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7 Tage im Leben des Max Grundig.

Ein Freund schreibt über einen Freund. Egon Fein für Max Grundig zum 75. Geburtstag.

Kapitel 4 (aus obigem Buch) - - Erinnerungen

Es geht wieder voran - Wechselstrom und Gleichstrom

Statt des manövrierunfähigen DKW's nahmen Max Grundig und seine Mitarbeiter nun einen Leiterwagen, stapelten, was das Ding faßte und zogen damit in die Schwabacher Straße 1 nach Fürth. Ein Wunder, daß sie keiner MP-Streife in die Hände fielen. Die Amis hätten hinter diesem Transport bestimmt ein verspätetes Rüstungsunternehmen vermutet, ein Komplott. Die Aktion gelang, die Werkstatt war ausgerüstet. Läden hoch, Schild an die Tür - es konnte losgehen. Und wie das losging! Die Kunden kamen, ihre kaputten Radioapparate unterm Arm. Max Grundig muß geglaubt haben, die Zeit sei stehengeblieben. Es war alles wie damals, in den 30er Jahren. Nur die Gesichter, die Kleidung, die Sprache der Kunden hatten sich verändert. Damals technisch hilflose Herren in Straßenanzügen (Anmerkung: also nicht mehr in braunen Wehrmachts- Uniformen), die wortreich ihre schweigsam gewordenen Radios auf den Ladentisch stellten, dazu jetzt unverständlich kauderwelschende Fremdlinge in brauner US-Uniform, die das gleiche taten.

 

Weil Nürnberg noch immer Wechselstrom und Fürth noch immer Gleichstrom hatten, waren auch die technischen Schäden an den Geräten dieselben wie damals: Trafo durchgebrannt, Sicherung kaputt. Die ahnungslosen Radiohörer hatten - wie einst - ihre Nürnberger Wechselstromapparate ins Fürther Netz gesteckt. Nur waren die Betroffenen jetzt Amerikaner, und die begriffen die elektrotechnischen Absonderlichkeiten der beiden Nachbarstädte überhaupt nicht. Die Firma Radio-Vertrieb Fürth reparierte wie in ihren besten Tagen, wickelte Transformatoren, machte Neues aus Altem. Bezahlt wurde jetzt meist in Naturalien, bevorzugt in Zigaretten, bestens geeignet zum Tausch gegen Lebensmittel oder Ersatzteile.

 

War dem Radio gar nicht mehr zu helfen, kassierten die wackeren Männer in der Schwabacher Straße das untaugliche Gerät ein. Solange der Vorrat reichte, zauberten sie aus zwei kaputten alten ein intaktes neues Radio. Tauschten sie ein solchermaßen zusammengebasteltes, auf neu getrimmtes Radio, dann konnte der Gegenwert, falls man Glück hatte, aus einer ganzen Stange amerikanischer Zigaretten bestehen. Machte umgerechnet zwischen 700 und 1000 Reichsmark, je nach Kurswert auf dem Schwarzen Markt.

 

Nicht nur Max Grundig übte sich damals in einer Kunst, die erstens das Überleben erleichterte, zweitens Geschäfte überhaupt erst ermöglichte und drittens Mittel für weitere Investitionen schuf. Der Tauschhandel blühte, weil das Geld außer seinem Papierwert nichts mehr taugte. Es gab Tauschzentralen, in denen man Bügeleisen gegen Herrensakkos bekommen konnte, die Zeitungen waren voll mit Tauschgesuchen (Sehr gut erhaltene Kinderstiefel Größe 21 gegen Wolle, Herrenarmbanduhr gegen acht neue Wolldecken), und ein bekannter Nürnberger Fotohändler kaufte für eine einzige Leica, geschickt verwandelt in zehn Stangen Zigaretten, ein ganzes Geschäftshaus in der Karolinenstraße. Zigaretten bestimmten die Währung, was Max Grundig in den folgenden Jahren zu einer grandiosen Transaktion verhelfen sollte...

 

Das Geschäft lief, Max Grundig brauchte nicht mehr täglich zwischen Vach und Fürth zu pendeln. Er hatte gemeinsam mit seiner Frau Annelie und Tochter Inge, die von nun an bei ihm lebte, die Wohnung in der Fürther Moststraße 17 wieder bezogen. Die Amis waren abgerückt und hatten außer einem defekten Ofenrohr in der Küche keinen nennenswerten Schaden hinterlassen. Dort in der Moststraße und im Laden an der Schwabacher Straße erschienen nun bald täglich alte Mitarbeiter. Es waren meist Siemens- und AEG-Männer, die zwischen 1943 und 1945 zu Max Grundig nach Vach abkommandiert worden waren und jetzt auf der Straße standen. Was machen wir bloß, wir haben Frau und Kinder? Max Grundig wußte es. Er gab ihnen Arbeit und Lohn.
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Das Haus Jakobinenstraße 24

Nach ein paar Wochen, es war Juni geworden, wickelten und reparierten zehn Männer in der Schwabacher Straße. Der Laden wurde zu klein, und Max Grundig erkannte, daß aus seinem Betrieb mehr herauszuholen war als nur eine Reparaturwerkstatt. Schließlich konnte er zehn Angestellte auf die Dauer nicht allein von Reparaturen ernähren. Außerdem: Wer wußte, wie lange das mit den Reparaturen überhaupt so laufen würde? Und wieder kam es wie damals: Den Reparaturen folgte die Produktion. Transformatoren. Genügend Rohstoffe für den Anfang lagen in Vach, finanzieren ließ sich die weitere Fabrikation ebenfalls. Siemens schuldete dem RVF noch immer 6,5 Millionen Reichsmark, AEG 4,5 Millionen für abgelieferte, aber bei Kriegsende nicht mehr verrechnete Ware. Wenig später bot Siemens-Generaldirektor Knott dem Max Grundig an, die Hälfte in bar, die andere Hälfte in Materialien zu begleichen. So bekam er von Siemens 200 Tonnen Bleche für Transformatoren und von AEG eine stattliche Anzahl Kupferdrahtrollen.

 

Gut und schön, wo aber sollte produziert werden? Max Grundig müßte nicht Max Grundig heißen, hätte er nicht umgehend eine Lösung gefunden. Er traf zufällig einen alten Bekannten, den Spielwarenfabrikanten Christian Götz, aus der Jakobinenstraße 24 in Fürth. Erinnerungen hin und her: Wie haben Sie den Krieg überstanden? Und dann: Was machen Sie jetzt? Noch fünf Minuten Unterhaltung, und das Problem des Max Grundig war gelöst Grundig: Wir machen jetzt halt Reparaturen, Radios gibt's ja keine. Götz: Ach wissen Sie, ich hab' überhaupt keine Lust mehr. Spielwaren herstellen, wovon denn? Ich krieg' doch kein Material. Ich zieh' um nach Parsberg in die Oberpfalz und fang' was Neues an. Grundig: Was machen Sie dann mit Ihrer Fabrik? Götz: Gar nichts. Grundig: Kann ich die mieten? Götz: Meinetwegen. Können Sie billig haben. Aber da werden Sie kein Glück haben. Das ganze Haus ist voller ausländischer Arbeiter. Die wohnen dort.

 

Jetzt wurde Max Grundig hellhörig. Er spürte Widerstand, und das reizte ihn, nach dem selbst zugestandenen Motto: Ich bin in meinem Leben nie einem Streit aus dem Weg gegangen. Eine Fabrik, vier Stockwerke, und da wird nichts hergestellt? Das gibt's ja gar nicht! Max Grundig ging zum Arbeitsamt, den Leiter kannte er. Du hör mal, wenn ich die Fabrik bekomme, kann ich Transformatoren machen. Da stell' ich meine Wickelmaschinen auf, und los geht's! Der Chef des Arbeitsamts schaute den Grundig Max kurz und skeptisch an, überlegte wohl, ob der ihm keinen Bären aufbinden wollte, und sagte: In Ordnung. Wird gemacht.

 

Eine Woche später war das Haus Jakobinenstraße 24, Rückgebäude, leer. Wie das vonstatten ging, blieb ein Rätsel. Die Stadtverwaltung mußte allerdings noch einmal bemüht werden, zum Entwanzen. Dann fegten Max Grundigs neue Arbeiterinnen, die er im Hinblick auf die künftige Produktion eingestellt hatte, den letzten Dreck hinaus, der schon aus den 30er Jahren bewährte Schreinermeister Weigel zimmerte, wie damals, stabile Werkbänke - und fertig war die Fabrik der RVF (Rundfunk Vertrieb Fürth). Diesmal ging der Umzug von Vach nicht mit einem einzigen Leiterwagen ab. Das Gros der Wickelmaschinen, Bleche, Kupferdrähte, Werkzeuge, es war so viel, daß Max Grundig und seine Mannen mit drei großen Leiterwagen fünfmal hin- und herkarren mußten, bis soviel Material in der Jakobinenstraße stand, daß die Produktion anlaufen konnte Für den altersschwachen DKW-Lieferwägen, jetzt dringend vonnöten, gab's noch immer keine Fahrerlaubnis.

 

Dafür fand Max Grundig plötzlich sein wochenlang verschwunden gewesenes Hilfsmotorrad wieder, wie man so ein Vehikel damals nannte. Mit diesem Ding hatte er in den letzten Kriegsjahren seine Dienstfahrten absolviert und Lebensmittel für die russischen Arbeiterinnen besorgt. Als die Amis ihn im April für drei Tage mitgenommen hatten, nutzte ein ehemaliger französischer Kriegsgefangener die Gelegenheit und riß sich das Maschinchen unter den Nagel. Aber der Mann war eine ehrliche Haut, und deshalb stellte er den Motorrad-Verschnitt klammheimlich wieder in Vach ab. Die Behörden hatten nun Verständnis für den Wunsch Max Grundigs, mobil zu sein, gaben ihm Fahrerlaubnis und Sprit, und so wurde der motorisierte Tretroller sein erstes Dienstfahrzeug nach dem Krieg.

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