wellenbereich-Vierkreis-Supers Weltklang mit vier Röhren. Er wurde, sauber poliert in Nußbaum, in Wechsel-und Allstromausführungen gebaut. Der Weltklang hatte drei Wellenbereiche, Vollsichtskala, Schwungradantrieb, Gegenkopplung, Vier-Watt Orchesterlautsprecher, Vollschwundausgleich, Anschlußmöglichkeit für Tonabnehmer und für einen zweiten Lautsprecher.

 

Eine echte Sensation, ein Traumradio für die Millionen, die begierig warteten, ihren Nachholbedarf decken zu können. Max Grundig war also schon gerüstet für bessere Zeiten, als ein Ende der schlechten noch nicht abzusehen war: Die Fettversorgung der Bevölkerung drohte zusammenzubrechen, im Ruhrgebiet wurde gestreikt, in einem Monat gab es nur 200 Gramm Fleisch und in Fürth wurden 41 Metzger bestraft, weil sie auf gefälschte Lebensmittelkarten Fleisch geliefert hatten.

 

Im Februar 1948 ließ Grundig die Katze aus dem Sack. Er hatte Röhren organisiert, Valvo-Röhren von Philips, und so konnten 83 Weltklang-Super noch im Februar 1948 gebaut werden, im März 278. Im selben Monat führte man das erste Gerät der Öffentlichkeit vor - auf der dritten Leipziger Frühjahrsmesse, auf der die Firma RVF auch das Röhrenmeßgerät M 1 und den Leistungsprüfer Tubatest 13 zeigte.
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Not macht erfinderisch und auch "flexibel".

Die Fachleute nahmen den Weltklang mit offenen Armen auf. In Heft 4/1948 der Funkschau stand: Ein Gerät, das sich durch gute Empfangseigenschaften und durch ein schönes Gehäuse auszeichnet, ist der >Weltklang<-Super der Firma RVF in Fürth. Ein großer Vier-Watt-Lautsprecher, Schwungradantrieb und Wellenbereichsanzeige sind weitere Kennzeichen des Empfängers, der auch in Allstrom-Ausführung erscheint. Das beflügelte Max Grundig. Bis zur Währungsreform am 20 Juni 1948 baute er 1316 Stück, danach wurden es von Monat zu Monat mehr. Aber erst war noch ein Stück Weges mit der gebrechlichen Reichsmark zu gehen, und noch lebte nicht nur Max Grundig mehr oder weniger vom Tauschhandel.

 

Den größten Coup brachte ihm ein französischer Offizier ins Haus. Er kam aus Baden-Baden und stellte Max Grundig ohne lange Vorreden eine sehr direkte Frage: Sie bauen Radios. Ich brauche 3.000 Stück. So, und wie wollen Sie die bezahlen? Grundig hatte den Braten gerochen. Mit Zigaretten. Nun wurde gefeilscht. Der Franzose schätzte seine Zigaretten das Stück auf zwei Mark. Aha. Zwei Mark. Ja, dann kostet mein Heinzelmann- Baukasten 1.200. Der Franzose verzog keine Miene. Er rechnete etwas umständlich nach, und das Geschäft war perfekt.

Max Grundigs RVF lieferte etwa 3.000 Heinzelmann- Baukästen, die französische Armee im Gegenzug 30 Millionen schwarze Zigaretten (tatsächlich schwarze, denn der Tabak war so) und 5.000 Kisten Zigarren. Der Handel vollzog sich mit Hilfe eines Sattelschleppers. Der brachte die Heinzelmänner unbeschadet nach Baden-Baden und die Rauchwaren ebenso unbeanstandet zurück. Um die heißen Dinger lagern zu können, mußte im nahen Dorf Ritzmannshof eigens eine Scheune gemietet werden. Der Bauer hielt Max Grundig für verrückt, aber als er 10.000 Zigaretten für seine Gefälligkeit bekam, änderte er seine Meinung.

 

Nun, was sollte Max Grundig mit 30 Millionen Zigaretten, dazu noch schwarze, und mit 5.000 Kisten Zigarren anfangen? Soviel konnte seine ganze Belegschaft nicht rauchen, und verkaufen gegen Bares wäre mehr als hirnrissig gewesen. Also wurde diese Ware gegen andere eingetauscht: 30 Waggons Kohlen gab's dafür. Als die am Rangierbahnhof Nürnberg standen, zur Abholung bereit, mußte erst mal den Behörden der Mund gestopft werden. Am einfachsten, man beteiligte sie: 10 Waggons für die Stadtverwaltung Fürth, 10 Waggons für das Krankenhaus, 10 durfte Grundig für sich behalten. Und schon war die Sache legal. Aber das Problem war damit nicht aus der Welt.

 

Max Grundig konnte Kohle zwar besser brauchen als Zigaretten, aber nicht gleich 10 Waggons. Zement wäre ihm im Augenblick wichtiger gewesen, er wollte ja bauen. Also ging das Spiel von vorne los: Für 10 Waggons Kohle kriegte man ebenso viele Güterwagen voller Zement aus Marktheidenfeld. Auch das klappte, und auch jetzt mußte der städtische Mitwisser zum Stillhalten vergattert werden. Ergo bekam der Bauhof in Fürth fünf Waggons Zement. Für die restlichen fünf baute Max Grundig seine erste Fabrik. Das ging zwar wie bei Hans im Glück, es wurde immer ein bißchen weniger, aber es reichte für einen guten Zweck. Und es war ein guter Zweck, den Wiederaufbau voranzutreiben, neue Industrien aufzubauen. Das kam jedem zugute, denn nur so entstanden Arbeitsplätze, nur so konnte die Not besiegt werden.

Zum Überleben mußte man auch ein Schlitzohr sein.

Hatte dies was mit Schiebung zu tun? Wer so redet, hat die Zeit nicht erlebt. Hätte man auf ein Wunder warten sollen, auf die göttliche Eingebung oder auf die Währungsreform, die erst drei Jahre nach dem Krieg kam? Dann wäre die Bundesrepublik vermutlich viel später fertig geworden, vielleicht zu spät oder gar nicht.

Nein, das war der einzige Weg, aus dem Schlamassel herauszukommen. Auch im Kleinen wurde so gehandelt. Da gab es, zum Beispiel, einen Fürther Lebensmittel- und Fischhändler, der sich für ganz besonders schlau hielt. Du, ich hab' eine prima Salami, sagte er zu Max Grundig, als es eigentlich gar keine Salami gab. Prima, dann bring' mir mal ein Stück vorbei, Das tat der Händler, beteuerte aber, daß das gute Stück 1200 Mark koste und er dafür Radios wolle. Aber der Grundig Max war noch schlauer als der listige Händler, ließ sich zwei Salamis bringen, für die der Tandler einen Heinzelmann verlangte. Max Grundig aß die Salamis, alle beide, und als der Lieferant nach seinem Heinzelmann fragte, machte er diesen Vorschlag: Also, paß mal auf. Wenn deine Salami das Stück 1.200 Mark kostet, dann ist mein Heinzelmann 12.000 Mark wert. Also bring' mir noch acht Salami, dann kriegst du ein Radio. Der Salamihändler ward fortan nicht mehr gesehen...

 

Nun, im Frühjahr 1948, war Max Grundig schon fast drei Jahre erfolgreicher Fabrikant, aber noch immer hatte die Presse von ihm selbst keine Kenntnis genommen, seinen Namen nicht mitgekriegt Für die Journalisten hieß das Unternehmen RVF Elektronische Fabrik. Basta. Wer dahintersteckte, das wußten sie offenbar wirklich nicht. Vielleicht verständlich, denn Max Grundig machte in der Öffentlichkeit nie großes Aufsehen um seine Person, es drängte ihn nicht zur Prominenz, über die man in der Zeitung schrieb, er lebte in seiner Firma, und da Tag und Nacht.

So erschien am 11. Februar 1948 in den Nürnberger Nachrichten, Teil Fürth, folgender - erster - Beitrag über die Baustelle an der Kurgartenstraße, die man eine Fürther Industrieneugründung nannte: Eine der kommunalpolitisch umstrittensten und interessantesten Gegenden unserer Stadt war seit Jahrzehnten das Gelände der ehemaligen König-Ludwig-Quelle an der Kurgartenstraße. Wer dort schon länger nicht mehr vorübergegangen war, wird plötzlich erstaunt gewesen sein über die neuerliche Veränderung. Innerhalb knapper Jahresfrist ist dort durch Initiative und Tatkraft ein umfangreicher Fabrikkomplex entstanden, der die Firma "RVF Elektronische Fabrik GmbH" beherbergt.
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So entstanden die Grundig Werke

Entstanden aus einer Spulen- und Transformatorenfertigung, hat sich blitzschnell eine Fabrik entwickelt, welche - ursprünglich bescheiden in der Jakobinen Straße untergebracht - schon Ende 1945 mit elektrischen Meß- und Prüfgeräten herauskam und den notleidenden deutschen Fachhandel mit wichtigen Röhrenprüf- und Universal- Fehlersuchgeräten versorgte.

Schlagartig wurde damals die Firma weit über die Zonengrenzen hinaus bekannt. Im Laufe des letzten Jahres wurde noch zusätzlich die Fertigung von Rundfunk-Baukästen aufgenommen, die unter dem Namen "Heinzelmann" in sehr erheblichen Stückzahlen auf den Markt kamen und in dieser wirtschaftlichen Notzeit überraschend schnell dazu beitrugen, vielen deutschen Familien wieder ein Rundfunkgerät zu vermitteln, welches in Leistung und Ton Anerkennung fand.

 

Eine Besichtigung der modernen, freundlichen Arbeitsstätten bewies dem Vertreter der "Nürnberger Nachrichten", daß die Firma wohl in der Lage ist, auch unter den heutigen schwierigen Verhältnissen eine Fertigung durchzuführen, die volkswirtschaftlich gesehen - nicht nur für die Stadt Fürth - von allergrößter Bedeutung ist. Bis Jahresende beschäftigte die Firma bereits 300 Arbeiter und Angestellte. Zur Zeit legt sie unter anderem einen Hochleistungs-Superapparat auf, der in diesen Tagen an den Fachhandel geliefert werden kann. Da inzwischen das gesamte Bauvorhaben fertiggestellt ist, dürfte nach Einfügung weiterer 100 bis 200 Arbeitskräfte ein umfassendes Fabrikations- Programm den Beweis erbringen, daß das Fürther Industrieschaffen schon so kurze Zeit nach dem größten Zusammenbruch aller Zeiten sich wieder erfolgverheißend emporzuringen gewillt ist.

 

Abgesehen davon, daß der "Weltklang" - sein Name war zwar nicht gefallen, aber mit dem Hochleistungs- Superapparat gemeint - in diesen Tagen wohl produziert und ausgeliefert wurde, jedoch noch nicht zu erhalten war, hatte der Autor den Namen des Gründers, Ideengebers und Inhabers völlig vergessen. Übriggeblieben waren schöne Worte, Anerkennung und Lob. Von einem Max Grundig aber, den ein oder zwei Jahre später die ganze Welt kennen sollte, keine Zeile. Freilich: Seinen Namen verbarg er nun wirklich sehr geschickt. Er tauchte nur in der Unterzeile seines Briefkopfes auf, so ganz nebenbei. Und dabei hatte Max Grundig bis dahin schon Zehntausende von elektrotechnischen Geräten und Radios fabriziert...
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