Sie sind hier : Startseite →  Grundig→  Grundigs Biografie→  Grundig Biografie 4d

7 Tage im Leben des Max Grundig.

Ein Freund schreibt über einen Freund. Egon Fein für Max Grundig zum 75. Geburtstag.

Kapitel 4 (aus obigem Buch) - - Erinnerungen

Im Juni 1945 begann die Fabrikation, endlich . . .

Im Juni 1945 begann die Fabrikation im Rückgebäude der Jakobinenstraße 24, erstes und zweites Stockwerk, samt Mansarde, das Erdgeschoß wurde nur benutzt, um fertige Ware zu stapeln. 11 Männer und 31 Frauen stellten auf 400 qm Arbeitsraum Universal-Transformatoren her, die für so ziemlich jedes Elektrogerät zu gebrauchen waren. Stückpreis: 37 Reichsmark, aber nur gegen bare Kasse. Täglich um 17 Uhr wurde ausgeliefert. Vertriebsprobleme gab es nicht. Händler und Großhändler kamen mit Lieferwagen und nahmen mit, was gerade fertig war.

 

Max Grundigs Büro war nicht eben komfortabel. Der spätere Fürther Oberbürgermeister und damalige Rechts- und Stadtrat Dr Hans Bornkessel beschrieb seinen ersten Besuch in der Jakobinen Straße wie folgt: In einem keineswegs repräsentativen, aber immerhin in Ziegelsteinbauweise ausgeführten Hinterhaus an der Jakobinen Straße hauste Max Grundig mit seinen Getreuen. Man mußte sich als Beamter und Chef aller möglichen Polizeigewalten überwinden, um in diesem Gebäude nach oben zu steigen. Es gab nur eine schmale Spur, durch die sich der Körper eines normal gebauten Menschen emporringen konnte. Im Stiegenhaus standen unzählige Kisten und Pakete mit unerklärlichen und unbenennbaren Materialien, mit denen, wie sich herausstellte, die ersten Grundig-Geräte gebaut wurden. Durch eine einfache Tür gelangte man in einen Raum, die Fertigung. Der Raum machte einen düsteren, lichtlosen, verworrenen und in höchstem Maße unfreundlichen Eindruck. Die Direktion befand sich in einer Ecke.

 

Das schmale Büro war von der Fertigung nur durch eine ganz einfache Wand aus dünnen Brettern oder Pappen getrennt. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt, als die Universal-Transformatoren noch weggingen wie die warmen Semmeln, wußte Max Grundig, daß auch dies kein Geschäft für die Ewigkeit sein konnte. Deshalb sprach er Dr. Hans Bornkessel darauf an, ob die Stadt womöglich ein Fabrikgelände für die RVF wisse, damit er seine Fertigung vergrößern und den Betrieb erweitern könne. Er wolle es ja bezahlen. Bornkessel versprach, darüber nachzudenken. Wann ihm der Vorschlag Kurgarten-, Ecke Dr.-Mack-Straße einfiel, ist nicht verbürgt. Dort wurde in dieser Zeit noch städtischer Müll abgeladen.

 

Die anfängliche Produktion in der Jakobinen Straße 24 wurde amtlich noch nicht erfaßt, eine Statistik nicht erstellt, Zahlen nicht addiert. Die Behörden waren zuviel mit sich selbst beschäftigt, und die Beamten zum Teil weder eingearbeitet noch sachkundig. Denn gerade in der Verwaltung ging nach Kriegsende ein regelrechter Schichtwechsel vor sich. Dies hatte einen politischen Grund: Die Besatzer warfen die ehemaligen Mitglieder der NSDAP auf die Straße, sie durften kein öffentliches Amt bekleiden. Erst mußten sie entnazifiziert werden. Nun gab es aber besonders unter den Beamten sehr viele PG's (Anmerkung: Partei-Genossen), weil sich in der Verwaltung des Dritten Reichs kaum jemand hatte lange halten können, ohne der NSDAP anzugehören. Es zeigten sich jetzt mitunter fatale Auswirkungen: Anstelle der erfahrenen Beamten, die draußen vor der Tür standen, besetzten unerfahrene Neulinge die Schreibtische, und die brauchten eine Weile, bis sie wußten, was lief.

Die amerikanische Verwaltung und die Anträge

So kam es auch, daß die US-Besatzer im August 1945 die Geduld verloren, weil sie noch immer keine Übersicht hatten, wer in Fürth schon wieder Ware produzierte. In den Mitteilungen der amerikanischen Militärregierung Fürth vom Mittwoch, 15. August 1945, forderten sie deshalb alle Betroffenen auf, die mehr als zehn Arbeitnehmer beschäftigten und eine mehr als rein örtliche Bedeutung hatten, bis zum Freitag, 17 August, mittags zwölf Uhr, beim Gewerbepolizeiamt, Kohlenmarkt 3, erster Stock, einen ausgefüllten Industrie-Fragebogen einzureichen. In knapp zwei Tagen! Die Erhebung erfolgt im Auftrag der amerikanischen Verwaltung und ist wichtig für den künftigen Betrieb.

Fragebogen - ein Lieblingspapier dieser Zeit. Er beherrschte das Leben in der US-Zone. Es gab kaum einen erwachsenen Deutschen, der nicht aus irgendeinem, oft völlig unerfindlichen Grund einen Fragebogen ausfüllen mußte, wenn er nun arbeiten, verreisen oder einem Sportverein beitreten wollte. Und was da für Fragen drinstanden! Ob der Großvater irgendwann einmal einer Organisation angehört hat, zum Beispiel, und welchen Titel er führte. Wehe, der ahnungslose Bürger schrieb das Wort . . . führer hin, Lokomotivführer etwa, oder Geschäftsführer! Das konnte schlimme Folgen haben, denn mancher Verwaltungsbesatzer, der deutschen Schrift nicht vollends mächtig, unterstrich das ihm wohlbekannte Wort Führer mit Rotstift. Solche Leute sind schon mal zwischendurch, völlig unschuldig, in Arbeitslagern verschwunden oder zumindest auf Schwarzen Listen aufgetaucht. Das Wort Leiter übrigens konnte ähnlich schlimme Auswirkungen haben. Es war kein Zufall, daß der Schriftsteller Ernst von Salomon den berühmt gewordenen Roman "Der Fragebogen" schrieb . . .

Nun ging es also um einen Industrie-Fragebogen, fünf Seiten DIN A4, 24 Fragen. Was bei der Firma RVF geschah, war weder ein Geheimnis noch unerlaubt, denn schließlich lag eine Genehmigung der Industrie- und Handelskammer vor, und deshalb füllte man getreulich aus. Nur auf die Frage nach den Namen der wichtigsten Direktoren war die Antwort ein Querstrich... Aber sonst gab's genug zu beantworten, und so sollte dieser Fragebogen das erste amtliche Dokument der Firma Radio-Vertrieb Fürth, Inhaber Max Grundig nach dem Krieg werden.

 

Welche Gegenstände werden erzeugt? Antwort: Kleintransformatoren und Stromwandler. Erzeugungsmenge pro Jahr? Antwort: Ca. 30.000.

Derzeitige Kapazität? Antwort: 30 Prozent, aber in 30 Wochen könnten 100 Prozent erreicht werden, falls Arbeitskräfte, Rohstoffe und Energie geliefert würden. Weiter: 70 Prozent der Produkte erhielt die Zivilbevölkerung, 30 Prozent die US-Armee; Vermögenswert der Firma am 15. August 1945 genau 120.000 Reichsmark; derzeit arbeiteten 11 Männer und 31 Frauen, benötigt wurden aber 15 Männer und 80 Frauen; man brauchte einen Lastwagen, jährlich elf Tonnen Kohle, zehn Tonnen Kupferdrähte, 72 Tonnen Kernbleche, 1,8 Tonnen Fußwinkel, 1,5 Tonnen Schrauben und Muttern, l Tonne Lack und Kondensatorenpapiere, 0,15 Tonnen Farbe, 33 Kilo Lötzinn; auf Lager seien augenblicklich 300 Kleintransformatoren.

 

Die Amerikaner gaben sich offensichtlich mit dieser Auskunft zufrieden, denn sie meldeten keinen Einwand an, als Max Grundig am 20. August, einem unfreundlichen, regnerischen, kalten Sommertag übrigens, für seine Firma RVF eine Gewerbelizenz beantragte. Sie wurde am 5.November 1945 von der Stadt Fürth erteilt, in deutscher und englischer Sprache, unterzeichnet von einem Oberinspektor Michael Modi, Gewerbepolizeiamt. Dem Unternehmen wurde erlaubt, Transformatoren, Stromwandler und Meß-Instrumente herzustellen (von Radiofabrikation noch kein Wort), Einzelhandel und Reparatur von Radios zu betreiben. Außerdem stufte man die Firma als großes Unternehmen ein.

 

Zum ersten Mal war die Rede von Meß-Instrumenten, Max Grundigs neuester Produktion. Woran er schon im Juli und August herumgedoktert hatte, weil er - wie gesagt - die Transformatorenfertigung nicht für eine Dauerlösung hielt, nahm zwischen August und November konkrete Formen an. Wieder einmal zeigte sich, wie schon früher, und was in den folgenden drei Jahrzehnten Max Grundig stets auszeichnen sollte: Kaum hatte er ein Produkt erfolgreich auf Kiel gelegt, wandte er sich dem nächsten zu. Immer weiter, immer Neues, immer für die Zukunft.

Denken - das war die Devise sein Leben lang.

Die Idee mit den Meß-Instrumenten war ihm in den Sinn gekommen, weil er als Radiohändler die Sorgen seiner Kollegen kannte. Sie brauchten Hilfestellung bei Reparaturarbeiten. Und dafür eigneten sich das Röhrenprüfgerät Tubatest und das Fehlersuchgerät Novatest ganz vorzüglich.

 

Am 4. Oktober 1945 - vier Tage, bevor in Nürnberg-Fürth wieder eine Tageszeitung erschien, die Nürnberger Nachrichten, allerdings nur mittwochs und samstags - entwarf Anton Lifka mit Herbert Seidemann den Tubatest-Schaltplan, 16 Tage später ein Techniker namens Müller den Schaltplan für Novatest. Mit Tubatest konnten auch Nichtfachleute in kürzester Zeit Röhren jeglichen Fabrikats prüfen und ihre Leistung in Prozenten ablesen. Novatest wurde als universales Reparaturgerät für die moderne Werkstatt und für das Laboratorium konzipiert. Es diente zur Strom-Spannungsmessung, Ohm-Messung, hatte ein eingebautes Wattmeter, Prüfkondensatoren und eine Glimmlampe mit Gleich- und Wechselstromprüfung.

 

Der Tubatest kostete 380 Reichsmark, der Novatest 435 Reichsmark, und die ersten Exemplare beider Geräte verließen schon Ende 1945 die Jakobinenstraße. Wie viele es waren, ist leider nicht überliefert. Erst ab Januar 1946 wurden monatliche Fabrikationsberichte mit stichhaltigen Zahlen zusammengestellt. Soviel jedenfalls steht fest: Im Dezember 1945 fabrizierte RVF mit noch immer 42 Angestellten (die alle zusammen 5.500 Reichsmark verdienten, also 130 Mark und 95 Pfennig pro Nase, rechnet man diese Zahl mal etwas gewagt auf den einzelnen Mitarbeiter um) Geräte im Produktionswert von 68.000 Reichsmark, und diese Geräte waren Transformatoren und Stromwandler sowie elektrische Meß- und Prüfgeräte. Dafür wurden Roh-, Hilfsund Betriebsstoffe sowie Halbfabrikate für 33.000 Reichsmark benötigt.

 

Weil dieser Vorrat nur noch zwei bis drei Monate reichte, erlaubte Max Grundig sich, die Behörden und die Militärregierung darauf hinzuweisen, daß es Anlaufschwierigkeiten durch Umstellung auf Friedensproduktion gebe. Aber diese Anlaufschwierigkeiten konnten den großen Durchbruch nicht aufhalten, und der kam 1946.

- Werbung Dezent -
Zur Startseite - © 2013 - Copyright Dipl. Ing. Gert Redlich - Telefon nur ab 18.oo bis ca. 22.oo Uhr - zur Tel.-Nummer - zur RDE-Seite - NEU : Zum Flohmarkt