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7 Tage im Leben des Max Grundig.

Ein Freund schreibt über einen Freund. Egon Fein für Max Grundig zum 75. Geburtstag.

Kapitel 4 (aus obigem Buch) - - Erinnerungen
von Max Grundig nach der Kapitulation April 1945

Deutschland im Mai 1945 - Der Krieg war zu Ende - verloren.

Übriggeblieben waren Trümmer Leid und Tränen. Fünf Jahre und acht Monate Krieg hatten aus Deutschland einen Todesacker gemacht. Die Städte niedergewalzt, die Wirtschaft zertrümmert, der Verkehr zusammen gebrochen.

In den Läden gab's nichts zu kaufen, die Behörden hatten dicht gemacht, Post blieb zentnerweise liegen, Millionen Menschen irrten ziellos umher: Flüchtlinge, Evakuierte, Fremdarbeiter.

 

Ein Staat hatte aufgehört zu existieren, ein Volk hatte 9,5 Millionen Menschen verloren, das Land war ausgeblutet. Und in Vach bei Fürth dachte ein Max Grundig an "Morgen".

Morgen ? Gab's das überhaupt noch?

Oder würde Deutschland für alle Ewigkeit eine Beute der Sieger bleiben? Pläne machen - wofür? Dabei hatte der Radio-Vertrieb Fürth noch unwahrscheinliches Glück gehabt. In dem kleinen Notbetrieb im Tanzsaal der Linde, auf der Kegelbahn des Ochsen und beim Doppelwirt standen die Wickelmaschinen und Meßgeräte, die Werkbänke und Werkzeugschränke noch genauso wie am 17. April, als die Amerikaner gekommen waren und die Arbeiter die Hände in den Schoß legen mußten.


Hier fehlte kein Schraubenschlüssel, kein Nagel, kein Stück Draht. Jetzt zahlte es sich aus, daß Max Grundig seine Ukrainerinnen gut behandelt, daß er für sie gesorgt hatte Jetzt dankten sie ihm, daß er sie nicht hatte hungern lassen. Jetzt vergalten sie ihm jedes Stück Brot, jeden Teller Suppe. Sie bewachten "ihre" Firma. Die russischen Mädchen blieben zunächst in Vach, und sie stellten kurzerhand ein Schild auf: "Off limits". Das verstanden alle, Amerikaner wie Deutsche. Es sagte den Besatzern, daß sie hier nichts verloren hatten, und Deutsche wie umherziehende Fremdarbeiter hatten Angst oder zumindest Respekt vor diesen zwei Worten: "Betreten verboten" (frei übersetzt).

So retteten die jungen Russinnen dem deutschen Fabrikanten Hab und Gut. Denn Blech und Drähte, Schrauben und Nieten, Lack und Zinn, Muttern und Farbe waren das ganze Kapital des Max Grundig. Auch auf dem Grundstück des Brauers Dorn überdauerte eine Menge Material wohl behütet den Krieg. Rohstoff und Maschinen waren knapp in diesen Tagen oder gar nicht mehr vorhanden. Neues kam nicht hinzu, denn es wurde nichts mehr produziert.

Und wer ein paar Zentner oder Tonnen hinüber gerettet hatte, der war König, Manchmal freilich nur für ein paar Tage - bis die Plünderer kamen. Vom 17. bis 22. April 1945, aber auch noch danach, wurden in Nürnberg, in Fürth und in zahlreichen umliegenden Ortschaften Magazine, Wehrmachtslager, Geschäfte und Privathäuser wahllos ausgeraubt.

 

Verständlich, wenn auch nicht rechtens: Die Menschen waren ausgehungert, seit Jahren hatten sie mit dem Nötigsten auskommen müssen. Und nun öffneten sich plötzlich die Tore zum Paradies, Die Wachen waren abgezogen, Berge von Lebensmitteln, Schuhen, Kleidern jeglichem Zugriff preisgegeben. Millionenwerte verschwanden spurlos, ehe ganz langsam wieder Ordnung zurückkehrte, erst durch die Besatzungstruppen, dann durch die neu aufgestellte deutsche Hilfs-polizei. Plünderern wurden durch eine Anordnung der amerikanischen Militärregierung harte Strafen, in schweren Fällen die Todesstrafe angedroht.

 

In diesem heillosen Durcheinander schien Vach eine Oase der Ruhe, das Grundigsche Firmeneigentum blieb unberührt. Aber: Wozu? Was sollte Max Grundig mit den wertvollen Überbleibseln anfangen? Die Zeiten sahen gar nicht danach aus, als würde er sie je wieder brauchen.

Die "Besatzer" und die eigenen Behörden - keine Satire

Am 14 Mai 1945 appellierte der Fürther Stadtkämmerer Schwiening als Vertreter des noch nicht vorhandenen Oberbürgermeisters an die Bevölkerung: "Auf Wunsch der amerikanischen Militärregierung habe ich als ständiger Stellvertreter des Oberbürgermeisters mit Wirkung vom 20, April 1945 die Leitung der Stadtverwaltung übernommen." Er bat um die Unterstützung der Bevölkerung, um Wahrung der Disziplin und Befolgung aller Anordnungen der amerikanischen Militärregierung und der Stadtverwaltung.

 

Wie ernst diese Bitte gemeint war, konnten die Bürger zwei Tage danach schwarz auf weiß lesen. Am 16. Mai 1945, einem Mittwoch, erschien in Fürth zum ersten Mal wieder eine Publikation, das Erste Mitteilungsblatt der amerikanischen Militärregierung Fürth, der Stadtverwaltung Fürth und sonstiger Behörden. Kaufpreis: 10 Pfennig. Wichtigste Verlautbarung auf Seite eins: Unbedingter Gehorsam aller deutschen Bürger gegenüber allen Anordnungen der Militärregierung wird verlangt . . .

 

Die Verwaltungen des Stadt- und Landkreises Fürth liegen in den Händen von deutschen Beamten... Das Wohl der Bevölkerung und die allmähliche Rückkehr zu normalen Lebens-, Verkehrs- und Wirtschafts- verhältnissen im Stadt- und Landkreis Fürth ist abhängig von der Art und Weise, in der die Bevölkerung den Anordnungen der alliierten Militär-Behörde Folge leistet.

 

Da hatten also die deutschen Bürger, jene, die übriggeblieben oder gerade zu Hause waren, den Schwarzen Peter. Sie nahmen ihn gottergeben an und verhielten sich folgsam. Sie durften nur von 6 bis 21 Uhr ausgehen, und das lediglich im Umkreis von 12 Kilometern; konnten nur radfahren, wenn sie sich dafür einen Paß der Militärregierung besorgt hatten; benannten flugs die Hermann Göring in Flughafen-, und die Adolf Hitler in Königswarther Straße um; meldeten sich brav und unverzüglich zur Personenstands- aufnahme im Polizeiamt Fürth, Nürnberger Straße 18, Zimmer 54, oder -falls sie als männliche oder weibliche Arbeitskräfte eingestuft wurden und keine Arbeit hatten - beim Arbeitsamt in der Schwabacher Straße 155.

 

Zu essen gab's zwar nur recht spärlich vom 14 bis 20. Mai nur 150 g Fleisch und 1500 g Brot, Fett und Nährmittel überhaupt nicht, Zusatzlebensmittelkarten für Hochzeiten verloren am 27. Mai ihre Gültigkeit, dafür blieb kein Tag ohne Steuerabgaben und -erinnerungen: Gemeindesteuern und Gemeinde-Umlagen werden weiterhin nach den bisherigen Vorschriften erhoben. Und das am 16. Mai 1945!

 

Schon seltsam: Sonst wurde so ziemlich alles über Bord geworfen, das an das eben zu Grabe getragene Dritte Reich, das an den Staat schlechthin erinnerte - die Steuern blieben davon unberührt! Selbst in der chaotischen Weltuntergangsstimmung bei Kriegsende, als den Überlebenden der Sinn weiß Gott nach anderem stand, als jeder sich glücklich wähnte, wenn er ein Dach über dem Kopf und vielleicht auch noch ein Stück Brot besaß, selbst dann hatte die Behörde nichts Wichtigeres zu tun, als an Steuern zu erinnern.

 

Brav, brav, zumindest der Amtsschimmel wieherte wohlerzogen nach den Anordnungen der Militärregierung. Immerhin: Am Mittwoch, 9, Mai, öffneten in Nürnberg und Fürth die Banken wieder, wenn auch nur von 8 bis 12 Uhr, ab 23, Mai kam die Müllabfuhr zurück, und einen Tag danach wurde tröstlich angekündigt, daß die Postzustellung bald wieder aufgenommen werde. Die Welt hatte uns also doch noch nicht ganz vergessen. Die kleine Welt der Besiegten freilich wurde täglich mit neuen Warnungen und Empfehlungen der allmächtigen Militärregierung abgeschottet.


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